Obwohl das Thema (Frauen-)Quoten in der Arbeitswelt eher nicht zu meinem Spezialgebiet gehört, lese ich ab und zu Texte darüber, weil mich die Argumentationen immer sehr interessieren. In Deutschland ist ja schon das Wort „Frauenquote“ ein Gesprächskiller, obwohl die Quoten-Konzepte, die hierzulande am meisten diskutiert werden, ziemlich weit von radikal entfernt sind. Das gängigste Konzept beinhaltet, dass bei gleicher Qualifikation so lange Frauen* bevorzugt werden, bis eine gesetzte Quote erreicht ist (und diese Quote entspricht in den meisten Fällen noch nicht einmal den gesamtgesellschaftlichen Anteil von Frauen*. Häufig wird von 30, maximal 40% gesprochen).
Von den unterschiedlichen Quotenkonzepten ist jenes also eher systemkonform, denn es bekämpft erst einmal nur offensichtliche Ungleichheiten, so zum Beispiel die Tatsache, dass Frauen* bei gleicher Qualifikation trotzdem schlechtere Chancen gegenüber ihren Mitbewerbern haben. Es gibt auch andere Konzepte, aber über diese wird kaum geredet; die meisten sträuben sich ja schon gegen die relativ softe Quote.
Und weil viele Leute schnell auf Durchzug schalten, wenn Diskussion zu Quoten losgehen, schlug ich letztes Jahr vor, eher über die (hohen) Männerquoten zu reden, denn diese skizzieren ja genau das Problem: Eine Arbeitswelt, die nach männlichen Maßstäben ausgelegt ist.
In der Sueddeutschen wurde letzte Woche ein Artikel veröffentlicht, in dem sich die Fernsehmoderatorin und Schriftstellerin Amelie Fried für eine Quote ausspricht. Sie schreibt von sich, dass sie Frauenquoten früher überflüssig fand, heute allerdings davon überzeugt ist, dass es ohne die Quote nicht mehr geht.
Ich lese selten einen Artikel in den klassischen Medien komplett, weil ich mich spätestens ab dem 3. Satz ärgere, aber bei diesem Text habe ich es sogar auf Seite 2 geschafft! Tja, und dann kam es faustdick. Fried richtet gegen Ende ihres Artikels nämlich noch einen Appell an „uns Frauen“:
„[Die] Einführung [der Quote] würde nicht nur den Verantwortlichen in der Wirtschaft den nötigen Dampf unterm Hintern machen. Sie würde auch uns Frauen zwingen, Farbe zu bekennen. Dann wäre Schluss mit dem Gejammer. Wir müssten unter Beweis stellen, dass wir können und wollen, was wir jahrzehntelang gefordert haben. Es gibt nämlich nicht wenige Frauen, die groß darin sind, sich über mangelnde Aufstiegschancen zu beklagen – aber zurückzucken, wenn es darum geht, tatsächlich Verantwortung zu übernehmen und sich einen mühsamen 60-Stunden-Job ans Bein zu binden (…)“
Klar, liebe Frau Fried, Verantwortung übernehmen selbstverständlich nur Menschen, die 60 Stunden Lohnarbeit leisten. Der Rest sonnt sich – völlig ohne jegliche Verantwortung! und ohne irgendwelche sinnvollen Aufgaben! und das selbstverständlich meckernd! – an der Ostsee den Bauch. Und das Gejammer! Wie können wir es wagen, uns über mangelnde Aufstiegschancen zu beklagen und dann AUCH noch über einen mühsamen 60-Stunden-Job?! Leistungsdruck, Fremdbestimmung und kaum Zeit, um mit den Lieblingsmenschen eine Woche in den Urlaub zu fahren: Das ist doch das gute Leben, von dem alle reden!Ausrufezeichen!
Nee, im Ernst: Solche Argumente nerven mich, weil sie die Arbeitswelt, wie sie heutzutage strukturiert ist, glorifiziert. Da werden jene Menschen, die Bock auf so etwas haben, als „die Verantwortungsvollen“ definiert. Arbeit jenseits eines vertraglich abgesicherten Arbeitsverhältnisses wird so völlig unsichtbar gemacht. Fakt ist, dass gerade Frauen* schon heute eine mit Verantwortung vollgepumpte 60-Stunden Woche haben, neben Lohn- nämlich auch noch die unbezahlte Sorgearbeit.
Der letzte Satz ist dann echt die Krönung:
Dass es Frauen gibt, die das nicht wollen oder können, ist unbestritten. Das darf aber nicht weiter als Ausrede dafür dienen, den anderen Frauen, die es können und wollen, den Aufstieg zu verwehren.
Hier wird noch nicht mal einen Hehl daraus gemacht, dass der Aufstieg derjenigen, die „können und wollen“ höchste Priorität genießt – und wie wenig die jetzigen Quotendiskussionen mit sozialer Gerechtigkeit zu tun haben. Da stellt sich schon die Frage, warum „wir Frauen“ diese Form der Quote unterstützen sollen – damit einige wenige knallharte Karrierefrauen ein bisschen im Old Boys Network mitspielen dürfen? Irgendwo zwischen der Feststellung, dass die Wirtschaft männlich dominiert ist und der Einsicht, dass es ohne Quoten nicht geht, ist dann wohl das feministische Potential verloren gegangen.
Antje Schrupp brachte es anlässlich der Diskussion darüber, ob eine Quote, die eine Antifeministin in den Chefinnensessel bringt, nach feministischen Maßstäben erfolgreich sei, auf twitter auf den Punkt:
„Wir brauchen nämlich keine Frauenquoten, sondern Feministinnenquoten!“

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