Was Hillary Clintons Gesundheitszustand mit deinen Krankentagen zu tun hat

von Charlott

Sonntag. Es ist warm in New York. Hillary Clinton befindet sich auf einer Gedenkveranstaltung zum 11. September. Sie verlässt diese frühzeitig. Wenige Zeit später ist überall ein Video zu sehen, wie Clinton kurz vorm Einsteigen in ein Auto zusammen sackt und gestützt wird. Eien Frage, die unverholen in den Raum geworfen wird: Kann Clinton überhaupt Präsidentin werden, wenn sie doch so offensichtlich (gesundheitliche) Schwäche zeigt?

Hillary Clintons Gesundheitszustand ist nicht erst seit Samstag Thema, bereits seit längerem brodelt die Gerüchteküche ihrer politischen Gegner_innen und Diagnose nach Diagnose wird in den Topf geworfen. Die Episode am Wochenende aber ließ diese Debatten erneut aufflammen – nicht nur auf rechten Nischen-Blogs oder einer neuen Trump-Rede, sondern unter einem weit verbreiteten Hashtag und in den landesweiten Tagesmedien. Auch deutschsprachige Medien halten nicht zurück, berichten von einem „Malheur“ und finden die Spekulationen verständlich, da es in New York warm aber doch nicht „tropisch heiß“ gewesen wäre.

Eine Frage, die nicht gestellt wird: Warum ist der Gesundheitszustand überhaupt so ein Politikum? Die Antwort auf diese Frage nämlich betrifft bei weitem nicht nur eine Hillary Clinton oder andere Politiker_innen, die sich auf Machtpositionen bewerben, sondern rüttelt an grundsätzlichen Vorstellungen. Eine Antwort auf diese Frage könnte auch den Blick dafür öffnen, dass während viele Menschen voller Verve darüber diskutieren, wie krank der Körper von Politiker_innen sein darf, bei anderen Menschen an der Seitenlinie sich die Bauchschmerzen verstärken (oder auch Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, das Schwindelgefühl).

Präsident_innen sollen ein Land führen und gleichzeitig repräsentieren – nach innen und nach außen. Eigenschaften, die dafür als positiv besetzt gelten: durchsetzungsstark, viril, kraftvoll, leistungsfähig, jederzeit einsatzbereit. Das alles ist schon besonders schwer zu verkörpern für Frauen, ein gesunder Körper aber (und was genau gesund ist, wäre einen weiteren Artikel wert) ist in jedem Fall dafür Voraussetzung. Gesund sein wird gleichgesetzt mit Leistungsfähigkeit; Leistungsfähigkeit (zu dem noch oft gleichgesetzt mit Leistungswillen) ist eine Grundqualifikation. Und das gilt eben bei weitem nicht nur für Präsidentschaftskandidat_innen, sondern zum Beispiel auch für Arbeitnehmer_innen, die nicht zu viele Krankentage nehmen wollen oder Menschen mit Kinderwunsch und körperlichen Einschränkungen, denen nahe gelegt wird keine Kinder zu bekommen, da sie als „zu schwach“, „zu anfällig“ wahrgenommen werden. Ohne gesunden Körper lässt sich so ein Wettlauf in unserer Leistungsgesellschaft kaum (langfristig) gewinnen.

Diese Prämissen sind so fest etabliert, dass eben die Frage danach, ob der Gesundheitsstatus einer Präsidentschaftskandidatin genutzt werden sollte, um über ihre Fähigkeit das Amt auszuüben zu diskutieren, gar nicht erst gestellt wird und weiterreichende Fragen, wie jene danach, was überhaupt wünschenswerte Eigenschaften sind und wodran Leistung fest gemacht wird, noch viel weniger. (Und auch Clintons Kampagne wirft diese Fragen nicht wirklich auf, sondern Clinton zeigt sich stattdessen schnellstmöglichst wieder fröhlich in der Öffentlichkeit und macht deutlich, dass es ihr blendend geht.)

Die Debatte macht wieder einmal deutlich, gesunde Körper sind die anzustrebende Norm (was um so absurder scheint, um so länger eine_r darüber nachdenkt, könnte doch jede Person jederzeit erkranken, egal was healthy lifestyle Gurus uns versuchen weiszumachen). Gesunde Körper sind nicht nur gesund, sondern gelten als fähig und gut. Die neoliberale Leistungsgesellschaft hingegen muss sich mal wieder keine unbequemen Fragen stellen lassen.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 13. September 2016 um 16:46 Uhr unter Körper, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. Lukas sagt:

    Das führt dann dazu, das Politiker ihre Krankheiten lieber geheim halten solange es geht. Krank sein kann man sich im Wahlkampf und als Präsidentschaftskandidat nicht leisten. Traurig das die selbe These bei Hillarys Konkurrenten Trump nicht gilt, obwohl man bei dem eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung vermuten könnte und so gut wie jeder seiner Aussage darauf schließen lässt das irgendetwas mit seiner geistigen Gesundheit nicht stimmt, ist das kein Thema. Er darf fröhlich weiter hetzen ohne Sinn und Verstand.

    Egal ob Merkel oder Hillary: Bei Frauen werden hier ganz offensichtlich andere Maßstäbe angesetzt, wenn es darum geht ob sie in der Lage sind ein hohes Amt zu bekleiden. Ja, vielleicht ist Fr Clinton krank und hat gerade eine Erkältung, einen Husten oder was auch immer. Aber selbst eine totkranke Clinton würde ich einem kerngesunden Trump zu jeder Zeit vorziehen. Denn der sorgt nur dafür, das es ganz schnell ganz vielen Leuten schlecht ergehen wird.

  2. Mona sagt:

    Hillary, die Russen haben soeben begonnen, New York zu bombardieren. Wie sollen wir reagieren? Ach lasst mich in Ruhe, ich habe Migräne.

    So ganz unbegründet ist es nicht, physische Fitness für bestimmte Posten einzufordern.

  3. Stephan sagt:

    Mir fiel dazu spotan Roosevelt ein. Er war nach Kinderlähmung teilweise gelähmt und konnte nur mit Stock gehen. Zumindest zeitweise war er auf einen Rollstuhl angewieen. Trotzdem wurde er 1933 zum Präsidenten gewählt und war sicher nicht der schlechteste in der Geschichte der USA.

  4. Schorschina sagt:

    Wären die USA in einem System für sich, würde ich dir recht geben: Man sollte über Körpernormen auch bei der Präsidentin nachdenken. Aber die USA befinden sich – wie alle Länder – in einem globalen Wettbewerb. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine nicht normgesunde Anführerin des Landes in irgendeiner Weise schlechter performt als ihr normgesunder Competitor wird vom Volk als höher empfunden – und, evolutionär geschliffen, vermutlich zurecht. Deshalb ist der Gesundheitszustand ein Politikum: Das Volk braucht Fähigkeitskriterien, um sinnvoll zu wählen.

  5. Mate K sagt:

    „Diese Prämissen sind so fest etabliert, dass eben die Frage danach, ob der Gesundheitsstatus einer Präsidentschaftskandidatin genutzt werden sollte, um über ihre Fähigkeit das Amt auszuüben zu diskutieren, gar nicht erst gestellt wird.“

    In jedem Job wäre es (in der Theorie, die Leistungsgesellschaft lässt das natürlich in der Regel nicht zu) möglich, dass man sich zurücknimmt, etwas kürzer tritt, sich Luft verschafft, wenn man das Gefühl hat, dass der Job die eigene Gesundheit zu sehr beansprucht. Eine Präsidentin wird das nie können. Deswegen wird die Frage nicht gestellt. Die Präsidentschaft ist kein Job wie jeder andere. Das ist ein absolut außergewöhnlicher Job, und er bringt Anforderungen mit sich, die leider einfach nicht zu verhandeln sind. Wenn man schon durch die Natur des Jobs nur wählen kann zwischen „24/7 Einsatz“ und „den Beruf nicht ausüben“, dann hängt der Gesundheitszustand unmittelbar und unabänderlich mit der Fähigkeit zur Ausübung des Amtes zusammen.

    Kurzum: Bei den meisten anderen Jobs fände ich die Fragen, die in diesem Beitrag aufgeworfen werden, interessant, und könnte die darauf gerichtete Kritik nachvollziehen. Hier jedoch nicht.

  6. Lea sagt:

    „Eine Frage, die nicht gestellt wird: Warum ist der Gesundheitszustand überhaupt so ein Politikum?“ – Sorry, aber sowohl im Morgenmagazin von ARD/ZDF als auch im Deutschlandfunk ist genau diese Frage gestellt und – ganz ähnlich wie von Dir – beantwortet worden.
    Keine Ahnung, ob diese Beiträge im Netz noch zu finden sind, aber wenn ich gesundheitszustand clinton politikum bei Google eingebe, erhalte ich auch eine ganze Menge Treffer – u. a. von Spiegel Online („Hillary Clinton: Gesundheit wird zum Politikum“), dem Bonner General-Anzeiger („Wie Clintons Gesundheit zum Politikum wurde“), von Süddeutsche.de („Wie Spitzenpolitiker ihre Gebrechen verbergen“) oder auch der Berliner Zeitung („Hillary Clintons Gesundheitszustand wird nach Schwächeanfall zum Politikum“).
    Auf sueddeutsche.de kann man im Artikel beispielsweise lesen, wie die Gesundheit von Spitzenpolitikern (leider werden hier fats nur Männer erwähnt) immer wieder zum Politikum wird. Es wird sogar kurz darauf eingegangen, dass es ja auch Politiker_innen im Rollstuhl gibt (Dreyer, Schäuble, …).

  7. Charlott sagt:

    @Lukas:
    Zu deinem ersten Teil: Gesundheitsspekulationen vs. Gesundheitsspekulationen sind glaube ich nicht sehr zielführend. Trumps politische Inhalte sprechen ja genug gegen ihn. Aber ja zu der durchaus auch gegenderten Wahrnehmung, wobei das schon auch sehr komplex ist. (Aber natürlich wurde beispielsweise McCain als Überlebender und Kriegsveteran gefeiert, Roosevelt saß im Rollstuhl (wie Stephan anmerkte) etc.)

    @Mona:
    Von allem abgesehen (und auf andere Aspekte gehe ich gleich in Antworten weiter unten ein), die 100%-e Garantie, dass eine Person „im Ernstfall“ physisch und psychisch fit ist, ist so oder so eine Fiktion. Um auf Fälle vorbereitet zu sein, in dem eine Entscheidungstragende Person bestimmte Aufgaben nicht wahrnehmen kann, gibt es aus diesem Grund ja auch bereits häufig Stellvertreter_innen-Positionen. Statt (reißerische) Horrorszenarien zu entwerfen, könnte natürlich auch einfach überlegt werden, wie Strukturen weiter verändert werden könnte, dass Ausfälle gut und sicher kompensiert werden können und Räume (wie beispielsweise Politik) wirklich inklusiv funktionieren.

    @Schorschina: „Anführerin“? „evolutionär geschliffen“? „das Volk“? Wirklich? Ich möchte solche Konzepte doch eher hinterfragen als mit denen irgendwelche eh schon diskriminierenden Thesen zu stärken. Und die Frage bleibt halt auch: Was ist „schlechter performt“?

    @Mate K:
    Siehe meine Antwort an Mona. Nicht umsonst gibt es häufig keine Ein-Personen-Regierungen. Und die „Natur des Jobs“ könnte eine_r ja auch mal gleich mit hinterfragen. Das war einer meiner Gedanken hinter dem Text. (Davon abgesehen gab es auch durchaus Präsidenten (maskuline Form beabsichtigt), die körperliche Beeinträchtigungen hatten. (Wobei ich jetzt keine Debatte anfangen möchte, welche Krankheiten oder Behinderungen noch als leistungsfähig genug gesehen werden und welche Ausschlusskriterium sind – das ist alles Teil des Problems.)) Und Präsident_in btw ist kein „Job wie jeder andere“, es geht auch um Repräsentation. Ich würde gern mal von einer kranken Person repräsentiert werden (wenn wir schon das System an sich nie in Frage stellen).

    @Lea
    Morgenmagzin gucke ich nicht, Deutschlandfunk habe ich auch nicht gehört. Wenn es dort kritische Beiträge gab um so besser. Falls es was verlinkenswertes gibt, kann dies gern verlinkt werden. Ich selbst habe eine ganze Reihe von Texten gelesen (allein die 7 odr 8 Texte, die SPON zu dem Thema verfassen musste), auch solche in denen „Politikum“ im Titel vorkam. Kritiken die wirklich bei den grundlegenden Strukturen ansetzen habe ich vermisst.

    @all Die Kommentarrichtung bestättigt auch prinzipiell, warum ich diesen Text schrieb. Es ist schon sehr deutlich, wie schnell die Reflexe da sind Ableismus (und das ist es ja, wodrum es im Grunde geht) zu verteidigen und allerlei Begründungen zu finden, die diesen rechtfertigen (mindestens in diesem Fall!!einself!). Solche Debatten bleiben schon ein klares Zeichen für Menschen mit Krankheiten – auch wenn diese nicht gerade Präsident_innen werden wollen. Ich würde mich stattdessen ja viel lieber weiter hinterfragen, was wir als Leistung anerkennen, warum Leistung überhaupt wichtig ist, wie politische Strukturen (aber auch nicht nur diese) wirklich inklusiv funktionieren können, welchen Stellenwert Empathie und Einfühlungsvermögen haben sollten etc… Und ein Problem übrigens auch, was sich darauß ergibt immer weiter zu behaupten, dass nur „gesund“ „gut“ sein kann, ist auch, dass viele Personen lange verbergen, wie es ihnen wirklich geht, zum Teil mit noch schlimmeren Langzeitfolgen, aber auch ohne diese: Ich würde gern in einer Gesellschaft leben in der das nicht nötig ist.

  8. Susann sagt:

    Natürlich ist es besser, angenehmer, erfreulicher, gesund zu sein als krank zu sein. Und als eine, die eher anfällig für Infekte ist, garantiere ich Euch auch, dass man gesund leistungsfähiger ist als krank. Damit hat die neoliberale Leistungsgesellschaft erst mal nichts zu tun.

    Die Frage ist: welchen Raum darf Krankheit einnehmen, welchen Schonraum gibt es? Und da liegt Einiges im Argen, das beginnt bei Kleinkindern, die krank in der Kita abgegeben werden, weil die Eltern arbeiten müssen und sie nicht selbst betreuen können, und hört dort lange noch nicht auf.

    Zu Clinton – die arme Frau kann nur verlieren. Verschweigt sie ihre Krankheit, ist das Wasser auf die Mühlen derer, die sie für eine Lügnerin halten. Plus sie gilt als schwächlich, ergo ungeeignet.
    Steht sie zu ihrer Krankheit, gilt sie als schwächlich, ergo ungeeignet. Höchst unglückselige Situation.

  9. Luna sagt:

    Gabs auch in Österreich mit der Gesundheitsministerin, da hatte die Frau Oberhauser Unterleibskrebs und ein paar gehässige Stimmen meinten, sie wäre kein gutes Beispiel für gesundes Leben, auch wegen ihrer Statur.
    Ebenso gerade wegen der Bundespräsidentenwahl: die FPÖ setzte das hässliche Gerücht in den Umlauf, Van der Bellen hätte Krebs, er hat dann darauf reagiert und seinen Gesundheitsbericht öffentlich gemacht.
    Zudem ist er noch Raucher – in einer Welt voller Gesundheitsdogmen und -mythen ist das bei manchen auch noch eine Provokation.
    Der Kandidat von der FPÖ übrigens geht am Stock nach einem Unfall. Ist also auch nicht „pumperlg’sund“.
    Aber hetzen geht ja immer -.-