Liebe LeserInnen, dies ist eine freundliche Übernahme: Weil Mutti Erna momentan viel Stress und wenig Zeit zum Bloggen hat, übernehme ich diese Ausgabe unserer Serie „Mutti-Blog“. Ich habe nämlich auch ein Mutti-Thema, das mich seit Samstag beschäftigt:
Am Freitag besuchte ich die Tagung “Deutschland sucht den „Super-Papa“. Impulse für eine moderne Väterpolitik“ in Köln, wo ich auf dem Eröffnungspanel zusammen mit Thomas Gesterkamp und Sven Lehmann über Männlichkeiten, Väter und Feminismus diskutierte. Als ich am Samstag daraufhin in meinen Twitter-Account schaute, erblickte ich einen Tweet, an mich gerichtet, mit folgendem Inhalt: „@DieKadda: Wir Frauen sollten stolz auf unsere exklusive generative Kompetenz sein. Schluss mit der Entwertung genuin weiblicher Leistungen.“ Dieser Tweet beschäftigte meine Gedanken für die Einschlafphasen der letzten zwei Nächte und ich muss einfach etwas dazu sagen.

Als erstes las ich diesen Tweet meinem Mann vor und fragte ihn, was er dazu meine. „Wahrscheinlich will sie dir damit sagen, dass du stolz auf deine Gebärfähigkeit sein sollst.“ Für mich ist das aber etwa so absurd, wie stolz darauf zu sein, Deutsche zu sein. Zu meiner Gebärfähigkeit habe ich nämlich nichts beigetragen. Sie wurde mir in die Wiege gelegt. Ausgesucht habe ich sie mir nicht. Mein Mann fand den Vergleich seltsam und fand, dass es schon etwas anderes sei, als stolz darauf zu sein, Deutscher zu sein. Immerhin sei Schwangerschaft und Gebären ja auch eine Leistung. Also drehte ich die Gedanken weiter, um dem Grund näher zu kommen, warum ich finde, dass ich auf meine „exklusive generative Kompetenz“ nicht stolz sein kann. Ich landete bei der Kuh auf der Weide: Auch sie hat diese „exklusive Kompetenz“ und kommt aber nicht nur, weil sie eine Kuh ist, nicht auf die Idee, stolz darauf zu sein. Sie macht das eben, weil das die Natur sich so ausgedacht hat. Niemand bewundert sie groß dafür. Sie wird statt dessen noch ausgebeutet und gibt uns ihre – eigentlich exklusiv dem Kälbchen zustehende – Milch ab.
Aber auch der Vergleich mit einer Milchkuh wird vielen Frauen nicht schmecken. Also versuche ich das Thema noch einmal intellektuell aufzubereiten, vielleicht hilft uns das: Philosophen und Wissenschaftler, wie z.B. auch der Forscher Walter Hollstein, sehen in dieser „genuin weiblichen Leistung“ des Gebärens einen Affront gegen männliche Leistungen. Was tragen diese schon bei? Die Frau mit ihrer Gebärfähigkeit verkörpert in der Menschheitsgeschichte in vielen Kulturen und Völkern die Natur schlechthin. Der Mann ist dagegen nur ein kleines Instrumentchen, das dieser Natur dient und ihr hilft, ihre schöpferische Arbeit und Leistung zu vollbringen. Diese Überhöhung von Weiblichkeit, so die Theorie, hat den Mann in eine Sinnkrise gestürzt und ihn dazu veranlasst, die Natur und die Weiblichkeit zu entwerten. Er schaffte die Kultur als Gegenmodell und setzte sich als ihr Schöpfer auf den Thron. In der Psychoanalyse ist das, was die Männer da geritten hat auch bekannt als „Gebärneid“.
Man kann nun meinen, ich übertreibe. Die Sache mit dem Gebärneid sei sowieso sehr fraglich und was hat das eigentlich mit der genuin weiblichen Kompetenz zu tun? Meiner Meinung nach sehr viel. Dass Väter bis heute oft durch Abwesenheit glänzen, weil ihnen schaffe‘ und Häusle bauen mehr liegt, als Kinderbespaßung – oder sie und ihre Frauen das zumindest glauben. Wenn Frauen viele Jahre aus ihrem Beruf aussteigen, weil sie meinen, die Kinder betreuen, da hätten sie eine exklusive Kompetenz. Wenn Richter_innen das Sorgerecht oftmals ohne Rücksicht auf die Situation im Einzelfall aus einem Glauben an exklusiv weibliche Fähigkeiten nur der Mutter zusprechen und dem Vater seine Kinder entziehen. All solche Irrwege werden eingeschlagen, wenn Männer und Frauen daran glauben, dass Frauen neben dem Gebären und Stillen irgend etwas „exklusiv“ könnte. Jede Kuh auf der Weide gebirt mit einer Selbstverständlichkeit und fast jede Minute gebirt in Deutschland eine Frau ein Kind – das ist zwar jedesmal subjektiv empfunden ein kleines Wunderich (ich kenne das Gefühl), aber aus der Vogelperspektive gesehen ist es eben „einfach nur der Gang des Lebens“. Wo ist da die große Kompetenz, auf die ich stolz sein können soll – ja sogar muss?
Nein, das mit der Kompetenz, die riesige Verantwortung, die beginnt erst nach den Presswehen: ein Kind versorgen, ihm Halt, Mut, Kraft, Liebe und Geborgenheit geben. Ihm dabei helfen ein sich selbst kennendes, selbst schätzendes und selbstständiges Indivuduum zu werden – das sind die wahren Leistungen und Kompetenzen. Und vielmehr noch: Sich selbst dabei nicht verlieren und die eigenen Grenzen nicht vergessen, authentisch bleiben. Nur – und das schmeckt eben diesen Weiblichkeits-Lobhudler_innen nicht: Das sind Kompetenzen, die Eltern of all three sexes haben – oder nicht. Das sind Kompetenzen und Leistungen, auf die zunehmend viele Väter stolz sind. Das kann, darf und muss man so sagen – ohne dabei auch nur im Geringsten Weiblichkeit zu entwerten.
Oder wie seht ihr das?

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