Dieser Text erschien am Sonntag bei fuckermothers.
Eine Bemerkung zu der unsäglichen ‘O-My-God-unsere-Kinder-dürfen-das-N*-Wort-nicht-mehr-in-Kinderbüchern-lesen-Debatte’. Auslöser war die Ankündigung des Thienemann-Verlages, diskriminierende Sprache in Kinderbuch-Klassikern wie Die kleine Hexe auszutauschen
‘Zeter! und Mordio! Kulturverfall! Und Sprachpolizei! Und Säuberungskampagne! Und sowieso, Political! Correctness!’ regt sich die Presse von FAZ über Deutschlandfunk bis Spiegel auf. (Die Artikel wurden absichtlich nicht verlinkt, am harmlosesten ist noch dieses Interview mit Paul Maar.) In all dieser Aufregung, wird, so oft es sich irgendwie unterbringen lässt, genussvoll das diskriminierende N*Wort geschrieben, am besten schon in der Überschrift. Dabei offenbart sich, neben teilweise erschreckend reaktionärem Gedankengut, eine unglaubliche Ignoranz und Unsensibilität.
Erstens. Das N*-Wort kommt aus der Kolonialgeschichte, es war von Anfang an eine diskriminierende Bezeichnung, die mit Mord, Unterdrückung und Sklaverei verbunden war. Erinnert sei hier etwa an den deutschen Völkermord an den Herero und Nama Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.
Zweitens. Das Wort ist nicht nur auf Grund der rassistischen Geschichte ein Problem, sondern auch wegen dem andauernd grassierenden Alltagsrassismus. Weiterhin werden Schwarze Menschen mit dieser Bezeichnung beleidigt. Weiterhin sind als nicht-Weiß-klassifizierte Menschen hierzulande der Gefahr von Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt. Davor schützt nicht die deutsche Polizei, sondern ganz im Gegenteil. Fälle wie Derege Wevelsiep, der dieses Jahr – ohne auch nur das geringste Vergehen – von der Frankfurter Polizei verprügelt wurde, sind leider keine Ausnahme. Von den NSU-Morden oder dem brutalen Tod Oury Jallohs ganz zu schweigen.
Drittens. Kaum überraschend empfinden viele Schwarze Menschen dieses Wort als diskriminierend und wehren sich gegen seine Verwendung. Seit mehreren Jahrzehnten bringen Schwarze Deutsche dies immer und immer wieder zum Ausdruck. Die Gründe wurden lang und breit erklärt und sind in sehr vielen Büchern nachzulesen. Diese Stimmen zu ignorieren ist, besonders für Journalist_innen, überraschend uninformiert. In einem Artikel immer wieder und wieder ‘N*’ zu schreiben, bedeutet bewusst zu verletzen.
Viertens. Es handelt sich um Kinderliteratur. Deren Ziel ist gemäß Marion Gerhard, Kindern “hochwertige Literatur zu bieten, die ihnen Welterklärung, Poesie und Lesemotivation zugleich sein kann.” Der Aspekt der Welterklärung ist für die Debatte sehr wichtig: Kann es irgendwie erstrebenswert sein, Kindern eine rassistische Weltsicht zu vermitteln? Wollen wir Weißen Kindern beibringen, dass es selbstverständlich ist, nicht-Weiße Menschen zu beleidigen? Und sollen Schwarze Kinder lernen, dass sie N* sind? Dass ihre Perspektive und ihr Empfinden von Anfang an nicht zählen?
Fünftens. Sprache, Kultur und Einstellungen verändern sich. Immer. Und oft erfreulicher Weise. Viele Eltern lesen den ‘Struwwelpeter’ nicht mehr vor. Denn sie wollen ihren Kindern nicht beibringen, dass sie sterben müssen, wenn sie keine Suppe mehr essen. Und dass ihnen nicht die Finger abgeschnitten werden, wenn sie ihre Haare nicht frisieren. Statt dem Ausdruck ‘Weib’ sagen wir heute ‘Frau’. Statt ‘gefallenes Mädchen’ sagen wir ‘alleinerziehende Mutter’. So etwas bezeichnet man gemeinhin als Fortschritt.
Sechstens. Beim Argument ‘Wir-können-doch-beim-Vorlesen-mit-unseren-Kindern-über-das-Wort-diskutieren’ schliesse ich mich Dr Mutti an: “die begrenzte Zeit, den Kindern Toleranz und kritisches Bewusstsein beizubringen, sollte gut genutzt sein. Und der kleine Ausschnitt des Inputs, den ich selber auswähle, der sollte meine Bemühungen unterstützen, nicht konterkarieren.” Es lohnt sich deswegen eher, von vornherein ein Kinderbuch ohne rassistischen Inhalt zu wählen.
Eine antirassistische Haltung bedeutet nicht, eine Kerze auf einer Lichterkette anzuzünden, um ‘ein Zeichen zu setzen’ und sich dabei gut zu fühlen. Sie bedeutet, eigene Weltbilder und Vorstellungen zu hinterfragen und gegebenenfalls auf Zeichen zu verzichten. Auch, wenn es weh tut.
_______________________________________________________
Mehr zum Thema aus den Reihen der Mädchenmannschaft:
Nadia schrieb gestern auf Shehadistan:
Auch ich habe als Kind solche Bücher gelesen, und es stimmt nicht, dass sie nichts mit mir gemacht haben. Diese Bücher machen sehr viel mit einem. Auch wenn Leute, die von diesen Diskursen, Begriffen, Schimpfwörtern, von denen ich spreche, nicht mal mit einem Furzhauch betroffen sind, was anderes glauben. Oder zu wissen meinen. Und sich deswegen nun ins Gefecht stürzen.
Und Melanie hat heute noch einmal etwas zu (im Rahmen dieser Debatte vielzitierten) Authentizität gesagt.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.