Jedes Mal, wenn ich mich zu Themen wie der Stigmatisierung von dicken Körpern oder Fat Aktivismus äußere, muss ich mit einer Frage auf jeden Fall rechnen: „Ist das nicht voll ungesund?“ Interessant ist, dass dieses „das“ häufig gar nicht benannt wird, so dass ich nur raten kann, was die Kommentierenden meinen: Ist es ungesund, wenn dicke Menschen sprechen? Am Strand im Bikini posen? Atmen?
Dick und ungesund?!

In der Regel geht es um folgende Fragen: Ist Dicksein ungesund? Und ist der positive Verweis auf Dicksein gefährlich, weil etwas angeblich „Ungesundes“ propagiert wird? (Eingefügt werden könnte hier außerdem noch ein ganzes Bingo mit Feldern wie „Diabetes!“, „McDonalds!“ oder „Die Armen Kinder!“).
Gewiss ist: Dicke Körper werden häufig als Epidemie, Krankheit oder Folgeerscheinung von (Ess)sucht gerahmt und fälschlicherweise in einen kausalen Zusammenhang mit Diabetes, hohen Cholesterinwerten oder Bluthochdruck gestellt.
Was nicht erzählt wird, ist, dass Stress auch solche körperlichen Gegebenheiten fördert. Ständig mit Abwertungen und Botschaften konfrontiert zu werden, dass eine_r zu dick sei und doch mal abnehmen sollte, verursacht übrigens enormen Stress.
Dass die hegemoniale Erzählung vom dicken Körper als „kranker“ Körper durchaus umstritten und nicht erwiesen ist, wird häufig verschwiegen. Es lohnt sich, kritisch zu recherchieren, wenn es um das Thema Dicksein und Gesundheit geht. Lest doch zum Beispiel “Big Deal: You Can Be Fat and Fit” auf CNN; “Our Absurd Fear of Fat” in der New York Times; “I Don’t Care if You’re Healthy” von Radically Visible; „Warum der BMI scheiße ist“ auf der Mädchenmannschaft; „Dick, doof und arm: Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert“ von Friedrich Schorb oder den „Fat Studies Reader“ von Esther Rothblum & Sondra Solovay.
Ich hab selten Lust Diskussionen darüber zu führen, ob Dicksein eine Körperform unter vielen sei oder Resultat eines bestimmten Lebenswandels, sprich: Hat da jemand zu viel gefressen und zu wenig Sport gemacht? Ich frage mich, was eine definitive Antwort bringen soll. Wäre es legitim dicke Menschen abzuwerten, wenn sie „selbst schuld“ an ihrem Körpergewicht wären? Ist das Beschämen von dicken Körpern nur dann verwerflich, wenn Menschen nichts für ihre Körper können? (Nein und nein.)
Viel spannender finde ich den Umstand, dass sofort das Thema Gesundheit aufkommt, wenn es um dicke Menschen geht. Ganz aktuell wurde wieder viel über Gesundheit diskutiert, als sich zahlreiche dicke_fette Menschen stolz in ihren Bikinis fotografierten und das Foto mit dem Hashtag #Fatkini online stellten. Grundlage für solche Diskussionen ist sicherlich die diskursive Verstrickung von Dicksein mit Krankheiten, aber da steckt noch mehr dahinter. Ich glaube: Glückliche fette Menschen, die ihre Körper mögen, sprengen eindeutig den gesellschaftlichen Rahmen dessen, wie dicke Menschen sein und sich fühlen sollen.
#Fatkini!
Wie bereits im letzten Sommer, veröffentlichten auch dieses Jahr unzählige dicke_fette Menschen in diversen sozialen Netzwerken Fotos von sich im Bikini oder Badeanzug – Größe 46, Größe 52, Größe fun-fatty-tastic! Im letzten Jahr blieb es überwiegend ein Trend in den USA, aber dieses Jahr schwappte dieser auch fett nach Deutschland über. So berichteten darüber beispielsweise der Stern und selbst die BILD recht positiv. Auch ich gab ein kleines Interview für DRadioWissen.

Wunderbar, könnte eine_r denken und sich freuen, dass Menschen, die oft abwertende Blicke und beleidigende Sprüche hören, sich glücklich und stolz leicht bekleidet fotografieren lassen, allen voran US-amerikanische Modebloggerinnen wie Gaby Fresh oder Fat-Aktivistinnen wie Virgie Tovar.
Ich freute mich kugelig. So ging’s aber nicht allen: Manche diskutieren vielmehr den Grad der „Gefährdung“, die diese Aktion generiere. Unzählige Twitter-User_innen nutzten den eigentlich empowernd gemeinten Hashtag #Fatkini, um ihre pseudokritischen Einwürfe à la „voll ungesund, voll unverantwortlich, voll hässlich“ unter die Menschheit zu bringen. Ich fände es ja schöner, wenn die ihre Kommentare einfach unter dem Hashtag #FatshamingShitheads sammeln könnten!
Glückliche fette Menschen sind gefährlich
Ich höre Gefährdung und möchte schreien: Jaaa!! Stolze, glückliche fette Menschen sind gefährlich – weil sie hegemoniale Bilder von den traurigen™ und inaktiven™ Fatties in Frage stellen. Weil manche dicke Menschen einen lauten Furz darauf geben, ob andere es „ästhetisch“ oder „schön“ finden, wenn sie knappe Bikinis oder Neon-Badeanzüge tragen. Dicke Leute, die ihren Körper nicht verstecken, ihn sogar stolz präsentieren? Passt in keine gesellschaftliche Erzählung über das Dicksein: Dicke Menschen sollen entweder abnehmen oder zumindest sagen, dass sie es tun wollen. Aber doch bitte nicht fett und glücklich im Badeanzug posieren.
Die Aussage, dass Dicksein ungesund sei, dient dazu, die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. In dieser Ordnung ist das, was gesellschaftlich als krank markiert wird, automatisch schlecht, muss sanktioniert, am besten abgeschafft werden. Wenn mensch etwas genauer hinschaut, fällt auf, wie absurd es ist, dass viele wirklich „krank!!!“ schreien, wenn Menschen, deren Körperform oder Körpergewicht von der Norm abweichen, versuchen ein gutes Körpergefühl zu entwickeln, um eine angenehme Zeit am Strand zu haben. Glauben viele wirklich, dass es gesünder sei, wenn dicke Menschen ständig gestresst sind, weil sie sich hässlich fühlen, sich schämen, weil sie die Diät wieder einmal nicht durchgehalten haben oder sich gar nicht mehr trauen, aus dem Haus zu gehen (geschweige denn an den Strand), weil die Angst vor diskriminierenden Kommentaren so groß ist? Ist das deren Vorstellung von einem besseren Leben?
Viele können es nicht ertragen, dass körperliche Selbstbestimmung auch für Menschen gelten sollte, die von der Norm abweichen. Die Be- und Abwertung von Körpern ist so normalisiert, dass wir oftmals gar nicht merken, dass das Recht auf körperliche Selbstbestimmung eher Menschen zugebilligt wird, die bereits gesellschaftliche Normen erfüllen. Eine dünne Frau isst eine Pizza und findet Diäten „voll blöd“? Voll feministisch! Eine dicke Frau schleckt ein Eis und trägt einen hotten Bikini? Ab zur Ärztin, ist ja voll ungesund!!!
Um eins deutlich zu machen: Nicht mein dicker Körper macht mir zu schaffen, sondern die täglichen Abwertungen. Nicht meine dicken Beine, meine schwabbeligen Arme, mein Doppelkinn oder der ausladende Po schaden meiner Gesundheit, sondern übergriffe Menschen, die denken, meinen gesundheitlichen Zustand anhand eines Blickes auf meinen Körper ablesen zu können. Mein Körper – egal in welcher gesundheitlichen Verfassung übrigens! – geht nur mich etwas an.

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