(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Ich würde mal behaupten, dass sich mein direktes soziales Umfeld in Hamburg nicht allzusehr in puncto Verdienst, Bildung und sozialem Status von meinen neuen Arbeitskollegen hier in NRW unterscheidet. Und doch gibt es einen ganz eklatanten Unterschied: In Hamburg kenne ich nur sehr wenige Familien, die das traditionelle Ein-Ernährer-Modell leben. So gut wie alle Frauen haben nach spätestens einem Jahr wieder angefangen in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten.
Nicht so in meinem neuen Kollegenkreis. 80 % der befragten Kollegen antworteten auf die Frage, wie sie das Problem Kinderbetreuung gelöst hätten, dass ihre Frau zu Hause sei.
In Hamburg gibt es ausreichend Betreuungsplätze für Kinder unter 3 Jahren und selbst Tageseltern werden dort von der Stadt gefördert, so dass man maximal 517 Euro (einkommensabhängig) für die Vollzeitbetreuung eines Kindes bezahlen muss. Anders in NRW. Dort hängt es sehr stark davon ab, in welcher Stadt bzw. Gemeinde man wohnt, wie viel Betreuungsplätze und wie viel finanzielle Förderung zur Verfügung stehen. Und das hat massive Auswirkungen darauf, wie viele Frauen in ihren Beruf verhältnismäßig zeitnah nach der Geburt eines Kindes wieder zurückkehren.
Die Jugendämter scheinen sich auch schlicht und einfach diesem Missstand ergeben zu haben und verwalten lediglich die allzu knappen Krippenplätze auf eine sehr bürokratische und wenig menschliche Art und Weise, immer mit dem Verweis darauf, dass es ja immer noch die Möglichkeit der Tageseltern gebe.
Für die Kommunen ist aber die Tatsache, dass sich so viele Familien nach wie vor dazu entscheiden, ihr Kind mindestens drei Jahre lang zu Hause von der Mutter betreuen zu lassen, eine sehr bequeme Lösung. Und nicht nur für die Kommunen, sondern auch für diese Familien. Man muss sich nicht um einen Krippenplatz bemühen, was in einen extremen Psychostress ausarten kann, wenn man dringend einen solchen Platz braucht, aber keinerlei Unterstützung durch das zuständige Jugendamt erfährt. Man muss sich nicht täglich koordinieren, wer das Kind in die Krippe bringt und wer es wann wieder abholt, wer dafür sorgt, dass abends was zu Essen auf dem Tisch steht und noch genügend im Kühlschrank ist für das Frühstück. Und die Frau kann sich sicher sein, dass sie für die Erledigung ihres Jobs von ihrem Kind bedingungslos geliebt wird (was sie im übrigen genauso wird, wenn sie nicht pausenlos um es herum ist) und muss sich nicht mit einem/einer fordernden ChefIn herumschlagen, die/der einen durchaus auch mal kritisiert.
Als ich Lisa Ortgies Buch „Heimspiel“ las, dachte ich noch, dass sie bei der Beschreibung der Betreuungssituation in Deutschland arg dick aufträgt um deutlich auf die Missstände hinzuweisen, aber mittlerweile ist mir bewusst, dass sie kein bisschen übertrieben hat und dass ich bis vor ein paar Monaten mangels persönlicher Betroffenheit einfach nicht über den Tellerrand von Hamburg und seinen paradiesischen Zuständen hinaus geschaut habe. Welche krassen gesellschaftlichen Auswirkungen diese Situation hat, wird mir nun bewusst, wenn ich mich mit meinen Kollegen unterhalte und ich merke, wie wichtig es ist, an dieser Stelle laut und deutlich zu sagen: NEIN, Frauen haben nach wie vor NICHT die gleichen Möglichkeiten wie die Männer in dieser Gesellschaft!!!


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