Derzeit findet in Detmold der Prozess gegen die Geschwister der getöteten Arzu Özmen statt. Einiges an Öffentlichkeit begleitet den Fall, wie etwa Mahnwachen und Berichterstattung, wobei jedoch kulturalistische Erklärungsmuster die kriminelle Tat oft in die Nähe von nachvollziehbaren Sozialpraktiken rücken. Grotesk wird es zum Beispiel, wenn Gutachter das angebliche Mitverschulden des Opfers thematisieren dürfen: So beschrieb gestern ein Psychologe vorm Detmolder Gericht, gegen welche Regeln die 18-Jährige aus Sicht der jesidischen Familie verstoßen habe, und inwiefern sie für „Ehrverletzungen“ verantwortlich gemacht werden könne, die letzten Endes zum Mord führten. Unsere Gastautorin Sakine Subaşı-Piltz stützt sich in ihrem Text auf einen anders gelagerten Fall, und zwar den Mord an Hatun Sürücü – und thematisiert doch eine ähnliche Geschichte. Hatuns Fall und seine mediale Rezeption ermöglicht einige Detaileinblicke in destruktive Familienmuster und den gesellschaftlichen Umgang mit patriarchaler Brutalität, und er zeigt: die Frage nach der Gesamtsolidarität mit Opfern familiärer Gewalt und feministischer Behandlungsverantwortung bleibt.
Am 2. Februar lief eine Dokumentation über den Mordfall von Hatun Sürücü im öffentlich-rechtlichem Fernsehen, welcher auch mit der (a)moralischen Unterstützung von feministischen Organisationen wie „Terre des Femmes“ den Fall als „Ehrenmord“ der Muslime hochstilisiert hat. Bis heute, so wurde es auch im Film deutlich, ist es der Öffentlichkeit nicht gelungen eine differenzierte Analyse dieses Falles wahrzunehmen, was für viele Muslime dagegen offensichtlich Grund ist, zu diesem und anders gelagerten Fällen zu schweigen. Für die meisten Muslime ist der Fall Hatun Sürücü der Fall, der sie in der Öffentlichkeit entehrt hat, sie zu Mördern und Barbaren gemacht und sie gleichgesetzt hat mit den Komplizen eines Mordes, und das qua religiös-kulturellem Hintergrund.
Obgleich eine (feministische) Solidarität mit dem Opfer – ob jetzt aus „muslimischer“ oder einfach nur menschlicher Perspektive – notwendig ist, um sich auch vor andere potenzielle Opfer als Gesellschaft schützend zu stellen, ist es in Teilen auch nachvollziehbar, dass viele Muslime über dieses Thema nicht sprechen wollen – aber ist es richtig? Und was erzeugt diese Tabuisierung? Dieser Fall zeigt sehr deutlich, wozu öffentliche Diskurse in der Lage sind. Sie können Unrecht so kaschieren, dass die tatsächlichen Hintergründe einer Gewalttat trotz eines großen öffentlichen Interesses in den Hintergrund rücken. Mittäter und Mordmotive bleiben in der öffentlichen Meinung unberücksichtigt. Täter werden zu Opfern und der Islam wird immer wieder als Sündenbock geschlachtet, und in der Zwischenzeit erlebt der „Ehrenmord“ seine Blütezeit. Zynisch könnte frau weiter anmerken, dass jetzt auch andere außer Muslimen als „ehrenhaft“ gelten wollen – was auch immer das heißen mag.
So wurde vor ein paar Monaten Arzu Özmen, eine junge jesidische Frau, Opfer einer patriarchalischen Familientragödie. Wieder einmal soll es die Ehre gewesen sein. Auch in ihrem Fall werden patriarchalische Ehrvorstellungen von Einwander_innen gegenüber der aufgeklärten deutschen Kultur als die problematische Wurzel des Übels betrachtet, womit die Verantwortung, sich dem Problem zu stellen und es zu lösen, den Einwander_innen übergeben wird. Doch um welche Ehre geht es in diesen Fällen eigentlich? Und warum kann sich die deutsche Gesellschaft mit nur einem Begriff sich der Verantwortung gegenüber den Opfern entziehen?
Wenn ich anhand der Dokumentation über Hatun Sürücü den „Blick“ der deutschen Gesellschaft rekonstruiere, geht es um die Ehre von Mördern und Vergewaltigern, denen durch den Diskurs die Deutungshoheit über ihr Verbrechen ausgehändigt wird. Die Mörder und Vergewaltiger entscheiden, dass sie „ehrenhaft“ gehandelt hätten, im Falle Hatun Sürücüs sogar muslimisch, und der Diskurs übernimmt diese Deutung und transportiert sie sogar weiter, bis sie zum Teil zum Beispiel durch entsprechende Wikipedia-Artikel als objektive Wahrheit angesehen wird, die ihm von „ganz oben“ vorgegeben wurden. „Ja, es war ein Ehrenmord. Ich war damals regelrecht besessen“, sagt Hatuns Bruder und Mörder. Bourdieu schreibt, dass das Patriarchat seine Herrschaft im Grunde nicht begründen muss, weil es vorgibt, von Natur aus gegeben und nicht anzweifelbar zu sein. Der Mörder gibt vor, nicht aus subjektiven Gründen, möglicherweise sogar aus niederen Beweggründen seine eigene Schwester gemordet zu haben, sondern aus höheren Beweggründen. Er will festhalten, dass er (trotz allem) ein „guter“ Moslem ist. Und die Medien geben ihm und seiner Familie die Möglichkeit, sich vermeintlich als solche(r) zu produzieren. So darf auch ein anderer Bruder sich in der genannten Dokumentation in Szene setzen, der den Mord an seiner Schwester mit dem Islam legitimiert. Mit dem Bart des Propheten, stilisiert er sich bereits äußerlich als frommen Muslimen, der in dieser Dokumentation und mit den Inhalten, die er vertritt, bestens in das vorgefertigte Muslim-Bild, dass all die Jahre durch Osama Bin Laden und die Islamismusdebatte konstruiert wurde, passt. Schließlich sagt er, dass seine Schwester in einem islamischen Land ohnehin die die Todesstrafe bekommen hätte und bezieht sich selbst auf ein patriarchales und faschistoides Islamverständnis, das in den deutschen Medien ohnehin immer wieder vermeintlich als einzige Form des „authentischen“ Islam konstruiert wird.
Dieser Film, der Teil des öffentlichen Diskurses ist, in dem solchen Aussagen ein Forum geboten wird, entwickelt einen bestimmten Subtext: Der Subtext an muslimische Frauen sagt aus, dass sie vom Islam und Muslimen unterdrückt werden. Eine Emanzipation muss daher einhergehen mit einer Abkehr von der Religion und hat nichts mit den strukturellen Bedingungen zu tun, die in der deutschen Gesellschaft bestehen. Schließlich wird die deutsche (christlich geprägte) Gesellschaft dagegen als fortschrittlich und frauenfreundlich dargestellt, womit hier auch ein Assmilationsaufruf getätigt wird. Frauen, die Muslim_innen bleiben, werden in diesem Bild automatisch dem Unterdrückertum zugeordnet, wobei sie auch immer Opfer bleiben. Schließlich wird Problemen ein Analyseschema vorgegeben, der vermutlich in Fällen von sexistischer oder sexualisierter Gewalt im Familienkontext von sozialwissenschaftlich uninformierten Frauen auch als solche herangezogen wird.
Doch ist das, abgesehen vom rassistischen Unterton dieses Diskurses, denn hilfreich im Sinne feministischer Arbeit? Könnten wir sagen, dass die Mittel den Zweck heiligen, selbst wenn sie eben rassistisch sind? Ist es hilfreich, dass Frauen in Fällen, in denen sie sexualisierte und sexistische Gewalt erleben, durch den öffentlichen Diskurs annehmen müssen, dass sie in ihrer Familie ohnehin kein Verständnis für sich erwarten dürfen, weil sie Muslime sind? Ist es hilfreich, dass Frauen denken müssen, dass sie gegen ihren Glauben verstoßen, wenn sie sich aus patriarchalischer Gewalt befreien? Ist es hilfreich, dass sie annehmen müssen, dass ihre Familie, egal welche Erfahrungen sie mit ihnen bisher in ihrem Leben hatten, versteckte Mörder sind?
Der Subtext an die muslimischen Männer verhält sich ähnlich und erzeugt ebenfalls diffuse Botschaften. Sollten sich jetzt etwa alle muslimischen Männer, die ihre Frauen, Schwestern oder Töchter nicht vergewaltigt und umgebracht haben, schämen? Oder sind sie schon keine Muslime mehr? Denn einer der Brüder hat Hatun Sürücü drei Jahre zuvor sexuell missbraucht, so hat es eine Freundin Hatuns im Prozess ausgesagt. Die Dokumentation gibt keinen Hinweis darauf -auch nicht darauf, dass Vergewaltigungen innerhalb einer Familie immer sehr prekäre Fälle sind, und dass diese auch zu Sexualmorden führen können. In solchen Fällen vermischen sich vermutlich die Gefühle von krankhafter Machtgier, die im Falle von Hatun Sürücü durchaus patriarchalisch konnotiert sein können – und insgesamt scheinen hier die massiven Dysfunktionen eines Familiengefüges durch, die durch eine kulturalistisch geführte Metadiskussion unmöglich genauer untersucht und analyisert werden können. Vermutlich war die Tatsache, dass Hatun auf eigenen Füßen stand und selbstbestimmt lebte, für die Brüder, die nicht so viel erreicht hatten, ein Dorn im Auge. Vielleicht war ihre Lebensweise ein Grund für ihre Eifersucht und den Neid, die einhergingen mit Gefühlen des Machtverlusts. Die Macht des Patriarchats ist in einer Gesellschaft, in der muslimische Männer stark ausgegrenzt werden und beispielsweise von Arbeitslosigkeit stark betroffen sind, für einige die einzige Form der Anerkennung bedeuten, die sie deshalb auch erhalten möchten. So sagt der Mörder in der Dokumentation aus, dass er seinen ersten deutschen Freund im Gefängnis kennen gelernt habe, was hier einen Hinweis auf seine Ausgrenzung darstellt. Unter diesen Vorausetzungen war vielleicht eine starke Anbindung an die als eigene Gruppe empfundene gewachsen, wobei eine Art „Muslimisierung“ stattfindet.
Wissen und Unwissen über den Islam, Abgrenzungsbedürfnisse, die Suche nach eigenem individuellem Entfaltungsraum, so wie die Tatsache, dass solchen Aussagen ein Forum geboten wird, produzieren gemeinsam muslimische Identitäten, die je nach gesellschaftlicher Position und individuellen Dispositionen verschieden ausfallen können. Die Scham über die Vergewaltigung innerhalb der eigenen Familie, wie auch die Angst darüber, dass andere davon erfahren könnten, vor denen sie als fromme Muslime gelten wollten, könnten in diesem Fall schon der Auslöser für die gemeinsame Entscheidung der Familie gewesen sein. Die Entscheidung, ihre muslimische Identität, die einzige, die ihnen auch in der deutschen Gesellschaft gegeben wird, zu bewahren und diejenige, die potenziell diese Identität durch ihr Wissen in Gefahr bringen konnte und ihnen schon durch ihre Präsenz immer wieder die Scham vor Augen hielt, für immer zum Schweigen zu bringen.
(Gefürchteter) Tabubruch als Mordmotiv? Dafür sprechen einige Tatsachen. So auch die, dass Hatun beispielsweise nicht direkt nach ihrer Trennung umgebracht wurde, nachdem sie zu ihrem Freund gezogen ist und mit dem sogar eine Weile unverheiratet zusammengelebt habe. So lässt es jedenfalls die Dokumenttion verlauten. Die Familie, so sagt es der Bruder in dem Film, wollte lediglich keinen Kontakt zu ihr, woran sich Hatun aber nicht hielt.
Diese feministische Analyse beruht auf Daten, die in den Medien zugänglich sind. Ich habe lediglich versucht, die kulturalistischen Interpretationen aus der Berichterstattung herauszunehmen. Deswegen kann ich hier auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit erheben. Dafür müsste ich im engsten Umfeld von Hatun Sürücü recherchieren und die polizeilichen Ermittlungsakten einsehen. Doch trotz der Defizite in der Informationsbeschaffung, ist es möglich eine feministische Analyse auf den Daten der medialen Berichterstattung durchzuführen, ohne den „Ehrenmord“-Diskurs zu (re-)produzieren. Daher ist es erstaunlich, dass feministische Organisationen statt feministischer Analysen, rassistische Politiken gegen Muslime unterstützen, indem sie nach wie vor ein kulturalistisches Motiv (in der Wanderausstellung von „Terre des Femmes“ auch „Tatmotiv Ehre“ genannt) als Ursache dieses Mordes deklarieren. Dies hat leider auch den Nebeneffekt, dass sexistische Diskriminierung innerhalb der deutschen (und nicht nur muslimischen) Gesamtgesellschaft tabuisiert wird und somit auch politische Kämpfe gegen Sexismus heute von Feministinnen und Frauenministerinnen ad absurdum geführt werden, weil sie auch von ihnen als unnötig beschrieben werden.
Indem sie eine rhetorische Gleichheit zwischen den Geschlechtern unter Deutschen herstellen (beispielsweise durch die Polarisierung „emanzipierte Deutsche“ gegen „sexistische Muslime“), werden Kämpfe für Lohn- und Chancengleichheit für alle Frauen massiv erschwert und zum Teil eben auch strukturell durch Frauen verhindert, die erst durch feministische Errungenschaften in entsprechende Schlüsselpositionen gekommen sind. Daher stellt sich hier auch die Frage, was mit dem deutschen Feminismus passiert ist. Sind einige Feministinnen einfach nur alt und reaktionär geworden, oder sind sie bewusst eine Koalition mit dem Patriarchat des weißen, christlich geprägten Mannes eingegangen, um wenigstens mit nach unten treten zu dürfen – wenn sie schon trotz ihrer Qualifikationen immer noch „ für Frauen“ sprechen müssen und dabei auf das weibliche Geschlecht reduziert werden, während das Männliche auch hier die Norm, das Unmarkierte bleibt?

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