Die deutschlandweiten Slutwalks begannen am 23. Juli in Passau, am Samstag ging die Welle in sieben Städten weiter. Besonders toll waren auch die Mobilisierungsaktionen kleinerer Städte beispielsweise nach Hamburg. Freiburg, Münster, Leipzig und Dresden stehen die Demos gegen Vergewaltigungsmythen und sexualisierter Gewalt noch bevor, hoffentlich ziehen auch andere Städte bald nach.
In unserer nächsten Blogschau werden wir die Eindrücke einzelner Teilnehmer_innen vorstellen. Neben viel Empowerment, Solidarität, guter Laune und feministischer Wut wollen wir an dieser Stelle auch über die unschönen Seiten des vergangenen Samstags berichten. Als Mitorganisatorin des Berliner Slutwalks bin ich sehr verärgert über solche Erlebnisse, wie auf dem Mädchenblog zu lesen: Gaffertum, Mackertum, sexistische und sexualisierte Übergriffe von Außenstehenden während der Demo.

Ich bin verärgert, weil es nahezu unmöglich ist, eine solch riesige Demo (etwa 3500 Teilnehmer_innen) in diesem Rahmen als Safe Space zu gestalten oder beschissene Situationen von vornherein auszuschließen. Schwierig ist es auch, jede Situation vor ihrem Entstehen einschätzen zu können, immer richtig und unverzüglich im Sinne der Betroffenen zu reagieren.
Die Kritik, die das Mädchenblog an den Veranstalter_innen äußert, ist wichtig und sollte für weitergehende Diskussionen sorgen, um Interventionsstrategien zu verbessern und auszubauen. Wir haben zwar im Vorfeld Aufklärungsarbeit geleistet, Ordner_innen und Awarenessteams eingesetzt, doch wir konnten nicht alle Teilnehmer_innen auf solche Übergriffe in geeigneter und nötiger Weise vorbereiten, obwohl allen klar war – auf den Slutwalks wird es zu Formen von Übergriffen von Außenstehenden kommen. Wir konnten nicht für alle da sein, wir konnten nicht immer einschreiten, viele Situationen werden wir nicht mitbekommen haben. Wir waren deshalbauf das solidarische Eingreifen der Teilnehmenden angewiesen, was in den Situationen, die ich selbst erlebt und zugetragen bekommen habe, super funktioniert hat. Vielen Dank.
Besonders traurig ist in diesem Zusammenhang das Verhalten von Presse und Polizei. In mehreren Situationen sind die Beamten nicht eingeschritten, um Menschen aus der Demo zu entfernen, die aggressiv und diskriminierend gegen Teilnehmende vorgegangen sind – auch nach mehrmaligen Bitten seitens der Veranstalter_innen nicht. Die Teilnehmer_innen mussten sich weiter beschimpfen, bewerfen, beglotzen und fotografieren/filmen lassen. Das einzige, was in diesen Situationen möglich war, war der Schutz der Betroffenen vor weiteren Übergriffen und das Eingreifen der Veranstalter_innen, Ordner_innen und Awarenessteams selbst gegen die Verantwortlichen – allerdings auf eigene Gefahr. Ob das immer für die Betroffenen zufriedenstellend gelungen ist, lässt sich leider nicht abschließend beurteilen.

Absolut inakzeptabel war auch das Arbeiten der Presse. Bereits vor Demobeginn liefen sie scharenweise auf die ersten versammelten Teilnehmer_innen zu, überschritten jede persönliche Grenze, waren übergriffig und akzeptierten kein Nein, wenn eine_r nicht fotografiert werden wollte. Obwohl sie mehrmals von den Veranstalter_innen gebeten wurden, respektvoll zu agieren. Lediglich einige wenige fragten, bevor sie ein Foto schossen oder die Kamera auf Teilnehmende hielten. Wiederum andere waren sich nicht zu schade, sexistische Sprüche zu klopfen, wenn Teilnehmer_innen „not amused“ über ihre Anwesenheit waren.
Als sich der Demozug auf den Weg machte, hatten Ordner_innen massive Probleme, Pressemenschen und Kamerateams an den Rand zu drängen, einige verhinderten das Vorankommen des Demozuges und gefährderten sich und andere Teilnehmer_innen. Einer Teilnehmer_in wurde unbemerkt aus kurzer Distanz unter den Rock fotografiert, bei den meisten schien nur der Körper von Interesse, politische Botschaften und die Menschen, die sie vortrugen, waren offenbar keine wertvollen Motive. Verteilte Infoflyer und Verhaltensregeln wurden teilnahmslos zusammengeknüllt und weggeworfen, Aufforderungen zum Verlassen der Demo ignoriert.
Positiv hervorzuheben ist die Tatsache, dass wirklich alle Teilnehmenden sich gemeinsam gegen diese Vorfälle gestellt haben, überall dort eingeschritten sind, wo es zu Übergriffen und Diskriminierungen kam. Einige fotografierten zurück – was zu sichtbaren Irritationen der gaffenden Außenstehenden und Pressemenschen führte. Spontan schlossen sich solidarisch Zeigende dem Demozug an.
Für die kommenden Slutwalks ist eine noch größere Anzahl an Ordner_innen und Awarenessteams nötig, um die Demos für alle Teilnehmenden so angenehm wie möglich zu gestalten. Auch Performances und Botschaften (neben den vielen Transparenten, Sprechchören, Musik und Reden), die Verantwortliche unter Druck setzen, wären möglich. Über den Slutwalk in Frankfurt a.M. ist von Wasserbomben gegen sexistische Pöbler zu lesen :)

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