Einträge von Nadine


Wie viele Nazis im Bundestag sitzen, entscheidest du!

22. September 2017 von Nadine
Gutes Wetter, schlechte Zeiten. Für den Feminismus fighten!

Gutes Wetter, schlechte Zeiten. Für den Feminismus fighten! Proteste gegen den Marsch für das Leben, Berlin 16.09.2017

Am 16. September war ich mit meinen MM-Kolleginnen Charlott, Magda und Anna auf den Gegenprotesten zum Marsch für das Leben, bei dem jährlich tausende Christenfundis, Abtreibungsgegner und Nazis ihre völkischen und menschenverachtenden Familien- und Reproduktionspolitikfantasien unter Polizeischutz im öffentlichen Raum ausleben dürfen. Es gab viel Erfreuliches: Der Marsch wurde mit Sitzblockaden, Pfeifkonzerten, Mittelfingern, Sprechchören, Bannern, Schildern, undercover-Agent_innen soweit gestört, dass er zwischendurch immer wieder ins Stocken geriet und die eigentliche Route um mindestens 2/3 verkürzt wurde. Und mit 1.500 weniger Menschenfeinden als im vergangenen Jahr waren die Gegenproteste das erste Mal seit Beginn zahlenmäßig fast gleichauf. Trotz mehreren Demonstrationen am gleichen Tag in der Stadt. Yeah!

Weniger erfreulich waren neben den obligatorisch brüllenden Antifa-Mackern („ALERTA ALERTA ANTISEXISTA“ LOL) die weißen Dudes einer weißen linken Dude Gruppe, die durch die Demozüge liefen und Flyer verteilten, die zum Wahlboykott aufriefen. Die parlamentarische Demokratie sei faschistisch und gehöre abgeschafft, Revolution geht nicht mit Parteien und Gewerkschaften, der 8h-Tag sei schließlich auch nicht durch Abstimmung erkämpft worden. Wer wählen geht, unterstütze faschistische und rechte Strukturen und die Linkspartei sei genauso schlimm wie die AfD. Wow. Kurz blinzeln, sich fragen, warum hier eigentlich Stroh liegt und die Grillen zirpen und dann haben wir ihn gemeinsam verbal zusammengefaltet. Später kam noch Magda dazu, die gerade erst einem dieser Dudes 15 Meter weiter eine Standpauke gehalten hatte.

Stop misusing the bible for your propaganda

I am Christian and pro choice. It’s not a contradiction. Stop misusing the bible for your propaganda! Proteste gegen den Marsch für das Leben, Berlin 16.09.2017

Es gibt sehr sehr sehr viele Gründe, die deutsche parlamentarische Demokratie zu kritisieren, die Parteien und ihr politisches Handeln, staatliches (Nicht)-Handeln und die Wirksamkeit des Grundgesetzes gegen faschistische und rechte Strukturen und das politische System in Deutschland allgemein, u.a. weil es zulässt, dass nach diesem Sonntag wieder (und wieder und wieder und wieder) Nazis im größten Parlament sitzen, ausgestattet mit netter Bezahlung, Strukturen, Netzwerken, Mitarbeitern und politischer Immunität. Die AfD in den Länderparlamenten und im Bundesparlament ist keine Ausnahme, kein Zeitgeist, sondern deutsche Normalität und Kontinuität. Deutscher Rassismus im Jahr 2017. Es gibt sehr viele Gründe deshalb ein anderes politisches System zu wollen. Und gleichzeitig gibt es sehr viele Gründe, am Sonntag eben das Kreuzchen informiert und kritisch zu setzen, wenn nicht für mich, dann für andere, die nicht wählen dürfen, oder viel massiver von rechter Politik und Nazis betroffen wären (schon jetzt sind) als ich selbst. Und es gibt sehr sehr viele Gründe, warum sich eine grundsätzliche Systemkritik und der Einsatz im Hier und Jetzt gegen rechte und rassistische Politik nicht ausschließen müssen. Etwas, dass die weißen linken Dudes mit ihrem Wahlboykott-Schmonz nicht begreifen. Einfach, weil die politischen Entscheidungen im Bundestag und in den Länderparlamenten bei Ihnen keinen Leidensdruck auslösen. Außer vielleicht ein paar inhaltsleere Phrasen auf A6 Format zu drucken und bräsig von Revolution zu schwafeln, ohne konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen zu können oder überhaupt eine Vorstellung davon zu haben, dass politischer Widerstand im 21. Jahrhundert vielleicht nicht 1:1 jener des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts sein kann. Schon gar nicht in diesem Land.

Der Gang zu Wahlurne ist ein Mittel, das mir Deutschland zur Verfügung stellt, mich wenigstens indirekt an politischen Entscheidungen zu beteiligen, die mindestens einige Millionen Menschen betreffen, die hier leben und noch viel mehr Menschen, die global gesehen von deutscher Politik betroffen sind. Und solange unser aller Leben durch staatliches Handeln strukturiert, gelenkt, reguliert wird, solange ist ein Gang an die Wahlurne genau so viel wert wie eine Demo in der Berliner Innenstadt oder die Schaffung von Erholungs- und Empowermenträumen zum Überleben, Durchschnaufen, Kraft tanken, Strategien austüfteln, Verbindungen spüren und knüpfen. Nicht alle müssen alles tun oder gut finden, jedoch tragen einige mehr Verantwortung als andere, wenn es um den Widerstand gegen Rassismus in Deutschland geht. Wo wir gerade dabei sind: Während wir vor wenigen Jahren noch den Mitläufern des Marsches für das Leben von Angesicht zu Angesicht den Marsch blasen konnten, werden nun schon beim Werfen von Glitzer-Konfetti in den eigenen Reihen Demonstrant_innen gewaltvoll festgenommen und Frauke Petry darf im Kinderprogramm des ZDF ihre Ansichten zum Besten geben. Wow. An dieser Stelle kein Grillenzirpen, sondern schrille Sirenen.

if you can't trust me with a choice - how can you trust me with a child?

if you can’t trust me with a choice – how can you trust me with a child? Proteste gegen den Marsch für das Leben, Berlin 16.09.2017

Am Sonntag nicht wählen zu gehen oder den Wahlzettel ungültig zu machen, bedeutet in der Konsequenz, der AfD zu mehr Prozentpunkten zu verhelfen. Die Partei und ihre Anhänger damit symbolisch zu stärken, ebenso den rassistischen Grundkonsens weiter zu festigen. Was das mit Revolution oder politischer Verantwortung zu tun haben soll… Nun ja, der weiße Wahlboykott-Dude konnte uns auf diese Frage keine Antwort geben (surprise!). Auch wenn derzeit (hoffentlich) noch ausgeschlossen sein dürfte, dass die AfD eine Regierung stellt oder in einer Regierungskoalition beteiligt ist, zeigen die politischen Entscheidungen allein der vergangenen vier Jahre, dass weder SPD noch Grüne willens sind, sich ohne Wenn und Aber gegen den rassistischen Grundkonsens zu stellen, der unter weißen deutschen Bürger_innen herrscht und der AfD den Nährboden bietet, die sie für ihre rechte Politik braucht.

Die Aussichten sind auch ohne AfD nicht rosig. Entweder wird nach diesem Sonntag die Große Koalition fortgesetzt oder die CDU holt sich die Grünen und die FDP dazu. Eine starke AfD in der Opposition bedeutet jedoch, dass Opposition als notwendiges Korrektiv- und Interventionsinstrument für Regierungshandeln in einer parlamentarischen Demokratie massiv behindert und eingeschränkt werden wird. Mehr noch zeigen Länderparlamente mit AfD-Beteiligung, dass deren Fraktionen durch ihr Unwissen über bzw. ihre Ignoranz gegenüber parlamentarischen Abläufen und den föderalistisch geregelten Zuständigkeiten von Kommunen, Ländern und Bund durchaus in der Lage ist direkten Einfluss auf die politische Willensbildung in den hiesigen Parlamenten zu nehmen bei gleichzeitiger Stimmungsmache gegen Regierungen von Ländern und Bund in der Bevölkerung. Neben den versteckten und offenen Klüngeleien mit der CDU.

Go Homo

Go Homo, Proteste gegen den Marsch für das Leben, Berlin 16.09.2017

2013 erhielt die AfD 4,7 Prozent Stimmenanteil und verpasste den Einzug in den Bundestag nur knapp. Dieses Jahr werden es mehr Prozentpunkte werden. Wie viele Nazis letztlich im Bundestag sitzen, entscheidest du.

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Mehr lesbische Perspektiven bitte!

16. August 2017 von Nadine

seit drei jahren ungefähr beobachte ich in der deutschsprachigen feministischen blogosphäre einen massiven rückgang an posts und debattenbeiträgen. das hat viele gründe, u.a. die veränderung von gesprächs- und debattenkultur durch technologische veränderungen und veränderungen des mediennutzungsverhaltens. viel hat sich in schland auf twitter verlagert, das wohl „unpraktischste“ medium für auseinandersetzung. nichts gegen kurz und prägnant statt ausgedehnte mit substantiven überbordende essays. dennoch haben sich bestimmte dogmen etabliert, was in frage gestellt werden kann und wie. der umgangston ist meistens rotzig, belehrend, selbstgerecht. die haltung häufig wenig zugänglich für andere perspektiven und widersprüche zu eigenen glaubenssätzen und wissensarchiven – und das obwohl wir in einer feministischen bubble agieren, also „unter uns“, und es nicht darum geht, ignoranten kackbratzen selbstverständlichkeiten des zwischenmenschlichen beizupulen ohne aussicht auf erfolg – sondern miteinander ins gespräch zu kommen, inspiration, lernen, bestärkung, veränderung. das ist nichts twitter-spezifisches, jedoch dort offensichtlicher aufgrund der formalen gegebenheiten des mediums.

hinzu kommt, dass viele themen kaum bis gar nicht vorkommen. wieso? liegts allein an den dominanten erfahrungswelten? bestehen hemmungen über bestimmte themen zu schreiben? was mich wieder zu den dogmen bringt. ich überlege seit vielen jahren, wie ich über ursachen von gewalt in lesbischen/queeren beziehungen schreiben kann ohne einen shitstorm loszutreten oder selbst vollumfänglich zeugnis meiner beziehungsbiografie abzulegen sowie öffentlich meine eigene identität zu analysieren und zu rechtfertigen. mir fällt seit beginn meiner blogger_innenzeit auf, dass lesbische perspektiven randerscheinungen sind und fast ausschließlich nicht-lesben darüber schreiben, was lesben sind (und was nicht), wie (ausschließend/diskriminierend) ihre politiken waren und sind.

sich von lesben abzugrenzen ist ja nichts neues, dies jedoch so ungebrochen im feministischen kontext immer wieder mitzubekommen, ist gelinde gesagt: tragisch. bezeichnend, dass ich mich unter clueless heten häufig genauso alienated fühle wie unter aktivist_innen, die sich LGBT* / queer verorten. die gründe vielfältig, jedoch auch: dogmen. mir fehlen lesbische deutschsprachige perspektiven sehr. ich finde sie bei älteren aktivist_innen, die schon in den 80ern an den verhältnissen gerüttelt haben und sage: danke. danke. danke. ich vermisse sie bei menschen in meinem alter. das hat auch damit zu tun, dass menschen sich nicht eingestehen können, wieviel lesbenfeindlichkeit und unwissen über lesbe als politische, feministische identität und lesbische bewegungsgeschichte auch bei ihnen selbst ist.

gründe, warum ich vor ein paar monaten meinen alten tumblr account reaktiviert und mich in die welt der serien fandoms begeben habe – für eine wohltuende mischung aus repräsentation, spaß, positiven bezügen. zugegeben finde ich dort kaum leute in meinem alter (die meisten fandom tumblr user sind zwischen 15 und 22 jahre alt), aber die selbstverständlichkeit, mit der in diesen spezifischen räumen dezentrierung von typen und heten und solidarität unter LGBT* unterschiedlichster herkunft stattfindet, ist beeindruckend. ich stoße auf debatten zu sexualität und begehren, die ich aus deutschland kenne und muss schmunzeln, weil diese völlig gegensätzlich zu den hiesigen verlaufen (#“monosexismus“ #fetischisierungvonLGBT #identitätenbingo #oppressionolympics). ich stoße auf debatten, die nicht typisch deutsch sind (#verweigerungvonagencyundverantwortung). ich stoße auf debatten, bei denen ich mir denke: realität (siehe zitat). aber wieso lese ich davon eigentlich nichts in meinen feministischen bubbles?

„so much of the media that is meant to be for women made by other women and just bonding between women in general revolves around talking about guys and relationships with men and so much of the concept of female empowerment is still centered around making guys want you and rejecting them or [whatever] and im glad you all have that but it isolates lesbians so entirely from womanhood and is often what makes it so hard for lesbians to relate and connect with other women“

(dt.) ein großer teil der medien, die für frauen gedacht und von frauen gemacht sind, und die verbundenheit von frauen im allgemeinen dreht sich um typen und beziehungen mit männern. und ein großer teil des konzeptes von weiblicher bestärkung fokussiert sich noch immer darauf, wie du es schaffen kannst, dass typen dich wollen und du sie zurückweist oder was auch immer. ich bin froh, dass du das alles hast, aber es isoliert lesben so komplett von frauen und deshalb ist es oft so schwer für lesben sich mit anderen frauen zu identifizieren und verbindungen mit ihnen herzustellen.


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Wonder Woman zeigt, dass es für Erfolg noch immer Typen braucht

2. Juli 2017 von Nadine
Dieser Text ist Teil 30 von 34 der Serie Die Feministische Videothek

 

http://waverlyyearp.tumblr.com/post/161438365107/summary-of-the-wonder-woman-movie

Wonder Woman ist eine Revolution. Soviel sei schon mal gesagt, bevor ich dann doch wieder Feminist Killjoy spielen muss. Regisseurin Patty Jenkins hat etwas Außerordentliches mit diesem Film geschaffen. 12 Jahre kämpfte sie darum, den Film machen zu können, bis man ihr 150 Mio. Dollar in die Hand drückte und sagte: You go girl (ein vergleichsweise geringes Budget zu ähnlichen Filmen). Anstelle von Joss Whedon, dem Buffy-Erfinder, dessen Wonder Woman Script vor ein paar Wochen geleakt wurde. Hätte Whedon den Film wie geplant gemacht, es wäre ein sexistisches Höllenszenario geworden.

Patty Jenkins‘ Wonder Woman ist der bisher teuerste Film, bei dem eine Frau Regie führte und schon stellte mann(!) in Frage, ob das nicht ein zu hohes Risiko sei. Es ist zugleich der erfolgreichste Film, bei dem eine Frau Regie führte (case closed). Patty Jenkins‘ Wonder Woman hat damit Fifty Shades of Grey den Rang abgelaufen und allein deshalb ist Wonder Woman eine Revolution. Innerhalb seiner Genres und Franchises rangiert WW auf den vordersten Plätzen, Tendenz steigend, weil WW noch etliche Wochen in den Kinos laufen wird. Die bekannten Filmkritik-Portale Metacritic und Rotten Tomatoes zählen WW zu den besten Superheld_innen-Filmen aller Zeiten. Beifall gab’s auch aus Hollywood: Etliche Schauspielerinnen, darunter Viola Davis, Jessica Chastain und Lupita Nyong’o sowie Lynda Carter, die Wonder Woman in den 70ern für’s Fernsehen spielte, haben den Film im Zuge seiner Premierenfeier in höchsten Tönen gelobt.

Der Erfolg des Films zeigt, wie sehnsüchtig ein Superheldinnen-Film erwartet wurde, wie wichtig Repräsentation auf Bildschirmen und Kinoleinwänden nach wie vor ist. Der Erfolg ist wichtig, damit wir auch in Zukunft Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Produzentinnen mitbekommen, die andere Zielgruppen im Blick haben und nicht durch ihren white male gaze Frauencharakter zeichnen und shooten.

Der Erfolg des Films steht jedoch auch für einen anderen Aspekt im Film- und Fernsehbusiness: Dass stets ein gewisser Grad an Typenzentrierung und Heterosexualisierung nicht unterschritten werden darf, um gefällig für „alle“ zu sein. WW fällt durch den Bechdel-Test: Der Konflikt zwischen Zeus und Ares und dessen Folgen ist bestimmendes Gesprächsthema, daran ändern auch die kritischen bis abfälligen Bemerkungen der Protagonistinnen über Götter mit Allmachtsfantasien und Männer im Allgemeinen nichts. Und wenn es nicht gerade um griechische Mythologie und damit den Background von Amazonen und Halbgöttin Diana geht, ist General Ludendorff und sein hoffentlich baldiger Tod gern gesehen. Nun würde ich da sicherlich auch zwei Augen zudrücken, weil ich der Idee von gewalttätigen und bewaffneten Frauen gegen Typen im Kampf für Gerechtigkeit immer viel abgewinnen kann, doch unverzeihlich bleibt leider die Geschichte von Diana und Steve im Verlauf der Handlung.

Obwohl es kein Geheimnis ist, dass Wonder Woman (Comic und Superheldin) sehr viele queere Bezüge hat, werden diese im Film in der Storyline von Diana und Steve leider nach hinten gestellt. Die Liebesgeschichte der beiden wirkt unnötig, konstruiert und wenig emotional touchy. Warum sollte sich Diana, die ihr Leben bisher nur mit Frauen verbracht hat, Typen für „unnötig für sexuelle Befriedigung“ hält und auch sonst wenig Interesse an Liebesbeziehungen zeigt, sich in wenigen Tagen in einen Typen verlieben? Und zwar so tiefgreifend, dass sie seinen Tod mehr betrauert als den ihrer geliebten Tante, Kriegerin und Generälin des Amazonenheers Antiope? Mehr noch wird Steves Tod als Vehikel für ihr „Coming Out“ als menschheitsrettende Superheldin genutzt. Als Sidekick bekommt Steve im Gegensatz zu Superhelden und ihren Romantic Love Interests wesentlich mehr Screentime und eine eigene Story, die des heldenhaften Märtyrers. Immerhin mussten wir keinen Hetensex sehen (gute Entscheidung Patty) und lediglich ein „I love you“ und einen Kuss ertragen, der noch nicht mal ein anständiges CloseUp bekam (gute Entscheidung Patty), doch die Message war klar.

Auch glänzt der Film leider nicht durch ausgereiften Antagonismus: Ludendorff und Ares bleiben unterkomplex und farblos, Diana klatscht binnen weniger Sekunden alles weg, was ihr im Weg steht, sorgt quasi im Alleingang für das Ende des 1. Weltkriegs und ihr Halbbruder Ares, immerhin der Kriegsgott, sieht keine Sonne im Zweikampf. Schön für das Auge und das warme Gefühl in Herz- und Bauchgegend, weniger vorteilhaft für die philosophische Tiefe des Films: Ist die Menschheit es trotz ihrer Gewaltgeschichte wert, gerettet zu werden? Und wenn ja, warum?

Anders als das Missy Magazine sehe ich die Darstellung von Dianas Charakter als großen Gewinn für den Film. Ihre Unverblümtheit und ihr unbändiger Idealismus sind ihre größten Stärken. Ich weiß nicht, warum Frauen in anderen Frauen stets die Harten, Rationalen und Analytischen sehen wollen, wenn es um Macht und Stärke geht und andere Charakterzüge als Zeichen von Schwäche oder Unterlegenheit deuten. Ich erlebe in meinem Alltag und in der Popkultur, die ich konsumiere, sehr vielfältige Frauen, die mir immer wieder zeigen, dass ihr Wesen oder ihr Charakter nichts damit zu tun hat, wie intelligent, autonom, stark und selbstbewusst sie sind. Wenn das kein Empowerment sein soll

Noch in diesem Jahr werden wir Wonder Woman in einer nächsten Comic-Adaption bewundern können: Justice League. Justice League wurde bereits vor der Premiere von WW umgeschnitten, einige Szenen mit Gal Gadot nachgedreht, damit WW mehr Screentime als zuvor geplant erhält. Und Patty Jenkins soll bereits eine Zusage für den zweiten Teil von WW erhalten haben. Wer nicht so lange warten kann: Wynonna Earp, Jessica Jones, Kara Zor-El (Supergirl) und Peggy Carter (Agent Carter) sind eure Seriensuperfreundinnen.

Bonus und Grüße an Accalmie, Charlott und Magda (die mit mir im Kino saßen):

http://dcfilms.tumblr.com/post/161665584341/patty-jenkins-worked-really-hard-with-her-team-to

http://wonderswoman.tumblr.com/post/161655983859


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„Innerhalb des psychiatrischen Systems kann es keine echte Emanzipation geben“

4. Mai 2017 von Nadine

Peet Thesing ist Kulturwissenschaftlerin, Wendotrainerin für feministische Selbstverteidigung und Selbstbehauptung und Aktivistin. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Psychiatrie, der Konstruktion von psychischen Krankheitsbildern und feministischen Widerstandsstrategien. Im März erschien ihr Buch über feministische Psychiatriekritik im Unrast Verlag. Wir sprachen mit Peet über Anerkennung von Leid und Diagnosen und Alternativen zu Therapie und Psychiatrie.

Wer in dieser Gesellschaft welche Diagnose bekommt und wessen Situation und Verfassung medizinisch anerkannt wird, wird durch gesellschaftliche Machtverhältnisse und Diskriminierung bestimmt. Einerseits sind viele von uns permanenter Psycho_Pathologisierung ausgesetzt, andererseits werden bestimmte Wahrnehmungen, Verfassungen und Lebenssituationen von Mediziner_innen nicht ernst genommen. Braucht es diskriminierungssensible / machtkritische Diagnostik oder lehnst du psychiatrische Diagnosestellungen gänzlich ab?

Innerhalb des psychiatrischen Systems kann es keine echte Emanzipation geben, da immer zwischen den Gesunden und Kranken unterschieden wird und Vorstellungen von psychischer Normalität geschaffen werden. Die Verschiebung dieser Grenze verändert nicht die Problematik der Grenze. Im Gegenteil, Diagnostik die sich machtkritisch nennt, versteckt, wie sehr Psychiatrie und ihr System zu Aufrechterhaltung ebendieser Strukturen beiträgt, die Menschen verletzen, diskriminieren und ausschließen. Ich verstehe den Wunsch danach, denn wir müssen in dem System klar kommen in dem wir leben – aber den psychiatrischen Zugriff noch mehr ausweiten ist nicht die Lösung.

Feministische Psychiatriekritik kann sehr herausfordernd sein, auch weil (diskriminierungssensible) Hilfs- und Unterstützungsangebote außerhalb des psychiatrischen und psychotherapeutischen Komplexes rar und/oder für viele finanziell nicht möglich sind. Braucht es überhaupt medizinische, psychiatrische und psychotherapeutische Ansätze zum Umgang mit Belastung, Leid, Schmerz und Gewaltfolgen? Welche Alternativen hält die feministische Psychiatriekritik bereit?

Ich würde grundsätzlich einfach die Annahme in Frage stellen, dass in der Psychiatrie um Hilfe geht. Heute wie auch historisch wird Gewalt und Ausschluss ist argumentiert mit „Es ist zu deinem Besten.“ Natürlich ist in der Welt in der wir leben individuell der Rückgriff auf therapeutische Unterstützung oft nötig, weil es zu wenig alternative Strukturen gibt. Wir brauchen vor allem gesellschaftliche Konzepte zum Umgang mit Gewalt und ihren Folgen, zum Umgang mit Schmerz, Leid und Krisen. Wie reden wir miteinander? Wie wohnen wir? Wie unterstützen wir Freund_innen? Die Menschen mit denen wir politisch arbeiten? Es gibt den Trend statt in Gruppen in unverbindlichen, losen Zusammenhängen politisch zu arbeiten. Das wirkt erstmal offener und zugänglicher. Gleichzeitig werden so keine konstanten Strukturen geschaffen, und Einzelpersonen können sich in Krisen nur schwer begleiten. Communities, die dann nicht überfordert sein oder Krisen, Leid und Schmerz auslagern wollen, brauchen ein gewisses Maß an Commitment.

Auf der Umschlagsseite zu deinem Buch schreibst du, dass Psychiatriekritik aus dem Blickfeld feministischer Aktivist_innen verschwunden ist. Warum glaubst du, ist das so? Stand das Thema irgendwann auf der Agenda und wenn ja, welche Interventions- und Widerstandsformen gab es?

In den 80ern ist einiges an feministischer-psychiatriekritischer Literatur erschienen. Vor allem ging es um die grundpatriarchale Konstruktion von Frauen als verrückt, um Rebellion und patriarchale Gewalt. „Frauen, das verrückte Geschlecht“, „Krankheit Frau“ und „Frauenfalle Psychiatrie“ sind nur einige Beispiele, oder Kate Milletts „Klapsmühlentrip“. Psychiatrie wurde als Dienstleisterin von Kapitalismus und Patriarchat betrachtet. Es wurden Frauenzentren geschaffen, Unterstützungsangebote für Frauen erkämpft. Diese gibt es heute nicht mehr in dem Umfang. Und in queeren und feministischen Szenen ist es nicht mehr im gleichen Maße üblich, konkrete Räumlichkeiten in der Öffentlichkeit zu erkämpfen, neue Institutionen zu schaffen. Es wird sich zu sehr um sich selbst gedreht. Psychiatrie, das betrifft nur die anderen. Therapie, ja, Medikamente auch, mal eine psychosomatische Klinik. Aber über psychiatrische Gewalt wird nicht geredet, geschweige denn Flugblätter geschrieben und Psychiatrien blockiert. Ich glaube, es gibt zu wenig Bewusstsein über die eigene Wirkmächtigkeit und zu viel Abfinden mit den Bedingungen in denen wir Leben. Veränderung braucht die Bereitschaft, gewohnte Denkmodelle loszulassen und Hoffnung zu haben, dass es anders werden kann.

Seit einiger Zeit setzen sich feministische Aktivist_innen vermehrt für die Anerkennung sogenannter psychischer Krankheiten als Behinderung ein, auch um auf Barrieren innerhalb linker / feministischer Communities und Leerstellen aktivistischer Widerstandsformen aufmerksam zu machen. Was hältst du von der Strategie?

Auch hier würde ich sagen: Ich verstehe den Impuls, aber ich will nicht Anerkennung vom Patriarchat oder den rassistischen und kapitalistischen Strukturen, sondern die Auflösung von eben diesen. Das ist einfach ein grundlegend anderer Ansatz. Klar, manchmal ist pragmatische Politik notwendig, aus finanziellen Gründen zum Beispiel. Aber das sagt nicht, dass meine politische Zielsetzung nicht eine andere sein kann. Ich will mich nicht abfinden mit einem scheinbar verbesserten Status quo.

In manchen identitätspolitischen Ansätzen werden sogenannte psychische Krankheiten nicht nur als Folge von Diskriminierung und Gewalt, sondern als Teil der körperlichen und biochemischen Konstitution der jeweiligen Person definiert. Nach diesem Ansatz gibt es „neurotypische“ und „neurodiverse“ bzw. nicht-behinderte und behinderte Menschen…

Das soziale Modell von Behinderung als behindert werden durch die Gesellschaft war ein wichtiger Erkenntnisschritt. Durch die Idee eines neurotypischen oder „normalen“ Gehirns wird sich auf ganz dünnes Eis begeben und diese Erkenntnisse vernachlässigt. Ein Gehirn ist keine biologische Konstante. Unsere Erfahrungen verändern das Gehirn. Was soll ein neurotypisches Gehirn sein? Und wo bleibt die Gesellschaftskritik, die dies in Frage stellt und nicht nur Anerkennung von einem kaputtmachendem System sucht? Was ist das Ziel dieser Bewegung, die Neurodiversität quasi auf sämtliche nicht-konforme Formen von psychischen Zuständen ausweitet? Anerkennung von einem System, das aussondert? Ich glaube nicht, dass dadurch die Verhältnisse grundlegend verändert werden können.

Dem eigenen Nicht-Funktionieren oder der Nicht-Erfüllung eigener und Erwartungen anderer wird manchmal mit Selbstpathologisierung begegnet. „ich bin … / ich habe …, also kann ich … nicht tun.“ Es scheint, als ob die Erklärung bzw. Offenbarung eines Krankheitszustandes ein effektiver Weg ist, sich gesellschaftlichen Annahmen über Leistungsfähigkeit, Gesundheit und soziale Interaktion zu widersetzen. Warum plädierst du dennoch dafür, mehr darüber in Austausch zu gehen, was eine_r nicht will, statt was eine_r nicht kann?

Wenn ich nur darüber rede, was ich kann oder nicht, aus welchen Gründen auch immer, rede ich nicht mehr darüber was ich will. Diese Gesellschaft treibt uns das wollen so sehr aus, gerade Frauen und auch viele trans Personen lernen, dass sie nichts wollen dürfen. Veränderung werden erkämpft in dem eine_r mehr will, anderes bewusst ablehnt, nicht durch die Wiederholung des Glaubens an eigenes Nichtkönnen. Das soll überhaupt nicht heißen, dass es nicht manchmal Sachen gibt die nicht gehen, möglich sind, einfach auch strukturell. Es geht mir nicht um persönliche Allmachtsfantasien in dem Glauben an absolute Autonomie. Es geht mir um eine politische Strategie, in der es Träume und Handlungsmöglichkeiten gibt. In der gerade Frauen und trans Personen sich als selbstwirksam erfahren können und in denen es den Hunger nach mehr gibt. Nach mehr vom guten Leben. Nicht nur das bisschen, was einer_m angeboten wird.


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Superstraight oder Supergay? Das Heterosexismus-Problem bei Supergirl und die Antworten ihrer queeren Fans

10. April 2017 von Nadine
Dieser Text ist Teil 29 von 34 der Serie Die Feministische Videothek

Es hätte so schön werden können: Feministische Botschaften mit einer gesunden Portion Selbstironie, Calista Flockheart aka Ally McBeal aka Cat Grant aka knallharte Chefin eines Medienimperiums und Mentorin der Hauptfigur Kara Danvers / Zor-El, Kara und ihre Schwester Alex im Orphan-Black-Sestra-Style und okaye Typen, die zumeist in der Friendzone von Kara ihr Zuhause fanden. Die Screentime gehörte in Staffel 1 den Frauen in Supergirl, die jeweils auf ihre Weise ass-kicking durchs Universum und National City streiften. Das alte Spiel von Gut vs. Böse bekam hin und wieder einen feministischen Twist, weil Kara sich weigerte, auf das Bitchfight-Pferd aufzuspringen und lieber nach Verbindungen zu ihren Widersacherinnen suchte, als in den frauenverachtenden Sonnenuntergang zu reiten.

Da die Darstellung von Beziehungen und romantischen Dynamiken zwischen Figuren als Vehikel genutzt werden, um Charaktere aufzubauen, wird das gemeine queere Serienhirn nicht selten gequält mit ausufernden hohlhetigen Liebesgeschichten, jeder Menge sexistischer Metaphern und Darstellungen und obendrein Note 6 im Bechdel-Text. Nicht so Supergirl. Die Hauptbeziehung in Staffel 1 war die zwischen Kara und ihrer älteren Adoptivschwester Alex Danvers, gefolgt von Cat Grant. Trotz der Folge 1-Positionierung von Kara „I’m not gay!“ Danvers wird die Coming-Out-Story von Kara als Supergirl mit ähnlichen Dynamiken und Metaphern erzählt. Kackscheiße? Äpfel mit Birnen? Naahh, so what! Dachte ich mir und akzeptierte die stellenweise Gleichsetzung von Superkräften mit Queerness #thisiswhatqueerreadinglookslike.

Ein Teil der queeren Supergirl-Fanbase stürzte sich frisch verliebt in homoerotische Lesarten der Dynamiken zwischen Cat und Kara und Kara und Lucy Lane, der Schwester von Lois. #Supercat und #Superlane ölten unsere von Heteronormativität und Typen-Bezogenheit im Fernsehen ausgetrockneten Kehlen mit Sätzen wie diesen:

Und Alex – ich sprenge dein Gaydar – Danvers? Abgesehen von Pseudo-Flirts mit Machoboy Nr. 1 war allen Zuschauer_innen mit Herz und Verstand klar, dass in Staffel 2 My Big Fat Gay Wedding ansteht. Alex‘ herzerwärmende Coming-Out Geschichte und ihre Beziehung zu Polizistin Maggie Sawyer (#Sanvers) verzückt seitdem die Fangemeinde. Doch was wären lesbische Storylines im TV ohne ihren hetero_sexistischen Dämpfer: Supergirl wechselte vor Ausstrahlung ihrer 2. Staffel zum Sender CW, der mit Arrow, The Flash und Legends of Tomorrow typenzentrierte Serien-Adaptionen aus dem Hause DC beheimatet. Im vergangenen Jahr killten die CW-Drehbuchautor_innen mehrere queere Figuren in ihren Serien #lexasideeye oder hielten sie dauerhaft im heterosexistischen Klischee-Eckchen gefangen. Feministische Serienjunkies prophezeiten, dass große Erwartungen auf große Enttäuschungen treffen werden. Supergirl scheint es nicht anders zu gehen.

Zu Beginn von Staffel 2 verlässt Cat Grant The Ship of All Shippings, Lucy, die eigentlich das Alien-Abwehr-und-Surveillance-Department DEO mitführen sollte, scheint in der Phantomzone zu schlummern und Kara verlässt ihre Beziehung zu James Olsen, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Im Übrigen nicht das einzige rassistische Repräsentationsproblem bei Supergirl: Maggie Saywer, die in Supergirl als Latina positioniert ist, wird von einer weißen gespielt (die wiederum eine Beziehung mit Casey Rapey Affleck führt). Mon-El, ein Alien in white male supremacy Gestalt und Sklavenhalter-Prinz, wird ohne Storyline direkt in eine Hauptrolle katapultiert. Kara , die sonst mit Autonomität und Solidarität zu Frauen glänzte, schwimmt in Staffel 2 fast nur noch in Mon-El-Tears . Winn und James gründen ihren eigenen Helden-Bro-Club, während das fierce Schwesternduo von ihren jeweiligen Beziehungs-Issues lamentiert und nur noch selten im Bae-Modus unterwegs ist.

Frauen, Lesben und Trans* scheinen für CW nicht zur bevorzugten Zielgruppe zu gehören, doch der Sender hat seine Rechnung ohne Lena Luthor, Schwester von Supermans Alltime-Widersacher Lex Luthor und CEO von L-Corp, und den (queeren) Fans der Serie gemacht. Offensichtlich als shady femme fatale angelegt, bei der sexualisierte und romantische Anspielungen in Richtung anderer Frauen oft nur heterosexistisches Mittel zum Zweck sind, gibt’s von Lena Luthor ausschließlich Commitment, Mund-Offen-Bemerkungen und jede Menge Blumen für Kara Zor-El. Und Kara?

Gal Pals, Bezzie Mates oder doch #supergay? Jedenfalls füllt Supercorp-Fanfiction die Bibliotheken des Vatikan, das Internet explodiert in Supercorp-Gif-Partys und Flame Wars mit Kara/Mon-El-Fans. Hier wird jedoch nicht nur widerständig gegen Heten aus der Hölle geshipped, die meisten Fans der Serie kritisieren die Richtungswechsel zugunsten eines straight male Gaze, der Mon-El in fast jeder Folge die reifen Bingo-Kärtchen vom Gewaltbeziehungs- und Male-Entitlement-Baum pflücken lässt. Es ist ja bekannt, dass Autor_innen, Darsteller_innen und Produzent_innen durchaus Perspektiven und Meinungen von Fans berücksichtigen. So hoffentlich auch für die dritte Staffel, die noch diesen Herbst an den Start gehen soll und in der Lena Luthor eine Hauptrolle erhält.

Zum süßen Abschluss noch diese Video-Edits, die zum Niederknien sind. Vor Lachen. Ich liebe das Internet. Und queere Serienfans.


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Hoyerswerda ist…

16. Januar 2017 von Nadine

Hoyerswerda ist…

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich geboren bin und bis zu meinem 19. Lebensjahr gelebt habe.

Hoyerswerda ist die Stadt, von der die Schriftstellerin Brigitte Reimann in ihrem 1974 erschienenen Roman Franziska Linkerhand berichtet, es sei die Stadt im Osten mit der höchsten Suizidrate.

Hoyerswerda ist das sozialistische Großmosaik, das noch immer die Lausitzhalle ziert, die bis heute von den meisten Hoyerswerdschen nicht Lausitzhalle, sondern HBE genannt wird. Haus der Berg- und Energiearbeiter.

Hoyerswerda ist Lausitzer Seenlandschaft, rundherum geflutete Tagebaue, wunderschöne Radwege, viel Wald.

Hoyerswerda ist eine Stadt, die kämpft, weil man verpasst hat, neben dem Braunkohleabbau Arbeitsplätze, Ausbildungsmöglichkeiten, ausreichend Lebensqualität zu schaffen.

Hoyerswerda ist alt. Das Durchschnittsalter seiner Bewohnerinnen liegt weit über 50. die Jungen ziehen weg. So wie ich.

Hoyerswerda ist klein. Von ehemals 80.000 Einwohner_innen kurz vor der Wende leben in Hoyerswerda heute vielleicht noch 25.000.

Hoyerswerda ist Stadtumbau Ost. Rückbau. Lücken und Leere im Stadtbild. Dafür viele Grünflächen.

Hoyerswerda ist die Frau Mitte 50 auf dem Balkon, die den Arm zum Hitlergruß in die Höhe reißt und hasserfüllt auf die Menschen herabschreit, die 2011 gegen das Vergessen demonstrieren.

Hoyerswerda ist die Biografie meiner Eltern, in der die Seite 1991 fehlt.

Hoyerswerda ist das entnervte Brummen meiner Oma, nachdem ich ihr schon wieder klarmachen muss, dass Geflüchtete Menschen sind.

Hoyerswerda ist mein Cousin, der in den 90ern in der Neonazi-Szene aktiv war und im Knast gesessen hat, weil er zusammen mit anderen Nazis einen Obdachlosen ins Krankenhaus geprügelt hat (oder schlimmeres) und später seine Frau. Über den meine Oma sagt, er hätte ja nur daneben gestanden und trinkt halt. Wie sein Vater.

Hoyerswerda ist die befreundete Aktivistin, die im letzten Jahr beruflich die Zweigstelle der RAA Sachsen besucht, um die Mitarbeiter_innen zu beraten, was man in Hoyerswerda in Sachen interkultureller Öffnung tun könnte oder gegen die „Ängste der Bevölkerung“. Wir treffen uns an einem Sonntagmittag vor dem Jugendclubhaus Ossi, in dem auch die RAA ihre Büros hat und ich hab keine Ahnung, wie der Laden mittlerweile eigentlich heißt. Ich frage sie, was sie alles über 1991 erfahren hat. Nichts sagt sie. Wie jetzt? frage ich. Darum gibt’s die RAA hier doch überhaupt. Wart ihr wenigstens an den Orten? Thomas Müntzer Straße, Albert Schweitzer Straße? Nein. Wie nein? Kannst du mich hinfahren, Nadine? Klar.

Wir setzen uns ins Auto und fahren durch die Stadtumbau Ost Lücken, vorbei an Brach- und Grünflächen, an verlassenen Supermärkten, unsanierten Schulen. Sag mal Nadine, weißt du wie viele PoC hier leben? Abgesehen von den Menschen in der Unterkunft? Ja. Hm. Keine? Wie meinst du das? Wenige. Ok. Ehemalige Vertragsarbeiter_innen und deren Kinder leben hier nicht mehr, die wurden zusammen mit Asylsuchenden nach den Pogromen aus der Stadt geschafft. Einige wenige mögen geblieben sein. Meine engste Schulfreundin Tam zog Ende der 90er mit ihrer Familie nach Berlin. Yosbani habe ich nach der Grundschule nie wieder gesehen. Schau. Hier habe ich früher gewohnt. Wo denn? Na da drüben. Das Haus ist aber abgerissen worden. Und hier fanden die Angriffe statt. Hier standen überall Menschen und haben Steine geschmissen. Molotovs. Wie in Lichtenhagen später. Wo denn? Na hier, aber die Häuser sind auch abgerissen worden. Für wen wollen die dann eigentlich interkulturelle Öffnung betreiben? Ich habe keine Ahnung.

Hoyerswerda ist die Dokumentation von 1994 über Hoyerswerda 1991, bei der ich immer wieder nach bekannten Gesichtern suche.

Hoyerswerda ist „Nationalsozialismus oder Untergang“, verziert mit Hakenkreuzen an der Hauswand, direkt neben dem Wohnhaus meiner Eltern.

Hoyerswerda ist dieser junge Typ, der mitten am Tag mit Reichskriegsflagge durchs Wohngebiet spaziert.

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich jede Ecke kenne, zum ersten Mal verliebt war, mit dem Fahrrad im Sommer zu Freund_innen fuhr und auch mal nachts betrunken mit dem Auto zurück.

Hoyerswerda ist eine halbe Stunde Autofahrt von Bautzen entfernt. Und eine von Dresden. Und auch nicht so weit von Chemnitz, Mittweida und Heidenau und Pirna und Freital und Görlitz.

Hoyerswerda ist Sachsen.


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Wo kommen wir eigentlich her?

12. Januar 2017 von Nadine

Ziemlich vielen Menschen wird in diesem Land ziemlich häufig die Frage gestellt, wo sie eigentlich herkommen. Ziemlich viele Menschen in diesem Land wissen, dass das eine ziemlich rassistische Frage ist.

Ziemlich viele Menschen auf diesem Planeten wissen um ihre Geschichte, ihre Familien, ihre Vorfahren, ihre Kulturen und Traditionen, könnten dir ihre Geschichte erzählen, die ziemlich weit zurückreicht. Wo sie eigentlich herkommen und wie sie hierher kommen also nicht nur an den Ort sondern auch ins Jahr 2017, wissen ziemlich viele Menschen auf diesem Planeten ziemlich genau.

Wenn also ziemlich vielen Menschen in diesem Land ziemlich häufig die Frage gestellt wird, wo sie eigentlich herkommen und ziemlich viele Menschen in diesem Land wissen, dass das eine ziemlich rassistische Frage ist, die so lange weiter gestellt wird, bis sich ziemlich viele weiße Menschen in diesem Land ziemlich sicher sind, dass die befragte Person ziemlich wenig deutsch sein kann, frage ich mich: stellen sich weiße Deutsche eigentlich auch mal diese Frage?

Wo kommen wir eigentlich her?

Wenn wir in unsere eigene familiäre Vergangenheit schauen, wie weit reicht die eigentlich zurück? Was und wieviel wissen wir darüber? Wenn wir mal die Generationen durchleuchten, die vor uns liegen. Wo kommen wir eigentlich her? Wer kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten zu wissen, was seine_ihre Vorfahren 1884 gemacht und gedacht haben? Oder 1789? Oder 1914? Oder 1938?

Wo kommen wir eigentlich her? Die Frage, die weißen Deutschen ziemlich leicht von den Lippen geht, führt auf sich selbst angewendet ziemlich oft ins Leere. Moment mal. Da muss ich nachdenken. Wann fängt meine Familiengeschichte an? Meine eigene zum Beispiel beginnt erst 1945. Eigentlich noch nicht mal genau in diesem Jahr, irgendwie so danach. So ein bisschen. Eine kleine Grauzone zwischen dem 8. Mai 1945 und dem Jahr, in dem mein Vater geboren wurde. 15 Jahre Grauzone. Klar, es gibt ein paar Erzählungen meiner Großmutter, die älteste ihrer 5 Schwestern, auf einem Bauernhof arbeitend, der Staat musste ihrem Vater Geld geben, damit sie wenigstens noch den 10. Klasse Abschluss machen konnte. Weil sich die Familie nicht leisten konnte, ihre Kinder nicht arbeiten zu schicken.

Aber vor 45? Da sind nur Sätze oder einzelne Worte. Luftschutzbunker, Schützengräben, als die Russen kamen, in der Schule haben wir Hakenkreuze auf Flaggen genäht. Onkel Adolf. Ich gehörte ja nie zu den Braunen. Ich bin desertiert und nach Polen geflüchtet und habe mich dort der Sowjetarmee angeschlossen. Heldengeschichten. Oder kurze kontextlose und harmlos vorgetragene Milisekunden aus dem NS-Alltag. Mehr ist da nicht.

Wo kommen wir eigentlich her?

Meine Familiengeschichte beginnt da, wo sich das weiße Deutschland nach 45 in die private Sphäre zurückzog, unfähig und unwillens über die eigene Täterschaft nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen… Der Krieg? Wir hatten ja nichts, also danach. Das ist wichtig. Dass mensch nichts hatte. Ok, ich weiß immerhin, dass meine Familie nicht zu Großgrundbesitzern, zu Kapitalisten oder zur Bourgeoisie gehörte. Zumindest nicht bis 1935. Was davor war, darüber weiß ich nichts.

Wo kommen wir eigentlich her? Und wonach suchen wir, wenn wir uns als weiße Deutsche diese Frage stellen? Zählen wir uns bereitwillig zu Deutschen mit Faschismushintergrund? Oder suchen wir zunächst mal nach Zeichen von Verfolgung? Kennen wir in unserem Freund_innenkreis Menschen, für die die Shoa nicht nur ein Begriff ist?

In den politischen Kontexten, in denen ich unterwegs war und in Teilen heute noch bin, geht es in Sachen Identitätspolitik fast immer darum, zu werden. Endlich ich sein können. Selbstbestimmung. In diesem Bestimmungs- und Verortungsprozess wird das davor ziemlich häufig ausgeblendet. Die Dinge, die ich weiß und die Dinge, die ich in meiner Geschichte annehme, aber von denen ich nichts wissen will. Wer will schon einen Nazi-Opa haben, wenn sie_er sich auch über die Tante aufregen kann, die letztens am Kaffeetisch wieder rassistischen Müll geredet hat? Wer will sich schon mit Oma Erna beschäftigen, die ihre jüdischen Nachbar_innen an die Gestapo verpfiff oder Großtante Rosie, die in Buchenwald Menschen in noch und nicht mehr nützlich einteilte? Und wer war eigentlich Urgroßonkel Hermann, der in schicker Uniform mit Totenkopf auf der grauen – ich nenne sie – Mütze. Und was ist eigentlich mit Helmut, der mit Hitlerporträt und tickender Uhr an der Wand beim Sonntagsessen Sieg Heil statt Amen sagte? Wollen wir den kennen, zu unserer Verwandtschaft zählen, zu unserer Biografie? Wollen wir wissen, wo wir wirklich herkommen?

Wo komme ich eigentlich her? ist eine Frage, die sich weiße deutsche Aktivist_innen ziemlich selten stellen. Warum bekomme ich keine Antworten, wenn ich Fragen stelle? Wieso weiß ich so wenig über meine Familie, habe von ihr aber Sprichwörter und Begriffe gelernt, die ich das erste Mal in Viktor Klemperers „Lingua Tertia Imperii – Die Sprache des dritten Reichs“ schwarz auf weiß las? Warum kenne ich Wörter, deren Bedeutung nur weiße deutsche mit Faschismushintergrund kennen? Wo kommt all das Wissen und wo kommen all die Selbstverständnisse her, die ich unhinterfragt in mir trug weit mehr als 20 Jahre lang? Und wieso gehört das nicht so selbstverständlich zu meiner Identität, zu meinem Gewordensein und zu meinem Werden? Wieso beginnt unsere eigene Geschichte und unsere eigene bzw. unsere neue selbstbestimmte Identität ziemlich häufig erst ab dem Zeitpunkt unserer Politisierung? Wieso feiern wir unsere Geburtstage, die weit hinter dem Geburtsjahr liegen, das in unserem Personalausweis steht, aber nicht jene die weit weit davor liegen? Wieso können wir nur dann in die Vergangenheit schauen, wenn sie zu unserer Geschichte von Diskriminierung passt?


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Typen dürfen nicht, wir schon – Gewalt in queeren Beziehungen und die Ignoranz des Umfeldes

11. Dezember 2016 von Nadine

Bei Typen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gewalt geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Urteilen. Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Gewalt in Beziehungen. Da wissen wir, wie der Hase läuft. Da wissen wir ganz genau, wie das Patriarchat funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle der Täter der eigene Ehemann ist, oder der Freund, oder der Onkel, Vater, Cousin, Bruder. Der Kumpel, den wir schon ewig kennen und von dem wir nie dachten…

Bei queeren Personen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gerechtigkeit geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Forderungen. Da wissen wir ganz genau, wie der Hase läuft. Vertrauen, Nähe, Anerkennung. Wahrnehmen. Ernstnehmen. Da wissen wir ganz genau, wie Utopie funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle alles okay ist. Dass sich da kritische Menschen mit anderen kritischen Menschen zusammentun und an einer besseren Welt bauen. Die mit weniger Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung auskommt. Eine Welt, in der Menschen sich wohl fühlen, ein Zuhause haben. Einen Ort, an dem sie sein können, wie sie sind.

Wir respektieren ja Grenzen

Gewalt innerhalb queer_feministischer Communities, ja sogar Gewalt in Beziehungen, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, das kann nicht sein. Das gibt es nicht. Denn wir respektieren ja Grenzen. Wir wissen ja um die Gewalt, die wir täglich erfahren. Aber nicht bei uns. Nicht unter uns. Niemals.

Wir interessieren uns brennend für die Gewaltgeschichten unseres_r Gegenüber. Wir wollen verstehen. Wir wollen unterstützen. Aber nur einen Teil. Den anderen blenden wir aus. Theoretisch besteht ja die Möglichkeit. Das haben wir in schlauen Büchern gelernt. Aber denken? Konsequenzen denken? Das können wir nur mit schlauen Büchern, Handreichungen. Community Accountability, Transformative Justice. Schlagworte in den Raum werfen. Workshops besuchen, Arbeitsgruppen bilden. Stuhlkreise.
Wir halten uns für so gut und so diskriminiert, dass wir es selten wagen zu denken, dass in 100% der Fälle, die andere Person der_die Täter_in, äähh Freund_in, äääh Aktivist_in, ääähhh die Person ist, von der wir niemals dachten, dass…

Die Beziehung als Therapiestunde

Menschen, die Gewalt erfahren haben, können Gewalt ausüben. Es ist so simpel und doch so schwer zu begreifen. Wir halten uns für Opfer, deswegen für gewaltfrei. Wir haben doch nur Wünsche und Bedürfnisse, auf die wir ein Recht haben, weil wir erlebt haben. Und wer uns diese Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt, negiert unsere Erfahrungen, verhält sich ignorant, verletzend, diskriminierend, wiederholt Trauma.

Wenn die eigenen Erfahrungen dafür benutzt werden, um andere auszunutzen, zu manipulieren, zu kontrollieren, zu Handlungen und Entscheidungen zu zwingen bzw. zu „überreden“, ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, Selbsthass, Schuld- und Schamgefühle zu injizieren, um eigene Projektionen als ultimative Wahrheit zu verkaufen.

Wenn unsere eigene Beziehung mit einer Therapiestunde verwechselt wird, wenn mein_e Partner_in mein Leben auf die Reihe kriegen soll, meine Schmerzen ertragen soll, meine Trauer, meine Ängste und dafür die Verantwortung übernehmen. Wenn ich nicht akzeptieren kann, dass eine Beziehung nicht dafür da ist meine eigene Ohnmacht zu kompensieren. Dann fängt Gewalt an.

Typen dürfen nicht, wir schon

Aber wir sind doch so reflektiert… Wir sind doch so kritisch… Deshalb instrumentalisieren wir auch unser Wissen über Machtverhältnisse, soziale Positionen, Diskriminierung und Gewalt und rechtfertigen damit unsere Grenzüberschreitungen. Wir dürfen, weil wir erlebt und erfahren haben. Wir dürfen, weil wir ein Recht dazu haben. Wir dürfen, weil wir leiden… Inwiefern unterscheiden wir uns damit von dem rund 90% Täter. Der von dem wir niemals dachten, dass. Der, von dem wir schon immer wussten, dass.

Das Private ist politisch, heißt es doch. Aber nicht nur politisch ist ein sehr dehnbarer Begriff. Früher dachte ich, es wäre müßig Täter_innen zu outen in queeren Kontexten. Weil es dann einen Namen gibt. Wenige Namen gibt unter vielen. Und die vielen mit dem Finger auf die wenigen zeigen können, um sich selbst von dieser Form oder diesem Ort der Gewalt freizusprechen. Ich gebe zu, ich war naiv.  Denn so gut wie niemand interessiert sich für Namen. So gut wie niemand interessiert sich dafür, was überhaupt passiert, wenn wir von einer Demo oder Party nach Hause gehen, was in unseren eigenen 4 Wänden passiert.

Das Offensichtliche wird ignoriert

„Naja, so lange wir nicht alle Seiten der Geschichte kennen“ – „Woher hätte ich denn wissen sollen?“ „Für eine Einschätzung fehlen mir die Details…“ – Expert_innen, die wir in Fragen der hetigen Beziehungs- und häuslichen Gewalt, der sexualisierten Gewalt zweifellos sind, scheitern an den offensichtlichen Zeichen und Hinweisen, die Betroffene immer geben, wenn sie von ihrem Beziehungsalltag berichten.

Naaah, das sollen die mal schön unter sich klären…ihr „Beziehungsdrama“. Dramatisch, dass immer nur Typen Täter sein können. Dramatisch, dass es angeblich keine Täter_innen gibt unter allen anderen. Wer ein Opfer ist, kann kein_e Täter_in sein. Gewalt beginnt da, wo ich die Verantwortung für mich selbst an meine Beziehung abgebe. Gewalt hört nicht auf, wenn ich glaube, dass mich all das nicht betrifft.


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MTVs Serienhit „Faking it“ – sometimes nailing it, sometimes failing it

13. Oktober 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 23 von 34 der Serie Die Feministische Videothek

Neulich schrieb ich noch, dass ich mir am liebsten Hetenserien gebe, weil ich darin unbeteiligte Zuschauerin bin. Und bis auf wenige Ausnahmen keine Serien mit hohem Anteil queerer Perspektiven und Figuren schaue, weil der Fokus oft auf Gewalt und Diskriminierung liegt. Trotz meiner anfänglichen Skepsis gegenüber dem Hauptplot von Faking it, folgte ich der Empfehlung einer Freundin, die die Serie aus dem Hause MTV mit einer Schüler_innen AG schaut.

Amy und Karma, zwei Teenager aus Austin, Texas besuchen die Highschool. Aber nicht irgendeine, sondern Hester High, eine Schule, an der Normabweichung gefeiert wird, statt mit Mobbing und Stalking darauf zu reagieren. Diskriminierung existiert an der Schule nicht, alle sozialen Gruppen sind vertreten, die Schüler_innen supporten sich gegenseitig. Klar, dass Amy und Karma, zwei weiße normschöne Heten da nicht viel zu melden haben. Während Amy mit ihrer unbedeutenden Position kein Problem hat, quälen Karma Selbstwertprobleme. Sie will dazu gehören und beliebt sein. Als die beiden versehentlich für ein lesbisches Paar gehalten werden und die Schule sie als Prom Queen Pärchen sehen will, lässt Karma sich nicht zwei Mal bitten. Sie überredet Amy das Ganze noch ein bisschen länger zu faken. Schließlich steht nun Liam, der Hottie der Schule auf sie. Und wir wissen ja, wie „interessant“ straighte Typen Lesben finden, die für Frauen vorgesehene Schönheitsnormen erfüllen.

Als Lauren, Amys Stiefschwester, die beiden als hetero outen will, verhindert Amy Laurens Plan, indem sie Karma vor der gesamten Schule küsst. Ein sehr folgenreicher, wie sich bald herausstellt, denn für Amy wird es nicht beim „Faking it“ bleiben. Und so spinnen sich herzzerreißende, selbstironische und empowernde Geschichten um Sex_ualität, Liebe, Beziehungen, Identität, Freund_innenschaft, Begehren und Gender, eingebettet in ein völlig unrealistisches diskriminierungskritisches Setting. Unrealistisch ist hier tatsächlich liebevoll gemeint, denn Faking it schafft es, eine Utopie zu kreieren, die Jugendlichen die Möglichkeit gibt, sich mit positiven Bildern zu identifizieren statt mit Trauma, Mobbing und Gewalt, ohne Diskriminierung als Fakt und die eigene Realität darin unter den Teppich zu kehren.

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24 Jahre Hoyerswerdaer Pogrome – alles wie immer in Deutschland

1. Oktober 2015 von Nadine

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.

Nazis, „besorgte Bürger“, „Asylkritiker“ versammeln sich vor Unterkünften und Wohnungen von Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, fliehen mussten aus ihrem Herkunftsland und nun in Deutschland leben wollen bzw. hierzulande nach Möglichkeiten suchen zu überleben. Die Besorgten, Verängstigten und Völkischen grölen nicht nur rassistische Parolen, zeigen ab und zu ganz unverhohlen mit ausgestreckter Handfläche und Arm gen Himmel oder schimpfen auf „die da oben“, die völlig an den Bedürfnissen der „einfachen und guten“ Deutschen (arbeitsam, pünktlich, fressehaltend, weiß) vorbei planen und Trilliarden von Menschen ins Land lassen, die gar nicht „hier her gehören“. Sie schmeißen auch Flaschen, Steine (aber nicht auf Deutsche, deswegen okay!!!111), Brandsätze, lauern auf, schlagen zusammen, morden. Der rassistische Mob, der sich schnell zusammenfindet (gerne auch mit Beteiligung aus anderen Städten und Umgebungen, der gute Deutsche hilft schließlich aus), um am Ende mit der Hitler-Hand und dem ausgestreckten Zeigefinger ganz schnell von sich weg zu zeigen. Dumpf daneben zu stehen, zu schweigen, zuzusehen und grummelig in Fernsehkameras zu gucken wie das Kind, das Mittagsschlaf machen muss, obwohl es viel lieber draußen spielen möchte. Unverhohlen jubeln war schließlich gestern, als die Presse, Antifaschist_innen, Aktivist_innen und Gutmenschen den weißdeutschen Einheitstaumel vor den Unterkünften noch nicht störten. Als die Stadt, die Kommune, die Gemeinde noch nicht öffentlich überfordert tat, sondern hinter vorgehaltener Hand entschied, die Unterkunft an der städtischen Peripherie oder ganz abseits von Sozialleben bereitzustellen, weil Sicherheit und Ängste ernstnehmen eben in erster Linie für den weißdeutschen Volkskörper gilt. Öffentliche Überforderung wird dann zelebriert, wenn die Unterkünfte brennen und die Polizei nur zusieht oder Aktivist_innen festnimmt (Rechts-Links, Links-Rechts, da kann mensch sich halt total leicht vertun), wenn die „Ängste der Bürger“ sich bereits in die Steine geschrieben haben, die fliegen oder mit einem einig „Wir sind das Volk“ bereinigt werden. So wie die Unterkunft, aus der die Menschen, sollten sie noch unversehrt sein, dann ausziehen müssen, irgendwo hingebracht werden, irgendwo anders abgeladen werden, einfach weil diese Stadt… so… überfordert ist mit dem Rassismusproblem ihrer Alteingesessenen. Schwierig.

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.

Obwohl die Tatsachen seit Jahrhunderten für sich sprechen (weiße Deutsche haben ein Rassismusproblem), wird mit den immergleichen Mustern und Abläufen darauf nicht_reagiert. Stur wie ein Esel verschärft, schafft ab, gewaltet Deutschland vor sich hin. Versenkt Milliarden Steuergelder in noch mehr Bürokratie für noch mehr Abschiebung, Menschenrechtsverletzung und Rassismus. Wo ein Formular ist, kann die Empathielosigkeit und Menschenverachtung nicht weit sein.

Vor 24 Jahren schaffte es Hoyerswerda mit tagelangen rassistischen Ausschreitungen nicht nur in die internationale Öffentlichkeit, sondern entledigte sich aller geflüchteten Menschen und ehemaligen Vertragsarbeiter_innen auf einen Schlag – zu wessen Schutz eigentlich ist nach wie vor nicht abschließend geklärt, denn die örtliche Polizeibehörde kapituliert weiterhin vor den Nazis, die mittlerweile weiße Leute aus der Stadt jagen müssen. Damals wurde der Rassismus der Bevölkerung mit Abstiegsängsten, allgemeiner Verunsicherung nach dem Mauerfall und Arbeitslosigkeit gerechtfertigt. 24 Jahre später passiert 1:1 das gleiche jeden Tag in vielen anderen Städten Deutschlands und die vorgeschobene „Einheitsproblematik“ von damals weicht der unverblümten Affirmation weißdeutscher Einigkeit von heute, dass Platz 1 in der Europa League einfach nicht mit anderen teilbar ist. Hey, und außerdem wollen 25 Jahre 3. Oktober schließlich angemessen gefeiert werden.

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.


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