Eine kürzlich veröffentlichte Studie (pdf) von Opinion Matters zum Thema Vergewaltigung erhält in den Medien gerade wegen ihrer teilweise schockierenden Ergebnisse enorme Aufmerksamkeit. In dieser Studie wurden 1061 Menschen aus London im Alter von 18 bis 50 Jahren unter anderem nach bestimmten Situationen gefragt, in denen der/die Vergewaltigte selbst Verantwortung für das ihr oder ihm angetane Unrecht übernehmen soll.
Dazu befand die Mehrheit, dass Opfer sexueller Gewalt mitverantwortlich seien, wenn der/die Missbrauchte bereits eine sexuelle Handlung mit dem Täter oder der Täterin durchgeführt hat (73%) oder das Opfer bereits im gleichen Bett mit der Person lag, bevor ein Missbrauch stattfand (66%). Unter anderem wurde noch Alkoholmissbrauch (64%), provokante Kleidung (28%) und flirten (21%) angeführt.
Besonders auffällig: Mehr Frauen als Männer und Jüngere eher als Ältere folgten der oben dargestellten Argumentation, es gäbe bestimmte Situationen, die eine Vergewaltigung auf irgendeine Art und Weise „nachvollziehbar“ mache.
Ganz davon abgesehen, dass viele Menschen völlig unreflektierte Vorstellungen zu scheinen haben, wie Frauen sich zu verhalten hätten (übermäßiger Alkohol und provokante Kleidung im Kontext Vergewaltigung wurde in den Medien bisher grundsätzlich als weibliches Problem diskutiert), bin ich hoffentlich nicht die Einzige, die es fragwürdig findet, dass die Tatsache, dass ich mit jemanden in einem Bett liege und/oder betrunken bin und/oder einen kurzen Rock trage, auch nur im Entferntesten einem Menschen erlaubt, mit mir ungewollt zu schlafen.
Ich gebe mein Recht auf ein „Nein“ doch nicht ab, nur weil ich vier Bier intus habe und ein enges Shirt trage.
Interessant ist nun auch, warum es prozentual mehr Frauen sind, die solche Meinungen pflegen. In Hinblick auf die Tatsache, dass mehr Frauen Opfer sexueller Gewalt werden, schreibt Cara Kulwicki im Guardian:
And as women are much more likely than men to be the recipients of messages about their responsibility to not become victims of sexual assault, they are also more likely to internalise them.
(Zu deutsch: Weil Frauen eher Rezipientinnen von Botschaften über Eigenverantwortung sind, um nicht Opfer von sexueller Gewalt zu werden, neigen sie wohl eher auch dazu, diese Botschaften zu verinnerlichen.)
Laut Tracy Clark-Flory von Salon/Broadsheet fällt es vielen Frauen schwer anzuerkennen, dass man Vergewaltigung nicht zwangsläufig verhindern kann. So suchen sie fieberhaft nach vermeintlich erkennbaren Mustern und deklarieren diese dann als gefährliche Situation, die es zu vermeiden gilt.
Rules give the illusion of control; if you abide by them, you’ll be safe. Thinking of rape as it is — a random, unwarranted violation — can be terrifying and paralyzing. It’s much easier to think about any kind of assault as being predictably triggered, and therefore preventable. It’s a sort of armor women can put on to feel safe and invulnerable.
(Zu deutsch: Regeln geben die Illusion von Kontrolle; wenn du ihnen folgst, wirst du sicher sein. Vergewaltigung als zufällige und unberechtigte Gewalt zu sehen, kann erschreckend und paralysierend sein. Es ist einfacher, sich Missbrauch als vorhersehbar und durch etwas ausgelöst vorzustellen – und somit vermeidbar. Es ist eine Art von Panzer, den Frauen sich anziehen können, um sich sicher und unverwundbar zu fühlen.)
Argumentationen wie „man muss ja auch nachts nicht allein unterwegs sein… der Rock war aber auch kurz… vorhin haben sie sich doch auch geküsst“ haben zur Folge, dass sexuelle Gewalt in manchen Situation legitimiert wird und den Gewaltopfern die Verantwortung selbst in die Schuhe geschoben wird. Außerdem lenkt man so geschickt von den traurigen Realitäten ab: Die meisten Vergewaltigungsopfer treffen ihre/n PeinigerIn nicht auf einer Party, sondern im unmittelbaren Familien- oder Bekanntenkreis.
Anstatt nach Ausreden zu suchen, die sexuellen Missbrauch rechtfertigen, sollten wir uns vielleicht fragen: In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, in der solche Übergriffe passieren und dann auch noch krampfhaft versucht wird, diese zu legitimieren?

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