Freie Radios als Werkzeuge des Widerstands

von Magda
Dieser Text ist Teil 7 von 26 der Serie Die Feministische Videothek

Seit über 20 Jahren wehren sich die bäuerlichen und indigenen Gemeinschaften der Region Santiago del Estero im Norden Argen­tiniens gegen Landraub und Ent­rechtung. Durch ihre Beharr­lich­keit sind sie zu einer Macht mit fünf kraftvollen Stimmen geworden: Das sind die fünf Radio­stationen, die den unzensierten Austausch von Botschaften und Absprachen über die Weite des Landes ermöglichen. Festgehalten wurden die Kämpfe von den Kameradistinnen, eine freie Assoziation für Dokumentar­film und Dokumentar­foto­grafie mit einem kritischen Bewusstsein für Politik und Gesell­schaft. Im Interview mit der Filme­macherin Viviana Uriona sprach ich über ihre Dokumentation „Sachamanta„.

Wie kamst du auf die Idee diese Dokumentation zu machen und welchen Bezug hast du zu Argentinien und den Kämpfen der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in der der Region Santiago del Estero?

Im Jahr 2009 fuhr ich für ca. fünf Monate nach Argentinien, um für meine Doktorarbeit zu forschen. Ich schreibe über Freie Radios als gegenhegemoniales Projekt am Beispiel Argentinien. In der Arbeit geht es um Kommunikation als Menschenrecht und die Kraft von Sozialen Bewegungen und Freien Radios. Deren Organisiertheit hat viel bewirkt. Unter anderem haben sie dazu beigetragen, dass Argentinien heute eines der modernsten Mediengesetze weltweit hat. In einem der Interviews, das ich für meine Doktorarbeit führte, fragte mich jemand, ob ich den MoCaSe-Via Campesina in Santiago del Estero kennen würde. Sie hatten bis zu diesem Zeitpunkt vier Radios gebaut und betrieben diese autonom. Ich machte mich auf den Weg dahin, um die Region und die Menschen vor Ort kennen zu lernen und drehte mit deren Einverständnis die ersten drei Stunden Material. Kurz gesagt: Sie haben mich sehr beeindruckt. Sie gaben mir Mut.

Ich kehrte dann 2010 erneut wegen meiner Doktorarbeit dahin zurück und plante, mit viel mehr Zeit in die Region zu fahren, die neu gewonnenen Freunde zu besuchen und weiter zu drehen. Bis dahin war die Idee eines fertigen Dokumentarfilms jedoch weit weg von meinen realen Möglichkeiten.

2011 traf ich Nora Wetzel und sie war bereit, das Material mit mir anzuschauen um zu sehen, ob daraus etwas zu machen wäre. Ich hatte bis dahin immer nur im Radiobereich gearbeitet und Schnitt von Bildmaterial war mir unbekannt. Dazu kam Karen Francia und so trafen wir uns zu dritt drei mal die Woche und schauten jedes Mal drei Stunden das Material durch. Ich hatte immerhin 23 Stunden mitgebracht.

Schon nach dem ersten Stunden war es uns klar, dass es wichtig war, das nicht einfach in einer Schublade schlafen zu lassen. Die Aussagen und Ausstrahlung der Menschen waren es wert, als Film bearbeitet zu werden, um deren Kampf bekannt zu machen. So machten wir uns an die Arbeit, dies zu erreichen.

Als ich die Dokumentation das erste Mal sah, fiel mir auf, dass Mädchen und Frauen sowohl als Radiomoderatorinnen als auch Interview­partner­innen sehr präsent waren. Hast du beim Drehen darauf geachtet, dass viele Mädchen und Frauen zu Wort kommen oder ist die Bewegung nicht so männlich dominiert wie viele andere linke Bewegungen?

Keineswegs. Ich habe in keiner Weise darauf hingewirkt, ob sich Frauen oder Männer vor die Kamera stellten. Es war immer die Fragen selbst, die herausbildeten, wer etwas zu einem Thema zu sagen hatte. Dann war immer auch entscheidend, wer sich vor der Kamera wohlfühlte oder wer es vorzog, nur mit der Stimme eine Aussage zu machen. Ich muss auch zugeben, dass mir erst in Deutschland, als wir das Material sichteten, bewusst wurde, das tatsächlich viele Frauen und Mädchen zu sehen waren. Daraus formte sich eine ganz persönliche Empfindung. Ich hatte während meine Zeit dort nie das Gefühl gehabt, dass Geschlechterrollen eine große Rolle spielen.

Gibt es großen Widerstand gegen die Bewegung der Kleinbäuer_innen? Existieren die Radiostationen noch?

Die Bewegung gewinnt am Stärke je mehr Menschen in Argentinien selbst, aber auch weltweit von deren Kämpfen mitbekommen. Die Konflikte über den Landbesitz sind nach wie vor da, wenn auch nicht so stark wie vor 20 Jahren. Auch die Strategien haben sich geändert. Jetzt ist es nicht mehr möglich, die Menschen der Bewegung als Guerilleros oder Diebe abzustempeln, weil die Menschen außerhalb der Bewegung zunehmend mehr wissen über deren Kampf. Wir wollten dazu beitragen, dass noch mehr Menschen von der Bewegung erfahren. Und ja, die Radiostationen existieren noch, trotz gelegentlicher Angriffe. Seit einem Jahr ist sogar die fünfte Radiostation dazu gekommen.

Wo kann mensch die Dokumentation sehen oder erwerben?

Wir haben auf unsere Homepage kameradisten.de alle Infos dazu. Dort kann man auch sehen, in welchen Kinos oder Festivals der Film zu sehen sein wird. Toll wäre es, wenn Menschen, die den Film sehen möchten, sich mit uns in Verbindung setzen und uns die Off- oder Programmkinos, in die sie gerne gehen, nennen. Wir kennen sie leider nicht alle. Oder noch besser wäre, wenn sie es vor Ort selbst in der Hand nehmen und eine Vorführung selbst organisieren. Wir helfen gerne dabei, aber das kann auch Jede und Jeder selbst in Angriff nehmen.

Am 24. August 2012 findet in Berlin die Preview des Dokumentarfilms „Sachamanta“ statt. Die Veranstaltung ist öffentlich. Der Eintritt ist frei. Auch in Dresden, Hannover, Freiburg und Bremen werden in nächster Zeit Vorführungen stattfinden.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 22. August 2012 um 9:23 Uhr unter Aktivismus. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Kameradisten sagt:

    Was für ein schönes Interview, Mädchenmannschaft. Habt vielen Dank dafür. Bis zum 24. August im Clash. Eure Kameradistinnen.

  2. […] mit einem der zwei Special Mention – Preisen ausgezeichnete 50minutige Dokumentarfilm von Viviana Uriona, schildert in eindrucksvollen und authentischen Bildern eine Erfolgsgeschichte bäuerlicher, […]