Kaffeekränzchen bei der Frauenärztin

von Charlott

Seit März dieses Jahres schreibt Nils Pickert eine monatliche Kolumne bei dieStandard. Seitdem habe ich jeden Monat einen neuen Termin zum vehementen Kopfschütteln. Das liegt nicht (ausschließlich) daran, dass ich es nicht besonders bereichernd finde, dass nun endlich mal ein Typ regelmäßig in einem feministischen Medium über Feminismus schreibt, sondern an den konkreten Inhalten, denen dort Platz eingeräumt werden. Als im Mai eine Reihe von Feminist_innen berechtigte Kritik an Pickerts Artikel zu Sex übten, zeigte sich dieStandard nicht sonderlich einsichtlich und kritisierte lieber „gewisse theoretische Strömungen“ (Queer-Feminismus?). Seit dieser Auseinandersetzung facepalmte ich im Ruhigen, ob er nun über Vaterschaft oder Dustin Hoffman schrieb.

Doch dann wurde die gestrige Kolumne unter dem Titel „Nicht wirklich krank“ veröffentlicht. In dieser widmet sich Pickert eigentlich dem Thema „Männergesundheit“. Sein Ansatz, der etwa so ausdifferenziert ist wie „Warum Männer nicht zu hören und Frauen schlecht einparken“, sagt: Alle Männer ™ (ausgehend von dem passenden Sample „alle Männer, die Nils Pickert kennt“) gehen nicht gern zum Arzt. Sie wollen nicht mit ihrer eigen Sterblichkeit konfrontiert werden. Usw. Wäre das alles in dem Artikel, hätte ich mich zwar sehr über sehr platte Argumentation geärgert, aber der Tab in meinem Browser wäre schnell geschlossen gewesen.

Doch Nils Pickert reicht es nicht Halbgares zu (Cis-)Männern zu verbreiten, er muss auch einen Absatz einbauen, in dem er erklärt, warum es bei Frauen ganz anders ist. Die Gründe? Ganz offensichtlich:

Mit dem Einsetzen der Menstruation werden Mädchen aus informierten Elternhäusern zu einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt geschickt, weil sie dort nicht zuletzt auch die Rezepte für Pillen zur hormonellen Verhütung von Schwangerschaften erhalten. Darüber hinaus werden dort regelmäßig Themen wie Krebsvorsorge, Fertilität und Sexualität besprochen und behandelt. Im besten Fall bietet sich die ÄrztInnen als kompetente GesprächspartnerInnen an, mit denen die Mädchen über die schulische und elterliche Sexualaufklärung hinaus schwierige und schambesetze Themen besprechen können. Im schlechtesten Fall erfahren sie eine Pathologisierung und Problematisierung ihres Körpers sowie den Eindruck, dass es ihnen allein obliegt, sich um das Thema Verhütung zu kümmern.

Ich weiß nicht, wie Nils Pickert zu dieser Einschätzung kommt. Ich hoffe sehr, dass er eine Frau gefragt hat und freue mich sehr über deren doch positive Erlebnisse. Klar ist, dass Pickert in seiner feministische Kolumne es mal wieder schafft, jedes bisher erarbeitete kritische feministische Wissen zu ignorieren.

  1. Ich finde es sehr bezeichnend, dass selbst wenn seine Aussagen zum Thema Frauenärzt_innen-Besuch stimmen würden, er anscheinend davon ausgeht, dass sich sämtliche Gesundheitsprobleme, die Frauen (und gemeint sind bei ihm sehr offensichtlich auch nur Cis-Frauen) haben, in der Gynäkologie klären lassen oder Frauen dort ihre prägendsten Begegnungen mit dem Gesundheitssystem haben. Ich möchte Nils Pickert ungern enttäuschen, aber auch Frauen bekommen die Grippe, auch Frauen können Lungenentzündungen entwickeln.
  2. Schon die Bezeichnung „Frauenärzt_in“ könnte deutlich machen, dass es da häufig Probleme/ gewaltvolle Zuschreibungen gibt: Denn nicht alle Menschen mit Vagina und Gebärmutter identifizieren sich als Frauen. Und nicht alle Frauen haben eine Gebärmutter. Aber von so einem Gedanken ist Nils Pickert ebenso entfernt wie Pluto davon wieder ein Planet sein zu dürfen.
  3. Und auch ansonsten ist der Stuhl im Frauenärzt_innen-Zimmer häufig ein Ort zum Erfahren von Hetero_Sexismus und Grenzüberschreitungen. Nicht nur beinhaltet die „Aufklärung“ für Mädchen häufig eine große Prise rape culture, auch ist sie eindeutig heterosexistisch. Pickert aber bezieht sich positiv darauf, dass Mädchen dort eben die Pille verschrieben wird, trotz aller einhergehenden Implikationen wie dem Begehren von Typen und Auswirkungen. In Untersuchungen finden sich Frauen oftmals der Unterstellung ausgesetzt, dass sie entweder eine Schwangerschaft anstreben oder diese eben (derzeitig) verhindern wollen. Andere wichtige safer sex  Optionen, die sich natürlich auch abhängig von den potentiellen Sexpartner_innen unterscheiden, werden kaum thematisiert oder werden gar tabuisiert. Und auch bei der – doch sehr invasiven – Behandlung wird selten auf die Wünsche und Erfahrungen der Pat_ientinnen Rücksicht genommen. Für Betroffene sexualisierter Gewalt (aber natürlich auch nicht nur diese) kann ein Besuch bei de_r_m Frauenärzt_in geradezu re_traumatisierend sein.
  4. Heute erst hat Pickerts Hausblatt dieStandard einen Artikel veröffentlicht, der eine Studie beschreibt, in der Folgendes festgestellt wurde: Ob eine vollständige Gebärmutterentfernung durchgeführt wird, hat in Deutschland nicht nur etws mit der medizinischen Indikation, sondern auch der sozialen_wirtschaftlichen Lage der betroffenen Person zu tun. Auch das ist wenig überraschend: Nicht alle Personen werden gleich behandelt (im medizinischen und weiteren Sinne).
  5. Empowernde Kaffeekränzchen mit der liebsten Frauenärztin? Bei Keksen über Intimitäten plaudern mit dem neuen Gynäkologen? Fern ab von jeglicher Realität. In einem sensiblen, intimen Setting wie der gynäkologischen Untersuchung können sich verbreitete Probleme des Gesundheitswesens wie Zeitknappheit, mangelnde Sensibilität und Patient_innenorientierung der Mediziner_in nochmal besonders problematisch auswirken. Im besten Fall erfahren die Patient_innen keine Gewalt und Grenzüberschreitungen, haben eine zügige und schmerzfreie Untersuchung und werden mit ihren Fragen ernst genommen. Der schlechteste Fall ist viel schlechter und viel üblicher, als das was Nils Pickert sich scheinbar vorstellen kann.

All diese Punkte sind nicht neu oder unbekannt. Ich bin bei weitem nicht die erste, die sich dazu äußert. Es gibt breite feministische Kritik an den unterschiedlichsten Aspekten von gynäkologischen Untersuchungen und Beratungen. Das hätte auch Pickert herausbekommen können. Stattdessen hat er – als eine Person, die nun auch keinerlei wirkliches Erfahrungswissen zu dem Thema beisteuern kann – einfach mal Raum bekommen, um ein paar Mythen zu streuen, die im schlimmsten Fall zu einem Diskurs beisteuern, der es für Betroffene schwierig macht Gewalterfahrungen zu worten, da diese dann scheinbar Einzelfälle und nicht Teil einer systematischen Diskriminierung sind. Was mich daran besonders ärgert? Das dies in einem feministischen Rahmen geschehen darf.

 




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 15. August 2013 um 14:30 Uhr unter Körper, Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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6 Kommentare

  1. Heng sagt:

    Wenn ich diesen Auszug aus seinem Text schon lese, kommt mir das Kotzen. Ich persönlich gehe mega ungern zur Frauenärztin, weil meine letzte mich dermaßen enttäuscht hat (und mir das Gefühl gegeben hat, richtig dumm und naiv zu sein). Ich habe ihr von einem Problem erzählt, sie hat mich nicht mal untersucht, sondern gleich eine Vermutung als Diagnose hingestellt und mich damit nach Hause geschickt.
    War dann in der Gyn-Klinik und dort stellte sich heraus, dass es war ganz anders war. Hab mich dann richtig sicher bei der guten gefühlt. Und als ich nach einem OP-Eingriff zur Nachuntersuchung musste, war sie im Urlaub und ich musste zu ihrem Kollegen, was extrem awkward und schmerzhaft und meh war. So viel zum Thema gemütliche, offene Gesprächsrunden.

  2. kahrotte sagt:

    DANKE Charlott für deinen Kommentar!
    Und jetzt würde ich gerne mal Herrn Pickert die grenzüberschreitenden, verletzenden und degradierenden Erfahrungen berichten, die eine so bei der Frauenärztin der Wahl machen kann. Unfreiwillig und vor allem nicht mit dem Wissen, dass es sich dabei um eine Ausnahme handelt, die nach einem Wechsel in die nächtse Praxis Vergangenheit sein wird.

  3. Christoph sagt:

    Pickerts „im besten Fall“ kommt einige (Halb)Sätze zu spät. Dass der Idealfall und die Praxis weit auseinander klaffen können, müssen eigentlich auch Cismänner wie er (und ich) verstehen. Nicht nur, weil feministisch-schreibende Männer vielleicht vorher schon mal andere feministische Texte zum Thema durchlesen sollten (müssen). Den Unterschied gibt ja bei anderen Ärtz_innen, zu denen wir gehen, mit dem „Bonus,“ dass eine gynäkologische Untersuchung eben wesentlich intimer und damit degradierender etc werden können (wie ja viele auch hier berichten.)

    Go read, bro.

  4. Pennsatucky sagt:

    Das ist doch Blödsinn, was der schreibt. Sowohl Männlein als auch Weiblein und alle anderen gehen doch schon wesentlich früher immer wieder zum Arzt/Ärztin und nicht erst bei der Menstruation! Die ganzen Kinderkrankheiten (Windpocken, etc.) schon. Also ich kann gar nicht zählen, wie oft ich vor meiner ersten Blutung beim Arzt war…. und auch Jungs werden als Kind zum Arzt gebracht (Pickert scheints nicht??).
    Pickerts These ist doch total aus der Luft gegriffen. Mußte wahrscheinlich noch schnell nen Artikel schreiben, um die Deadline nicht zu überschreiben und hatte noch nen Kater und schrieb einfach irgendwas. Anders kann ich mir DAS nicht erklären.

  5. Sabine Fisch sagt:

    DANKE! für diesen kommentar. ganz genauso gehts mir auch immer, wenn ich seine kommentare lese. klarer fall von: gut gemeint heißt nicht gut gemacht.

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