Samstagabendbeat mit einem Julia Engelmann-Remix

von der Mädchenmannschaft

Seit einigen Tagen explodiert das Internetz wegen Julia Engelmanns „One Day/Reckoning„-Poetry-Slam-Beitrags aus dem letzten Sommer. Wir haben es uns nicht nehmen lassen den Beitrag einmal umzudichten (Nadia) und einzulesen (Charlott).

Und der Text:

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein, und wir könnten dann an all die Geschichten denken die wir hätten erzählen können, doch stattdessen lachen wir: „Hätte-hätte-Fahrradkette!“, und wir prosten uns zu mit Schnaps.

Und wir sind faul und planlos und hängen nur so ‘rum, und manchmal gucken wir stundenlang in den Himmel aber deswegen ist bestimmt keiner von uns “dumm”. Und die Listen, die lassen wir liegen, und gehen stattdessen mal mit unserem inneren Schweinehund spazieren, und dann streicheln wir ihn und sagen: „Ganz ehrlich, Bruder, auch wenn Dich alle hassen: Ich finde Dich eigentlich gar nicht so schlimm.“

Unser Leben ist ein Wartezimmer, und dort gucken wir auf unsere Smartphones und keiner ruft uns auf, aber Renate Bergmann ruft an und sagt: „Es gibt Kuchen bei mir. Um drei!“

Und sie ist die einzige die auf unserer Liste steht. Weil wir das mit der Selbstoptimierung und dem ganzen Leistungsquatsch jetzt nämlich einfach nicht mehr machen! Ätsch! Deswegen muss sich bei uns auch nicht mehr alles reimen. Und wir haben eine ganze Menge zu verlieren, zum Beispiel unsere Einkaufswagenchips. Und wir wissen inzwischen dass Mut kein Anagramm ist, sondern etwas, was man sich auch leisten können muss – was schwer ist, wenn die Rente oder alles andere ganz klein ist.

Und ob wir bis dahin die Buddenbrooks oder irgendein anderes Superdupergutfindbuch gelesen haben oder nicht oder ob irgendwo auf der Welt ein Sack Reis umfällt, wir sagen uns: Ist alles nicht so schlimm! Und tut auch keinem weh!

Und Silvester machen wir’s uns schön, und wir machen nix mit Vorsätzen und anderem Gedöns, und bei der Tagesschau schalten wir grundsätzlich um, weil Renate sagt: „Dieser ganze neo-liberale Scheiß! Das kann ich nicht am Kopp haben!“, und wir stricken Socken die niemals jemand anzieht weil wir sie einfach wieder aufribbeln werden, einfach, weil wir es können, und weil nicht immer alles einen Sinn haben muss, und wir prosten uns zu mit Schnaps und sagen: „Auf uns!“, und wir kauen ‘rum auf Schnittchen, und wir verbrennen die alten To-Do-Listen im Schnee, und Renate hat Kanonenschläge gekauft, und Julia Engelmann kommt mit einer Flasche Korn um die Ecke sagt: „Nächstes Jahr schlafe ich extra jeden Tag aus! Diese leistungsbetonte Spaßgesellschaft kann mich nämlich mal!“

Denn so, Baby, wird es vielleicht nämlich sein wenn wir alt sind, oh Baby, wenn wir alt sind, und auch dann wird es jeden Tag noch Geschichten geben die wir erzählen können – auch, wenn sie eigentlich ganz klein sind.




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Eintrag geschrieben: Samstag, 18. Januar 2014 um 17:00 Uhr unter Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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12 Kommentare

  1. Ausschläfer sagt:

    Super, super, suuuupergeil! :)
    Hab mich richtig gefreut, danke dafür, Nadia und Charlott!
    Und danke an die Mädchenmannschaft, dass ihr das macht, was ihr macht, diese Sachen schreibt, die ich am Anfang hauptsächlich gelesen habe, weil ich sie total bescheuert fand, und die mich doch über die Jahre grundlegend verändert haben, mir neue Perspektiven eröffnet haben.
    Und Renate Bergmann ist klasse! :D

  2. Lena sagt:

    Irgendwie gefällt mir eure Version viel besser :D

  3. […] Nadia hat einen Text über Julia geschrieben. Und Charlott hat ihn vertont. […]

  4. Flormelis sagt:

    Boah, richtig gut! Herrlich, wunderbar. Danke :)

  5. Paula und Co sagt:

    Das ist ein richtig toller, cooler Text! Und ich/wir prosten Euch gern zu und rufen: „Auf Euch!“- allerdings heute lieber mit Apfelsaftschorle, als mit Schnaps, aber das macht ja nix, weil Schnaps geht ja auch noch, wenn wir mal alt sind. ;-) Viele Grüße!

  6. Hannah sagt:

    Ha, super! Hab mir das auch neulich angesehen und war so ein bisschen genervt davon. Ihr sprecht mir aus der Seele :) Oh baby, baby, heute schlaf ich aus und ich glaub morgen auch…

  7. Torsten sagt:

    Irgendwie ist euere Version eher schlecht.

  8. […] wird, muss ich mich doch nochmal kurz zu Wort melden, denn ich möchte auf keinen Fall das unser kleines Engelmann-Remix-Werk das ich geschrieben habe als Tune der Gehässigkeit gehört oder gelesen […]

  9. Susanne sagt:

    <3

  10. […] beachtet wurde. So ist Slam Poetry heute.” Man kann es machen wie Nadia und Charlott von der Mädchenmannschaft, wie der Doktor oder wie Volker Strübing. Der hat nicht nur die beste Überschrift dazu, sondern […]

  11. Esther sagt:

    Hihi. Ich schließe mich dem Ausschläfer an. Anfangs (vor etwa drei Jahren) las ich das hier auch, weil ich es total komisch fand und ich nich kapiert hab, was diese „radikalen krassen Kampf-Feministinnen” eigentlich wollen.
    Mittlerweile kapiere ich es (glaube ich) großteils und sage hiermit auch danke.
    Ihr seid spitzenmäßig und ich freue mich über die regelmäßige Erweiterung meines Horizonts!

    PS: Kann man die Julia Engelmann, die ich jetzt erst durch Nadias-Facebook-Post kennengelernt hab, nicht auch anders verstehen? Also ich hab da durchaus auch rausgehört, dass es sehr wohl Dinge gibt, die einen an den ganzen tollen Vorsätzen hindern und (jetzt kommt Pseudo-Wissen aus der Oberstufe): Muss das überhaupt ihre Meinung sein, was sie da sagt? Sagt sie überhaupt, dass Vorsätze was Sinnvolles sind und man für die Leistungsgesellschaft früher aufstehen muss? Vielleicht ist das nur das lyrische Ich?
    Was ich sagen will: Ich sehe nicht unbedingt einen Widerspruch zwischen ihrer Aussage (?) und eurer. Da jetzt den Text auseinanderzunehmen hab ich gerade aber keine Zeit und Nerven, daher bleiben das hier auch nur krude Thesen, von denen ich niemanden unbedingt überzeugen will.

  12. Charlott sagt:

    @Esther: Nadia hat heute noch einmal ein bißchen was zum Orginaltext von Engelmann auf ihrem Blog Shehadistan geschrieben.

    Auch ich sehe den Text hier nicht als fieses Contra, sondern als andere Facette, um auf Problematiken bei Engelmann hinzuweisen, bzw. vor allem auf Leerstellen: a) An wen_welche richtet sich das „wir können alles werden“? Welche Personen können denn „alles werden“, wenn sie nur wollen? Solche Pauschalaussagen können nämlich nur einige Menschen aufbauen, für andere haben sie sehr bitteren Beigeschmack und b) Ist das alles so erstrebenswert? Denn ja, sie beschreibt zwar, dass es Hindernisse zum Erfüllen der Ziele gibt, aber sie stellt die Ziele an sich damit ja nicht in Frage. (Und für mich waren gerade auch diese Ziele besonders ärgerlich (oder bezeichnend) Tagesschau gucken, mal ne Nacht durchmachen, Buddenbrocks lesen, abnehmen… Uff. Auch zu den Leerstellen schrieben andere tolle Menschen anderen Stellen.

    Zum lyrischen Ich: Ich denke schon, dass gerade beim Poetry Slam häufig das vortragende Ich und das im Text genannte Ich eng auf einanderbezogen sind, aber nein natürlich sind sie nicht gleichzusetzen. Das ist aber für eine Kritik am Text auch vollkommen irrelevant, denn das entscheidende ist ja, dass diese Bilder re_produziert werden. Dafür spielt es dann keine Rolle, ob Engelmann das auch haargenau so sieht oder dies nur aus Performancegründen macht. Die Message ist da und wurde medial immer noch stärker verbreitet und irgendwie ja auch verbreitert (Stern: Dieses Video kann ihr Leben verändern).

    Aber ich möchte auch noch einmal Nadia zitieren:

    Sascha Lobo hat letztens geschrieben, dass das Internet kaputt ist. Julia Engelmann aber zeigt: Zumindest diese Riesennetzgemeinde ist nicht kaputt, sondern sie funktioniert noch immer wie am Schnürchen. Katzenvideos, Einhorn-Gifs, Grumpy Cats, HerrTutorial, und für ein paar Wintertage und vielleicht auch länger: Julia Engelmann. Es war ein ganz zauberhaftes Wochenende, denn ich hatte mit vielen Leuten Spaß. Und das verdanke ich Julia Engelmann. Und dem Internet. Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein, und wenn es gut läuft wir werden keine Minute bereuen die wir im Netz verdaddelt haben.