Gestern berichtete ich über den konservativen Vorstoß gegen Abtreibungsrechte in den USA. Auch in Diskussionen oder Verhandlungen von Vergewaltigungsfällen zum Beispiel vor Gericht oder in der medialen Berichterstattung bemerkt mensch eine (konservative) Repolitisierung des Themas in den USA. Einhergehend mit einem unübersehbaren Rechtsruck, der Einfluß auf geltendes Recht und die bereits existierenden Diskurse rund um Vergewaltigung und Schuld haben könnte (als wären die nicht jetzt schon frauenfeindlich genug), ist der Gruselfaktor riesig, wenn mensch die aktuellen Fälle in den Blick nimmt, die die US-Medien beschäftigen.
Da ist zum einen ein Cheerleader aus Texas, die sich bei einem Basketballspiel weigerte, ihrem Vergewaltiger, einer der Spieler, zuzujubeln. Daraufhin wurde sie von ihrer Schule vor die Wahl gestellt: Entweder jubelt sie ihm zu oder geht nach Hause. Die junge Frau klagte – und verlor Anfang des Monats vor Gericht. Die Begründung: ein Cheerleader sei das „Sprachrohr“ der Schule und agiert nicht als Privatperson. Basta. Es schien für die meisten Beteiligten völlig ok, dass ein Mensch ihrem Vergewaltiger zujubeln muss.
Wir berichteten im März über eine Elfjährige aus einer texanischen Kleinstadt, die in einem abgelegenen Trailer von einer Gruppe junger Männer offenbar stundenlang sexuell misshandelt wurde. Intensiv berichtet wurde nicht nur darüber, dass dies eine absolut abscheuliche Tat ist, sondern auch, was das junge Mädchen trug, wie sie sich schminkte, wo zum Teufel die Mutter war und was nun mit den armen Jungs passiert. Diese Geschichte offenbart den ekelhaften Diskurs, der zu Vergewaltigung immer noch existent ist: Wie viel schuld hat das Opfer selbst? Make up, Kleidung oder eine nicht auffindbare Mutter werden da eher thematisiert als die Gewalttat an sich oder eine Gesellschaft, in der so etwas immer noch passiert.
Der nächste Fall machte weltweit Schlagzeilen und offenbart die perfide Situation von Vergewaltigungsopfern in den USA. Die CBS-Korrespondentin Lara Logan, die in Ägypten am Tag von Mubaraks Rücktritt während der nachfolgenden „Freudenparty“ auf dem Tahrir Square von einer Gruppe unzähliger Menschen brutal vergewaltigt wurde, spricht nun in einem Interview mit CBS News erstmalig über diesen Tag (Achtung: Trigger-Warnung! Meine Nerven sind für dieses Video definitiv nicht stark genug. Ich habe es nicht anschauen können, sondern nur die ersten Sätze des verlinkten Feministing-Beitrags gelesen).
Was mich bei diesem Fall so wütend und ohnmächtig macht, ist die Tatsache, dass Logan einer gängigen Definition nach gar nicht vergewaltigt wurde. Wenn mensch dem FBI Uniform Crime Report glauben mag – der offiziellen Stastik der FBI zu Gewaltverbrechen, die in Mainstream-Medien häufig zitiert wird – ist nur die sogenannte „gewaltsame Vergewaltigung“ (forcible rape) eine „richtige“ Vergewaltigung. Diese Definition, die übrigens noch aus dem Jahre 1929 stammt, schließt die meisten Vergewaltigungsfälle gar nicht ein, da sie Vergewaltigung als erzwungenen und gewaltsamen heterosexuellen Geschlechtsverkehr definiert. Laut MsMagazine, das 25 teils verstörende Fakten zu Vergewaltigung aufzählt, werden mit dieser Definition von Vergewaltigung die Vergewaltigungserfahrungen von Millionen von Menschen geleugnet. Darüber hinaus beeinflußt diese verzehrte Wahrnehmung die US-amerikanische Debatte rund um das Thema sexuelle Gewalt.

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