Warum halten wir privat immer noch an einem überkommenen Lebensmodell fest, das nicht nur für Frauen direkt in Frust und Altersarmut führt, sondern auch Männer zum Ernährer-und-sonst-Zuschauer degradiert? Dieser Frage geht die Journalistin und Fernsehmoderatorin Lisa Ortgies in ihrem Buch „Heimspiel. Plädoyer für die emanzipierte Familie“ nach.
Am auffälligsten an diesem Buch ist die Gliederung der Themen, die sie wählt: Väter, Haushalt, Mütter, Kinder. Richtig gelesen: Haushalt. Was soll man dazu schon schreiben?, fragt sich da vielleicht die Leserschaft, aber nach der Lektüre von Ortgies’ Haushaltskapitel ist klar: Unendlich viel. Denn der Haushalt ist Quell von Frustration, gescheiterten Emanzipations-Anstrengungen, er zementiert alte Rollen, ist ein Schutzschild vor anderweitigen Ambitionen und und und.
Das Wichtigste vielleicht gleich zuerst:
“Nach wie vor spricht man dem […] Ideal der romantischen Liebe eine uneingeschränkte Macht über die Banalitäten des Alltags zu.”
Soll heißen: Verliebte, und das sind ja meistens diejenigen, die sich entschließen, ihre Leben zusammenzulegen, zu heiraten oder Kinder zu kriegen oder alles zusammen, genau die verschließen gern die Augen vor den Problemen, die der Alltag so mit sich bringt. Über den Alltag, vor allem den Haushalt redet man nicht. Das wäre der Liebe nicht angemessen. Oder so. Und deswegen erwischen die meisten Paare die entsprechenden Widrigkeiten dann eiskalt:
“[…] Experten kommen zu dem Schluss, dass die Frauen schon vor der Ehe mutmaßten, mehr Aufhaben übernehmen zu müssen, während die Männer umgekehrt damit rechnen, entlastet zu werden. Und genauso ergibt es sich dann auch – womit wir wieder bei der selffulfilling prophecy wären.”
Und das macht – klar – vor allem die Frauen fertig, die damit in die Spirale der wachsenden Haushaltsverantwortung eintreten:
“[…] Jede Bitte an dem Mann “Nimmst du den Müll mit?”, die wiederholt werden müssen, eventuell mehrfach, verbrauchen mehr Energie als die Aufgabe selbst, weil der Frust über die Nichtachtung hinzukommt.”
Heißt: Frau macht es im Zweifelsfall lieber schnell selbst und verdrängt die Kränkung. Heißt aber auch: Vor allem Frauen haben immer noch das Problem der Vereinbarkeit von Familie/Haushalt und Beruf. Und zwar egal, ob sie weniger, gleich oder mehr als ihr Partner verdienen. Verdient der Mann mehr, ist das sehr wohl ein Argument beim Verhandeln der Hausarbeit, verdient sie dagegen das meiste Geld, so übernimmt sie auch noch einen Großteil des Haushalts, um “nicht die Geschlechtsidentität des Mannes in Frage [zu] stellen”, so das Ergebnis einer Bamberger Studie.
Hinzu kommt, dass noch immer sich vor allem die Frau im Hause für zum Beispiel das Schlachtfeld im Wohnzimmer oder das misslungene Essen bei Einladungen rechtfertigen müssen.
Die Auswirkungen auf das Leben von Frauen und Männern außerhalb ihrer vier Wände sind massiv. Ortgies führt unzählige Studien und Fallbeispiele ins Feld, die alle in die gleiche Richtung zeigen: Frauen brechen früher oder später unter der Doppelbelastung zusammen und die Beziehungen gleich mit ihnen, vor allem, wenn Kinder da sind:
“Früher galt generell die Binse, dass Kinder zusammenschweißen. Bei kinderlosen Paaren war das Scheidungsrisiko sehr viel höher als bei Eltern. In der jüngeren Generation hat sich dieser Trend umgekehrt. Gerade in den ersten fünf Jahren nach der Geburt des ersten Kindes ist das Trennungsrisiko besonders hoch. Es sei denn, der Mann hängt sich genauso in die Hausarbeit wie seine Partnerin.”
Deswegen plädiert auch die Forscherin Pia Schober, die Ortgies in ihrem Buch interviewt, für das Modell dual earner/dual carer für Paare. Beide sollten arbeiten können und beide Zeit mit der Familie verbringen können. Und weil der Haushalt nun mal gemacht werden muss, teilen sich diesen beide auch auf.
Das Problem an diesem Modell, das ja immer mehr auch die Forderung einer breiten Fraktion aus Eltern, Feministinnen, Pädagogen etc. geworden ist, ist immer noch die Wirtschaft, die sich weiterhin auf allzeit verfügbare Arbeitskräfte verlassen möchte, also auf solche, die entweder gar keine Familie haben oder zu Hause jemanden haben, der ihnen den Rücken freihält.
Diese gesellschaftlichen Umstände, die uns noch immer daran hindern, privat überhaupt die richtigen Entscheidungen fällen zu können, zeigt Lisa Ortgies ebenfalls auf und fragt sich und ihre Leserinnen und Leser sehr deutlich, warum eigentlich nicht mehr Mütter durchdrehen und politische Forderungen stellen. Und deswegen schließt ihr Buch auch mit der dezenten Nachfrage, ob Frauen mit dem ganzen Gerede um ihre “kommunikative Kompetenz”, ihre “Friedfertigkeit” und all dem Schmu nicht eigentlich nur davon abgehalten werden sollen, auf die Barrikaden zu gehen.
Ich wünsche mir, ihr Buch wird als Aufforderung verstanden.
Erschienen bei DVA, 336 Seiten, broschiert, 17 Euro 95.
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