
(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Eine schwangere Frau hört auf, sich selbst ganz allein zu gehören. Das ist zu einem Teil logisch und auch gut so. Das Wesen im Bauch beansprucht Raum, Energie und verursacht „Folgeschäden“, um die man sich kümmern muss (den Bauch viel cremen, eventuell spezielle Behandlungen gegen Rückenschmerzen, eine neue Ernährung wegen Übelkeit etc…). Ich möchte das nicht schönreden, aber ich muss sagen: So weit, so okay. Die andere Form des Eingriffs ist für mich hingegen nicht mehr okay und bisweilen mehr als nur nervig: Sie kommt von anderen Menschen. Diese wissen vor allem sehr viel und reden einem derart in den Alltag rein, dass es manchmal kaum auszuhalten ist. Z.B. die künftigen Omas. Sie meinen es ja immer nur gut. Aber wenn ich zum dritten Mal gefragt werde, ob ich wirklich IMMER NOCH Fahrrad fahre??? – dann ist irgendwo eine Grenze erreicht. „Mama! – ja. Und ich werde das auch weiterhin tun. Es gibt keinen Grund, es zu lassen.“ – „Aber du weißt doch, dass du damals zu früh auf die Welt kamst, weil ich noch Fahrrad gefahren bin!“ Die Zweite im Bunde ist die künftige Uroma: „Du darfst nicht mehr so viel arbeiten. Das ist doch nicht gut!“ – „Oma! Mir geht es prima. Mach dir mal keine Sorgen.“
Harmlos. Ich weiß. Anstrengender: völlig Fremde. In der Kantine beim Kauf einer Cola ermahnt zu werden: „Das ist aber nicht gut für das Baby!“ hat mir zunächst ein bisschen die Sprache verschlagen. Ich stammelte etwas von Müdigkeit und dass „die Mama“ das eben braucht – und kam mir ziemlich beknackt vor dabei. Aber in Sachen Ernährung gibt es für Schwangere nicht viel zu lachen. Ob gewollt oder unbewusst: Von allen Seiten gibt es Kontrolle. Schönstes und aber erschreckendes Beispiel: Eine Tabelle in der Zeitschrift Ökotest*, die genaue Angaben darüber enthält, wovon eine Schwangere wie viel pro Tag essen darf. Natürlich: Es ist wichtig, ein bisschen auf die Ernährung zu achten – denn der Bedarf ist einfach ein anderer. Aber muss ich mir wirklich vorschreiben lassen, wie viel Zucker ich am Tag zu mir nehmen darf? Bis aufs Gramm genau? Aber auch das: lässt sich ignorieren und als nervig, aber nicht wirklich übergriffig abtun.
Nein, die schlimmsten sind: Ärzte. Die letzten zwei Monate meiner Schwangerschaft habe ich sie boykottiert. Es hatte einfach gereicht. Nach etwa zehn Mal eine komplette Stunde im Wartezimmer sitzen müssen um von einer (in meinem Fall) völlig unkonzentrierten Ärztin binnen fünf Minuten grobuntersucht zu werden; nach zwei Mal aus der Praxis kommen, mit Rezepten für Medikamente in der Hand, die ich ausdrücklich aufgrund ihrer Nebenwirkungen nicht haben wollte; nach dreimal dafür mit bösem Blick gestraft werden, dass ich im Geburtshaus entbinden will („da haben Sie dann aber keine ärztliche Betreuung – das ist nicht sicher dort“); und nachdem ich einmal ganze zwei Stunden in der Praxis verbringen musste, weil unangekündigt plötzlich ein CTG (dauert eine halbe Stunde) geschrieben werden MUSSTE („können wir das nicht weglassen? ich habe nicht so viel Zeit…“ – „NEIN!“) habe ich die Vorsorge in die Hände meiner Hebamme gelegt. Sie fragt mich immer, egal, was sie macht. Sie kennt meinen Körper besser, als die Ärztin, denn sie nimmt sich Zeit, wenn ich da bin. Und ich kann sie alles fragen. Das wichtigste ist an ihr: Sie macht auch alle Tests und guckt sich Werte an – aber ohne mir permanent das Gefühl zu geben, eine wandelnde Zeitbombe zu sein. Ohne mich und meinen Zustand zu pathologisieren. Mir kommt es manchmal so vor: Wer schwanger wird, befindet sich in den Augen der Gesellschaft im Ausnahmezustand. Und irgendwann verinnerlichen die meisten Frauen diese Außenansicht. Sie können gar nicht genug Ultraschall-Untersuchungen bekommen, weil sie ständig mit der Angst leben, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Sie fressen Unmengen an Nahrungsergänzungsmitteln, die es für teures Geld allerorten extra für Schwangere zu kaufen gibt, damit Folsäure, Eisen und Magnesium ja nicht zuneige gehen. Am Ende lassen sie sich im Krankenhaus von Ärzten alle möglichen medizinischen Eingriffe aufschwatzen, weil sie glauben, dass es ohne nicht geht.
Ja, ich bin in diesen Dingen wirklich ziemlich radikal geworden. Es gibt einen Kampf zwischen Ärzten und Hebammen, der – wenn ich meiner Hebamme Glauben schenken darf – schon viele Jahrhunderte andauert. Zwei völlig verschiedene Philosophien, Menschenbilder und – fast schon – quasi-religiöse Ansichten über Schwangerschaft und Geburt prallen hier aufeinander. Die eine pathologisiert die schwangere Frau, die andere sieht in ihr nichts anderes, als das Natürlichste der Welt. Glaube an die Natur vs. Glaube an die Medizin und ihre Technik. (Und ja, ich stehe da eher bei den Hebammen.) Ein Kampf, der nicht selten auf den Rücken der schwangeren Frauen ausgetragen wird: Sei es, weil Ärzte ihre „Vormachtstellung“ durch immer größere technische Möglichkeiten unterstreichen wollen; sei es, weil eine Hebamme im Ärzte-Hass zu spät eine wirklich brenzlige Situation in die Hände eines Arztes übergibt. Gerade im Sinne der Frauen ist es höchste Zeit, dass dieser K(r)ampf ein Ende hat.
* in Ökotest SPEZIAL: Schwangerschaft und Geburt (2009)

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