Im Themenspecial „Bambini statt Bambule – wenn Linke zu Eltern werden” der Jungle World erschien gestern ein äußerst lesenswerter Artikel von Sonja Eismann, in welchem sie feststellt:
„Während in den siebziger Jahren Feministinnen Kinderläden gründeten, ist Mutterschaft in feministischen und queeren Debatten heute kein großes Thema mehr. Das sollte sich ändern.“
Eismann, u.a. und übrigens gemeinsam mit Mädchenmannschaftskollegin Verena im Team des Missy Magazine, beschreibt treffend und anschaulich die widersprüchlichen, aber wirkmächtigen Erwartungshaltungen, die an (werdende) Mütter von verschiedenen Seiten herangetragen werden – und kommt dabei schönerweise ganz ohne das in diesem Themendunstkreis gerne mal herumlungernde Feminismusbashing aus, was von einer Sonja Eismann aber natürlich auch nicht anders zu erwarten war:
„Während ich im Verlauf der Schwangerschaft mit unzähligen Vorschriften und Regulierungen meines Verhaltens zum Wohl des ungeborenen Kindes als verantwortungsbewusste werdende Mutter vergesellschaftet werden sollte, wurden aus dem »alternativen Milieu« ganz umgekehrte Anliegen an mich herangetragen, die von der Angst zeugten, ich könne mich diesem Prozess widerstandslos unterwerfen. Vorsorgeuntersuchungen, Verhaltensvorschriften, Medikamente, Kurse und massenweise Produkte auf der einen Seite, Ängste vor Verspießerung und Akzeptanz des Status quo durch gezügelten Ausgeh- und Genussmittelkonsum auf der anderen.“
(Full disclosure: Ich selbst beobachte an mir bisweilen duchaus auch das notorisch schlechte Muttergewissen – allerdings weniger meinem Kind gegenüber, weil es seit Jahren auch „fremdbetreut“ wird, wie es so bezeichnend heißt, sondern eher meinem feministischen Bewusstsein gegenüber, weil ich überhaupt ein Kind bekommen habe. Schon allein deshalb, wie jede_r, die/der Verantwortung für ein kleines Kind trägt, weiß: Jeglicher Selbstbestimmung im auch nur halbwegs engeren Sinn wird damit erstmal ruckartig der Boden unter den Füßen weggezogen. )
Eismann analysiert, wie im Spannungsfeld von „staatlich-patriarchaler Seite“ und „subkulturelle[r] oder feministische[r] Community“ und angesichts einer alles durchdringenden „neoliberalen Eigenverantwortlichkeits- und Selbstverbesserungsideologie“ der Frauenkörper immer noch zum ideologischen Schlachtfeld wird, sobald seine reproduktive Fähigkeit sichtbar wird. Überzeugend zeichnet sie nach, wie es dazu kommen konnte, dass das Thema Mutterschaft, allen Implikationen des Themas für das große Ziel der weiblichen Selbstbestimmung zum Trotz, aus dem Fokus feministischer und queerer Strömungen und Debatten geriet – und fordert eine neue feministische Debatte ums Kinderkriegen,
„die auch dringend nötige neue Impulse zu einer feministischen Erziehung liefern könnte“.
Zu diesem Zweck hält Eismann es für erforderlich, den aufgeladenen Begriff der Mutterschaft durch „Elternschaft“ zu ersetzen,
„um einerseits die Teilhabe und Verantwortung der Väter stärker ins Blickfeld zu rücken, und andererseits die Perspektive für eine Vielzahl von Modellen zu öffnen, die mit der Vorstellung des Nucleus Vater-Mutter-Kind ja nur sehr mangelhaft umrissen ist.“
Ein Vorbehalt gegen diese letztgenannte Forderung kommt vom durchweg spannenden Blog Fuckermothers (Untertitel: „feministische Perspektiven auf Mutterschaft“), den Eismann im oben genannten Artikel vorstellt, in einer ebenfalls bereits gestern erschienenen Reaktion auf den Jungle World-Artikel. Die Fuckermothers befürchten, dass
„die Bezeichnung ‘Elternschaft’ zu sehr generalisiert und gerade daduch Machtverhältnisse und Ungleichheit unsichtbar macht. Denn leider haben (wie Eismann ja selbst auch so gut schildert) ‘Mütter’ in dieser Gesellschaft mit anderen Problemen, Zuschreibungen und Diskriminierungen zu kämpfen als ‘Väter’ – von Gehaltsunterschieden und Arbeitszeiten, über den Umgang mit weiblichen Körpern und nationalstaatliche Biopolitiken bis hin zum Muttermythos, ‘mother blame’ und Deutungsmustern wie der ‘Mutterliebe.’ Deswegen denke ich, dass der Begriff ‘Mutterschaft’ schon allein aus politischen Gründen sinnvoll sein kann, um sich Interventionsmöglichkeiten zu erhalten, kritische Perspektiven zu erarbeiten und Strategien zu generieren.“
Das Problem des Verharrens in zweigeschlechtlichen Konzepten und die Gefahr des Essentialismus sind wiederum die Kehrseiten, die auch die Fuckermothers beim Festhalten am Mutterschaftsbegriff sehen. Außerdem wird überlegt, in wieweit ein feministisches und/oder queeres Reclaiming dieses konservativ aufgeladenen Begriffs überhaupt erfolgversprechend erscheint:
Kann es also etwa ‘feministische Mütter’ oder ‘männliche Mütter’ oder ‘queere Mütter’ oder gar ‘fuckermothers’ überhaupt geben? Sollten wir statt von ‘Müttern’ lieber von ‘Elterteilen’ [sic] sprechen (oder z.B. gegebenenfalls von ‘weiblich konzipierten Elternteilen’)?
Die grundlegende Frage lautet sowohl für Sonja Eismann als auch für die Fuckermothers: Wie ließe sich eine neue feministische Debatte ums Kinderkriegen anschieben?
Eine sehr spannende, sehr wichtige Frage – die gerne auch hier diskutiert werden darf. Und mögliche Antworten darauf natürlich erst recht!

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