von Gewicht

von Gastautor_in

Der vorliegende Text wurde von Nicole verfasst und erschien gestern auf ihrem Blog literatier.

Im vorletzten Januar sitze ich viel in meinem Zimmer, friere, warte darauf, dass der Winter vorbeigeht. Spitzengardinen und eine Erkenntnis in meiner Hand, die sich als Entschluss tarnt. Ich will nicht mehr abnehmen. Einfach so. Ich will den Körper, den ich habe, nehmen, wie er ist und zu was er wird. Ich will nicht gegen meinen Bauch arbeiten. Ein so stilles wie herzliches Fuck You an die Idee, sich in Form halten zu müssen. Ich habe bereits eine Form. Ich falle nicht auseinander.
Allein, 23 Jahre Körperzweifel lassen sich nicht so leicht an einen Haken hängen. In Stücken an viele Haken? Diese Stücke in Form bringen oder ebenfalls lassen wie sie waren? Das ist auch nicht  leicht. (haha.)

ein Juni – a piece on fitting

Ich habe einen neuen Mantel. Er ist sehr schön, verspricht etwas vom Meer, aber er passt nicht. Er ist zu groß. Nein. Ich dachte zuerst “Ich bin zu klein”. Die Ärmel sind sehr lang, aber das passt so ins Streifenmuster. Der Umfang ist zu weit, aber da passen Pullis drunter, oder ein Biedermeierkleid. Also wirklich zu ~? Meine dritte Oma hat Schneidern gelernt, ich könnte mir den Mantel genauer an meine Körperformen anpassen lassen. Damit ich darin so schick wäre, wie ich mir das ausgemalt habe. Ich trage den Mantel, während ich das schreibe und denke, es könnte einer sein, für den man sonst den Atem knapp hielte. Denke, vielleicht will ich ihn ja lieber groß haben. Er ist wie für adrette Mädchen geschnitten; wäre es nicht nett, trotz und mit Hübschheit mehr Platz einzunehmen? Er lässt Luft. Ich könnte darin wachsen.

ein Juli – a memory on weight

Klaus ist schon groß. Er hat eine Waage gekauft, um seine Reisetasche vor einem Flug zu wiegen. Ich wiege mich nicht. Ich finde sich-wiegen blöd. Was Menschen meinen, wenn sie abnehmen wollen, wenn es um Schlanksein geht, ist nicht das Gewicht, sondern der Körperumfang. Trotzdem lautet das Mantra “IchbindickichmussGewichtverlieren”, mit Waagenkontrollgängen. Mit Erfolgserlebnissen oder nicht, obwohl man keine Veränderung sieht. Vielleicht, weil man sie noch nicht sehen kann. Ich find das wirklich blöd. Schlankseinwollen auch. Blödiblöd. Und stecke selbst drin. Ich habe mich vor ein paar Tagen gewogen, ich weiß nicht, warum. In der 5. Klasse bediente sich unser Mathematiklehrer für ein Rechenbeispiel des mutmaßlichen Gewichts von Anke Engelke. Er bezifferte es auf 50 Kilo. In der 6. Klasse wog ich mehr als die fiktive Anke Engelke. Jetzt wiege ich so viel wie damals. Was egal ist, wenn man keine Vergleichszahlen hat. Aber ha! Klaus ist groß. Klaus ist lang. Es ist ein nur einstelliger Kilounterschied zwischen uns. Und meine Damage-Maschine rattert.

ein August – a piece of tummy trouble

Sommertage, die nicht so warm sind, dass man schwitzt. Ich bin mit meinem Kopf alleine. Ich bin mit diesem Bauch zusammen. So wie ich beschloss, ihn liebzuhaben, so sitzen wir jetzt zusammen, er und ich, und ich starre ihn an und wünsche, dass er geht. Dass er von mir runter geht. Das geht und das gehört sich nicht.

Da ist mehr. Wo kommt er her, der Wunsch zu verschwinden? Weniger zu werden? A phenomen of being female: keinen Platz einnehmen. Wie ein Gibtesnicht. Weniger werden wollen, weil man so schon wenig ist und das nicht reicht, um zu bleiben oder sogar mehr zu werden. Wenn verschwinden nicht gelingt, mindestens den Bauch einziehen.

Ich habe ein Hohlkreuz, die Kuhle, die ich hinten habe, die kugelt sich vorne. Es ist nicht so, als würde ich gleichmäßig größer werden. Es ist nur der Bauch. Der Glaube, dass es besser würde ohne diese Kugel. Weil nicht gut ist, sich ständig Gedanken um diese Kugel zu machen. Ich will eigentlich diese Gedanken weghaben wollen, nicht den Bauch.

Und selbst wenn es gelänge, wenn nicht mehr in meinem Kopf herumschwämme, ob ich runder werde oder nicht. There’s still Body Police.  Die vielen Male, die ich gefragt wurde, ob ich schwanger sei als ich’s nicht war. Oder das “Kompliment” von Menschen, die mich länger nicht sahen, dass ich abgenommen hätte. Meine Grundschullehrerin hat das mehrmals gebracht. Das erste Mal habe ich noch höflich Danke gesagt. Das nächste Mal würde ich sie boxen.

Ich wünsche mir, meine Plauze mit der Selbstverständlichkeit tragen zu können, wie sie mich bei Männern nicht stört. Da sind Typen, die ich heiß finde, und Typen, wie die ich gerne wäre, die haben Bäuche. Die spielen keine Rolle bei diesen Typen. Ich will, dass mein Körper keine Rolle mehr spielt. Aber das ist schon wieder nah dran an ‘Ich will dass mein Körper verschwindet’. Verflixt!

ein Dezember – a piece on position

In Gesprächen über Gewichtszunahme mit Freundinnen lautet das Credo Do not feed into it. Klare Position, dass nicht der Körper das Problem ist, sondern die Gedanken, die man sich darum macht, dass er das Problem sei. Ich fürchte, in dem ich hier das Gegenteil mache, den Schaden anzurichten, den ich in solchen Gesprächen verhindern will. But I struggle with this. Warum fühlt sich etwas, das mir nicht schadet, so an, als sei es ein Schaden? Wie geht der Impuls weg, mir zu schaden (von Genussverweigerung zu Selbsthass und seinen Folgen), um diesen vermeintlichen Schaden wegzumachen?

Oktober, ein Jahr später – missing pieces

Eine Schwangerschaft und einige Fat Acceptance Lektüre später. Einen echten Bauch gehabt und dann konnte er nicht groß genug sein. Er war nicht groß genug, um mir einen Sitzplatz im öffentlichen Personennahverkehr zu verschaffen. Einen Bauch so stolz tragen, ihn in Begrüßungsrituale einbauen. Fist bump am Arsch, ey. Belly bump is the new shit! Einen Bauch und ein Kind weniger staune ich. Das Gefühl, in meinem alten Körper zu sein, ist gut. Zu gut. Lust darauf, noch weniger zu werden. Nicht so gut.

Es ist eine große Sache, eine politische Angelegenheit. Mich überrascht nicht, dass so viele (junge) Frauen versuchen Umfang und Gewicht zu verlieren. Es ist verknüpft mit dem Platz, den Frauen im öffentlichen Leben einnehmen, dem Gewicht, dass sie in der Welt haben. Dem wenigen von beidem. Täglich erfahren und lernen, dass das, was man ist, wenig stattfindet in der Welt (medial, grammatikalisch & mehr), und wenn, dann dünn. Gelernt und erfahren haben, dass es sich so gehört, daran arbeiten, dass es richtig beibt, dass man in den wenigen Platz hineinpasst. Der Widerstand, dem man begegnet, wenn man mehr wird, mehr sein will. Das stinkt, aber ich verstehe es. Feministische Perspektive. Und darüber hinaus: Hungerstreiks als Versuch auf politische Unsichtbarkeit aufmerksam zu machen, die Gewichtsverhältnisse umzudrehen. Weniger werden als Widerstand.

Ich will, dass Frauen mehr nehmen, ohne schlechtes Gewissen. Ich will, dass Frauen mehr Platz einnehmen, auf U-Bahnsitzen wie auf Podien. Ich will, dass man an Frauen nicht vorbeikommt. Nicht zu übersehen, nicht zu übergehen. Ich will, dass Frauen mehr Gewicht haben. In der Welt wie auf der Waage.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 30. November 2012 um 14:06 Uhr unter Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. tina sagt:

    Sehr guter text! Danke. Ich empfinde ähnlich: der kopf weiß, dass körper verschieden und gleich gut sind und schönheitsidealen sollte niemand hinterherjagen. Aaaaber die Spuren unserer Sozialisation in diesen patriarchalen Strukturen lassen sich nicht einfach löschen! Das ist schwer. Daher nochmal danke für deinen tollen text.

  2. Sonja sagt:

    Ich weiß, dass es sicher nicht so von ihr beabsichtigt war und dass das Thema hier Körpergewicht ist, aber luzillas erster Tweet stimmt mich etwas traurig. Er beginnt so schön und grenzt die Aussage dann auf das Gewicht ein.
    „wenn ihr in meinem herzen seid, seid ihr da sicher nicht wegen eurer körperlichlichen erscheinung reingekommen.“ hätte vielen weiteren Menschen Mut gemacht, die (neben dem Gewicht) noch unter anderen von der Gesellschaft eingeredeten „Schönheitsmakeln“ leiden.