Schnipp, schnapp, Klitoris ab

Gerade haben wir noch einmal auf die Kampagne von Terre des Femmes hingewiesen, die sich für bessere medizinische Versorgung beschnittener Frauen einsetzen. Dass Operationen im weiblichen Genitalbereich nicht nur in vermeintlich rückständigen Ländern vorgenommen werden, beweist eine Studie aus den USA. Dort publizierten Ärzt_innen die Ergebnisse ihrer Forschung von Klitorisreduktionen an kleinen Mädchen, dabei ist ein Detail gruseliger als das andere.

Bereits die Krankheit, die behandelt werden soll, ist umstritten. Bei der sogenannten Klitorishypertrophie ist die Klitoris „ungewöhnlich groß oder penisähnlich” – schon die Abgrenzung von normal und krankhaft ist nicht klar und liegt eher im Ermessen des Betrachters. In den meisten Fällen ist sie ein Symptom eines intersexuellen Syndroms. Physische Beeinträchtigungen aufgrund einer großen Klitoris sind allerdings sehr selten, als Grund für die Reduktion wird daher meist die mögliche psychische Beeinträchtigung der Mädchen während ihrer Entwicklung angeführt. Dabei überschätzen Eltern und Ärzt_innen aber die unter Kindern stattfindenden Doktorspiele, denn bisher gibt es keine Belege für derartige negative Folgen.

Wohl aber, dass die Operationen die Mädchen traumatisieren und selbst die neuen, „weniger invasiven und nervenerhaltenden” Methoden mehr zerstören als helfen. Wie bei Genitalverstümmelungen drohen regelmäßige Infekte, Inkontinenz und Probleme beim Sex. Ästhetik, Angst vor sozialer Ausgrenzung aufgrund gesellschaftlich-traditioneller Vorgaben und Beharren auf der Unbedenklichkeit der Prozedur – die Beweggründe sind ebenfalls die gleichen. Die Abgrenzung von guten Reduktionen und schlechter Verstümmelung beruht mehr auf wir versus die.

In der bereits 2007 erschienen aber nun erstmals kritisch beleuchteten Studie wurde dann ein noch höheres(!) Level an medizinischer Fragwürdigkeit erreicht. Darin beweisen die Forscher_innen die „Harmlosigkeit” einer neuen Reduktionstechnik, bei der die Spitze der Klitoris abgetrennt und nach der Reduktion des Schaftes wieder aufgenäht wird. Zur Überprüfung der Funktionsfähigkeit wurde den Mädchen anschließend mit Fingernägeln, Q-Tips und Minivibratoren an der Klitoris und dem weiteren Intimbereich herumgedrückt, um den Blutfluss und das „Gefühl” zu überprüfen. Ein Vorgang, der auch noch jährlich wiederholt werden soll. Mit dem Etikette „Forschung” werden auf einmal Vorgänge salonfähig, die ansonsten unter sexuellen Missbrauch fallen.

Als ob dies alles noch nicht schlimm genug wäre, fielen den Kritikerinnen Alice Dreger und Ellen K. Feder noch weitere Probleme auf: So klärte man die Eltern der Studienteilnehmerinnen vermutlich nicht über die möglichen negativen Folgen auf, sondern empfahl die Reduktionen entgegen aller Forschungsergebnisse als Mittel, die gesunde Entwicklung zu gewährleisten. Schließlich fehlte auch noch die Erlaubnis des Institutional Review Boards (IRB), das Forschungsprojekte auf ihre ethische Unbedenklichkeit abklopft. Ein Umstand der zumindest diese unglaubliche Studie erklärt. Darüber hinaus ein Anstoß, medizinische Praktiken stärker kritisch zu hinterfragen und die eigene Vorurteile zu überprüfen.

7 Kommentare zu „Schnipp, schnapp, Klitoris ab

  1. @gnurpsnewoel Wie Dreger und Feder bemerken, sind sich viele Eltern der Probleme wahrscheinlich nicht bewußt und völlig überfordert. Da steht ein Arzt und sagt ihnen, sie müßten etwas tun – der/die hat immerhin studiert und wenn man nachher nichts macht und es passiert was schlimmes…

  2. Oh mein Gott.
    So etwas Schreckliches habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

    Und ehrlich gesagt kann ich die Eltern auch ein ganz kleines Bisschen verstehen, wenn sie sich auf das „Fachwissen“ der Ärzte verlassen – aber wie furchtbar müssen die sich dann fühlen, wenn sie hinterher feststellen, was sie ihren Töchtern angetan haben?!?

    Und nur am Rand: was hat das mit dem Tag „Intersexualität“ zu tun?

  3. was hat das mit dem Tag “Intersexualität” zu tun?

    Bei der sogenannten Klitorishypertrophie ist die Klitoris „ungewöhnlich groß oder penisähnlich” […] In den meisten Fällen ist sie ein Symptom eines intersexuellen Syndroms.

  4. Wahnsinn, das ist ja wirklich furchtbar! Und ja, ich kann die Entscheidungen der betroffene Eltern auch nachvollziehen – viele Leute vertrauen nun einmal Ärzten und deren Kompetenz, und man kann ja auch allgemein nicht selbst in allem Experte sein und muss sich manchmal auf Spezialisten verlassen (was natürlich keine Ausrede sein soll, die Verantwortung abzugeben und sich nicht selbst so weit wie möglich zu informieren, besonders in so gravierenden Angelegenheiten).
    Echt schlimm, dass sowas sein darf.

  5. ich bin grade auch völlig schockiert.
    die mädchen werden ja durch die op und deren folgen nicht nur physisch beeinträchtigt, was an sich schon schlimm genug ist, nein auch noch psychisch durch die „nachsorgeuntersuchung“. das ist einfach nur echt übel.

    und dann gibts für die eltern nichtmal eine ordentliche aufklärung über die gesundheitlichen risiken, nur die persönliche und medizinisch nicht(!) einwandfrei zu rechtfertigende einschätzung, dass diese op „notwendig“ ist.

  6. Die Klitorisreduktion wird nicht nur bei Intersexualität durchgeführt, auch beim kleinen Mädchen, deren Klitoris durch Hormonstörungen „zu groß“ gewachsen ist. Auch hier wird den Eltern oft eingeredet, dass es medizinisch notwendig ist. Wohl gemerkt in Deutschland. Die wenigsten Betroffenen erfahren es oder reden später darüber.

    Dass Ärzte an kleinen Mädchen manipulieren, um die sexuelle Stimulationsfähigkeit oder die Vaginaltiefe zwecks späterem Geschlechtsverkehr regelmäßig „überprüfen“, ist nix Neues.
    Sowas fällt nicht unter Missbrauch, sondern wird allgemein als medizinische Behandlung angesehen. Selbst wenn das unter fünf Kollegen (samt einer Gruppe Studenten zum lernenden Zusehen) passiert.

    Entwürdigend, gruselig.

Kommentare sind geschlossen.

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