Feministinnen sind sauer. Mal wieder.

von Helga

Liebe Zeit,

erst neulich mussten wir Euch schreiben, weil Ihr da was mit „dem Femi­nis­mus“ nicht verstanden hattet. Jetzt greift ihr die Kontroverse um Anne-Marie Slaughter auf und schon wieder stell‘ ich fest: Griff in die Klischeekiste. In The Atlantic hatte Slaughter vor kurzem geschrieben „Why women still can’t have it all“ und da gingen tatsächlich bei Feministinnen die Alarmglocken an. Denn das ist meist bio­lo­gisti­scher Bullshit, wie ihn auch die New York Times in ihren Trendpieces regelmäßig aufgreift.

Neun Bilder mit weinenden Babies und überforderten weißen Müttern in schicker Arbeitskleidung.

Bullshitbilderbingo von Jessica Valenti

Der Artikel von Slaughter war nun erstaunlich gut, am Ende aber lief es auch wieder auf „Mütter wollen halt bei ihren Kindern sein“ hinaus. Klar, darüber regten sich Feministinnen auf, mit differenzierter Diskussion hat dieses Argument soviel zu tun wie die Mädchen­mannschaft mit Gleit­creme. Aber Feminist­innen hatten auch eine Reihe anderer Kritik­punkte, von denen Ihr leider keinen einzigen aufgreift. So hätte der Artikel lauten müssen „Warum eine weiße Frau ohne gesundheitliche Probleme, aber mit Ehemann und zwei Söhnen und extrem guter Aus­bildung eines Tages feststellt, dass trotz extrem guter Bezahlung ein Job doof sein kann, wenn er mindestens 60 Wochen­stunden erfordert und das sogar noch für humane Arbeits­zeit gehalten wird“.

Slaughter wechselte aus dem Planungsstab des US-amerikanischen Außen­mi­nisteriums zu einer Professur an der Elite-Uni Princeton. Karriere und Familie hat sie also immer noch. Aber für geschätzte 99 Prozent der amerikanischen Frauen stellt sich ihr Pro­blem einfach gar nicht. Das haben Femi­nistinnen aus­giebig kri­ti­siert. Sagt bei Euch aber niemand.

Dann erwähnt Ihr Kristina Schröder, aber leider nicht, dass Slaughter den gleichen Fehler begeht wie sie und „dem Feminismus“ vorwirft, er habe Frauen vor­ge­schrieben, sie müssten jetzt Kinder und Karriere haben. Hat „der Feminismus“ aber gar nicht. Sondern immer wieder hinter­fragt, was eigentlich Erfolg ist. Wie ein Arbeitsleben abseits der 40-oder-mehr-Stunden­woche aussehen könnte. Und jetzt kommt der Knaller: Das ist heute ein Thema, was auch viele Männer beschäftigt. Der anek­dotischen Evidenz von Slaughter kann ich an dieser Stelle nur meine eigene ent­gegen­setzen, an der mich Gespräche mit jungen Männern bestärkt haben. Erst gestern!

Doch statt da eine gesamtgesell­schaftliche Debatte draus zu machen, wird die Frage wieder in die Frauenecke geschoben. Also kein serious business, sondern Gedöns. Alle haben ’ne Meinung, am Ende passiert wenig. Kein Wunder, dass Feministinnen da sauer sind. Hier stellt sich einmal die Frage „What about the menz“ (Was ist mit den Männern?) Da braucht es dringend mehr Debatte als die aus­ge­lei­er­ten Binsen­weisheiten, die Slaughter zu bieten hat. Wollt Ihr mal was Kon­tro­verses schreiben? Dann fangt damit an.

Eine saure Feministin.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 6. Juli 2012 um 9:01 Uhr unter Familien_politik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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6 Kommentare

  1. JoeCeeBee sagt:

    Danke! Eine gute Antwort! Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf: schicken Sie doch Ihre Replik direkt an die „Zeit“; eventuell wird sie veröffentlicht.

  2. Helga sagt:

    @JoceCeeBee: Hm, damit sie dort „eventuell“ veröffentlicht wird? Das ist hier ja schon ein Offener Brief und seit heute morgen veröffentlicht. Wer mag, darf ihn aber gern an leserbriefe(at)zeit.de schicken.

  3. Lea sagt:

    Argh, nur der Name Kristina Schröder und ich will schon schreien.

  4. H.D. sagt:

    Sehr guter Text!

  5. […] sehr gute Kritiken dieser streckenweise sehr unsinnigen Aussagen, hervorzuheben sind besonders die von Helga bei der ‘Mädchenmannschaft’ oder die von Tanja Rest in der […]

  6. […] ein paar sehr gute Kritiken dieser streckenweise unsinnigen Aussagen. Hervorzuheben sind besonders die von Helga bei der ‘Mädchenmannschaft’ oder die von Tanja Rest in der […]