Benachteiligungen Anderer fallen einem nicht auf. Das merke ich immer wieder, wenn ich mit anderen Männern über Benachteiligungen diskutiere. In den meisten Diskussionen werde ich sogar oft entsetzt angesehen und gefragt, ob ich dass nun nicht albern finde, in Deutschland noch von einer Benachteiligung der Frauen zu reden.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Es ist wohl einfach so, dass Benachteiligungen anderer erst auffallen, wenn sich mit ihnen bewusst auseinander gesetzt wird. Ich bin da ja auch nicht besser. Neulich als ich bei Ikea einkaufen war, hab ich auf der Herrentoilette einen Wickeltisch entdeckt. Ich hab so was vorher noch nie auf einer Männertoilette gesehen und deshalb fiel es mir direkt auf – und ich war auch echt begeistert, bis ich drauf kam, dass nicht dieser Wickeltisch toll, sondern die fehlenden Wickeltische schlimm sind.
Erziehung von Kindern, und damit auch das Wickeln, ist in Deutschland nach wie vor die Aufgabe der Frauen. Männer sehen sich als Ernährer, sie müssen das Geld nach Hause bringen, das zeigen Umfragen und Studien immer wieder. Der fehlende Wickeltisch auf der Männertoilette mag da nur ein sehr marginales Zeichen sein, aber er ist eines. Es ist nur besonders doof, dass es eben der fehlende Wickeltisch ist, denn dadurch ist dieses Zeichen wieder einmal nicht sichtbar und es merkt keiner. Ganz nach Michael Kimmel sieht ein Mann, wenn er in den Spiegel guckt, eben einen „Menschen“, eine Frau eine „Frau“ und eine schwarze Frau eine „schwarze Frau“ – was bedeutet, dass das Geschlecht für den Mann „unsichtbar“ ist. (Gilt übrigens auch weiter gedacht: der weiße, gesunde, westliche Mann ist die Norm und folglich normal.)
Das ist sehr schade, denn was nicht gesehen wird, kann nicht angeprangert und verändert werden. Dass nun mit lauter Wickeltischen auf Männertoiletten das ganze Problem der Ungleichbehandlung zwischen Mann und Frau aufgehoben wird, glaube ja noch nicht einmal ich. Aber mehr deutliche Zeichen würden vielleicht einigen Männern die aktuelle Situation deutlicher machen – Wickeltische können dabei wohl nur einen kleinen Beitrag leisten. Aber warum werden beispielsweise die enormen Lohnunterschiede nicht deutlicher kommuniziert? Bei den Streiks der Erzieher_innen fiel mir stark auf, wie selten ich Lohnvergleiche mit Berufen, die in der Gesellschaft als „männliche Berufe“ angesehen werden, gefunden habe. Dann wäre nämlich klar geworden, wie viel mehr ein_e Automechaniker_in im Gegensatz zu einer Erzieher_in verdient. Ich will hier nicht den Beruf der Automechaniker_in abwerten, aber es liegt doch auf der Hand, dass Erzieher_innen so wenig verdienen, da es in der Gesellschaft als „Frauenberuf“ und somit als Zusatzeinnahme gilt. Eine Familie muss davon nicht ernährt werden können, dafür gibt es ja den Ernährer.
Erst wenn Ungerechtigkeiten sichtbar sind, können sie registriert werden, dass kann der unbenutzte Wickeltisch auf der Männertoilette, aber auch Lohntabellen und –vergleiche sein.

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