Was hat die Sexismus-Debatte gebracht?

von Sabine

Das wollte Sandra Maischberger gestern Abend von ihren Gästen nicht wissen. Reingelegt. Die Dramaturgie lag in der Auswahl. Allerdings gab es trotzdem einen Höhepunkt. Nämlich die Analysen und Interventionen von Anna-Katharina Meßmer.

Zu den Menschen bei Maischberger: Da war der Schauspieler Heiner Lauterbach, der außer seinem ehemals Macho-Dasein nicht viel zur Debatte beizutragen hatte. Breitbeinig, Arme ausgeweitet, saß er da auf seinem Sessel und sonnte sich im Status des geläuterten Paulus. Man bekam das Gefühl, dass er die inhaltliche Leere mit körperlicher Präsenz füllen wollte.

Dann war da noch Spiegel-Journalist Jan Fleischhauer, der, seitdem er einen Kollegen um eine statistische Auswertung des Hashtags #Aufschrei auf Twitter gebeten hat, in Talkshows gerne erzählt, es handle sich bei der Sexismus-Debatte nicht um einen Sturm, sondern um ein Stürmchen. Oft überfällt eine das Gefühl, dass dieser weiße, privilegierte Mann sich selbst zu den Talkshows einlädt, aber auch dass er seine Nische gefunden hat. Experte für Sexismus- und Rassismus-Debatten.

Gegenüber sitzt Birgit Kelle, die konservative Journalistin, die sich unentwegt um die Geschichten der Männer sorgt. Etwa wenn sich eine Sekretärin einfach auf den Schoß ihres Chefs setzt: Wo soll er, der Chef, mit seinen Händen hin? Joa mei. Und was die Frauen betrifft, macht einfach die Bluse zu. Ihr Hauptproblem sind Flirts. Sie befürchtet, dass durch diese Debatte die Männer nicht mehr mit Frauen flirten. Die Logik dahinter, sexy und Sexismus sind ein und dieselbe Medaille.

Da passte die Femen-Aktivistin Klara Martens mit ihrer Natürlichkeit super in die Runde. Femen reißen die Blusen nämlich auf und zeigen ihre Brüste. Gegen das Patriarchat, Prostitution und den Islam ähm, die Religion. Also eine zweite Emma-Auflage nur in nackt.

„Die Mutter des deutschen Feminismus“ (Zitat: Sandra Maischberger), Alice Schwarzer, findet Femen toll und streichelt Martens bestärkend über den Arm als sie spricht. Und sowieso, schien Schwarzer eigentlich am besten gelaunt. Ihre Rolle als die Vorzeige-Feministin ist in den Mainstream-Medien kaum mehr wegzudenken, so dass Sandra Maischberger fragt, braucht es neben Alice Schwarzer noch eine weitere radikale Feministin? Die Frage geht an Martens, leider nicht mehr an Meßmer, sie sitzt wieder im Publikum.

Das ist schade, denn sie war mit Abstand diejenige, die eine Differenzierung lieferte und eine kritische Bilanz aus der Sexismus-Debatte zog. Ihr fehlte das Gegenüber. Nein, wir drehen uns nicht im Kreis, was die Debatte beträfe, aber es zeige sich eine Ambivalenz in der Rezeption. In den klassischen Medien würde oftmals mit Sterotypen zum Geschlechterkampf aufgerufen: Frauen gegen Männer. Als Beispiel nennt sie etwa das Fernsehen und die Talkshow selbst. Wo Männer(tm) und Frauen(tm) sogar im Publikum getrennt voneinander säßen. Darum gehe es aber nicht, sondern vielmehr um die Diskriminierungserfahrungen von Betroffenen und eine Sensibilisierung für das Thema, weil es nach wie vor relevant ist. In den Zeitungen und vor allem im Netz, in den Blogs zeige sich ein anderes Bild, wo über parteipolitische Grenzen, Generationen hinweg diskutiert, analysiert und Geschichten sichtbar wurden. Ähnliche wie etwa die sexistischen Erfahrungen, die auch Birgit Schrowange beim Berufseinstieg vor etwa dreißig Jahren als Fernsehansagerin beim ZDF gemacht habe. Da wurde es spannend.

Zu diesem Zeitpunkt meldet sich Jan Fleischhauer wieder zu Wort. Und als er das Weiterleben der schwarz-gelben Koalition als ein Ergebnis dieser Sexismus-Debatte nennt, waren wir wieder dort angelangt, was Meßmer kurz zuvor als Derailing bezeichnete, das Ablenken vom Thema. Sie fragt ihn direkt: „Merken Sie was sie gerade machen? Sie lenken vom Thema ab“.

Die Debatte geht weiter, weg vom Generalverdacht, aber sie verlief sich bei Maischberger in Banalitäten und Fragen des Flirts. „Es geht um Macht, es geht um Macht“, ruft Schrowange noch. Richtig. Aber schon wenige Sekunden später musste auch die Frage gestellt werden, what about the men? Sexismus ist immer eine Machtfrage und zeigt Hierarchien auf. Gerade dann wird es auch mit dem Wehren oder den schlagfertigen Sprüchen schwierig. Es sind einzelne Geschichten, aber alle weisen auf ein kollektives Problem/Phänomen hin, wie Meßmer sagt. Sie haben wenig mit Flirts zu tun.

Was bleibt nach dieser Parodie? Es ist ein schaler Nachgeschmack und die Platzanweisung: hier wird nicht über Sexismus geredet, analysiert, Lösungen angesprochen. Es wird romantisiert, bagatellisiert und ohne Kenntnis baldowert. Lauterbachs Haltung zu den armen Männern, die keine sexuellen Kontakte bekämen und deshalb Bordelle aufsuchen müssten, den Terror, den Frauen in Beziehungen ausüben (Fleischhauer), die vermeintlichen Dating-Regeln in den USA sind nur Beispiele dieser ziellosen anekdotischen Evidenzen.

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten versagen wieder in ihrem Auftrag und verweigern eine Debatte über den Heterosexismus in dieser Gesellschaft. Sie sind in diesen Momenten die Glotze, die peinlich berührt.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 17. April 2013 um 14:35 Uhr unter Medienkritik, Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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3 Kommentare

  1. Die FAZ ist der Auffassung, dass Maischberger alles richtig gemacht hat. Ich selbst stimme eher der hier von Sabine vertretenen Ansicht zu. Das habe ich auf meinem Blog im Anschluss an die sogenannte Debatte hier gesagt: http://anschluss-berlin.de/fressehalten/

    Herzliche Grüße und weiter so!

    Christoph Knappe

  2. Geli sagt:

    Hallo Sabine,
    vielen Dank für Deinen Artikel. Ich finde deinen Artikel sehr spannend und stimme Dir in Deiner Gesamtbewertung der Maischberger-Show zu. Immer, wenn ein reales gesellschaftliches Problem, wie zum Beispiel Sexismus, in der Öffentlichkeit diskutiert wird und sich viele Menschen ernsthaft Gedanken machen, Mut entwickeln, zu sprechen, gibt es anschließen 2 oder 3 oder 5 „Talkshows“, in denen das Thema zerredet, relativiert, belächelt, vernebelt wird, bis fast nichts mehr übrig bleibt. Das ist und hat in den „Mainstream-Medien“ Methode. Eine Anmerkung noch auf die Schnelle … Alice Schwarzer ist mit Sicherheit nicht die „Mutter“ der Frauenbewegung in Deutschland. Dazu wird sie hoch stilisiert, weil sie seit vielen Jahrzehnten im Mainstream mitschwimmt … da gibt es Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Louise Otto-Peters und Hunderte anderer Frauen, da gibt es den Putzfrauenstreik im Ruhrgebiet vor einigen Jahrzehnten und Vieles mehr. Wer einerseits gegen Pornografie und Sexismus kämpft, und andererseits für die Bild-Zeitung oder Angel Merkel Werbung macht, der hat ein beachtliches Glaubwürdigkeitsproblem.
    Viele Grüße
    Geli/Courage Mannheim

  3. Sabine sagt:

    Hallo Geli,

    vielen Dank für Deine Anmerkung +Hinweise! Eigentlich meinte ich genau das was Du schreibst nämlich, dass Alice Schwarzer zur „Mutter des Feminismus in Deutschland“ stilisiert wird. Wenn ich mich richtig erinnere, dann wurde sie auch so von Sandra Maischberger vorgestellt. Ich hätte das wohl besser in Anführungszeichen setzen sollen, damit die Ironie etwas klarer wird.

    „da gibt es Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Louise Otto-Peters und Hunderte anderer Frauen, da gibt es den Putzfrauenstreik im Ruhrgebiet vor einigen Jahrzehnten und Vieles mehr.“

    Da stimme dir zu!! Diese und viele andere starke, mutige Feminist_innen, deren Kämpfe durch solche „Shows“ und Mainstream-Geschichtsschreibungen bis hin zu unterkomplexen Betrachtungen leider unsichtbar bleiben.

    Alice Schwarzer ist so etwas wie der Ferns(w)eh-Feminismus für die Öffentlich-Rechtlichen geworden. Da ist Erwartbarkeit natürlich eine sichere Währung für das seichte, erwartbare Programm, welches sich dank der GEZ finanziert.

    Viele Grüße
    Sabine