Dieses Buch, „Tschador“ von Murathan Mungan, ist ein Schatzkästchen. Wahnsinnig schön allein schon der Einband, beeindruckend fein geschrieben dann der Inhalt.
Ein junger Mann kehrt in seine Heimat zurück, ein ungenanntes Land im Orient, das in den Jahren seiner Abwesenheit mehrere Kriege erlebte und in dem nun eine strenge islamische Moral die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten soll. So erlebt der junge Mann seine Heimat als Fremde, die nichts mehr mit dem Land aus seiner Erinnerung zu tun hat:
Er dachte an die Sommernächte seiner Kindheit zurück, als die Familien auf den Flachdächern Holzlatten und Matratzen ausgelegt hatten, und wie herrlich silbrig beschienen er damals dort geschlafen hatte. Die weißen Moskitonetze, die um die Schlafstätten gespannt waren, hatten sich im sanften Nachtwind aufgebläht wie Segel. (…) Nun aber waren die Dächer verboten. Der Nacht und den Menschen.
Jetzt findet er sich in einer Gesellschaft wieder, in der die Hälfte der Menschen einfach verschwunden sind. Die Frauen. Unter ihren Burkas. Sie existieren nicht länger als Frauen, sondern sind anonyme Schatten, die durch die Stadt huschen. Der junge Mann sucht seine Mutter und seine Schwestern, fragt die Nachbarn, die feindlich und abweisend reagieren.
Das ganze Land erscheint ihm abweisend. Wo es in seinen Kindheitserinnerungen als Land aus 1001 Nacht abgespeichert ist, mit einem bunten, süßen, fröhlichen Leben, ist heute alles nur noch staubig, drückend, grau, ja sogar beängstigend.
Die Frauen schienen sich aus dem Leben der Stadt völlig zurückgezogen zu haben. Ohne männliche Begleitung ging keine einzige mehr aus dem Haus. (…) Keine ihrer Körperformen durfte aus der dunklen Stoffhöhle heraus den Menschen davon künden, dass sie Frauen waren. Sie waren nichts weiter als gehende und sich regende Zelte. Im Rascheln, das sie dabei hervorriefen, bestand ihre einzige Lebensäußerung, der einzige Ausdruck ihres Körpers.
In einer wunderbaren Sprache beobachtet und beschreibt Murathan Mungan ein Gefühl, in dem mehr Gesellschaftskritik mitschwingt als es tausend Seiten eines Manifestes audrücken könnten. Das Leben in der alten Heimat scheint sich für den jungen Mann nun für immer in die Zeit vor dem „Tschador“ und die Zeit nach dem „Tschador“ zu teilen. Nicht nur die Frauen laufen in Burkas herum, die ganze Welt ist in ein graues, abweisendes Tuch gehüllt. Was früher schön und glänzend war, erlebt der junge Mann nur noch als schwarzen Fleck – die Frauen genauso wie die Welt.
Erschienen im Blumenbar Verlag, 128 Seiten, gebunden, 15 Euro 90.
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