Fett am Strand. Ist das nicht voll ungesund?!

von Magda
Dieser Text ist Teil 28 von 41 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Jedes Mal, wenn ich mich zu Themen wie der Stigmatisierung von dicken Körpern oder Fat Aktivismus äußere, muss ich mit einer Frage auf jeden Fall rechnen: „Ist das nicht voll ungesund?“ Interessant ist, dass dieses „das“ häufig gar nicht benannt wird, so dass ich nur raten kann, was die Kommentierenden meinen: Ist es ungesund, wenn dicke Menschen sprechen? Am Strand im Bikini posen? Atmen?

Dick und ungesund?!

fatkinijazz

© Jazz von jazzylicious-curves.com

In der Regel geht es um folgende Fragen: Ist Dicksein un­gesund? Und ist der positive Verweis auf Dick­­sein gefährlich, weil etwas angeblich „Un­gesundes“ propagiert wird? (Eingefügt werden könnte hier außerdem noch ein ganzes Bingo mit Feldern wie „Diabetes!“, „McDonalds!“ oder „Die Armen Kinder!“).

Gewiss ist: Dicke Körper werden häufig als Epidemie, Krankheit oder Folge­erscheinung von (Ess)sucht gerahmt und fälschlicher­­weise in einen kausalen Zusammen­­hang mit Diabetes, hohen Cholesterin­­werten oder Blut­­hoch­druck gestellt.

Was nicht erzählt wird, ist, dass Stress auch solche körperlichen Gegeben­heiten fördert. Ständig mit Abwertungen und Botschaften konfrontiert zu werden, dass eine_r zu dick sei und doch mal abnehmen sollte, verursacht übrigens enormen Stress.

Dass die hegemoniale Erzählung vom dicken Körper als „kranker“ Körper durchaus umstritten und nicht erwiesen ist, wird häufig verschwiegen. Es lohnt sich, kritisch zu recherchieren, wenn es um das Thema Dicksein und Gesund­heit geht. Lest doch zum Beispiel “Big Deal: You Can Be Fat and Fit” auf CNN; Our Absurd Fear of Fat” in der New York Times; I Don’t Care if You’re Healthy” von Radically Visible; Warum der BMI scheiße ist“ auf der Mädchenmannschaft; „Dick, doof und arm: Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert“ von Friedrich Schorb oder den Fat Studies Reader“ von Esther Rothblum & Sondra Solovay.

Ich hab selten Lust Diskussionen darüber zu führen, ob Dicksein eine Körperform unter vielen sei oder Resultat eines bestimmten Lebenswandels, sprich: Hat da jemand zu viel gefressen und zu wenig Sport gemacht? Ich frage mich, was eine definitive Antwort bringen soll. Wäre es legitim dicke Menschen abzuwerten, wenn sie „selbst schuld“ an ihrem Körpergewicht wären? Ist das Beschämen von dicken Körpern nur dann verwerflich, wenn Menschen nichts für ihre Körper können? (Nein und nein.)

Viel spannender finde ich den Umstand, dass sofort das Thema Gesundheit aufkommt, wenn es um dicke Menschen geht. Ganz aktuell wurde wieder viel über Gesundheit diskutiert, als sich zahlreiche dicke_fette Menschen stolz in ihren Bikinis fotografierten und das Foto mit dem Hashtag #Fatkini online stellten. Grundlage für solche Diskussionen ist sicherlich die diskursive Verstrickung von Dicksein mit Krank­heiten, aber da steckt noch mehr dahinter. Ich glaube: Glückliche fette Menschen, die ihre Körper mögen, sprengen eindeutig den gesellschaftlichen Rahmen dessen, wie dicke Menschen sein und sich fühlen sollen.

#Fatkini!

Wie bereits im letzten Sommer, veröffentlichten auch dieses Jahr unzählige dicke_fette Menschen in diversen sozialen Netzwerken Fotos von sich im Bikini oder Badeanzug – Größe 46, Größe 52, Größe fun-fatty-tastic! Im letzten Jahr blieb es überwiegend ein Trend in den USA, aber dieses Jahr schwappte dieser auch fett nach Deutschland über. So berichteten darüber beispielsweise der Stern und selbst die BILD recht positiv. Auch ich gab ein kleines Interview für DRadioWissen.

© Alex von Some Girls Are Bigger Than Others

© Alex von Some Girls Are Bigger Than Others

Wunderbar, könnte eine_r denken und sich freuen, dass Menschen, die oft abwertende Blicke und beleidigende Sprüche hören, sich glücklich und stolz leicht bekleidet fotografieren lassen, allen voran US-amerikanische Mode­bloggerinnen wie Gaby Fresh oder Fat-Aktivistinnen wie Virgie Tovar.

Ich freute mich kugelig. So ging’s aber nicht allen: Manche diskutieren vielmehr den Grad der „Gefährdung“, die diese Aktion generiere. Unzählige Twitter-User_innen nutzten den eigentlich empowernd gemeinten Hashtag #Fatkini, um ihre pseudo­kritischen Einwürfe à la „voll ungesund, voll unver­antwortlich, voll hässlich“ unter die Mensch­heit zu bringen. Ich fände es ja schöner, wenn die ihre Kommentare einfach unter dem Hashtag #FatshamingShitheads sammeln könnten!

Glückliche fette Menschen sind gefährlich

Ich höre Gefährdung und möchte schreien: Jaaa!! Stolze, glückliche fette Menschen sind gefährlich – weil sie hegemoniale Bilder von den traurigen™ und inaktiven Fatties in Frage stellen. Weil manche dicke Menschen einen lauten Furz darauf geben, ob andere es „ästhetisch“ oder „schön“ finden, wenn sie knappe Bikinis oder Neon-Badeanzüge tragen. Dicke Leute, die ihren Körper nicht verstecken, ihn sogar stolz präsentieren? Passt in keine gesell­schaftliche Erzählung über das Dicksein: Dicke Menschen sollen entweder abnehmen oder zumindest sagen, dass sie es tun wollen. Aber doch bitte nicht fett und glücklich im Badeanzug posieren.

Die Aussage, dass Dicksein ungesund sei, dient dazu, die gesell­schaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. In dieser Ordnung ist das, was gesellschaftlich als krank markiert wird, automatisch schlecht, muss sanktioniert, am besten abgeschafft werden. Wenn mensch etwas genauer hinschaut, fällt auf, wie absurd es ist, dass viele wirklich „krank!!!“ schreien, wenn Menschen, deren Körperform oder Körpergewicht von der Norm abweichen, versuchen ein gutes Körper­gefühl zu entwickeln, um eine angenehme Zeit am Strand zu haben. Glauben viele wirklich, dass es gesünder sei, wenn dicke Menschen ständig gestresst sind, weil sie sich hässlich fühlen, sich schämen, weil sie die Diät wieder einmal nicht durch­gehalten haben oder sich gar nicht mehr trauen, aus dem Haus zu gehen (geschweige denn an den Strand), weil die Angst vor diskriminierenden Kommentaren so groß ist? Ist das deren Vorstellung von einem besseren Leben?

Viele können es nicht ertragen, dass körperliche Selbst­bestimmung auch für Menschen gelten sollte, die von der Norm abweichen. Die Be- und Abwertung von Körpern ist so normalisiert, dass wir oftmals gar nicht merken, dass das Recht auf körperliche Selbst­bestimmung eher Menschen zugebilligt wird, die bereits gesell­schaftliche Normen erfüllen. Eine dünne Frau isst eine Pizza und findet Diäten „voll blöd“? Voll feministisch! Eine dicke Frau schleckt ein Eis und trägt einen hotten Bikini? Ab zur Ärztin, ist ja voll ungesund!!!

Um eins deutlich zu machen: Nicht mein dicker Körper macht mir zu schaffen, sondern die täglichen Abwertungen. Nicht meine dicken Beine, meine schwabbeligen Arme, mein Doppel­kinn oder der ausladende Po schaden meiner Gesund­heit, sondern über­griffe Menschen, die denken, meinen gesund­heitlichen Zustand anhand eines Blickes auf meinen Körper ablesen zu können. Mein Körper – egal in welcher gesund­heitlichen Verfassung übrigens! – geht nur mich etwas an.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 2. September 2014 um 9:00 Uhr unter Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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18 Kommentare

  1. suesses_bluemchen sagt:

    Danke für den wunderbaren Text!
    Aber eine Triggerwarung wäre nicht schlecht gewesen.

  2. Magda sagt:

    @suesses_bluemchen

    Danke für das nette Lob! Eine Frage: Eine Triggerwarnung wofür?

  3. suesses_bluemchen sagt:

    Es könnte sein das manche dicke_fette Menschen traumatisiert sind von diesem thema.

  4. Treffender Beitrag!

    Das Einzige was meiner Meinung nach ungesund ist, ist eine oberflächliche und gehässige Gesellschaft.

    Viele Grüße!

  5. Fräulein Sandra sagt:

    Ach, wie herrlich.
    Ich glaube, ich werde ihn mir ausdrucken und an einen schönen Ort hängen um ihn wieder und wieder lesen zu können / dürfen!
    Er schmeichelt mir, meinem Herzchen und auch meinem Verstand sehr, denn er sagt was ich denke – aber so nie ausgedrückt bekommen hätte!!!
    Vielen Dank!

  6. Magda sagt:

    @ suesses_bluemchen

    Ich gehe aus unterschiedlichen Gründen sehr sparsam mit Triggerwarnungen um (das konkret auszuführen, würde jetzt zu viel Zeit kosten, aber ich versuche mal kurz zu umreißen, was ich denke:). Ich versuche in meinen Texten im ersten Paragraph deutlich zu machen, über was ich schreibe und um welche Themen es gehen wird. Diese Transparenz ist mir wichtig, damit Menschen wissen, worauf sie sich einlassen. Aber nicht nur das Schreiben, auch das Lesen sind selbst_verantwortliche Handlungen. Eine Triggerwarnung kann niemals die Bandbreite abdecken von Verletzungen, die passieren können beim Lesen. Mir widerstrebt außerdem, meine und die Erfahrungen anderer dicker Menschen mit Trigger zu versehen – denn diese sind höchst unterschiedlich. Wenn ich z.B. graphische Beschreibungen nutzen würde, würde ich das transparent machen, aber das ist in meinem Text nicht geschehen. Eine Triggerwarnung vor einen Text zu setzen, der sich recht allgemein mit dickendiskriminierenden Strukturen auseinandersetzt (was ich, wie gesagt, bereits im ersten Absatz deutlich mache), möchte ich nicht machen. Ich denke, dass die Leser_innen ihre eigenen Grenzen selbst viel besser kennen, als ich das kann. Daher gehe ich davon aus, dass eine Person, die Schwierigkeiten hat, einen Text zu dem Thema zu lesen, bereits nach der Überschrift, spätestens nach dem ersten Absatz aufhört zu lesen. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie da eine Triggerwarnung zusätzlich helfen soll.

  7. Magda sagt:

    @ Fräulein Sandra

    Hach, was für ein schönes Kompliment, das freut mich ja sehr!

  8. suesses_bluemchen sagt:

    “ Daher gehe ich davon aus, dass eine Person, die Schwierigkeiten hat, einen Text zu dem Thema zu lesen, bereits nach der Überschrift, spätestens nach dem ersten Absatz aufhört zu lesen.“

    Und wenn nicht? Ist dann vielleicht die dicke_fette Person selbst schuld das sie etwas triggert?

  9. Magda sagt:

    @ suesses_bluemchen

    Nein, es geht hier nicht um Schuld, sondern um selbstverantwortliches Handeln. Wenn ich weiß, dass ein Thema für mich schwierig ist und mit vielen Triggern verbunden, dann lese ich Texte auch mit Vorsicht, egal ob da Triggerwarnung davor steht oder nicht. Ich spreche da übrigens aus Erfahrung und habe mir schon sehr viele Gedanken dazu machen müssen, gerade, weil ich viel schreibe, viel lese und auch einige Geschichten mit mir rumtrage, die allerdings kaum mit den Triggerwarnungen, die teilweise sehr abstrakt vergeben werden, abgedeckt werden können. Und ich weise darauf hin, dass niemals (!!) alle Trigger erfasst werden können, weil diese sehr individuell sind – manchmal sind es Worte, manchmal sind es bestimmte Bilder, oder Assoziationen. Es gibt keine Leseerfahrung, in der so etwas komplett vermieden werden kann. Völlig abstrakt über Texte wie meinen „Triggerwarnung [… ja was eigentlich genau?]“ zu schreiben, halte ich für verfehlt. Es steht doch im ersten Absatz, um was es sich im Text handeln wird.

  10. Dorith sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Ich habe mir die Tage einen Bikini gekauft. Er war im Angebot und ich habe ihn natürlich für die Zeit NACH der Diät gekauft!!! An der Kasse habe ich mich zu Tode geschämt und nicht getraut, der Verkäuferin in die Augen zu gucken! Nach dem Artikel überlege ich, vielleicht sollte ich ihn einfach schon jetzt tragen. Wird am Anfang sicher hart, aber ist bestimmt ein befreiendes Gefühl!

  11. oachkatz sagt:

    Danke. Großartig geschrieben und gedacht.

  12. lizzy sagt:

    toller Beitrag Magda!
    wie siehst du es denn mit der Frage, ob es noch ein Gefälle in der Akzeptanz von sog. „weiblichen“ und „männlichen“ fetten/dicken Menschen gibt?
    (Nicht, dass ich diese Dichotomie männlich-weiblich teile)

  13. Anja sagt:

    Vielen Dank für diesen wirklich gelungenen Mutmach-Artikel :-). Mir als dicker Frau (Ü 100) geht manchmal wirklich die Hutschnur hoch, wenn schlanke Menschen meinen, nur weil man dick ist, würde man sich automatisch ungesund ernähren, keinen Sport treiben und hätte keine Ahnung von ausgewogener, gesunder Ernährung. Das Gegenteil ist häufig genug der Fall! Ich weiß mit Sicherheit besser über alle Nährwerte von echten Lebensmitteln Bescheid, als mein dünnes, „Cola Light“ saufendes und nicht kochen könnendes Umfeld! Und ich kenne beide Extrem-Seiten. Ich selbst habe bis Anfang 20 nur 47 kg gewogen und dann irgendwann stetig zugenommen. Und ich habe so einige erfolglose Abnehmversuche hinter mir, weil das Thema Essen in solch einer
    Situation einen schon mehr beschäftigt, als wenn man keine Gewichtsprobleme hat. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich irgendwann mal den Dreh rausbekomme und zumindest wieder ein Gewicht erreiche, womit ich selbst gut mit klarkomme. 47 kg werden es nie mehr werden und das ist auch gut so. Ich bin ein Genussmensch und mußte früher auch mit meinem geringen Gewicht auf nichts verzichten. Das müßte ich aber heute, wie mir dieses Beispiel verdeutlicht: eine Freundin von mir, die immer schlank war, aber im Laufe der Jahre doch ca. 15 kg zugenommen hatte, hat hart daran gearbeitet, wieder so schlank zu sein, wie mit 20. Mit ihr kann man sich nicht mehr treffen, ohne dass sie jeden Milchkaffee damit kommentiert, dass das ja nun wieder zu viel Kalorien seien. Sie betreibt geradezu verbissen Sport und hat ein recht verkniffenes, faltiges Gesicht bekommen (wie sagte Birgit Schrowange kürzlich: „Joggen macht Falten.“ hehe…). Neee ehrlich, so stelle ich mir ein gesundes, glückliches und vorallem zufriedenes Leben auch nicht vor! In diesem Sinne: es leben die Fatkinis! Wer’s nicht sehen möchte, soll nicht hingucken. Und, wie bei so Vielem im Leben: einfach mal die F….. halten.

  14. elke sagt:

    Sehr schöner Text! Danke sehr!

  15. Die Aussage, dass Dicksein ungesund sei, dient dazu, die gesell­schaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten.

    Das erinnert mich an das Bonusheft meiner Krankenkasse. Bei dem müssen ja wenigstens vier Leistungen (Zahnreinigung, halbjährlicher Zahnarztcheck) erbracht worden sein, um in den Genuss einer Gutschrift zu kommen. Einer dieser Punkte ist der Nachweis eines „gesunden Körpergewichts bezogen auf den BMI“. Da die meisten Aktivitäten für mich nicht oder noch nicht infrage kommen, habe ich es bisher nur auf drei Leistungen gebracht. Das „gesunde Körpergewicht“ ist nicht dabei.

  16. Varis sagt:

    Oh, das war schön :) das tat gut :)

    Ich arbeite in einer Apotheke, habe deshalb viel mit Menschen zu tun und oft fühlen die sich bemüßigt Kommentare abzugeben die keiner braucht. „Na, wenn ich Sie so anschaue, kann das ganze Abnehmzeug ja nichts taugen.“ „Ich geh ja laufen und da hab ich so Probleme mit den Gelenken, aber von Sport brauch ich IHNEN ja wohl nichts erzählen.“
    Herzlichen Dank, ich trainiere 3mal Pro Woche und fahre im Schnitt 80 km jede Woche mit dem Rad. Meine Ausdauer ist besser als die der meisten „Normalgewichtigen“ die ich kenne und mein Lungenvolumen überrascht selbst den Arzt. Ich bin gesund und ich bin sportlich, ich seh nur nicht danach aus. Und wenn der gleiche Arzt, der mir eben noch lobenswerte Fitness bescheinigt im nächsten Satz aber erzählt, dass ich in jedem Fall noch 20 kg abnehmen MUSS, dann zweifel ich an der Welt.

    Also herzlichen Dank für das Verschönern meines Tages und für diesen Flauschi für mein Selbstwertgefühl :)

  17. Nina sagt:

    Vielen Dank für diesen gelungenen Text!!

  18. […] alle seine Lieblingsfarben ab!) – und, nachdem ich mich motiviert durch dem Artikel von Magda auf Mädchenmannschaft nochmal darin angeguckt habe, auch wirklich gar nicht so schlecht […]