Einträge von Nadine


Hoyerswerda ist…

16. Januar 2017 von Nadine

Hoyerswerda ist…

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich geboren bin und bis zu meinem 19. Lebensjahr gelebt habe.

Hoyerswerda ist die Stadt, von der die Schriftstellerin Brigitte Reimann in ihrem 1974 erschienenen Roman Franziska Linkerhand berichtet, es sei die Stadt im Osten mit der höchsten Suizidrate.

Hoyerswerda ist das sozialistische Großmosaik, das noch immer die Lausitzhalle ziert, die bis heute von den meisten Hoyerswerdschen nicht Lausitzhalle, sondern HBE genannt wird. Haus der Berg- und Energiearbeiter.

Hoyerswerda ist Lausitzer Seenlandschaft, rundherum geflutete Tagebaue, wunderschöne Radwege, viel Wald.

Hoyerswerda ist eine Stadt, die kämpft, weil man verpasst hat, neben dem Braunkohleabbau Arbeitsplätze, Ausbildungsmöglichkeiten, ausreichend Lebensqualität zu schaffen.

Hoyerswerda ist alt. Das Durchschnittsalter seiner Bewohnerinnen liegt weit über 50. die Jungen ziehen weg. So wie ich.

Hoyerswerda ist klein. Von ehemals 80.000 Einwohner_innen kurz vor der Wende leben in Hoyerswerda heute vielleicht noch 25.000.

Hoyerswerda ist Stadtumbau Ost. Rückbau. Lücken und Leere im Stadtbild. Dafür viele Grünflächen.

Hoyerswerda ist die Frau Mitte 50 auf dem Balkon, die den Arm zum Hitlergruß in die Höhe reißt und hasserfüllt auf die Menschen herabschreit, die 2011 gegen das Vergessen demonstrieren.

Hoyerswerda ist die Biografie meiner Eltern, in der die Seite 1991 fehlt.

Hoyerswerda ist das entnervte Brummen meiner Oma, nachdem ich ihr schon wieder klarmachen muss, dass Geflüchtete Menschen sind.

Hoyerswerda ist mein Cousin, der in den 90ern in der Neonazi-Szene aktiv war und im Knast gesessen hat, weil er zusammen mit anderen Nazis einen Obdachlosen ins Krankenhaus geprügelt hat (oder schlimmeres) und später seine Frau. Über den meine Oma sagt, er hätte ja nur daneben gestanden und trinkt halt. Wie sein Vater.

Hoyerswerda ist die befreundete Aktivistin, die im letzten Jahr beruflich die Zweigstelle der RAA Sachsen besucht, um die Mitarbeiter_innen zu beraten, was man in Hoyerswerda in Sachen interkultureller Öffnung tun könnte oder gegen die „Ängste der Bevölkerung“. Wir treffen uns an einem Sonntagmittag vor dem Jugendclubhaus Ossi, in dem auch die RAA ihre Büros hat und ich hab keine Ahnung, wie der Laden mittlerweile eigentlich heißt. Ich frage sie, was sie alles über 1991 erfahren hat. Nichts sagt sie. Wie jetzt? frage ich. Darum gibt’s die RAA hier doch überhaupt. Wart ihr wenigstens an den Orten? Thomas Müntzer Straße, Albert Schweitzer Straße? Nein. Wie nein? Kannst du mich hinfahren, Nadine? Klar.

Wir setzen uns ins Auto und fahren durch die Stadtumbau Ost Lücken, vorbei an Brach- und Grünflächen, an verlassenen Supermärkten, unsanierten Schulen. Sag mal Nadine, weißt du wie viele PoC hier leben? Abgesehen von den Menschen in der Unterkunft? Ja. Hm. Keine? Wie meinst du das? Wenige. Ok. Ehemalige Vertragsarbeiter_innen und deren Kinder leben hier nicht mehr, die wurden zusammen mit Asylsuchenden nach den Pogromen aus der Stadt geschafft. Einige wenige mögen geblieben sein. Meine engste Schulfreundin Tam zog Ende der 90er mit ihrer Familie nach Berlin. Yosbani habe ich nach der Grundschule nie wieder gesehen. Schau. Hier habe ich früher gewohnt. Wo denn? Na da drüben. Das Haus ist aber abgerissen worden. Und hier fanden die Angriffe statt. Hier standen überall Menschen und haben Steine geschmissen. Molotovs. Wie in Lichtenhagen später. Wo denn? Na hier, aber die Häuser sind auch abgerissen worden. Für wen wollen die dann eigentlich interkulturelle Öffnung betreiben? Ich habe keine Ahnung.

Hoyerswerda ist die Dokumentation von 1994 über Hoyerswerda 1991, bei der ich immer wieder nach bekannten Gesichtern suche.

Hoyerswerda ist „Nationalsozialismus oder Untergang“, verziert mit Hakenkreuzen an der Hauswand, direkt neben dem Wohnhaus meiner Eltern.

Hoyerswerda ist dieser junge Typ, der mitten am Tag mit Reichskriegsflagge durchs Wohngebiet spaziert.

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich jede Ecke kenne, zum ersten Mal verliebt war, mit dem Fahrrad im Sommer zu Freund_innen fuhr und auch mal nachts betrunken mit dem Auto zurück.

Hoyerswerda ist eine halbe Stunde Autofahrt von Bautzen entfernt. Und eine von Dresden. Und auch nicht so weit von Chemnitz, Mittweida und Heidenau und Pirna und Freital und Görlitz.

Hoyerswerda ist Sachsen.


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Wo kommen wir eigentlich her?

12. Januar 2017 von Nadine

Ziemlich vielen Menschen wird in diesem Land ziemlich häufig die Frage gestellt, wo sie eigentlich herkommen. Ziemlich viele Menschen in diesem Land wissen, dass das eine ziemlich rassistische Frage ist.

Ziemlich viele Menschen auf diesem Planeten wissen um ihre Geschichte, ihre Familien, ihre Vorfahren, ihre Kulturen und Traditionen, könnten dir ihre Geschichte erzählen, die ziemlich weit zurückreicht. Wo sie eigentlich herkommen und wie sie hierher kommen also nicht nur an den Ort sondern auch ins Jahr 2017, wissen ziemlich viele Menschen auf diesem Planeten ziemlich genau.

Wenn also ziemlich vielen Menschen in diesem Land ziemlich häufig die Frage gestellt wird, wo sie eigentlich herkommen und ziemlich viele Menschen in diesem Land wissen, dass das eine ziemlich rassistische Frage ist, die so lange weiter gestellt wird, bis sich ziemlich viele weiße Menschen in diesem Land ziemlich sicher sind, dass die befragte Person ziemlich wenig deutsch sein kann, frage ich mich: stellen sich weiße Deutsche eigentlich auch mal diese Frage?

Wo kommen wir eigentlich her?

Wenn wir in unsere eigene familiäre Vergangenheit schauen, wie weit reicht die eigentlich zurück? Was und wieviel wissen wir darüber? Wenn wir mal die Generationen durchleuchten, die vor uns liegen. Wo kommen wir eigentlich her? Wer kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten zu wissen, was seine_ihre Vorfahren 1884 gemacht und gedacht haben? Oder 1789? Oder 1914? Oder 1938?

Wo kommen wir eigentlich her? Die Frage, die weißen Deutschen ziemlich leicht von den Lippen geht, führt auf sich selbst angewendet ziemlich oft ins Leere. Moment mal. Da muss ich nachdenken. Wann fängt meine Familiengeschichte an? Meine eigene zum Beispiel beginnt erst 1945. Eigentlich noch nicht mal genau in diesem Jahr, irgendwie so danach. So ein bisschen. Eine kleine Grauzone zwischen dem 8. Mai 1945 und dem Jahr, in dem mein Vater geboren wurde. 15 Jahre Grauzone. Klar, es gibt ein paar Erzählungen meiner Großmutter, die älteste ihrer 5 Schwestern, auf einem Bauernhof arbeitend, der Staat musste ihrem Vater Geld geben, damit sie wenigstens noch den 10. Klasse Abschluss machen konnte. Weil sich die Familie nicht leisten konnte, ihre Kinder nicht arbeiten zu schicken.

Aber vor 45? Da sind nur Sätze oder einzelne Worte. Luftschutzbunker, Schützengräben, als die Russen kamen, in der Schule haben wir Hakenkreuze auf Flaggen genäht. Onkel Adolf. Ich gehörte ja nie zu den Braunen. Ich bin desertiert und nach Polen geflüchtet und habe mich dort der Sowjetarmee angeschlossen. Heldengeschichten. Oder kurze kontextlose und harmlos vorgetragene Milisekunden aus dem NS-Alltag. Mehr ist da nicht.

Wo kommen wir eigentlich her?

Meine Familiengeschichte beginnt da, wo sich das weiße Deutschland nach 45 in die private Sphäre zurückzog, unfähig und unwillens über die eigene Täterschaft nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen… Der Krieg? Wir hatten ja nichts, also danach. Das ist wichtig. Dass mensch nichts hatte. Ok, ich weiß immerhin, dass meine Familie nicht zu Großgrundbesitzern, zu Kapitalisten oder zur Bourgeoisie gehörte. Zumindest nicht bis 1935. Was davor war, darüber weiß ich nichts.

Wo kommen wir eigentlich her? Und wonach suchen wir, wenn wir uns als weiße Deutsche diese Frage stellen? Zählen wir uns bereitwillig zu Deutschen mit Faschismushintergrund? Oder suchen wir zunächst mal nach Zeichen von Verfolgung? Kennen wir in unserem Freund_innenkreis Menschen, für die die Shoa nicht nur ein Begriff ist?

In den politischen Kontexten, in denen ich unterwegs war und in Teilen heute noch bin, geht es in Sachen Identitätspolitik fast immer darum, zu werden. Endlich ich sein können. Selbstbestimmung. In diesem Bestimmungs- und Verortungsprozess wird das davor ziemlich häufig ausgeblendet. Die Dinge, die ich weiß und die Dinge, die ich in meiner Geschichte annehme, aber von denen ich nichts wissen will. Wer will schon einen Nazi-Opa haben, wenn sie_er sich auch über die Tante aufregen kann, die letztens am Kaffeetisch wieder rassistischen Müll geredet hat? Wer will sich schon mit Oma Erna beschäftigen, die ihre jüdischen Nachbar_innen an die Gestapo verpfiff oder Großtante Rosie, die in Buchenwald Menschen in noch und nicht mehr nützlich einteilte? Und wer war eigentlich Urgroßonkel Hermann, der in schicker Uniform mit Totenkopf auf der grauen – ich nenne sie – Mütze. Und was ist eigentlich mit Helmut, der mit Hitlerporträt und tickender Uhr an der Wand beim Sonntagsessen Sieg Heil statt Amen sagte? Wollen wir den kennen, zu unserer Verwandtschaft zählen, zu unserer Biografie? Wollen wir wissen, wo wir wirklich herkommen?

Wo komme ich eigentlich her? ist eine Frage, die sich weiße deutsche Aktivist_innen ziemlich selten stellen. Warum bekomme ich keine Antworten, wenn ich Fragen stelle? Wieso weiß ich so wenig über meine Familie, habe von ihr aber Sprichwörter und Begriffe gelernt, die ich das erste Mal in Viktor Klemperers „Lingua Tertia Imperii – Die Sprache des dritten Reichs“ schwarz auf weiß las? Warum kenne ich Wörter, deren Bedeutung nur weiße deutsche mit Faschismushintergrund kennen? Wo kommt all das Wissen und wo kommen all die Selbstverständnisse her, die ich unhinterfragt in mir trug weit mehr als 20 Jahre lang? Und wieso gehört das nicht so selbstverständlich zu meiner Identität, zu meinem Gewordensein und zu meinem Werden? Wieso beginnt unsere eigene Geschichte und unsere eigene bzw. unsere neue selbstbestimmte Identität ziemlich häufig erst ab dem Zeitpunkt unserer Politisierung? Wieso feiern wir unsere Geburtstage, die weit hinter dem Geburtsjahr liegen, das in unserem Personalausweis steht, aber nicht jene die weit weit davor liegen? Wieso können wir nur dann in die Vergangenheit schauen, wenn sie zu unserer Geschichte von Diskriminierung passt?


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Typen dürfen nicht, wir schon – Gewalt in queeren Beziehungen und die Ignoranz des Umfeldes

11. Dezember 2016 von Nadine

Bei Typen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gewalt geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Urteilen. Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Gewalt in Beziehungen. Da wissen wir, wie der Hase läuft. Da wissen wir ganz genau, wie das Patriarchat funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle der Täter der eigene Ehemann ist, oder der Freund, oder der Onkel, Vater, Cousin, Bruder. Der Kumpel, den wir schon ewig kennen und von dem wir nie dachten…

Bei queeren Personen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gerechtigkeit geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Forderungen. Da wissen wir ganz genau, wie der Hase läuft. Vertrauen, Nähe, Anerkennung. Wahrnehmen. Ernstnehmen. Da wissen wir ganz genau, wie Utopie funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle alles okay ist. Dass sich da kritische Menschen mit anderen kritischen Menschen zusammentun und an einer besseren Welt bauen. Die mit weniger Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung auskommt. Eine Welt, in der Menschen sich wohl fühlen, ein Zuhause haben. Einen Ort, an dem sie sein können, wie sie sind.

Wir respektieren ja Grenzen

Gewalt innerhalb queer_feministischer Communities, ja sogar Gewalt in Beziehungen, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, das kann nicht sein. Das gibt es nicht. Denn wir respektieren ja Grenzen. Wir wissen ja um die Gewalt, die wir täglich erfahren. Aber nicht bei uns. Nicht unter uns. Niemals.

Wir interessieren uns brennend für die Gewaltgeschichten unseres_r Gegenüber. Wir wollen verstehen. Wir wollen unterstützen. Aber nur einen Teil. Den anderen blenden wir aus. Theoretisch besteht ja die Möglichkeit. Das haben wir in schlauen Büchern gelernt. Aber denken? Konsequenzen denken? Das können wir nur mit schlauen Büchern, Handreichungen. Community Accountability, Transformative Justice. Schlagworte in den Raum werfen. Workshops besuchen, Arbeitsgruppen bilden. Stuhlkreise.
Wir halten uns für so gut und so diskriminiert, dass wir es selten wagen zu denken, dass in 100% der Fälle, die andere Person der_die Täter_in, äähh Freund_in, äääh Aktivist_in, ääähhh die Person ist, von der wir niemals dachten, dass…

Die Beziehung als Therapiestunde

Menschen, die Gewalt erfahren haben, können Gewalt ausüben. Es ist so simpel und doch so schwer zu begreifen. Wir halten uns für Opfer, deswegen für gewaltfrei. Wir haben doch nur Wünsche und Bedürfnisse, auf die wir ein Recht haben, weil wir erlebt haben. Und wer uns diese Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt, negiert unsere Erfahrungen, verhält sich ignorant, verletzend, diskriminierend, wiederholt Trauma.

Wenn die eigenen Erfahrungen dafür benutzt werden, um andere auszunutzen, zu manipulieren, zu kontrollieren, zu Handlungen und Entscheidungen zu zwingen bzw. zu „überreden“, ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, Selbsthass, Schuld- und Schamgefühle zu injizieren, um eigene Projektionen als ultimative Wahrheit zu verkaufen.

Wenn unsere eigene Beziehung mit einer Therapiestunde verwechselt wird, wenn mein_e Partner_in mein Leben auf die Reihe kriegen soll, meine Schmerzen ertragen soll, meine Trauer, meine Ängste und dafür die Verantwortung übernehmen. Wenn ich nicht akzeptieren kann, dass eine Beziehung nicht dafür da ist meine eigene Ohnmacht zu kompensieren. Dann fängt Gewalt an.

Typen dürfen nicht, wir schon

Aber wir sind doch so reflektiert… Wir sind doch so kritisch… Deshalb instrumentalisieren wir auch unser Wissen über Machtverhältnisse, soziale Positionen, Diskriminierung und Gewalt und rechtfertigen damit unsere Grenzüberschreitungen. Wir dürfen, weil wir erlebt und erfahren haben. Wir dürfen, weil wir ein Recht dazu haben. Wir dürfen, weil wir leiden… Inwiefern unterscheiden wir uns damit von dem rund 90% Täter. Der von dem wir niemals dachten, dass. Der, von dem wir schon immer wussten, dass.

Das Private ist politisch, heißt es doch. Aber nicht nur politisch ist ein sehr dehnbarer Begriff. Früher dachte ich, es wäre müßig Täter_innen zu outen in queeren Kontexten. Weil es dann einen Namen gibt. Wenige Namen gibt unter vielen. Und die vielen mit dem Finger auf die wenigen zeigen können, um sich selbst von dieser Form oder diesem Ort der Gewalt freizusprechen. Ich gebe zu, ich war naiv.  Denn so gut wie niemand interessiert sich für Namen. So gut wie niemand interessiert sich dafür, was überhaupt passiert, wenn wir von einer Demo oder Party nach Hause gehen, was in unseren eigenen 4 Wänden passiert.

Das Offensichtliche wird ignoriert

„Naja, so lange wir nicht alle Seiten der Geschichte kennen“ – „Woher hätte ich denn wissen sollen?“ „Für eine Einschätzung fehlen mir die Details…“ – Expert_innen, die wir in Fragen der hetigen Beziehungs- und häuslichen Gewalt, der sexualisierten Gewalt zweifellos sind, scheitern an den offensichtlichen Zeichen und Hinweisen, die Betroffene immer geben, wenn sie von ihrem Beziehungsalltag berichten.

Naaah, das sollen die mal schön unter sich klären…ihr „Beziehungsdrama“. Dramatisch, dass immer nur Typen Täter sein können. Dramatisch, dass es angeblich keine Täter_innen gibt unter allen anderen. Wer ein Opfer ist, kann kein_e Täter_in sein. Gewalt beginnt da, wo ich die Verantwortung für mich selbst an meine Beziehung abgebe. Gewalt hört nicht auf, wenn ich glaube, dass mich all das nicht betrifft.


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MTVs Serienhit „Faking it“ – sometimes nailing it, sometimes failing it

13. Oktober 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 23 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Neulich schrieb ich noch, dass ich mir am liebsten Hetenserien gebe, weil ich darin unbeteiligte Zuschauerin bin. Und bis auf wenige Ausnahmen keine Serien mit hohem Anteil queerer Perspektiven und Figuren schaue, weil der Fokus oft auf Gewalt und Diskriminierung liegt. Trotz meiner anfänglichen Skepsis gegenüber dem Hauptplot von Faking it, folgte ich der Empfehlung einer Freundin, die die Serie aus dem Hause MTV mit einer Schüler_innen AG schaut.

Amy und Karma, zwei Teenager aus Austin, Texas besuchen die Highschool. Aber nicht irgendeine, sondern Hester High, eine Schule, an der Normabweichung gefeiert wird, statt mit Mobbing und Stalking darauf zu reagieren. Diskriminierung existiert an der Schule nicht, alle sozialen Gruppen sind vertreten, die Schüler_innen supporten sich gegenseitig. Klar, dass Amy und Karma, zwei weiße normschöne Heten da nicht viel zu melden haben. Während Amy mit ihrer unbedeutenden Position kein Problem hat, quälen Karma Selbstwertprobleme. Sie will dazu gehören und beliebt sein. Als die beiden versehentlich für ein lesbisches Paar gehalten werden und die Schule sie als Prom Queen Pärchen sehen will, lässt Karma sich nicht zwei Mal bitten. Sie überredet Amy das Ganze noch ein bisschen länger zu faken. Schließlich steht nun Liam, der Hottie der Schule auf sie. Und wir wissen ja, wie „interessant“ straighte Typen Lesben finden, die für Frauen vorgesehene Schönheitsnormen erfüllen.

Als Lauren, Amys Stiefschwester, die beiden als hetero outen will, verhindert Amy Laurens Plan, indem sie Karma vor der gesamten Schule küsst. Ein sehr folgenreicher, wie sich bald herausstellt, denn für Amy wird es nicht beim „Faking it“ bleiben. Und so spinnen sich herzzerreißende, selbstironische und empowernde Geschichten um Sex_ualität, Liebe, Beziehungen, Identität, Freund_innenschaft, Begehren und Gender, eingebettet in ein völlig unrealistisches diskriminierungskritisches Setting. Unrealistisch ist hier tatsächlich liebevoll gemeint, denn Faking it schafft es, eine Utopie zu kreieren, die Jugendlichen die Möglichkeit gibt, sich mit positiven Bildern zu identifizieren statt mit Trauma, Mobbing und Gewalt, ohne Diskriminierung als Fakt und die eigene Realität darin unter den Teppich zu kehren.

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24 Jahre Hoyerswerdaer Pogrome – alles wie immer in Deutschland

1. Oktober 2015 von Nadine

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.

Nazis, „besorgte Bürger“, „Asylkritiker“ versammeln sich vor Unterkünften und Wohnungen von Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, fliehen mussten aus ihrem Herkunftsland und nun in Deutschland leben wollen bzw. hierzulande nach Möglichkeiten suchen zu überleben. Die Besorgten, Verängstigten und Völkischen grölen nicht nur rassistische Parolen, zeigen ab und zu ganz unverhohlen mit ausgestreckter Handfläche und Arm gen Himmel oder schimpfen auf „die da oben“, die völlig an den Bedürfnissen der „einfachen und guten“ Deutschen (arbeitsam, pünktlich, fressehaltend, weiß) vorbei planen und Trilliarden von Menschen ins Land lassen, die gar nicht „hier her gehören“. Sie schmeißen auch Flaschen, Steine (aber nicht auf Deutsche, deswegen okay!!!111), Brandsätze, lauern auf, schlagen zusammen, morden. Der rassistische Mob, der sich schnell zusammenfindet (gerne auch mit Beteiligung aus anderen Städten und Umgebungen, der gute Deutsche hilft schließlich aus), um am Ende mit der Hitler-Hand und dem ausgestreckten Zeigefinger ganz schnell von sich weg zu zeigen. Dumpf daneben zu stehen, zu schweigen, zuzusehen und grummelig in Fernsehkameras zu gucken wie das Kind, das Mittagsschlaf machen muss, obwohl es viel lieber draußen spielen möchte. Unverhohlen jubeln war schließlich gestern, als die Presse, Antifaschist_innen, Aktivist_innen und Gutmenschen den weißdeutschen Einheitstaumel vor den Unterkünften noch nicht störten. Als die Stadt, die Kommune, die Gemeinde noch nicht öffentlich überfordert tat, sondern hinter vorgehaltener Hand entschied, die Unterkunft an der städtischen Peripherie oder ganz abseits von Sozialleben bereitzustellen, weil Sicherheit und Ängste ernstnehmen eben in erster Linie für den weißdeutschen Volkskörper gilt. Öffentliche Überforderung wird dann zelebriert, wenn die Unterkünfte brennen und die Polizei nur zusieht oder Aktivist_innen festnimmt (Rechts-Links, Links-Rechts, da kann mensch sich halt total leicht vertun), wenn die „Ängste der Bürger“ sich bereits in die Steine geschrieben haben, die fliegen oder mit einem einig „Wir sind das Volk“ bereinigt werden. So wie die Unterkunft, aus der die Menschen, sollten sie noch unversehrt sein, dann ausziehen müssen, irgendwo hingebracht werden, irgendwo anders abgeladen werden, einfach weil diese Stadt… so… überfordert ist mit dem Rassismusproblem ihrer Alteingesessenen. Schwierig.

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.

Obwohl die Tatsachen seit Jahrhunderten für sich sprechen (weiße Deutsche haben ein Rassismusproblem), wird mit den immergleichen Mustern und Abläufen darauf nicht_reagiert. Stur wie ein Esel verschärft, schafft ab, gewaltet Deutschland vor sich hin. Versenkt Milliarden Steuergelder in noch mehr Bürokratie für noch mehr Abschiebung, Menschenrechtsverletzung und Rassismus. Wo ein Formular ist, kann die Empathielosigkeit und Menschenverachtung nicht weit sein.

Vor 24 Jahren schaffte es Hoyerswerda mit tagelangen rassistischen Ausschreitungen nicht nur in die internationale Öffentlichkeit, sondern entledigte sich aller geflüchteten Menschen und ehemaligen Vertragsarbeiter_innen auf einen Schlag – zu wessen Schutz eigentlich ist nach wie vor nicht abschließend geklärt, denn die örtliche Polizeibehörde kapituliert weiterhin vor den Nazis, die mittlerweile weiße Leute aus der Stadt jagen müssen. Damals wurde der Rassismus der Bevölkerung mit Abstiegsängsten, allgemeiner Verunsicherung nach dem Mauerfall und Arbeitslosigkeit gerechtfertigt. 24 Jahre später passiert 1:1 das gleiche jeden Tag in vielen anderen Städten Deutschlands und die vorgeschobene „Einheitsproblematik“ von damals weicht der unverblümten Affirmation weißdeutscher Einigkeit von heute, dass Platz 1 in der Europa League einfach nicht mit anderen teilbar ist. Hey, und außerdem wollen 25 Jahre 3. Oktober schließlich angemessen gefeiert werden.

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.


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Hetenserien, „queere“ Serien und das widerständige Potenzial von Tumblr.

8. September 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 22 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Ich liebe Serien. Vor allem straighte. Heten, die sich durch erfundene Geschichten wurschteln und bei der es die meiste Zeit um Typen, Sex/Beziehungen mit Typen, Attraktivitätslevel und male gaze geht, obwohl das eigentlich gar nicht im Vordergrund stehen soll, sondern übernatürliche Phänomene, nicht-menschliche Figuren, Highschool/Coming of Age Geschichten, Luxusprobleme weißer, hetiger, middle- und upper class Leute. Ich liebe diese Serien aus hauptsächlich zwei Gründen: 1.) sie bieten perfektes Studienmaterial über eine privilegierte Parallelgesellschaft und ihre fragilen psychosozialen Dynamiken. 2.) Ich bin Außenstehende, die Hetenserien für ihre eigenen Konsumbedürfnisse nutzt. Weil ich nicht als Zuschauerin gedacht werde, meine Lebenswelt darin (fast) nicht vorkommt, kann ich mit diesen Serien ziemlich gut abschalten, wenn es mir körperlich und mental schlecht geht. Angstzustände lösen sich auf, Verzweiflungsmomente schieben sich in den Hintergrund und mein rebellierender Körper hat für kurze Zeit weniger Priorität. In Hetenserien suche ich häufig Zuflucht, wenn der einzige Impuls in mir ist, die Augen zu schließen und alles wegzuschlafen, was auf mich einprasselt an Erfahrungen und Erwartungen.

Bis auf L-Word und Orange Is the New Black konnte ich mich bisher weniger für queere (in den verschiedenen historischen und ahistorischen Bezugnahmen und Bedeutungen des Begriffs) Serien begeistern, weil die Darstellung von Identität, Begehren, Sexualität und Beziehungen in diesen oft klischeebehaftet und für ein hetiges und anderweitig privilegiertes Publikum gemacht ist. Ja, auch L-Word zählt mitunter dazu, aber als die Serie vor genau zehn Jahren auf Pro7 in deutscher Synchronisation anlief, war es genau das, was mein von Homophobie und Kleinstadt-Mief und ausschließlich von Heten geprägtes Herz begehrte: Das Gefühl von Identifikation. Dennoch müssen sich Begehren, Sexualität und Beziehungen in Serien mit „LGBT-Fokus“ in ein hetiges, zweigenderkonformes, rassifiziertes, ableisiertes, klassenprivilegiertes Körper- und Performancebild einpassen, weil die „Masse“ der Zuschauer_innen in der Film- und Fernsehwelt als eine solche definiert wird. Umfassend privilegierte Menschen scheinen die Mehrheit der Weltbevölkerung und damit Zuschauer_innen zu stellen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Außerdem geht es häufig um ökonomische Ausbeutung und Verwertbarkeit queerer/widerständiger Körper und Geschichten für ein umfassend privilegiertes Publikum und je höher die angenommene oder tatsächliche Kaufkraft des antizipierten „Masse“-Publikums, desto vermarktbarer und diskriminierender die Figuren und Erzählungen.



Quelle: fyeahcarolineforbes.tumblr.com

Manche queeren Serien sind so konzipiert, dass sie den hetigen ZuschauerInnen das Gefühl geben, modern, edgy und tolerant zu sein, „transparent“ nehme ich z.B. so wahr. Obwohl ich den Plot an sich spannend finde, möchte ich einfach nicht permanent mit transdiskriminierenden, cis_hetero_sexistischen Familienaufstellungen konfrontiert werden, in denen die ständige Arbeit der diskriminierten Personen, das soziale Umfeld um Anerkennung zu bitten oder Anerkennung innerhalb sozialer Gefüge für die eigene Identität und Lebensverhältnisse her(zu)stellen (zu wollen) als Normalität inszeniert wird. In denen diese Überlebens- und Carearbeit nicht als solche benannt wird geschweige denn der Umstand an sich kritisiert wird, dass es immer die Betroffenen selbst sind, die unter erschwerten Bedingungen noch für Harmonie zu sorgen haben (respectability politics is showing). Gefühle und Perspektiven nicht-betroffener, z.T. nicht diskriminierungssensibler Figuren nehmen für mich zu viel Raum ein. Wenn diese Serien so konzipiert sind, geben sie mir kein gutes Gefühl, auch wenn sie „realistisch“ in der Erzählung sein mögen, weil es nun mal so ist, dass Verwandtschaft oft keinen Support bietet oder Gewalt ausübt und privilegierte Gefühlswelten umsorgt werden wollen.

Ich finde es trotzdem wichtig, dass Diskriminierung thematisiert wird, wenn marginalisierte Identitäten verhandelt werden. Allerdings wird häufig nur ein Teil der Diskriminierung gespiegelt, die z.B. Trans*Personen täglich erfahren (und das zum Teil immer wieder extrem grafisch – also für ein Publikum, dem die unterschiedlichen Formen, die Gewalt annehmen kann, nicht bekannt zu sein scheint). Und es gelingt nur einem kleinen Teil von kommerziell erfolgreichen Serien, Lebensrealitäten differenziert hinsichtlich Gewalt darzustellen und trotzdem ausreichend Empowerment, Utopien, gelebte alternative Communitys, Räume, Politiken bereit zu stellen, die nicht wie in L-Word zu einem Abziehbild eines white cis homonationalist pride rainbow gaga Universums verkommen. Auch hier scheint das Mantra zu sein, dass Empowerment für Betroffene von Diskriminierung konsumierbar, nachvollziehbar und wünschenswert für die umfassend privilegierten ZuschauerInnen sein muss. Befreiung und Emanzipation nach Regeln, die nicht Betroffene aufstellen.

Das ist für mich schmerzhafter, ärgerlicher und aufwühlender, als super Privilegierten in ihrer Parallelgesellschaft beim Leben, Erfolg haben und Scheitern zuzuschauen, in der Diskriminierung höchstens auf der Ebene von schnöder neoliberaler Diversity verhandelt wird. Ich stelle keine Erwartungen an diese Serien, habe nicht den Wunsch, Identifikationspotenzial darin zu finden. Ich kann Performances und Darstellungen finden (von Femininität und Solidarität unter Frauen z.B.) die widerspruchbehaftet und komplex und (deshalb) ziemlich cool sind. In klassischen Hetenserien wie Vampire Diaries, O.C. California, Gossip Girl und Downton Abbey finden sich Frauen-Figuren, deren Charaktere liebevoll und differenziert ausgearbeitet sind, die sich verändern innerhalb der Staffeln, die unterschiedliche Rollen einnehmen, die supportend mit- und untereinander agieren und für mich diese Serien maßgeblich prägen.


Quelle: meine unerschöpfliche Blair Waldorf Gif-Sammlung

Es gibt Momente und Darstellungen von Charakteren in Hetenserien, die für verschiedene feministische Themen, Kämpfe und Insider stehen, auch wenn ich weiß, dass dies in der Regel ungewollte Effekte sind, die vielleicht nur für mich Sinn ergeben. Die Tumblrs über einzelne Serienfiguren, die gefüllt sind mit bewegten Bildern (GIFs), sagen mir jedoch, dass auch andere diese Momente, Charaktere und Darstellungen lieben. Wir mögen vielleicht unterschiedliche Beweggründe für unsere Wertschätzung und Affirmation haben, aber letztlich finden wir dieselben Szenen und Darstellungen toll. Hinzu kommt, dass die meistgeklickten Appreciation&Worshipping Gif-Tumblr über hetige Frauenfiguren aus hetigen Serien fast ausschließlich von Frauen, Lesben und Trans* initiiert und befüllt werden. Logisch, werden sich viele nun denken, sollen die meisten Hetenserien in erster Linie ein „weibliches“ (sic!) Publikum ansprechen. Dennoch finde ich es ziemlich cool, wenn Leute ihre Photoshop- und Social-Media Skills nutzen, um sich gegen (internalisierte[n]) Hetero_Cis_Sexismus und Femininitätsfeindlichkeit zu positionieren (und ab und zu ein bisschen Misandrie zu droppen). Keine bitchy comments über die „dumme Schlampe“, „wie konnte sie ihn nur betrügen?“ oder „in dem Outfit sieht sie [insert fat-/slutshaming here] aus“.

Während sich die Serien häufig um Hetenpaare und hetige Beziehung(sdynamik)en in ihrer primitivsten_privilegiertesten Form (und damit auch immer um privilegierte Typen) drehen, finden Frauen, Lesben und Trans* Zuschauer_innen Frauen-Figuren faszinierend und wenden sich ihnen zu, ehren sie über die Dauer vieler oder aller Staffeln hinweg mit aufwendig kuratierten Gif-Ausstellungen, Fotos, Zitaten (auch von_über die Darstellerinnen). Es entspinnen sich liebevolle queere Beziehungen und Bezugnahmen ausgehend von einer Hetenserie. Absurd. Aber schön.


Quelle: knopetastic.tumblr.com

PS: Wer das Gif-Meme in diesem Beitrag erkennt, ist mein_e Freund_in.


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Von der Schwierigkeit nicht hetero zu sein und hetero zu kritisieren.

28. Juli 2015 von Nadine

In feministischen Kreisen™ hierzulande tut sich eine Kritik sehr schwer: Die Kritik an Hetero-Praxen, am Performen von Heterosexualität. Zum einen, weil die Kritik sich nicht ausschließlich an das abstrakte Etwas Heteronormativität richtet, sondern auch an _die_ Heten selbst, die mit ihren heterosexuellen Selbstverständlichkeiten rumnerven (z.B. Vergewaltigungswitzchen, ständiger Boyfriend- und Beziehungstalk, #notallheteros, umschweifende Raumeinnahme durch Austausch von Körperflüssigkeiten im öffentlichen Nahverkehr *no pun intended* oder Beengung von Wegen und Sitzplätzen durch Bilden einer symbiotischen Körpereinheit, vehementes Einfordern von Typenprivilegien zuerst für sich selbst und danach für alle anderen, Studieren und Erforschen von LGBT-Lebensrealitäten zur eigenen Belustigung, zum Aufpeppen des eigenen Seins oder zum Geld verdienen).

Kritisiert werden Hetero-Praxen und Performances in der Regel, um darauf aufmerksam zu machen, dass es außer Heten auch noch andere Menschen gibt, die ein Recht darauf haben, ein gutes Leben zu führen ohne das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder Nichtdiskriminierung in den Mülleimer zu werfen und dass dieses gute Leben eben auch davon abhängig ist, wer sich ständig als Normalität inszeniert ohne Rücksicht auf das Umfeld zu nehmen. Überraschenderweise wird von Heten, die Heteronormativität als Problem erkannt haben (und von sich selbst auch manchmal als Heten und nicht als Menschen sprechen können, z.B. weil sie überhaupt erst einmal wissen, dass sie Heten sind), in Fällen der Kritik an Konkretem meistens auf das Abstrakte verweisen: Strukturen. Da gibt es diesen bösen Staat, der macht, dass Schwule und Lesben nicht heiraten und nicht adoptieren dürfen (so eine Ungerechtigkeit!11!!1) und äääh ja Trans* und so diese Leute haben’s auch nicht einfach. Betroffenes Nicken.

Heten und ihr „LGBT*-Aktivismus“

Kritisiert wird von Heten oft nur das, was sie selbst für erstrebenswert erachten und anderen verwehrt wird: Heiraten und Kinder kriegen/großziehen/für sie sorgen/Familie haben, Vorstandsetagensessel, Ruhm. Insofern werden auch eifrig Gay Rights mitpropagiert, wird der Regenbogen gefeiert und manchmal empört getan, dass Lisa B. aus K. auf offener Straße zusammengeschlagen wurde, weil er_sie nicht ins Konzept passt von dem, was als Hetero gilt und damit in den Augen von passenden (im Sinne von: Passing/ durchgehen als…) Heten eine Gefahr darstellt. Wer sich als queere Person einreiht ins schöne Hetero-Leben mit den eigenen politischen Forderungen oder Betroffene_r von „wirklich schlimmer“ Diskriminierung ist, um ungefragt als Abziehbild ins Skandalös-Gutmensch-Hetero-Heftchen geklebt zu werden, hat vielleicht die Chance auf Solidarität. Alle anderen, die von Umverteilung (Geld, Zeit, Kapazitäten, politischen Prioritäten in aktivistischen Kämpfen) reden, naaaah…die müssma net anhörn. die tun wa extra. in dieses LGBT dings rein. und dafür hamm wa keene Zeit, weil wegen Vereinbarkeitsproblematik und so. Lieber noch ein bisschen rumjammern, dass das Thema feministische Mutterschaft immer so untergeht zwischen diesen kinderfeindlichen Queer_Feminist_innen, die alles dominieren. Und deshalb (jetzt erst recht!!!) als weiße, ableisierte, Mittelschichts-Hetera den 239. Blog einer weißen, ableisierten, Mittelschichts-Hetera lesen und verlinken, die von 50/50 (AS IF…) und rosa für Jungs plappert.

Kritik an Heteropraxen und Performances ist allerdings auch wegen einer anderen Sache nicht gern gesehene Gäst_in in hiesigen feministischen Debatten: In dieser Kritik würden auch Menschen mitgemeint werden, die sich nicht als Hetero definieren oder nicht als Hete gelesen werden, auch wenn sie sich so definieren. Damit würde die Hetero-Kritik Sexismus bzw. Bifeindlichkeit und Trans*diskriminierung reproduzieren. Um den Unmut über die Kritik zu äußern, die sich nicht an die eigene Person und die eigene Alltagspraxis zu richten haben darf, werden dann munter lesbenfeindliche, sexistische und derailende Behauptungen in die Diskussionsschale geworfen, die z.B. „Lesben sind Cis-Frauen, die auf Cis-Frauen stehen“, „Lesben hassen Menschen, die mit Männern(Sternchen) schlafen“, „Frauen(Sternchen) vorzuschreiben, wen sie lieben dürfen [AS IF… Anm. von mir], ist frauen(sternchen)feindlich“ oder kurz: „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?“ lauten.

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embracing self-destruction

24. Juli 2015 von Nadine

liebhaber_innen von zines werden vielleicht maranda elizabeth kennen. maranda schreibt seit vielen jahren das zine telegram. es ist ein personal zine, also ein zine, das eher tagebuch-charakter hat. ich hatte die ausgabe #35 in den händen. in #35 erzählt maranda von marandas letztem (dokumentierten) suizidversuch. maranda wird vor dem todeseintritt ins krankenhaus gebracht und überlebt. es ist nicht der erste suizidversuch von maranda und so dreht sich das zine um den wunsch zu sterben, vergleiche zwischen dem ersten und dem aktuellen suizidversuch, die reaktionen und umgänge des sozialen umfeldes mit der suizidalität von maranda, diverse psychiatrie-aufenthalte, gender-basierte gewalt, diagnosen, medikalisierung gegen psychische und körperliche beschwerden, eingeschliffene verhaltensmuster, die schwer bis unmöglich zu durchbrechen sind, immerwährendes scheitern (von unterstützung, von community, von konkreter ab_hilfe) und wie das alles wiederkehrend zum wunsch nach tod führt, zu verzweiflung, abgestumpftheit, zum verlust von freund_innenschaften und beziehungen.

„the worst part of surviving suicide is still wanting to die. the worst part is wishing i didn’t fuck it up. the worst part is feeling obligated to pretend to care about things when i don’t care at all. the worst part is wondering if the friends i’ve got left are fucking sick of it. the worst part is watching myself repeat patterns of shit i’ve been doing for a decade and feeling no motivation to stop or change. the worst part is knowing the changes i want to make but feeling incapable. the worst part is returning to real life and continuing all the habits that led me to a coma. the worst part is wanting to be alone but not being able to take care of myself.“

[der schlimmste teil am überleben von suizid ist, noch immer sterben zu wollen. der schlimmste teil ist der wunsch, nicht gescheitert zu sein damit. der schlimmste teil ist, sich verpflichtet zu fühlen, so zu tun als ob mensch sich um dinge sorgt, wenn mir im grunde alles egal ist. der schlimmste teil ist, sich zu fragen, ob die freund_innen, die ich noch habe, verdammt nochmal die schnauze voll haben. der schlimmste teil ist, mich selbst beim wiederholen von scheiß mustern zu beobachten, die ich seit einem jahrzehnt tue und keine motivation habe, damit aufzuhören oder sie zu verändern. der schlimmste teil ist zu wissen, welche veränderungen ich machen will, aber mich unfähig zu fühlen. der schlimmste teil ist die rückkehr ins richtige leben und mit all den gewohnheiten weiter zu machen, die mich ins koma geführt haben. der schlimmste teil ist der wunsch nach alleinsein, aber nicht in der lage zu sein, auf mich zu achten.]

das obenstehende zitat hat mich beim lesen sehr gerührt. nicht aus mitleid, sondern aus mitgefühl. ich kann sehr viel mit marandas gedanken anfangen: manchmal zu wissen, wo mensch hin will, oder was getan werden muss, damit … und doch nicht herauszukommen aus der situation, sich immer wieder in stimmungen und mustern zu halten, unbewusst und bewusst. wiederkehrende suizidgedanken oder -versuche zu haben (oder fantasien, sich selbst zu verletzen – körperlich und psychisch). in einem anderen teil des zines schreibt maranda darüber, dass maranda keine unterstützung und hilfe in marandas community findet, dennoch immer wieder zurückkehrt und auf’s neue enttäuscht wird. ich habe diesen abschnitt so gelesen, dass es nicht darum geht, anderen die schuld zu geben oder verantwortung für sich selbst an andere abzugeben, sondern eher um sich zu hause fühlen von gedanken, mustern und handlungen. sich nicht isoliert zu fühlen mit dem, wie mensch gerade ist und fühlt.

in meinem umfeld sprechen wir viel über diagnosen, psychotherapie, psychiatrie. die meisten menschen, die ich kenne, sind diagnostiziert, therapiert oder gerade in therapie, wiederum einige haben zeit in der psychiatrie verbracht, andere haben medikamente genommen, nehmen noch medikamente. viele behelfen sich außerdem mit diversen heilverfahren und unterstützungsangeboten, die nicht schulmedizinisch anerkannt oder von der krankenkasse bezahlt werden. und ja das tun auch die, die eigentlich nicht so viel geld für sowas übrig haben. manchmal, weil alles andere nicht geholfen hat oder weil mensch nicht will, dass therapie und/oder psychiatrie oder geschweige denn eine diagnose in der krankenakte auftaucht, die trotz schweigepflicht und datenschutz immer wieder ihren weg in andere akten findet, die selbstgewählte pläne für das eigene leben behindern können.

egal, ob ich mich mit menschen über all das austausche, die psychopathologisierung und den medizinischen komplex darum politisieren und kritisieren oder mit menschen, denen das nicht so wichtig ist: eher selten sprechen wir über scheitern. über nicht-anders-wollen. über aufgeben wollen. über muster, die, wie maranda schreibt, ständig wiederholt werden, obwohl mensch es besser weiß. über suizid und suizidgedanken. und über unsere eigene verrücktheit, die immer wieder zu situationen führt, in denen wir uns alleine und nicht wahrgenommen fühlen – selbst mit unseren engsten menschen.

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Ehe abschaffen! Und bis dahin: Eheprivilegien umverteilen

1. Juli 2015 von Nadine

An diesem Wochenende feierte meine Facebook-Timeline das Ende des Pride-Month in einem Regenbogen-Fahnenmeer. Viele meiner Kontakte tauchten ihr Profilbild in bunte Streifen, hier und da wurden Artikel über die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare in Deutschland, über die Entscheidung des Supreme Courts in den USA geteilt, die Aktion #Ehefüralle läuft nach wie vor viral und auch auf Twitter gibt es immer mal wieder Diskussionen darüber, ob die Ehe abgeschafft oder ausgeweitet gehört. Vor allem US-amerikanische Schwarze Aktivist_innen und Aktivist_innen of Color sind es, die dieser Tage, 46 Jahre nach den Stonewall-Riots in New York (sexarbeitende Schwarze Transfrauen und Transfrauen of Color protestierten gegen u.a. gegen Polizeigewalt), gebetsmühlenartig gegen die weiße Wand der „Out and Proud“-Euphorie von LGBT* und Heten intervenieren, mit Texten und Aktionen innerhalb und außerhalb der großen Demonstrationen.

Zwar finden in hiesigen Kontexten diese US-amerikanischen Perspektiven ebenfalls Anklang, jedoch habe ich den Eindruck, dass diese Kritik in Argumenten wie „es muss kein entweder, oder sein“, „die Forderungen schließen sich nicht aus“ bisweilen untergeht. Sicherlich bleibt immer eine zentrale Frage sozialer Bewegungen, wenn es um konkrete Forderungen geht, was umsetzbar ist und was vorerst Idee bleiben muss. Orientiert wird sich bei solchen Abwägungen an den staatlichen Regulierungsmöglichkeiten, z.B. Gesetzesänderungen, die sich positiv auf die Gruppe auswirken (sollen). Dem Staat kommt in Bezug auf die Lebensbedingungen und -realitäten derer, die innerhalb seiner Grenzen leben (wollen), ein sehr großer Machtstatus zu, dennoch ist diese Form der Macht eine, die durch ein gewaltvolles Abhängigkeitsverhältnis gekennzeichnet ist. Für die einen mehr, für die anderen weniger als ein solches spür- und wahrnehmbar. Ein weiterer Bezugsrahmen für Überlegungen ist die Gesellschaft. Diese wird allerdings häufig durchweg als privilegiertere Gruppe (als sich selbst) vorgestellt: weiß, deutsch, hetero, klassenprivilegiert, gut situiert, mit Staatsbürger_innenschaft. Diese Gruppe wird zur Solidarität aufgefordert, denn sie ist es, die die Privilegien inne hat, die mensch selbst vermeintlich bekommen will. In diesem Fall: Das Recht auf Eheschließung. Die vollständige Gleichstellung der Ehe und Gleichverteilung ehelicher Privilegien auf Heten, Schwule und Lesben.

Die Kritik, dass die Institution Ehe im Kern ein kolonialrassistisches, heterosexistisches und kapitalistisches Ordnungs- und Gewaltinstrument ist, das die staatliche Gewalt-Dynamik bis in den persönlichen Nahraum von Menschen wiederholt (siehe Links am Ende des Textes), scheint der „Why not?“ und „Tut ja keine_r weh!“-Stimmung keinen Abbruch zu tun. Manchmal werden Schwule und Lesben von den „Ehe abschaffen“-Rufen ausgenommen, weil das angeblich homofeindlich sei. Mensch würde sich damit in konservative Diskurse reinsetzen und Platz für problematische Aneignung schaffen. Ein weiteres Argument gegen die vollständige Abschaffung der Ehe samt ihrer Privilegien: Ehe ja, Privilegien nein. Gleiche Rechte für alle.

Ohne die damit einhergehenden Privilegien funktioniert die Ehe allerdings nicht. Sie wäre sinnlos. Mit der Ehe schützt und bevorteilt der Staat privilegierte Heten, die in das oben beschriebene Muster passen. Es gibt so gut wie keine Einschränkungen für diese Gruppen, was Lebensplanung und Lebensführung betrifft, Reproduktion und Familie(ngründung) ist auf vielen Wegen möglich und z.T. subventioniert (durch Staat und Krankenkassen), mit jeder Steuererklärung gibt der Staat Geldgeschenke (z.B. durch das Ehegattensplitting). Die sozialstaatlichen Transferleistungen für die weiße, deutsche, hetige Mittel- und Oberschicht mit deutscher Staatsbürger_innenschaft sind in Höhe und Umfang enorm. Sie profitieren mehr als jede andere soziale Gruppe von ihnen. Und noch einmal mehr, wenn sie untereinander verheiratet sind. Auch die Diskriminierungsbelastung in anderen Beziehungsnetzwerken und Verhältnissen wie Lohnarbeit und Freund_innenschaften ist für diese Gruppe vergleichsweise gering. Gender Pay Gap, gläserne Decke, Typenklüngel-Netzwerke, sexualisierte und häusliche Gewalt sind trotzdem Themen, die relevant sind, obwohl das keine Problematiken sind, die auf diese Gruppe begrenzt wären, im Gegenteil.

Alle großen Parteien orientieren sich mit ihren politischen Linien an diesen Heten, weil dort das Geld sitzt. Kaufkraft, Möglichkeit der steuerlichen Belastung, auf ideologischer Ebene deutsche, meritokratische Prinzipien und Werte repräsentierend. Weil die Politiker_innen genau so sind. Staatliche Antidiskriminierungspolitik ist deshalb in erster Linie an Menschen interessiert, die diese Norm widerspiegeln oder nah an diese heranreichen. Und wenn Diskriminierung in Mini-Schritten abgebaut wird, so wird im Austausch das wertekonservative Klientel samt Regierungspartner mit Zugeständnissen besänftigt. Die „Emanzipationserfolge“ bleiben oft nur Veränderungen auf symbolischer Ebene, rhetorisch modernisiert, solange Gerechtigkeit einen Preis hat und an Bedingungen geknüpft ist, die wiederum im negativen Sinne folgenreich für andere soziale Gruppen sind. Was bleibt ist, dass der Staat es wieder einmal geschafft hat, potentiell gefährliche Subjekte (in diesem Fall Schwule und Lesben) befriedet und (weiterhin) an sich zu binden. Speaking of Abhängigkeiten.

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Interview mit Peggy Piesche über Lesben in der DDR: „Sichtbarkeit kann niemals nur die eigene sein“

26. Mai 2015 von Nadine

Peggy Piesche und ich waren als Referentinnen zur Tagung „Das Übersehenwerden hat Geschichte – Lesben in der DDR und in der friedlichen Revolution“ in Halle geladen. Auf der Tagung standen verschiedene lesbische Perspektiven auf lesbischen Aktivismus in der DDR, während und nach der Wendezeit im Mittelpunkt. In diesem Zusammenhang fragte der Freitag ein Interview mit einer ‚Zeitzeugin‘ an, das ich nach der Tagung mit Peggy Piesche führte. Wir konnten das Interview nicht zur Autorisierung freigeben, so dass es nun auf der Mädchenmannschaft erscheint. Die Zusammenarbeit mit dem Freitag zeigte deutlich, dass viele sogenannte ‚Qualitätsmedien‘ bzw. journalistische Angebote nicht an Selbst-Erzählungen interessiert sind, die sich gängigen heteronormativen, weißen und westlichen Geschichts- und Diskriminierungsnarrativen und Interessen entziehen. Peggy Piesche hat dazu einen Text geschrieben, den ihr am Ende des Interviews findet.

Obwohl Lesben in der DDR rechtliche Gleichstellung genossen, blieben sie unsichtbar. Es gab im Gegensatz zur BRD kaum öffentliche Orte des Zusammenkommens, in der breiten Öffentlichkeit fanden sie keine Erwähnung. Teilnehmerinnen der Tagung sprachen davon, dass sie sich isoliert fühlten. Ging es dir ähnlich?

Ja, ich denke, dass dies ein allgemein gesellschaftliches Phänomen in der DDR war. Die rechtliche Gleichstellung von Lesben, die weit fortgeschrittenere Gleichberechtigung von Frauen allgemein in der DDR gegenüber der BRD war nur eine Seite bzw. nur eine Hälfte real-sozialistischer Ideologie. Da über vieles nicht geredet wurde und es wenig Räume gab, in denen alternative Lebensentwürfe gedacht oder gar gelebt werden konnten, entwickelte sich im DDR-Alltag so etwas wie eine sprachliche Leerstelle.

Was meinst du damit?

Natürlich wussten wir, was ‚Homosexualität‘ war, kannten Wörter wie ‚Lesben‘ und ‚Schwule‘. Aber im aktiven Aussparen dieser Wörter und allem, was damit zusammen hängt, indem eine bestimmte Sprache sozusagen nicht ausgeübt oder verwendet wurde, fehlten für Lesben und Schwule die Möglichkeiten in ihre Identität hineinwachsen zu können. Ich wusste sehr früh, wie ich fühlte und was das bedeutet. Aber in einen Austausch dazu zu kommen, war zumindest für mich in der Provinz (ich habe in den Mit-80ern in Erfurt studiert) kaum möglich. Das Schweigen war allgegenwärtig.

"Schwarz - lesbisch - deutsch. 1980er Jahre in Südostdeutschland“  - Peggy und ihre Mit-Azubis einer LPG in Gotha. Fotoquelle: privat

„Schwarz – lesbisch – deutsch. 1980er Jahre in Südostdeutschland“. Peggy (links) und ihre Mit-Azubis einer LPG in Gotha. Fotoquelle: privat

Waren bestimmte Lesben-Gruppen sichtbarer als andere?

Das glaube ich schon. Das bereits beschriebene sehr typische Phänomen in der DDR, nämlich unliebsame Geschichte/n, Realitäten und Gedanken in einem Mantel des Schweigens zu ersticken, spielt hier auch eine Rolle. Diese Pathologisierung des Schweigens funktionierte natürlich in den Provinzen besser als in den wenigen Zentren der DDR. In Städten wie Berlin, Leipzig, Dresden und Jena waren die Möglichkeitsräume schon etwas größer. Hier trafen schneller oder vielmehr schon früher als in anderen Gegenden die beiden ‚Parallelwelten‘ systemkritischer politischer Gruppen und alternativ gesellschaftliche Lebensentwürfe im Schutze der Kirche aufeinander. Dabei bildeten diese Räume durchaus die gewünschte weiße deutsche Homogenität ab, die auch in der DDR identitätsstiftend für das Nationalkollektiv galt.

Besonders die Lesben, die sich unter dem Dach der evangelischen Kirche organisierten, sahen sich politischer Verfolgung durch die Stasi ausgesetzt. Bespitzelung, Verhaftungen und Denunzierung waren an der Tagesordnung. Waren Lesben potentielle Systemfeindinnen?

In dem angestrebten Lebenskonzept ganz sicher. Denn das schien das recht biedere und bürgerliche Gesellschaftskonzept der DDR zu bedrohen. Nicht umsonst wurde auch in der DDR die heteronormative Familie als „Keimzelle“ der Gesellschaft gestützt. Dennoch muss aber deutlich gemacht werden, dass lesbisch sein noch nicht gleichbedeutend mit Systemkritik einher ging. Die Bespitzelungen der Stasi bezogen sich auf das gesamte Spektrum der Gesellschaft. Es haben auch Lesben Lesben bespitzelt.

Neben politischer Opposition spielte auch der Kampf um politische, soziale und kulturelle Anerkennung eine Rolle. Konntest du dich als Schwarze Lesbe mit den Zielen der Bewegung identifizieren?

Wie gesagt, von einer richtigen Bewegung wusste ich in der DDR nicht wirklich etwas. Die Bewegung konnte sich meines Erachtens eher erst nach bzw. mit der Wende als solches wahrnehmen und ihre Energien bündeln. Aus der Perspektive der DDR-Provinz handelte es sich vielmehr um zerstreute Räume und individuelle Begebenheiten. Für mich und meine Generation waren hier vor allem die Sommercamps der evangelischen Kirche Orte der Begegnung. Diese Räume waren natürlich alle durchweg sehr weiß, was wiederum für mich schnell zu Grenzerfahrungen führte. Als Schwarze Frau und Lesbe habe ich vor allem einen Bezug auf die differenzierten Lebensrealitäten, die es in der DDR gab, vermisst. In diesen Räumen wurde der gesellschaftliche Mythos, nach dem es Rassismus in der DDR nicht geben konnte, nicht hinterfragt.

Es gab also keine Räume, in denen Rassismus und Schwarze Lebensrealitäten Thema waren?

Rassismus galt in der DDR ideologisch als überwunden und wurde mit moralischem Verweis auf den Westen als systemisch irrelevant angesehen. Die DDR zelebrierte in ideologischen Gefechten des Kalten Krieges ihre Sozialistische Internationale Solidarität. Gern und besonders mit den ‚jungen aufstrebenden Nationalstaaten in Afrika’. Da passten die Erfahrungen und Lebensrealitäten Schwarzer Menschen und Lesben nicht ins Konzept. Mit dem Schweigen über Rassismus im eigenen Land und der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit von Menschen jenseits einer heterosexuellen weißen Norm waren diese Themen auch im DDR-Alltag wenig möglich. Weil es nicht gedacht werden konnte, war es für die meisten einfach nicht da.

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