Vom Leben im Dunkel

von Susanne

Dieses Buch, „Tschador“ von Murathan Mungan, ist ein Schatzkästchen. Wahnsinnig schön allein schon der Einband, beeindruckend fein geschrieben dann der Inhalt.

Ein junger Mann kehrt in seine Heimat zurück, ein ungenanntes Land im Orient, das in den Jahren seiner Abwesenheit mehrere Kriege erlebte und in dem nun eine strenge islamische Moral die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten soll. So erlebt der junge Mann seine Heimat als Fremde, die nichts mehr mit dem Land aus seiner Erinnerung zu tun hat:

Er dachte an die Sommernächte seiner Kindheit zurück, als die Familien auf den Flachdächern Holzlatten und Matratzen ausgelegt hatten, und wie herrlich silbrig beschienen er damals dort geschlafen hatte. Die weißen Moskitonetze, die um die Schlafstätten gespannt waren, hatten sich im sanften Nachtwind aufgebläht wie Segel. (…) Nun aber waren die Dächer verboten. Der Nacht und den Menschen.

Jetzt findet er sich in einer Gesellschaft wieder, in der die Hälfte der Menschen einfach verschwunden sind. Die Frauen. Unter ihren Burkas. Sie existieren nicht länger als Frauen, sondern sind anonyme Schatten, die durch die Stadt huschen. Der junge Mann sucht seine Mutter und seine Schwestern, fragt die Nachbarn, die feindlich und abweisend reagieren.

Das ganze Land erscheint ihm abweisend. Wo es in seinen Kindheitserinnerungen als Land aus 1001 Nacht abgespeichert ist, mit einem bunten, süßen, fröhlichen Leben, ist heute alles nur noch staubig, drückend, grau, ja sogar beängstigend.

Die Frauen schienen sich aus dem Leben der Stadt völlig zurückgezogen zu haben. Ohne männliche Begleitung ging keine einzige mehr aus dem Haus. (…) Keine ihrer Körperformen durfte aus der dunklen Stoffhöhle heraus den Menschen davon künden, dass sie Frauen waren. Sie waren nichts weiter als gehende und sich regende Zelte. Im Rascheln, das sie dabei hervorriefen, bestand ihre einzige Lebensäußerung, der einzige Ausdruck ihres Körpers.

In einer wunderbaren Sprache beobachtet und beschreibt Murathan Mungan ein Gefühl, in dem mehr Gesellschaftskritik mitschwingt als es tausend Seiten eines Manifestes audrücken könnten. Das Leben in der alten Heimat scheint sich für den jungen Mann nun für immer in die Zeit vor dem „Tschador“ und die Zeit nach dem „Tschador“ zu teilen. Nicht nur die Frauen laufen in Burkas herum, die ganze Welt ist in ein graues, abweisendes Tuch gehüllt. Was früher schön und glänzend war, erlebt der junge Mann nur noch als schwarzen Fleck – die Frauen genauso wie die Welt.

Erschienen im Blumenbar Verlag, 128 Seiten, gebunden, 15 Euro 90.

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Eintrag geschrieben: Montag, 10. November 2008 um 14:44 Uhr unter Uncategorized. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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6 Kommentare

  1. Sonnenschein sagt:

    Danke für den Buchpipp.

    Müssen wir Frauen hier in der BRD nicht auch schon wieder wach sein? Vielleicht führt der nächste, „neueste“ Modegag, Kopftücher ein. Der Schritt zur „BURKA“ als Modegag ist dann nicht weit! Und mit der wirklichen Gleichberechtigung ist es noch weit her!

  2. Peter sagt:

    Das wäre natürlich Realsatire pur, wenn Kopftuch und Verschleierung hierzulande über die Modeschiene etabliert werden würden…

    Wobei die Problematik dahinter auch hierzulande nicht wirklich gelöst ist:

    Der Widerspruch zwischen dem Recht der Frau sich zu kleiden wie sie möchte einerseits und der sexuellen Triggerfunktion des weiblichen Körpers auf Männer andererseits.

    Dieses Spannungsfeld wird ja derzeit weidlich u.a. von der Werbung (Sex sells) ausgenutzt, in Einzelfällen wohl auch von Frauen individuell (Tease & Denial)

    Um diesen Widerspruch aufzulösen gäbe es als Alternative zur Burka eigentlich nur die vollkommene Ent-Erotisierung auf geistiger Ebene von Seiten der Männer.

    Also wenn Männer den weiblichen Körper schlicht und ergreifend nicht mehr begehren, er keine sexuelle Wirkung mehr auf sie hat und demzufolge es auch egal wird, wie körperbetont Frauen herumlaufen.

    Mir ist bloß nicht ganz klar, wie das dann mit dieser „Bienen und Blumen -Sache“ funktionieren soll…

  3. Melissa sagt:

    der zweck der burka ist ja die ent-erotisierung der frau. die frau wird zum wandelnden gespenst.
    meine vorstellung ist eher eine gesellschaft ohne burka wo frauen sich kleiden können wie sie wollen-sich auch mal „erotisierend“ anziehen ohne dass sie belästigung riskiert. wenn die männer damit nicht leben können wäre es logischer diese typen nicht mehr rauszulassen.

  4. Peter sagt:

    Melissa,

    die Männer ins Haus zu sperren und nur mit Augenbinde und in Begleitung einer weiblichen Verwandten auf die Strasse zu lassen wäre auch eine theoretische Option. Eine seeehr theoretische allerdings ;-)

    Aus männlicher Sicht ist „erotisierend anziehen ohne Belästigung zu riskieren“ übrigens ungefähr wie „Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass“. Vor allem wenn schon längere Blicke als Belästigung empfunden werden.

    Was einfach daran liegt, weil Männer nur schwer verstehen, das dieses „erotisierend“ nicht Männer ansprechen soll, sondern rein als „auto-erotisierend“ gemeint ist.

    „Mann“ könnte das zwar schon realisieren und sich in seiner Reaktion entsprechend anpassen (indem Mann es einfach ignoriert). Was dann allerdings im Ergebnis einer „ent-erotisierung der frau“ OHNE Burka entspricht. Und, wie schon geschrieben, andere Formen der Partnerfindung nötig macht.

    Ich denke, bis wir dieses gesellschaftliche Dilemma auflösen können (wenn überhaupt jemals) werden wir noch reichlich Gelegenheit haben uns übereinander zu beklagen ;-)

  5. Judith sagt:

    „Aus männlicher Sicht ist “erotisierend anziehen ohne Belästigung zu riskieren” übrigens ungefähr wie “Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass”. Vor allem wenn schon längere Blicke als Belästigung empfunden werden.“

    das ist also d i e „männliche sicht“?
    komisch, ich kenne eine menge männer, die sich über einen erotischen anblick freuen können ohne zu starren oder gar zu grabschen.

  6. Peter sagt:

    Judith,

    ja ich kenne auch eine Menge solcher Männer. Die Kunst liegt in der Gratwanderung zwischen „erfreut anblicken“ und starren. Und der Frage wer letztlich die Definitionshoheit darüber hat was ein gerade noch zulässiges anblicken und was schon starren ist.

    Im Zweifel empfehle ich den Männern das konsequente Ignorieren um hier schon im Vorfeld gar keine Mißverständnisse zu riskieren.

    Das „grabschen“, also die körperliche Berührung ohne Zustimmung der Frau eine andere Dimension hat, ist übrigens unbestritten.