Gegen die Peniszensur

von Verena

Während dieser Tage vor allem männliche Fußballerwaden das Blickfeld bevölkern, wünscht sich die Berliner Musikerin Zorro Zensur die Vollkommenheit: „Ich will dünne nackte Männer sehen“, singt sie auf ihrem Debüt, dessen Titel noch ein Stück kompromissloser daher kommt: „Ich habe die größte Vulva der Welt“. Da gratulieren wir doch direkt mal zum gelungenen Albumtitel:

Schwarz-weiß Bild von Zorro Zensur vor einem Mikro

Zorro Zensur fotografiert von Tanja Pippi

 

Zorro Zensur: (lachend) Vielen Dank! Einige meiner Freundinnen meinten, ‚hey, meine Vulva ist doch die Größte’; das gab einen richtigen Battle zwischen den Mädels und mir. Und gleichzeitig bedeutet die größte Vulva zu haben auch, dass besonders viele Penisse reinpassen.

Freitag: Aber reagieren die Leute nicht auch irritiert?

Zorro Zensur: Nein, bisher nicht. Die meisten finden es witzig, auch die Männer. Aber ich bin ja auch nicht im Neuköllner Kiez unterwegs, wo das vielleicht anders beurteilt würde.

Freitag: Männer behaupten ja gerne mal von sich, ihr Glied wäre das Größte – und das völlig ironiefrei. Neben der „größten Vulva der Welt“ wirfst du noch die Forderung nach „dünnen nackten Männern“ ins Feld. Ist das ein ähnlicher Gegenentwurf und in dem Fall zu den in Werbung und Medien vorherrschenden dünnen Mädchen?

Zorro Zensur: Das Bild von Männern und Frauen in der Werbung stört mich schon extrem. Gerade wieder sieht man auf den H&M Plakaten diese abgemagerten Models, während Männer in Rasierklingen-Werbung als der harte Macker rüberkommen. Ich stehe aber auf ganz dünne, schwache Männer ohne Muskeln und will die gefälligst auch sehen.

Freitag: Aber du willst sie nackt sehen

Zorro Zensur: Ja, natürlich! Der Mann ist das schönste Ding der Welt. Es heißt zwar immer, die Frau, das schöne Geschlecht, aber das sehe ich überhaupt nicht so. Und nackt sollen sie sein, weil ich gegen die allgemeine Penis-Zensur angehen will. Und gleichzeitig will ich dafür kämpfen, dass es ein Bild des Mannes als Softie gibt, lächelnd und nicht bloß hart und arrogant.

Freitag: Apropos Peniszensur, wenn du dir gerne nackte Männer ansiehst, kennst du sicherlich das Jungsheft, das von Nicole Rüdiger und Elke Kuhlen seit 2005 unter dem Motto Porno für Mädchen herausgeben wird?

Zorro Zensur: Ja, aber ich muss sagen, dass ich davon ziemlich enttäuscht war. Ich kann nicht mal sagen warum, weil die Idee eigentlich klasse ist. Wahrscheinlich habe ich einfach ein schlechte Ausgabe erwischt.

Freitag: Musikalisch kämpfst du eher reduziert mithilfe von Drumcomputer, Gitarre und deiner Stimme für nackte Jungs, stehst damit aber in der Punktradition des kompromisslosen D.I.Y.

Zorro Zensur: Ich bin ein großer Fan von Bands wie DAF und Malaria! Als ich vor zwei Jahren aus der Schweiz nach Berlin gezogen bin, dachte ich, die Stadt wäre voller toller Bettina Köster Frauen. Ich wollte unbedingt Leute finden, mit denen ich Musik machen kann und war echt enttäuscht, als es überhaupt nicht lief. Ich habe ganz viel mit verschiedenen Leuten gejammt, und entweder, denen hat das Musikmachen nicht so viel bedeutet oder es hieß, mein Gitarrenspiel sei zu schlecht, um in der Band zu spielen.

 

 

Freitag: Aber schließlich hast du mit hobbymusik ein Label gefunden, dass sich als „bewusst uncool“ präsentiert, weil sie es „blöd finden, dass Unprofessionalität und Arbeit, mit der man nicht seinen Lebensunterhalt verdient, gering geschätzt werden.“ Wie sind die auf dich aufmerksam geworden?

Zorro Zensur: Ach Julian, einer von den drei Jungs, die das Label machen hat mal nackt bei mir zuhause rumgetanzt und „Yeah, ich bin voll der Feminist“ gesungen. Da hat sich die Zusammenarbeit so ergeben.

Freitag: Aber du hast den armen Julian nicht zorromäßig mit einem gepeitschten „Z“ kennzeichnen müssen? Oder wie verhält es sich mit deinem „Vornamen“?

Zorro Zensur: Nein, den Namen habe ich mir ausgesucht, weil „Zorro“ mein Kindheitsheld war. Beim Fasching durften sich die Jungs immer als Zorro verkleiden, während ich bloß ein Schlumpf war. Aber wenn ich über weibliche Kindheitsheldinnen nachdenke, fällt mir noch Pippi Langstrumpf ein.

Freitag: Und? Glaubst du, du kannst mit deinen Songs die Welt verändern, so wie es sich für Heldinnen gehört?

Zorro Zensur: Ich denke schon, dass man an den Zuständen etwas verändern kann, aber allein mit Musik? Da bin ich skeptisch. Dafür müsste ich wohl eher in die Politik gehen, So mache ich mir mal lieber keine Hoffnung.

Freitag: Aber auf Männerunterhosen, die bei deinen Konzerten auf die Bühne geworfen werden, hoffst du durchaus, oder?

Zorro Zensur: Auf jeden Fall! Ich freue mich auch über Männer, die sich ganz ausziehen. Aber bitte ohne sich vorher Muskeln antrainiert zu haben.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)




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Eintrag geschrieben: Montag, 21. Juni 2010 um 9:45 Uhr unter Inspiration, Körper, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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12 Kommentare

  1. Evamaria sagt:

    Der Link zum ‚Jungsheft‘ erinnert mich an das englischsprachige Heft Filament – ein cooler Mix aus interessanten Artikeln und schönen Bildern von häufig nackten Männern… :)

  2. Shadow sagt:

    Tolle Idee. Schade, dass sie musikalisch so enttäuscht.

  3. Ist es nicht in gewisser Weise auch ein -ismus „ganz dünne, schwache Männer“ zu fordern?

  4. Stephanie sagt:

    So ungefähr stelle ich mir eine „Underground-Band“ in Egalia vor. (Referenz: Gerd Brandenberg „Töchter Egalias“)

  5. jimmy sagt:

    „Und gleichzeitig bedeutet die größte Vulva zu haben auch, dass besonders viele Penisse reinpassen.“

    den begriff vulva(äußere geschlechtsteile) gleichbedeutend für vagina zu verwenden find ich gar nicht gut! in meine vulva passt kein einziger penis und das ist auch gar nicht nötig…

  6. Sonne sagt:

    Die Mädchenmannschaft kann sowas eigentlich viel besser. Was soll dieses „Aber ich bin ja auch nicht im Neukölner Kiez unterwegs, wo das vielleicht anders beurteilt würde“? Wenn die Musikerin glaubt, daß die Bevölkerung bestimmter Berliner Stadtteile zu Diskriminierung und in Bezug auf Geschlechtsorgane auf mangelnde Witztoleranz neigt, dann soll sie es auch sagen und nicht hinter gleichfalls pauschalisierenden und noch zu beweisenden Vermutungen verstecken. Außerdem heißt es immer noch Neukölln, es kommt also noch mangelnde Sachkenntnis hinzu.

    Und zweitens hängen derzeit keine Plakate mit abgemagerten Models von H&M herum, und falls doch, wäre ein Bildbeweis mit Ortsbezug und Datum angebracht. Es ist immer gut und richtig, Mißstände in der Bildwerbung anzuprangern, aber man tut niemanden einen Gefallen, wenn man pauschal falsche, aber bewährte Stereotype anführt.

    Am Ende frage ich mich, wie ein Text, der ursprünglich als Kolumne erschienen ist, nun plötzlich als Interview präsentiert werden kann. Die Mädchenmannschaft hat schon wesentlich bessere und gehaltvollere Beiträge gebracht.

  7. E. sagt:

    Ein L vergessen ist schon mangelnde Sachkenntnis?

    Doomed we are, wir the Rechtschreibesels…*rolleyes*

  8. Z. sagt:

    Danke, Sonne. Das mit dem Neuköllner Kiez ist mir auch übel aufgestoßen. Einen auf Feministin machen und sich dann direkt erstmal schön in Migrantenbashing üben. Herrlich, weiße Überheblichkeit machts möglich.

  9. generator sagt:

    Warum hat der kleine dünne Junge in dem Video denn noch seinen Schlüpfer an?

  10. Philipp sagt:

    @generator

    Das ist die Peniszensur.

    Hoffentlich ham sie ihm fürs Tanzen was zu essen gegeben.

  11. Verena sagt:

    @ Sonne und Co. – das fehlende „l“ in Neukölln ist mein Fehler gewesen… und jetzt verbessert.
    Und eine Kolumne kann durchaus in Interviewform erscheinen…

  12. Maria sagt:

    Ich finde das Thema schwierig – (fast) nackte Männer auf der Bühne tanzen lassen – ist das nicht das gleiche, wie Frauen in Unterwäsche auf der Bühne tanzen zu lassen? Sehr hässlich war der Tänzer ja nicht gerade, sondern entspricht durchaus dem gängigen Schönheitsideal.