Zum komplexen Verhältnis von Kapitalismus, Rassismus und Sexismus. Rezension zu »Queer und (Anti-)Kapitalismus«

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Lisa! Die Autorin hat Gender Studies in Bielefeld studiert und versucht nun Fuß zu fassen im Wissenschaftsbetrieb. Politische Aktionen und Aktionismus dürfen ihr dabei aber nicht zu kurz kommen, denn Lisa ist seit langem in verschiedenen queer-feministischen Projekten aktiv.

Im kürzlich veröffentlichten Band „Queer und (Anti-)Kapitalismus“ knüpfen Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolter an die Debatte über queere Ökonomiekritik und setzen dabei zwei Aspekte zentral: Erstens zeigen sie kontinuierlich anhand verschiedener historischer und politischer Beispiele die Verknüpfung von Kapitalismus, Sexismus und Rassismus auf und betonen zweitens, dass es bereits seit den 1960er Jahren ein Anliegen Schwarzer Queers und Women of Color ist, auf diese Verschränkungen hinzuweisen, sie jedoch bis heute kaum wahrgenommen werden. Das Buch weist eine komplexe Analyse dessen auf, wie sich verschiedene Ausschlussfaktoren (v.a. Klasse, Geschlecht und ‚Rasse‘) gegenseitig bedingen und eine funktionale Rolle im globalen Kapitalismus spielen. Dabei nehmen die Autor_innen Bezug auf marxistische Theorie und postkolonialen Feminismus, betonen aber vor allem weitreichende theoretische Erkenntnisse und politische Erfahrungen von People of Color.

Queer und (Anti-)Kapitalismus
Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus

Die Leser_innen tauchen direkt ein in die vielschichtigen Zusammenhänge der Entstehung eines globalen Kapitalismus, historischer Kolonialisierung und aktueller Migrationspolitik sowie sich wandelnder Geschlechter- und sexueller Verhältnisse. Auf knappen 158 Seiten – inklusive Literaturverzeichnis, das neben der zitierten Literatur zusätzlich empfohlene Literatur von Schwarzen Personen und Women of Color enthält – gelingt den Autor_innen eine tiefgehende Untersuchung und erkenntnisreiche Abhandlung, die aufgrund ihrer Komplexität und Fülle an Aspekten und Perspektiven ein breites Publikum anspricht und auch ein zweites und drittes Lesen nicht weniger interessant macht.

Einen Überblick theoretischer Aspekte und Themen „aus aktivistischer Perspektive“ (Voß, Wolter 2013: 7) gibt Salih Alexander Wolter im ersten Teil des Buches. Hier erfahren die Leser_innen, dass sich Formen des kapitalistischen Wirtschaftens, wie sie heute existieren, bereits im 15. Jahrhundert unserer Zeitrechnung entwickelt haben. Die Autor_innen verorten zu dieser Zeit ebenfalls den Beginn des modernen Rassismus und Antisemitismus: Anhand der spanischen Eroberung der iberischen Halbinsel sowie des Beginns von Kolonialisierung und Sklaverei wird veranschaulicht, dass kapitalistisches Wirtschaften global stattfand und wie Rassismus im kolonialen Wettbewerb funktional wurde. Zur Rechtfertigung ungleicher Arbeitsbedingungen dienten außerdem sexistische Zuschreibungen; so werden Rassismus und Sexismus als immer schon ineinander verwoben aufgedeckt (vgl. ebd. 13).

Bereits in den 1980er Jahren erarbeiteten autonome feministische migrantische Linke in der BRD diese Zusammenhänge, die später in akademischen Kreisen unter dem Begriff der Intersektionalität diskutiert wurden. Ihre Erkenntnisse wurden jedoch weitestgehend ignoriert. Die Ignoranz migrantischer Perspektiven und Arbeiten, welche auf die Verschränkung mehrerer Diskriminierungsmerkmale hinwiesen, spiegle den Status von People of Color in Deutschland wieder und die Reproduktion von rassistischen und sexistischen Ungleichheitsverhältnissen innerhalb akademischer queerer Theorien.

Ferner spricht Wolter die Debatte um das Verhältnis von queer und neoliberalen Diskursen um Pluralität, Individualität und Freiheitsgewinn an. Es wird deutlich, dass in der angepriesenen Pluralisierung von Lebensweisen und Arbeitsverhältnissen alte Ungleichheiten bestehen bleiben, so propagiert die aktuellen Produktionsweisen zwar Diversität, werde jedoch von der heterosexuellen Matrix (Judith Butler) reguliert (vgl. ebd. 40). Schließlich bezieht sich Wolter auf queere Politiken, die jene neoliberale Diversität zwar kritisieren, aber ebenso Produkt derselben sein können. Wolter distanziert sich von den queeren Weißen, die den Kapitalismus als Fiktion bezeichnen und universal von neuen Freiräumen sprechen, ohne dabei zu bemerken, wie sie ihre privilegierten Positionen als Maßstäbe setzen (vgl. ebd. 9).

Heinz-Jürgen Voß untermauert im zweiten Teil des Buches die vorangegangenen Annahmen mit zahlreichen historischen und politischen Beispielen. Hier wird zunächst der Zusammenhang von Kapitalismus und Kolonialismus verdeutlicht, sowie die Tatsache, dass dieser für den globalen Norden meistens unterschätzt wird – auch in Bezug auf Geschlechterverhältnisse. Mit Samir Amir wird gezeigt, dass der Kapitalismus global zu verstehen sei, da der globale Norden in diesem auf Kosten des globalen Südens lebt. Voß orientiert sich dabei an marxistischer Theorie, plädiert aber für ihre Weiterentwicklung, denn andernfalls

„gerät aus dem Blick, wie Weiße im Norden von der Arbeit der Menschen im Süden, insbesondere der Frauen profitieren“ und „[e]benso wenig wird klar, wie sexuelle Stereotype und Phantasien des globalen Nordens noch immer auf der Basis der Kolonialisierung des globalen Südens und auf dem Rücken der Schwarzen Menschen und People of Color funktionieren“ (ebd. 66).

Anschließend untersucht Voß, wie sich Lebens- und Geschlechterverhältnisse im kapitalistischen System verändert haben und kommt auch hier immer wieder auf das Ungleichheitsverhältnis von globalem Norden und globalem Süden zu sprechen. Schließlich greift Voß einen im ersten Teil genannten Aspekt auf: Die Geschlechterdifferenz und sexistische Sphärentrennung scheint durch die Individualisierung überwunden, da nun alle erwerbstätig sind, und geschlechtliche und sexuelle Diskriminierung reduziert – doch führen die veränderten Verhältnisse nicht zur Reduktion rassistischer Diskriminierung. Voß erläutert, wie nationale Grenzen und eingeschränkte Mobilitätsmöglichkeit bestimmter Menschen Voraussetzung für Kapitalismus sind: Die Begrenzung der Möglichkeiten und Freiheiten sei zentrale Bedingung für eine hohe Gewinnspanne und Rassismus somit erforderlich für das kapitalistische System.

Mit der ausführlichen Darstellung der Ausbeutung kolonialisierter Länder wird veranschaulicht, wie die geleistete (Zwangs-)Arbeit der Menschen im globalen Süden das Zentrum des Kapitalismus und das privilegierte Leben im globalen Norden ermöglicht. Denn „die allermeiste Reproduktionsarbeit für die Arbeitskraft im globalen Norden wird von Menschen im globalen Süden geleistet, die unter erbärmlichen Bedingungen und zu schlechten Löhnen Rohstoffe, Rohprodukte und Fertigprodukte erzeugen.“ (ebd. 86). Voß weist des Weiteren auf die Beteiligung Deutschlands an Kolonialisierung und Sklaverei hin und beleuchtet vielfach, was oft in Vergessenheit gerät und ausgeblendet wird: Zum Beispiel, dass Geschlecht und Sexualität der Rechtfertigung der Kolonialisierung und der Konstruktion Schwarzer Menschen als ‚die Anderen‘ und ‚Fremden‘ dienen, sowie zur aktuellen Planung militärischer Invasionen und der ‚Befreiung‘ der Frauen und Homosexuellen im globalen Süden. Mit weiteren Bezügen auf fehlende Betrachtungen wie die Produktivität gegenwärtiger individualisierter Lebensweise für den Kapitalismus, der Beitrag von P.o.C. in queeren Bewegungen oder den institutionellen Rassismus in der deutschen Einwanderungspolitik, reichert Voß die Debatten um queere Kapitalismuskritik mit komplexen Zusammenhängen und zahlreichen Beispielen an.

Abschließend beleuchtet Voß im dritten Teil erneut die Ursprünge queerer Bewegung in den USA, in denen „insbesondere und mit großer Intensität obdachlose Jugendliche, Menschen der Arbeiterklasse, Trans* und Drag of Color“ (ebd. 134) kämpften. Um die Relevanz der Existenz mehrfacher und gleichzeitiger Ausschlussfaktoren anzuerkennen, betont Voß die Notwendigkeit queeres emanzipatorisches Streiten um die alten Erkenntnisse und Erfahrungen Schwarzer Queers und Women of Color zu erweitern und die eigenen Privilegien zu reflektieren. So schreiben die Autor_innen am Ende ihrer Analyse selbst, wie überrascht sie von der Heftigkeit des Whitewashings in queerer Community waren und ermöglichen den Lesenden mit ihrem Buch eine kritische Auseinandersetzung queerer emanzipatorischer Kapitalismuskritik.

Was hier nur in Kürze und bruchstückartig wiedergegeben werden kann, beleuchten Voß und Wolter in ihrer umfassenden Analyse und ausführlichen Darstellung der Notwendigkeit, Kapitalismus, Rassismus und Sexismus als in einander verschränkt zu betrachten. Nur so sei ihre Wirkmächtigkeit zu verstehen und emanzipatorisches Streiten erfolgreich. Ein Blick in das Buch und seine intensive Lektüre ermöglichen ein allumfassendes Verstehen der Zusammenhänge verschiedener Diskriminierungsmerkmale und Herrschaftsverhältnisse sowie einen Überblick der dafür zentralen Werke von Women of Color und Schwarzen Queers, die zu lange im Hintergrund standen.

Voß, Heinz-Jürgen und Wolter, Salih Alexander. 2013. Queer und (Anti-)Kapitalismus. Stuttgart: Schmetterling-Verlag. (12,80€)

6 Kommentare zu „Zum komplexen Verhältnis von Kapitalismus, Rassismus und Sexismus. Rezension zu »Queer und (Anti-)Kapitalismus«

  1. Hallo,

    ich habe das Buch noch nicht gelesen, möchte mich aber dennoch auf die Reihung „Kapitalismus, Sexismus und Rassismus“ beziehen. Müsste es nicht „Klassismus, Sexismus und Rassismus“ heißen oder – wenn es nur um die Diskriminierungsformen Rassismus und Sexismus geht – „Sexismus und Rassismus im Kapitalismus“? Die Furees als lesbisches Arbeiter*innentöchter-Kollektiv hatten Anfang der 1970er Jahre den Begriff „Classism“ gewählt, um auf ihre spezifische Situation aufmerksam zu machen, über die mit einem am weißen Facharbeiter orientierten Begriff „Kapitalismus“ allzu leicht hinweggegangen wird.

Kommentare sind geschlossen.

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