Hardcore Zeiten in Berlin. Nicht nur die Mainstream-Akteure der Pornomesse Venus tagten, auch hat sich eine kleine feministische Bewegung aufgemacht, ihre Lust am Porno offen zu zeigen und zu feiern. Deshalb wurde vergangenes Wochenende der erste feministische Pornofilmpreis Europas, die Auster, verliehen. Schon Wochen vorher sprach der Tagesspiegel mit Initiatorin Laura Mérrit über die Bewegung PorYes und die Bedeutung des profeministischen Pornos. Auch Spiegel.online und der Freitag warfen einen Blick auf das Anliegen der Macherinnen, ein Gütesiegel für faire Pornos zu vergeben. Pornos, die Safer Sex praktizieren und die Grenzen der Darsteller respektieren, genauso wie Frauen maßgeblich an der Produktion – besonders hinter der Kamera – zu beteiligen.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Es ist definitiv ein Fortschritt, dass auch Frauen Gefallen finden dürfen an sexueller Ausführung – selbst, wenn sie auf Papier oder Zelluloid stattfindet. Dafür möchte ich den PorYes-Damen anerkennend auf die Schulter klopfen, auch wenn ich mich frage, wie weit ihre Signalwirkung gehen wird. Und ob sie nicht doch bloß diejenigen bedient, die ohnehin schon offen mit Sexualität und all ihren Begleiterscheinungen umgehen. Denn noch viel zu langsam verliert Pornografie – ähnlich wie einst die Masturbation – ihre tabuisierte Existenz. Und eine weitere Frage stelle ich mir: Wenn wir Feministinnen jetzt die Kameraführung übernehmen, darf ich mich dann überhaupt noch am ‚bösen’ Mainstream erfreuen? Denn wie formuliert es Mérrit im Interview:
Das Hauptkriterium ist, Vielfalt zu zeigen und zu bebildern, wegzukommen von der Leistungsshow. Handlung muss nicht unbedingt sein, ein Penis darf auch mal herunterhängen, Pickelchen sind okay.
Stop! Einen schlaffen Schwanz will ich dort eben nicht haben. Denn ich gucke mir ja keine Pornos an, um Realitäten zu sehen. Ich mag es, willige Frauen und standfeste Männer zu sehen. Natürlich hat das nicht immer mit dem echten Leben zu tun, aber dafür ist Pornografie meiner Meinung nach auch nicht da. In Ordnung, der ewig gleiche Blick auf das weibliche Geschlechtsteil sowie der Cumshot als Zeugnis männlicher Potenz und Dominanz verliert auch für mich auf Dauer an erregender Wirkung. Aber auch feministische Pornos müssen ein Maß an Fiktion enthalten. Sie sollten überraschen, verstören und helfen, die Grenzen der gesellschaftlich gesteckten Sexualität zu erweitern. Und sie sollten Frauen ermöglichen, auch feministisch inkorrekt den „männlichen“ Blick gut zu heißen. Solange dieser nicht richtungsweisend für das Genre ist und die pornografisierte Lust standardisiert. Da stimme ich doch mehr Tina Lorenz zu, die in der taz schreibt:
Als Konsequenz der zweiten und dritten Feminismus-Welle drängen jetzt neue Rezipient_innengruppen auf den Markt, die die Ware Porno für sich erobern und sich weigern, den Männern – sei es als Produzenten oder Konsumenten – weiterhin das Feld zu überlassen. Wenn Pornos ein sexualisierter Kommentar auf unsere Lebenswirklichkeit sind, so ihr Credo, dann muss es auch Ausdrucksraum für Daseinsformen abseits der genormt scheinenden Mainstream-Ästhetik geben.
Aber ich will auch nicht so streng sein und gar den Fehler der meisten Pornogegnerinnen machen, indem ich etwas kritisiere, das ich nur in Ansätzen beurteilen kann. Deswegen geht es morgen nach Berlin, wo vom 22. Oktober an das 4. Pornfilmfestival stattfindet. Mit dem Schwerpunkt auf den feministischen Porno, wird sich ja zeigen, wie Facettenreichtum Lust entfachen kann. Denn die Möglichkeiten sind schier unendlich und wir sind ja auch zum Spaß hier. Also, Röcke hoch und Hosen runter!

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