Wo die Bundesfamilienministerin auftaucht, da kann die Zimmerdecke schon mal zum Fußboden werden. Untätigkeit kann sich Schröder nicht vorwerfen lassen. In ihrer Legislaturperiode hat sie einiges geschafft – öfter auch abgeschafft – beispielsweise wenn sie der Rheinischen Post sagt, sie setze sich für das Modell einer vertraulichen Geburt ein. Damit meint die Ministerin, dass sie sich für die Abschaffung von anonymen Geburten (und zu diesem Zeitpunkt noch für die Abschaffung von Babyklappen) einsetzt. Das „vertrauliche“ an der Geburt ist eine Mogelpackung. Mit dem 16. Lebensjahr soll auch wieder gut sein mit der Anonymität, denn dann dürfen die Jugendlichen erfahren, wer ihre leibliche Mutter ist. Sie erhalten ihre Daten, weil ein Kind ein Recht darauf hat, zu wissen woher es abstammt, behauptet Schröder. Deshalb plant die Familienministerin einen Gesetzesentwurf zur vertraulichen Geburt. Babyklappen sollen auch überflüssig gemacht werden, zumindest neue soll es nicht mehr geben.
Dabei sind Babyklappen und die anonyme Geburt wichtige Angebote für Schwangere in Notsituationen. Es sind Vorrichtungen, wo Neugeborene anonym abgegeben werden können und die leider noch nicht gesetzlich geregelt sind. Diese Grauzone ist oftmals die letzte Option für schwangere Frauen, wenn alle anderen Gesellschaftstüren verschlossen sind. Das wird deutlich wenn Klaus Vetter, Chefarzt vom Vivantes-Klinikum in Neukölln (Berlin), im Deutschen Ärzteblatt über die Bedeutung von anonymen Geburten sagt, dass, sie Leben retten können. Sie sind die einzige Option einer Entbindung in einer Klinik ohne Angst zu haben Jahre später vielleicht doch noch von Polizei, Staat, Behörden oder dem Kind aufgesucht zu werden und sich für ihre Entscheidung erklären zu müssen. Eine Entscheidung, die sicherlich keine leichte gewesen war, aber ihre und das aus Gründen. Ungewollte Schwangerschaften aufgrund von Vergewaltigungen sind hier nur ein Beispiel für gewaltvolle Situationen. Diejenigen, die kommen, kommen (vermutlich) weil sie anonym bleiben wollen/müssen, sonst würden sie den Haupteingang wählen.
Vielleicht kennt Kristina Schröder diese prekären Situationen nicht, okay, aber es scheint auch so, als ob sie weder nach dem „warum“ fragt noch einen Realitätsabgleich sucht, nicht okay. Am vergangenen Dienstag bescheinigte der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) ihren Plänen ebenfalls realitätsferne, er ist für die anonyme Geburten, weil es diese Notsituationen gibt. Vielleicht findet Schröder die Vorstellung von einer happy Heterokleinfamilie mit Vati und Mutti aber auch einfach richtig (,) toll und will dem etwas nachhelfen. Ganz im Sinne von, was gehen mich Lebensrealitäten an?
Vorrangig argumentiert sie mit den Jugendlichen und ihrem „Abstammungsrecht“, das finde ich scheinheilig. Dieses Recht gibt es nicht. Es ist ein nachvollziehbarer Wunsch, weil er Identitätsfragen aufwirft vor allem wenn Jugendliche oft gefragt werden, wer und wo nun „Mutti und Vati“ sind. Aber es gibt das Recht auf Selbstbestimmung, körperliche Unversehrtheit und auf Leben, wenn wir auf der Welt sind, geboren werden (dürfen) und genau deshalb sind diese Angebote so wichtig.
Mit ihren Plänen zielt sie diesmal direkt auf eine kleine wie sehr marginalisierte Gruppe, die in dieser entscheidenden Lebensphase sehr verletzbar ist, Anonymität sucht und Unterstützung braucht. Warum macht Schröder das eigentlich? Warum wird nicht früher nach den Ursachen gefragt? Es sind nicht die Babyklappen, die überflüssig sind, aber vielleicht ist es die Bundesministerin für Backlash.

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