Alice Schwarzer ist gerade 70 Jahre alt geworden. Alice Schwarzer ist die offizielle Ikone der deutschen Frauenbewegung der 1970er Jahre und ist seit einigen Jahrzehnten die Chefredakteurin der EMMA, des ältesten feministischen Magazins in Deutschland. Alice Schwarzer hat unbestreitbare feministische Verdienste, zum Beispiel den öffentlichen und wirksamen Kampf gegen §218, der im deutschen Strafrecht Abtreibungen illegalisiert. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass feministische Perspektiven in Deutschland auf die politische und mediale Agenda kamen. Alice Schwarzer ist 40 Jahre lang heftigst kritisiert, auf das Übelste beschimpft und beleidigt, bedroht und angeschrien worden. Dass sie noch immer eine feministische Aktivistin ist, halte ich für ein Zeichen von Mut und Beharrlichkeit, und Kritik an ihren politischen Positionen und Praktiken sollte all dies nicht zunichte machen.
Allerdings ist Alice Schwarzer auch eine Aktivistin, die die Bevormundung anderer Frauen zu einem zentralen Bestandteil ihres Feminismus‘ gemacht hat, und die inzwischen fast zu einer Art Karikatur einer reuelosen Zweite-Welle [sic]-Feministin geworden ist, die darauf besteht, dass alle Frauen aufgrund ihres Geschlechts die gleichen grundlegenden Lebenserfahrungen teilen und dass Feminismus™ eine komplett einheitliche Bewegung sein kann und sollte, die alle Frauen auf diesem Planeten umfasst und für sie spricht (…ob sie wollen oder nicht). In ihrem neuesten Blog-Artikel, „Wieder mal zurück auf Null?“, beklagt Schwarzer die „sektiererischen“ Tendenzen einiger feministischer Strömungen und glaubt, dass antirassistische Aktivist_innen versuchten, die feministischen zu sabotieren.
Schwarzer glaubt, es gäbe Feminist_innen (die Guten) auf der einen Seite, und auf der anderen Seite Gruppen von Frauen (die Bösen), die versuchen, die Feministinnen zum Schweigen zu bringen. So weit, so vielleicht nachvollziehbar. Allerdings findet Schwarzer, dass diese Gruppen von Frauen, insbesondere die Blogger_innen der Mädchenmannschaft (ja, schon wieder, wie immer, bla… – Nadia hat auf Shehadistan einen tollen Kommentar zu einem anderen EMMA-Artikel veröffentlicht, der in die gleiche Kerbe haut) sowie andere feministische Blogger_innen und Aktivist_innen in Berlin (auch wenn die meisten jener Blogger_innen überhaupt nicht in Berlin leben, aber dann käme ja das Bild ins Wanken, das andere Zeitungen und Zeitschriften bereits aufgebaut haben, insofern…) versuchen, feministischen Aktivismus zum Schweigen zu bringen, indem sie besagte Feminist_innen nach dem Gießkannenprinzip des Rassismus‘ bezichtigten (einen Vorwurf, den Schwarzer abstreitet), und dass selbsterklärte PoC darauf bestünden, „erstmal Recht“ zu haben, während „alle Weißen“ automatisch falsch lägen (ich übertreibe nicht, sie hat es so geschrieben).
Außerdem, und hier kommt Schwarzer auf den Berliner Sl*twalk zurück, dächten diese pseudo-antirassistischen, antifeministischen Frauen nicht nur, dass Feminismus unwichtiger sei als Antirassismus (eine Behauptung, die Schwarzer zu unterstreichen versucht, indem sie sie mit ihren Erfahrungen mit der deutschen Arbeiter_innenbewegung gleichsetzt, die davon ausgegangen sei, dass Klasse wichtiger sei als Geschlecht) – sie nutzten ihren Antirassismus auch als eine heimliche Querfrontstrategie, um islamischen Fundamentalismus, den sie als Faschismus beschreibt, voran zu treiben.
Um es zusammen zu fassen: Die Antirassismus-Clique, als die sich einige angebliche Feministinnen gegenüber anderen (den richtigen) Feministinnen ausgeben, nutzt ihr Engagement als Fassade, um für Ziele des radikalen Islamismus/Neo-Faschismus zu kämpfen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Gruppen, die sich selbst „linke Feminist_innen“ nennen, zum Rechtsradikalismus ‚überlaufen‘. Die totalitäre Tyrannei besagter Fauxministinnen hat einen eisernen Vorhang der Angst und des Leids über den feministischen Aktivismus in Berlin gebreitet (…und vermutlich bald über ganz Europa, denn heute Berlin, morgen… na gut, hier paraphrasiere ich vielleicht ein wenig…).

Schwarzer schreibt, dass „seit nun mehr 30 Jahren“ in Deutschland „jede Kritik“ am Islam(ismus) (beides scheint sie, trotz gegenteiliger Behauptung, gelegentlich zu verwechseln), „im Keim erstickt“ würde durch den ständigen „Vorwurf: Rassismus!“ Natürlich lässt sie dabei die Bestseller Thilo Sarrazins, bundesweite Proteste gegen Moscheen oder die langjährige EMMA-Kampagne gegen Islamismus, die sich gelegentlich auch rassistischer Karikaturen bediente (…man muss ja sicher stellen, dass alle verstehen, wie böse Die Muslim_innen An Sich™ sind… – vgl. hierzu Nadias Artikel), unerwähnt. Doch laut Schwarzer ist der islamismusfreundliche Rassismusvorwurf genau der, der wieder erhoben würde in momentanen Auseinandersetzungen: Antifeministische Ziele verfolgend (warum, bleibt unklar), wagten es manche Frauen die politischen Positionen tatsächlicher feministischer Aktivist_innen zu kritisieren, wenngleich wir doch alle erkennen sollten, dass, während uns Faktoren wie Klasse oder race oder Religion zwar unterscheiden, der eigentlich wichtige Faktor Geschlecht (oder, wie Schwarzer tatsächlich schreibt: der Umstand, dass Frauen „alle zwei Brüste und eine Vagina“ hätten – so viel zum Thema Cis-Sexismus, Essentialismus und Identitätspolitik… *hüstel*) uns trotz aller Unterschiede vereine. Feminismus dreht sich hier ausschließlich um Geschlechtergerechtigkeit. Somit begeht Alice Schwarzer den gleichen Fehler, den sie der Arbeiter_innenbewegung vorwarf: Sie erklärt andere diskriminierende Strukturen, die Frauen unterschiedlich betreffen, zu schlichten Nebenwidersprüchen.
Schwarzer findet, beim Feminismus™ gehe es um Geschlecht, nicht um race oder Klasse, und dass es der Großen Sache™ schade, wenn man andere Faktoren mitbedenkt. Ich finde, dass diese Aufteilung nicht nur sinnlos ist, sondern schädlich. Es ist nicht „entweder oder“, es ist alles. Das macht es komplizierter, klar, aber indem sie antirassistische Kritiken an feministischem Aktivismus als sektiererisch bezeichnen, offenbaren sich Schwarzer und andere EMMA-Autorinnen als Relikte einer niemals wiederbelebten 40 Jahre alten Bewegung liberaler weißer Mittelklassefeministinnen, die von Universalität sprachen, aber nur sich selbst meinten. Identitätspolitik ist kein Selbstzweck, sie ist ein Mittel, um Inklusion zu erreichen, und genau hier liegt ihr Ursprung. Das verleugnet Schwarzer, wenn sie von „sektiererisch“ spricht, und daran erkennt man, dass sie (und andere, und zwar mehr als ich für möglich gehalten hätte) 30 Jahre lang die Kritiken ignoriert hat, die PoC, Feminist_innen aus der Abeiter_innenklasse oder LGBTQ-Feminist_innen an der Mainstream-Frauenbewegung geäußert haben.
Selten hat sich Feminismus so deutsch angefühlt.
Und im Gegensatz zu Schwarzer und anderen Feminist_innen widerspreche ich der ‚politischen Position‘, dass feministisches Schreiben/feministischer Aktivismus bedeute, dass „jede Ausdrucksweise in Ordnung“ sei, „solange sie nicht sexistisch“ ist. Dieses Zitat aus einem kürzlich erschienenen Jungle World-Artikel zur Mädchenmannschaft fasst die ganze Diskussion in einem Satz zusammen.
Kritik an Sexarbeit, an Porno und an religiösem Fundamentalismus – also: Themen, die die EMMA regelmäßig aufgreift – sind legitime feministische Positionen. Ich denke nicht, dass es inner-feministische Hindernisse gibt, irgendeines dieser Themen zu problematisieren. Im Gegenteil: ich halte es für sehr wichtig, zum Beispiel religiösen Fundamentalismus jeder Art und (auch) damit verbundenen (Hetero-)Sexismus und Antisemitismus zu kritisieren und zu bekämpfen. Wogegen der Widerstand zum Glück jedoch wächst, ist, wenn manche Feminist_innen diese Themen in eindeutig pauschalisierender Art und Weise behandeln, und wenn manche Feminist_innen glauben, dass sie das Recht und die Fähigkeit haben, für „alle Frauen“ zu sprechen – Frauen, die sie weder selbst gehört noch gesehen haben, über deren tägliches Leben sie keine Kenntnisse haben, und Frauen, die durchaus in der Lage sind, sich selbst ohne Bevormundung zu Wort zu melden. Kulturrelativismus halte ich weder für eine hilfreiche noch eine gerechte Theorie oder Strategie, aber ich wiederhole gerne, dass Menschen einzuladen und zuzuhören, die konkrete Erfahrungen z.B. mit religiösem Fundamentalismus und der direkten staatlichen Unterdrückung von Frauen haben, weitaus hilfreicher, solidarischer und wirkungsmächtiger ist, als in generalisierender (und oftmals stereotypisierender) Weise über Menschen zu reden und alle über einen Kamm zu scheren.
Natürlich ist es legitim, religiösen Fundamentalismus oder Pornos oder Sexarbeit oder was auch immer die EMMA gerade besonders bekämpfen mag, anzuprangern (…und man fragt sich, welche ominösen „feministischen Kreise“ das jemals bestritten haben sollen…), aber meiner Meinung nach kommt es darauf an, wie man kritisiert und unter welchen Umständen. Ich halte es für unangebracht, sich z.B. „diskriminiert“ oder missverstanden zu fühlen, wenn Sexarbeiter_innen bestimmten Anti-Sexarbeits-Kampagnen widersprechen. Man kann Menschenhandel und Sklaverei aktiv und entschlossen entgegentreten, ohne dabei jede_n Sexarbeiter_in als sprach- und agensloses ‚Opfer‘ darzustellen, das nun ‚gerettet‘ wird. Das sollte weder schwer zu verstehen, noch eine sektiererische Position sein. Die Kommentatorin H.D. hat in Charlotts Artikel zu Miriam Gebhardts Interview Jill Filipovic von Feministe zitiert: „We can walk and chew gum at the same time“ (Wir können gehen und dabei Kaugummi kauen“) – Feminist_in zu sein bedeutet weder, dass man automatisch Anti-Rassist_in ist, noch, dass man sich entscheiden müsste zwischen dem einen Aktivismus für soziale Gerechtigkeit oder dem (oder weiteren) anderen. Tatsächlich sind sie uns zuliebe bereits miteinander verbunden.
Ich finde, dass Antirassismus, Antifaschismus, Antiheterosexismus, Antiableismus, … nicht optional für feministische Bewegungen sind, sondern unverzichtbare Bestandteile. Ich glaube nicht, dass man immer alles gleichzeitig richtig machen kann, doch der springende Punkt ist, wie man mit Kritik umgeht. Doch wenn deine Vorstellung vom Umgang mit antirassistischer Kritik ist, sie abzutun, indem du Leute „sektiererisch“ nennst, indem du sie bezichtigst, zu ihrer eigenen Belustigung willkürliche Rassismusvorwürfe zu erheben, um dich zum Schweigen zu bringen (…weil PoC das unheimlichen Spaß macht, klar…), während du selbst in einer langen Tradition stehst, PoC und andere für Die Sache™ zu vereinnahmen und zum Schweigen zu bringen, und indem du feministische Aktivist_innen einteilst in ‚richtige‘ Feminist_innen (die sich ausschließlich um Geschlechtergerechtigkeit kümmern und daher vernünftig ihren Job machen) versus ‚manche Frauen‘ (die zum Beispiel antirassistische Kritik geäußert haben, weil sie als PoC diskriminiert werden oder als Allies ihre Solidarität bekunden möchten), dann ist dein Feminismus ganz bestimmt nicht meiner, und es könnte mir nicht gleichgültiger sein, dass du und ich ähnliche Erfahrungen in Bezug auf unser Geschlecht teilen. Offensichtlich teilen wir ansonsten nichts Bedeutendes – daher laufe ich lieber alleine.

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