Liebe Kriegsdienstverweigerer oder Pazifist_innen: Dieses Buch ist keine zerschmetternde Kritik an der Institution Bundeswehr. Dem Reflex, die Bundeswehr als Ganzes zu kritisieren oder gar deren Abschaffung zu fordern, wird hier nicht nachgegeben. Es ist vielmehr eine Mischung aus persönlichen Erlebnisberichten, Hintergrundfakten und in gewisser Weise auch ein Plädoyer an die Männer und Frauen, die laut der Autorin “nicht nur von Gerechtigkeit reden, sondern auch handeln”. Durchatmen und abtauchen in die Welt der Bundeswehr (falls du hier noch weiterlesen willst):

Mit ihrem Buch Wir sind kein Mädchenverein – Frauen in der Bundeswehr stellt Andrea Jeske die erste Generation der Frauen vor, die in der Bundeswehr einen lukrativen Arbeitsplatz fanden, nachdem der Europäische Gerichtshof vor zehn Jahren beschloss, alle Laufbahnen der Bundeswehr uneingeschränkt für Frauen zu öffnen. Mittels Interviews und gründlicher Hintergrundrecherche erforscht Jeske, was Frauen dazu bringt, den Dienst an der Waffe aufzunehmen und welche Rollen die Soldatinnen in der Bundeswehr spielen.
Zum einen wird deutlich, dass die Entscheidung, Frauen in alle Bereiche der Bundeswehr zuzulassen, zwar einerseits aus der Erkenntnis erwuchs, sie sollten gleichberechtigt neben Männern kämpfen dürfen (dürfen, nicht müssen). Andererseits wurden Frauen aber auch als neue Zielgruppe entdeckt, um die Nachwuchsprobleme der Bundeswehr zu lösen. Wenn die jungen Männer ausgemustert werden oder sich in den sozialen Dienst retten, kommen die in diesem Buch dargestellten Frauen gerade recht: Auf der Suche nach Gemeinschaftsgefühl, Disziplin, Abenteuer und nicht zuletzt einen sicheren Arbeitsplatz nehmen Soldatinnen ihren Platz in der Bundeswehr ein – als Stabsärztin, im ABC-Abwehrregiment, bei der Marine, in der elektronischen Kampfführung, beim Transporthubschrauberregiment oder gar als Kompaniechefin. Viele von ihnen waren oder sind im Ausland stationiert – in Afghanistan, Djibouti oder im Kosovo.
Die interviewten Frauen verdeutlichen, dass der Stereotyp der friedfertigen Frau begraben gehört. „Typisch weibliche“ Eigenschaften oder Attribute sind hier nicht erwünscht, wie die meisten der Soldatinnen betonen. Sie stellen klar, dass “aufgetakelte Tussis“ mit Lippenstift und Handtasche nichts in dieser rauen Welt verloren haben. Frauen haben die patriarchalen Bundeswehrstrukturen also wenig verändert, sondern eher verinnerlicht. Ganz im Gegenteil: Gerade diese Strukturen lockten die Soldatinnen in den Dienst. Das Recht des Stärkeren bleibt bewahrt, nur dass Frauen nun an diesen Kämpfen teilnehmen dürfen. Laut Jeske pflegen viele der Soldatinnen einen „männlichen Habitus“ und bejahen die Härte der Ausbildung in der Bundeswehr – vielleicht auch, um gegen die Vorurteile anzukämpfen, die auch heute noch herrschen: Frauen seien generell körperlich ungeeignet und zu weich; sie nehmen Männern nur „ihre“ Jobs weg und können unmöglich dann auch noch ihre Vorgesetzte sein!
Die nach männlichen Maßstäben organisierte Bundeswehr wird Frauen spätestens dann zum Nachteil, wenn Familienplanung zum Thema wird. Viele der interviewten Frauen haben bereits Kinder (oder erwarten eins) und beklagen die mangelnden Möglichkeiten, Arbeit und Familie zu vereinen. Die Bundeswehr ist gar nicht bis mäßig auf schwangere Soldatinnen oder Mütter mit Bedarf an Kinderbetreuung vorbereitet. Dies scheint auch der Knackpunkt im Leben einer Soldatin zu sein: Während die junge, zielstrebige und kinderlose Frau wohl heute ihren Weg im militärischen Betrieb bestreiten kann, entpuppt sich die Bundeswehr für Mütter als ein durchweg nach männlichen Lebensentwürfen strukturierter Ort – eine helfende Hand zu Hause, heute in der Mehrzahl immer noch weiblich, die sich um Kinder und Haus kümmert, wird wie selbstverständlich vorausgesetzt.
Die Stärke des Buches liegt in der zweigeteilten Herangehensweise der Autorin, die Soldatinnen-Portraits mit informativen Hintergrundberichten abzuwechseln. Da werden die individuellen Geschichten der Soldatinnen einerseits menschlich und ungeschönt präsentiert, deren Erfahrungen aber auch in den Kontext des Status Quo der Bundeswehr gestellt. Ein verständlich geschriebenes Buch über Frauen, die sich in eine Männerbastion vorwagen, diese aber nicht wirklich grundlegend verändern konnten.
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