Mütter sollten ihre Möpse bedecken – jedenfalls wenn sie rechnen können

Am Prenzlauer Berg verstopfen Rinder die Gehwege, verstellen mit ihren Kinderwagen die Cafés und holen ihre unbedeckten Euter heraus, um ihre Kinder zu stillen. So steht es in einem Vorabdruck in der Taz von „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“ – ein soeben erschienenes Buch der Journalistin Anja Maier. Im Untertitel behauptet die Autorin über Edel-Eltern und ihre Bestimmerkinder zu schreiben. Tatsächlich sind ihr Feindbild aber die P-Berger Mütter. Obwohl ihre Fakten nicht stimmen, ihre Beschreibungen von altbekannten Klischees strotzen, erfährt sie erstaunlich viel Zuspruch. Warum dieser Mütter-Hass?

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Anja Maier spricht nicht selbst in dem Kapitel, das die Taz druckte, sondern lässt eine Kaffeehausbetreiberin über die schwäbischen „Rinder“ herziehen, die alles bio und antiallergisch wollten, ihre Kleinkinder zum Chinesisch-Unterricht schickten und ihre Ehemänner für all das zahlen ließen, weil sie selbst mindestens drei Jahre Babypause machten.

Die Tirade der Wirtin hat einen heftige Diskussion in der Kommentarspalte der Taz hervorgerufen und Betrachtungen des Problems in zahlreichen Zeitungen. Interessant daran ist, dass die meisten den Ost-West-Konflikt sehen: Alt-Ostberliner gegen zugereiste Schwaben. Nur wenigen fällt auf, dass die Beschreibung von Müttern als Rinder, die ihre Euter herausholen, wohl so ziemlich die übelste sexistische Beschimpfung von Frauen ist, die einem in den letzten Jahren jenseits von Mario Barth untergekommen ist.

Haben unsere Mütter nicht in den Siebziger Jahren dafür gekämpft, dass sie in der Öffentlichkeit stillen durften? Richtig: Das war in Westdeutschland. Und frau könnte sich im Sinne der Ostberliner Wirtin fragen, ob denn öffentliches Stillen so eine tolle Errungenschaft ist, wenn die Mütter den ganzen Tag im Café sitzen, sich nur um die Blagen sorgen und dem Mann auf der Tasche liegen, der derweil mit der Sekretärin knutscht.

Das Problem an diesem Bild ist, dass es nicht stimmt. P-Berger Mütter sind überwiegend berufstätig. Das hätte Anja Maier merken können, wenn sie ihr Manuskript auf logische Widersprüche untersucht hätte. So moniert sie etwa im ersten Kapitel steuerfinanzierte Elternschaft, bedauert, dass die Mütter ihren Beruf für ihre Kinder aufgeben und behauptet nur einen Absatz weiter, dass diese Typen, die irgendwas mit Medien machen, Fantasiemieten zahlen können (Seite 14). Wie man irgendwas mit Medien machen kann, teure Miete zahlen und auch noch Partner und Kinder durchfüttern, würde ich mir gern mal verraten lassen! Dass sich die P-Berger Eltern Bioessen und teure Mieten leisten können, liegt eben genau daran, dass die Frauen sich nicht von Männern durchfüttern lassen. Dass die stillenden Mütter schon 40 sind, wie Anja Maier mehrfach verächtlich bemerkt, widerspricht ihrer Behauptung sie sähen ihre Rolle nur als Mutter und in ihren Kindern den einzigen Lebensinhalt.

Entgegen aller polemischen Beschreibungen sind die Spielplätze am P-Berg an Werktagen leer. Für voll halten könnte sie nur, wer nicht weiß, dass so ein Spielplatz am Wochenende nicht fünf sondern 50 Kinder fasst. Bis vor kurzem hat der Vater meiner Kinder dort gewohnt, ich im angrenzenden Wedding. Unsere Kinder gingen in eine Kita auf halbem Weg – und das war im P-Berg. Dort gab es genauso viele Gruppen für unter Drei-Jährige wie für Kindergartenkinder; die meisten blieben bis 16 Uhr, viele auch länger. Wer keine Berufstätigkeit nachweisen kann, bekommt solche Kita-Plätze gar nicht.

Wie Anja Maier sind wir inzwischen an den Stadtrand gezogen. Im Gegensatz zu ihr haben uns allerdings nicht die verzogenen Gören der Nachbarn vertrieben: Im P-Berger Altbau meines Freundes gab es nur drei Kinder. In meinem Weddinger Sozialbau indes 27 auf fünf Etagen. In diesem Zahlenverhältnis offenbart sich ein weiterer Mythos, den Anja Maier verbreitet, obwohl er schon vielfach widerlegt wurde. Der P-Berg ist tatsächlich weit weniger kinderreich als die migrantisch geprägten Kieze.

Aber auch uns begann das Wohnumfeld zu nerven. Wir fanden es bedenklich, als der Bioladen dichtmachen musste, weil die Betreiberin die Miete nicht mehr zahlen konnte und stattdessen das zigste thailändische Restaurant dort einzog. Als dann der Ballettschule im Hinterhof gekündigt wurde, weil dort Eigentumswohnungen hinein sollten, war außer dem Späti nichts mehr übrig, was man gebrauchen konnte. Es gab nur noch Designer-Läden und Restaurants. Mit diesen Sorgen fielen wir natürlich gänzlich in Anja Maiers Klischee der schwäbischen Rinder. Aber diese Wirklichkeit zeigt auch, dass ihr Buch schon veraltet ist: Gekämpft mit der Attitüde „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“ habe ich nicht gegen Ostberliner, sondern gegen geführte Touristengruppen, die auf meinem Weg zur Kita Gehsteig und Fahrradstreifen versperrten – und das war nicht erst gestern, sondern schon vor drei Jahren so.

Anja Maier behauptet also eine ganze Menge Zeugs, was nicht stimmt. Ihre Hasstiraden auf Mütter können nicht damit gerechtfertigt werden, dass sie schlicht eine tragische Wahrheit aussprechen würde, auch wenn dass die Mehrzahl der Kommentatoren unter dem Taz-Artikel behauptet.

Warum also dieser Hass? Die Väter kommen als gutverdienende Schlappschwänze dagegen relativ gut weg. Ganze zwei Kapitel von über 40 sind ihnen gewidmet. Das ist erstaunlich. Denn während die Mütter sich wahrscheinlich wenig von anderen Mittelschichtsmüttern in jeder x-beliebigen deutschen Stadt unterscheiden, findet man solche Väter sonst nur in Enklaven. Sie schieben Kinderwagen vor sich her und engagieren sich im Kitaelternrat. Viele von ihnen tragen noch ihre Studentenkluft und fahren mit Einkaufstaschen und Kindern beladene Lastendreiräder durch die Gegend.

Julia Heilmann und Thomas Lindemann kommen in ihrem Buch „Babybeschiss. Wie Eltern über den Wickeltisch gezogen werden“ daher zu dem Schluss, dass die Väter Grund für den P-Berg-Hass sind. Die kinderreichste Region Deutschlands ist das niedersächsische Cloppenburg, haben sie recherchiert.

„Seltsamerweise haben wir aber noch nie einen Artikel über das krasse Cloppenburg mit seinen fiesen Kinderwagenarmeen gelesen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass in Cloppenburg traditionell gelebt wird. Papa geht zur Arbeit, Mama bleibt zu Hause. Die bürgerliche Welt ist in Ordnung. In Prenzlauer Berg ist sie das nicht. Dort zeigen sich Eltern und wollen Teil der Stadtkultur werden. (…) Es gibt hier auch Väter, die mit ihren Kindern kommen. Sie tragen die gleichen Klamotten, mit denen sie abends noch manchmal Szeneclubs aufsuchen. In dieser Gegend wird neues Elternsein ausprobiert. Das hassen die Journalisten offenbar“, schreiben die Autoren.

Man muss anfügen: Nach den Kommentaren in der Taz zu urteilen, sind es nicht nur Journalisten, die Schaum vorm Mund kriegen, wenn sie einer Mutter begegnen, die ihre Möpse auspackt, um ihr Kind zu stillen.

Frauen sind häufig Ziel des Hasses, wenn gesellschaftliche Veränderungen als bedrohlich empfunden werden. Das kann daran liegen, dass sie für diese Veränderungen verantwortlich gemacht werden oder dass sie sichtbarstes Zeichen dafür sind, wie etwa die Kopftuch tragenden Musliminnen.

Eine besondere Abwehrreaktion rufen Brüste hervor. So gab es in den letzten 50 Jahren nur zwei Kleidungsstücke, die eine aufgebrachte gesellschaftliche Debatte hervorgerufen haben: Das Kopftuch und der Bikini.

Eine Studie der Montana State University fand heraus, dass Frauen, die ihre Kinder stillen, als weniger kompetent angesehen werden. Eine Gruppe Testpersonen sollte die Schauspielerin Brooke Shields beurteilen, nachdem sie erfahren hatten, dass sie ein Buch über ihre Erfahrungen mit Stillen, Baden und Umgang mit einem Neugeborenen geschrieben hatte. Bei einer zweiten Gruppe wurde im Text das Wort „Stillen“ durch „Flaschenernährung“ ersetzt. Die erste Gruppe schätzte Shields als wärmer und freundlicher ein, aber als generell dümmer und schlecht in Mathe.

In einem weiteren Experiment wurden Entschuldigungen für die spätere Ankunft bei einem Abendessen verglichen. Eine Frau entschuldigte sich damit, dass sie nach Hause musste, um ihr Kind zu stillen. Eine weitere damit, dass sie ihr Kind baden musste. Eine dritte schaute noch mal Hause vorbei, um ihren halterlosen BH anzuziehen.

Am intelligentesten schien den Testpersonen die Frau, die ihr Kind baden wollte. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass Brüste generell mit Dummheit assoziiert werden. Allerdings hätten viele der Testpersonen, die Frau mit dem halterlosen BH eingestellt, der Mutter, die ihr Kind stillte, wollte fast niemand einen Job geben.

Im P-Berg treffen wir auf ein Phänomen, das viele als unnatürlich empfinden: Die Mütter stillen, sind gebildet, arbeiten und sind womöglich auch noch gut in Mathe.

Man kann Anja Maier und ihrer Wirtin schlecht vorwerfen, sie wollten Frauen ins Haus verbannen. Schließlich wollen sie, dass Mütter arbeiten gehen. Sie haben auch nichts gegen Kinder: Sie haben selber welche. Sie wollen aber die Trennung von Öffentlichkeit und Privatsphäre, von Kultur und Natur aufrechterhalten. In dieser Weltsicht darf die Frau Mann sein, wenn sie hinaus in die Welt geht. Sofern sie aber Mutter ist, ist sie ganz Natur und soll sich bitte schön verstecken.

36 Kommentare zu „Mütter sollten ihre Möpse bedecken – jedenfalls wenn sie rechnen können

  1. Danke für diesen Artikel – er führt mir vor Augen, wie erschreckend unkritisch ich eine unreflektierte Mainstream-mediengeprägte Meinung über „Macchiato-Mütter“ übernommen habe. Merke: Die Fallen warten überall, selbst wenn frau sich für halbwegs aufgeklärt hält. Ich hoffe, auch Frau Maier nimmt sich dies künftig zu Herzen…

  2. „Dass sich die P-Berger Eltern Bioessen und teure Mieten leisten können, liegt eben genau daran, dass die Frauen sich nicht von Männern durchfüttern lassen.“

    wenn dort stünde ‚liegt daran, dass die Frauen arbeiten gehen‘, hätte ich nichts einzuwenden, so aber liest sich das für mich als ob hier zwar mit einem mythos aufgeräumt wird, der hass dafür aber an nicht-berufstätige, pausierende oder – aus etwaigen gründen – arbeitslose frauen (mutter zu sein ist ja auch gar nicht mit arbeit verbunden…) weitergegeben wird, die sich ja nur „durchfüttern lassen“.

  3. „Nur wenigen fällt auf, dass die Beschreibung von Müttern als Rinder, die ihre Euter herausholen, wohl so ziemlich die übelste sexistische Beschimpfung von Frauen ist, die einem in den letzten Jahren jenseits von Mario Barth untergekommen ist.“

    Also ich finde das speziell ist jetzt eher speziesistisch, weil es ja als etwas negatives aufgefasst wird, wenn Menschen als andere Tiere bezeichnet werden. Damit will ich natuerlich nicht in Frage stellen, dass es ziemlich sexistisch ist, Frauen zu beleidigen und sich daran zu stoeren, wenn sie in der Oeffentlichkeit stillen. Aber es ist halt schlicht und einfach Speziesismus, wenn andere Tiere dafuer hergezogen werden, Menschen zu beleidigen, weil das ja impliziert, dass der Mensch ueber ihnen steht, etwas besseres ist und Tiere niedere und schlechtere Wesen sind.

    Ansonsten guter Artikel, danke dafuer!

  4. Ich bin aus dem Münchner Glockenbachviertel (ähnliche Gentrifizierungsphänomene wie PBerg) weg gezogen, u.a. weil exakt die erwähnten Klischees der Macchiato-Mütter überhand genommen haben.
    Dabei geht es aber nicht um die Mehrheit der Mütter, es reichen die meinetwegen 10% die tatsächlich mit ihren Bugaboos die Cafés verstopfen und auch ansonsten penetrant eine friedliche Coexistenz verhindern.
    (und dabei bin ich selbst Vater…)

  5. @Red Riding Hood: Ich habe in dem Satz nicht ganz deutlich gemacht, dass ich mit dem „sich nicht von Männern durchfüttern lassen“ auch Anja Maier paraphrasiere. Wie wohl deutlicher im nächsten Satz, wollte ich zeigen, dass das Weltbild der Anja Maier und vieler anderer hinten und vorne nicht zusammen passt.

  6. @Katze: Die Menschen als Spezies stehen nicht über den Tieren, der Mensch als Individuum aber immer. Somit ist es sehr wohl eine sexistische Beleidung eine stillende Frau als Rindvieh zu titulieren.

  7. Sehr schön aufgespießt! P-Berg nervt wirklich, aber aus ganz anderen Gründen, als die Latte-Macchiato-Hasser uns glauben machen wollen (dass es fast keine normalen Läden für normale Menschen mehr gibt, ist so ein Nervpunkt. Dass ganze Häuserblocks nur noch von schnell wechselnden WGs bewohnt werden, weil sich sonst keiner die Mieten leisten kann, ein anderer).

    Dass die Väter von P-Berg kein Feindbild sind, stimmt nicht ganz, die laufen dann unter dem Feindbild „Schwabe“. Hier gilt, dass Menschen alles Fremde erst mal ablehnen, und besonders, wenn die Fremden offenbar mehr verdienen als die Alteingesessenen.

    Das mit dem Stillen ist absolut bedenkenswert. Dass Stillen, Intelligenz und Berufstätigkeit für die meisten Menschen nicht zusammenpassen, habe ich schon oft erlebt. Dazu kommt, dass Stillen unbewusst Neid hervorruft: Soviel Zeit und Innigkeit haben die meisten von uns doch selten, und gerade berufstätige Mütter nicht. Da provoziert so ein praller Busen natürlich.

  8. Das ist ein schöner Kommentar. In vielen Punkten habe ich mich dabei erwischt, den sexistischen Prenzlauer Berg-Mythos selbst zu reproduzieren.
    Aber ich glaube, auch, dass die Kritik am Sexismus des Pregnant-Berg-Bashings so klassenblind wie geschlechtersensibel ist.
    Die meisten zugezogenen Haushalte und Einzelpersonen die dort leben sind verhältnismässig reich. Und dabei muss es gar nicht gegeneinander diskutiert werden, ob das daran liegt, dass es sich um Doppelverdiener_innenhaushalte handelt oder ob sie einfach von den reichen Eltern leben oder woher der Reichtum stammt. Ganz sicher ist eine vielfältige Mischung.
    Die enorme Dynamik der Mietenentwicklung hat erst die Ostberliner Kunst- und Punkszene, dann viele der Zugezogenen aus Westberlin und Westdeutschland verdrängt. Ich nehme an, das Bashing speist sich aus der Gruppe der prekär beschäftigten Journalist_innen, die dort verdrängt wurden. Da werden die eigenen Wunden geleckt und gleichzeitig wird das Mütchen gekühlt an denen, die reicher sind. Die Alleinverdienerehe war und ist ein Symbol des (patriarchalen) Wohlstands. Es geht nur nebenbei um die nackten Busen.
    Und ich muss es eingestehen: Bei meinen Besuchen im Prenzlauer Berg war ich auch ein paar mal stark genervt, wenn in einem normalen, ruhigen Café zwei bis drei Mütter mit lärmenden Kindern einfallen. Und als ich sie um ein bisschen Ruhe bat, wurde ich mit einem leicht bornierten Oberklassehabitus in die Schranken gewiesen: Wie kinderfeindlich und sexistisch ich sei, wenn ich das lustige Gebrüll störend fände… Da blieb nur die Flucht.
    Womöglich ist es die Kombination: Das Oberklassige und zugleich „alternative“ schwarz-grüne Selbstbewußtsein der neuen Prenzlberg Bevölkerung, das zu dem sexistischen Bashing geführt hat.
    Weil die Kritik an sozialer Ungleichheit schon lange als „Sozialneid“ abgestempelt wird und nicht mehr hoffähig ist bricht sich das Unrechtsbewusstsein im sexistischen Diskurs eine Bahn.
    Und die Mütter müssen (wie im Beitrag richtig gezeigt) herhalten, weil sie im öffentlichen Raum sichtbar sind. Mit den teuren Kinderwagen. Und trotz Kindern nicht in Armut leben. Und weil sich einige von denen auch ziemlich daneben benehmen.
    Nachdenkliche Grüße,
    Jacopo

  9. toll, danke!

    der taz-artikel hat mich sprachlos vor wut gemacht.
    sehr schön auseinandergepflückt dieses konglomerat aus vorurteilen, beleidigungen und borniertheit!

  10. Danke für den Artikel!! Ich kenne das Buch nicht, ich mags lieber differenzierter. Wahrscheinlich ist es Sinn und Zweck des Buches, zu provozieren – das ist der Autoin ja gelungen.
    Den Tonfall der zitierten Wirtin finde ich erschreckend – diese Verachtung gegenüber anderen Menschen (egal welchen Geschlechts) macht mir sprachlos – und traurig.

  11. Ich glaube nicht, dass das ein Ost-West-Konflikt ist. Ich bin im PBerg geboren, bin also Ostberliner und lebe hier mein ganzes Leben. Ich habe kein Problem mit Müttern oder Bioläden. Vielmehr wird hier ein Klischee aufgebaut, weil es irgendwie schick ist „alternativ“ und „gegen etwas“ zu sein. Man ist so alternativ, dass man tut, als sei man schon ewig hier und wie könnte man das besser darstellen, als dadurch, über die Zugezogenen zu schimpfen. Denn dadurch zeigt man ja, wie unglaublich eingesessen und urgestein man doch ist. Ich habe Worte der Häme gegen Prenzlauerberger Mütter gehört, die kamen aus dem Mund eines Typen, der erst vor fünf Jahren nach Berlin kam. Was soll also das Ganze? Meines Erachtens geht es hier um Profilierung, einer will besser sein als der andere und weil man selbst nichts zu bieten hat, macht man andere schlecht.
    Ein anderes Thema ist das Clubsterben, das tatsächlich stattfindet. Erst vo kurzem wurde der Knaack geschlossen, das ist traurig und verdrängt natürlich das, was diesem Bezirk einst den Charme gegeben hat. Ich würde aber in frage stellen, dass das die Schuld der Prenzl-Muttis ist, ob man den Zugezogenen überhaupt wirklich Schuld an der „Gentrifizierung“ geben kann oder ob da nicht vielleicht auch Vermieter absichtlich Pachtverträge kündigen, weil sie siehen, dass sie mit dem Ausbaut von Eigentumswohnungen an derselben Stelle viel mehr Kohle machen können.
    Dieses „Die Rinder mit ihren Eutern sind Schuld“ ist nicht nur verdammt diskriminierend, sondern auch populistisch, oberflächlich, eindimensional, etc. Das Problem ist doch viel komplexer.

  12. Schön, daß in dem Text eine kategorische Trennung zwischen Prenzlberg und sog. „migrantischen“ Kiezen aufgemacht wird. Stimmt ja auch. Wenn nicht-Arier_innen dort mal über einen befüllten Spielplatz gehen, schlägt ihnen der blanke Hass entgegen.

  13. Ja, warum dieser Mütterhass? Ich wohne selbst genau dort, wo diese unzähligen Satiren und und Hasstiraden angesiedelt sind, und pfeife drauf. Ob man Dicke in Leggins, Kevins Jacquelines oder eben junge Mütter im Prenzlauer Berg basht ist völlig wurscht. Das Bashing selbst ist das Problem.
    Es gibt eine Kultur des Draufhauens, die moralisch, ästhetisch und karma-technisch einfach nur daneben ist. Wer sich daran beteiligt darf sich nicht beschweren, wenn er selbst mit den gleichen Methoden angegangen wird. Die Grundlage bildet der Selbsthass, der uns Deutschen nun einmal innewohnt.
    Ich meinerseits schlage vor, sich daran einfach nicht zu beteiligen, die Form zu wahren und mit ein bisschen mehr Feingefühl und ein bisschen weniger Vulgarität durchs Leben zu gehen. Dann macht es mehr Spaß und schöner wird das Leben auch.

  14. danke Hannah!
    dieser Macchiato-Mütter-Hass geht mir schon lange tierisch auf die Ketten.
    Wenn sogar eine feministische Freundin mir nur „aber es ist einfach wahr“ dazu sagen kann … dann ist es umso wichtiger, dass endlich jemand differenziert aufdröselt, was tatsächlich los ist.
    ein flattr für dich! (wer bekommt eigentlich die flattrs unter Artikeln? Die Autorin?)
    ich jedenfalls konsumiere seit dieser Hetzkampagne erst recht Latte Macchiato – aus Protest! sehr her ihr Hoschis – ich bin eine Latte-Macchiato-Mutter. Klischees sind ja auch dazu da, gebrochen zu werden.
    btw lebt keine mir bekannte Prenzelberg-Mutter so. keine. es ist einfach – naja: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. mal wieder. nur merkts halt keineR.
    fuckermothers hatten dazu auch was geschrieben: http://fuckermothers.wordpress.com/2012/01/02/prrrnzlbrg-mutter-eine-ursachensuche/
    gutes Neues Jahr!

  15. Sehr guter Text. Mir als Wessi stellt sich die Frage, ob Mütter in der DDR ihre Kinder nicht in der Öffentlichkeit gestillt haben? Nacktbaden an der Ostsee, aber keine entblößten Brüste zeigen – das passt doch nicht zusammen. Das muss es doch im Osten auch gegeben haben. Wer klärt auf?

  16. @ Jacobo und Bernd: richtig, das Problem ist komplexer: Gentrifizierung gibt es in Berlin da, wo es cool ist: Insofern ist die Punk- und Künstlerszene wahrscheinlich mehr für das Ansteigen der Mieten verantwortlich als die „Schwaben“, die was mit Medien machen. Und genau wie Bernd schreibt, wurden erst die Künstler verdrängt und jetzt die gut, aber eben nicht horrend, verdienenden Familien. Klar: Wenn man die Miete nicht mehr zahlen kann, wird man wütend. Bemerkenswert ist daran, dass sich die Wut gegen Mütter richtet, nicht gegen Punks, Künstler, Alternativos, Medienfuzzis, Bioladenbesitzer, Investoren etc. Obwohl es in Kreuzberg ja auch schon Aktionen gegen Künstler gegeben hat. Aber das fanden die Journalisten, die darüber berichtet haben, total absurd. Die Mütter-Hetze machen sie fröhlich mit, obwohl sie genauso absurd ist.

    Und noch was: Als ich Kind war, in den 1970er Jahren, waren überall Kinder, auf politischen Veranstaltungen gab es Kinderbetreuung und Restaurants, wo sich Leute über Kinderlärm aufregten, haben unsere Eltern nicht mehr betreten. Das haben nur anscheinend viele vergessen.

    @hnk: Ist das so? Ich fand den Kontrast Wedding-Prenzlauer Berg zwar sehr krass. Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es diesseits oder jenseits der Bernauer Straße Diskriminierung gab, sondern sogar eher das Bedürfniss nach mehr Durchmischung. Mich haben im Wedding häufig migrantische Nachbarn gefragt, wie man denn wohl einen Kita- oder Grundschulplatz im P-Berg ergattern kann. Bei uns in der Kita waren auch ein paar Weddinger Kinder. Umgekehrt habe ich viele P-Berger Eltern auf den Weddinger Spielplätzen getroffen (dort gibt es mehr davon).

  17. Sehr guter Artikel, endlich mal was differenzierteres als dieses Schwaben-Geschwurbel.

    @Hannah: Ich würde weder den Müttern, Schwaben noch den Alternativen/ Punks/etc die Schuld an der Gentrifizierung geben. Falls irgendwen eine Schuld trifft, dann diejenigen, die Immobilien an große Investoren verkaufen, denen das soziale Gefüge in einem Kiez egal ist. Das Verwerfliche daran ist, dass sie aus Gier handeln, was man den anderen Gruppen eher nicht vorwerfen kann. Aber vielleicht ist sogar diese Sicht der Dinge zu einfach und es gibt keinen definitiv Schuldigen!

  18. Ein schöner Artikel, der mir sehr aus dem Herzen spricht, auch wenn ich quasi auch nur „nebenan“ in Berlin-Friedrichshain wohne. Mein Blogartikel „Bin ich eine Latte-Macchiato-Mutter?“ vom Oktober 2010  brachte mir dann auch so einen Kommentar ein, in dem es hieß: „Ich denke, dass das Problem nicht ist, dass ihr Latte Macchiato trinkt. Das Problem ist, dass ihr raushängen lasst, dass ihr das könnt…“ und dann noch „Ihr Latte-Macchiato-Muttis verkörpert die Arroganz eurer Generation, die sich über Werte, die aus purem Zusammenleben in diesen Kiezen, Innovation und Ideen, also größtenteils unabhängig vom Geld geschaffen wurden, hinwegsetzt. Ihr tragt nichts bei! Ihr nutzt nur und kauft auf und vertreibt damit die Seele aus der Stadt. Clubs die im Geiste des urbanen Zusammenlebens entstanden sind und vielen Berlinern am Herzen liegen, müssen nun schließen, damit eure Babies schlafen können.“

    Ich denke nicht, dass einer Mutter, die irgendwo in einem Café sitzt und möglicherweise ihr Baby oder Kleinkind dabei hat, bewusst ist, dass sie gerade die Arroganz einer ganzen Generation verkörpert. Ich glaube, viele Mütter können gern auf Errungenschaften wie “Frauenbadetag” und “Frauenquote” verzichten, wenn sie sich nicht länger für ihr gewähltes Lebensmodell entschuldigen müssten – und zwar egal, welches. Notfalls auch das der konsumfreudigen Latte-Macchiato-Mutter. Und so war es nur konsequent, dass ich jetzt im Januar 2012 noch einmal darüber gebloggt habe. Und zwar diesmal „Latte-Macchiato-Mutter? Ja, ich bekenne mich schuldig…“ Meine Güte, warum denn auch nicht?

  19. @andreas
    wieso relativierst du den im Artikel und den Kommentaren angeprangerten Sexismus und versuchst, ihn in deine Erfahrungen einzubetten, die aber damit gar nichts zu tun haben?
    ich weiß nicht, was die Referenz auf „uns Deutsche“ soll, wer ist das deiner Meinung nach und wieso haben diese Leute alle den Selbsthass in sich drin? auch hier: du verdrehst ein gesellschaftliches Phänomen, das aus ganzheitlicher Diskriminierung von Frauen kommt, indem du es auf „deutschen“ Selbsthass zurückführst.
    Der Hass auf „Kevins Jacqueline“ ist übrigens ein weiteres gesellschaftliches Phänomen, nämlich die Verachtung für Leute, die (vermeintlich oder tatsächlich) aus einer anderen Schicht / Klasse stammen als man selbst.
    Deine Forderung nach mehr Ästhetik und weniger Vulgarität zeigt, dass du diese strukturellen Probleme nicht als solche anerkennst, sondern sie anscheinend auf die normale, menschliche Fiesheit zurückführst. Finde ich für ein feministisches Forum bisschen mau.

  20. @Hannah – meine frage : wie kams zu „möpse“ im titel deines posts ?
    weil, ich musste mehrmals lesen um zu kapieren, dass mit „möpse“ hier ja wohl „weibliche brust/brüste“ gemeint sind und nicht, meine erste assoziation, an Loriot/“die tiere“.

  21. Ich bin 27, ich habe studiert, ich arbeite, ich habe keine Kinder, ich will irgendwann mal welche. Wie sich mein Muttersein dann gestaltet, das darf aber nicht ich entscheiden.

    Man, wir, die Generation der Frauen, deren Mütte ja für Gleichberechtigung und Emanzipation gekämpft haben, wir sollten uns vielleicht alle überlegen:

    Es wurde dafür gekämpft, dass wir die Wahl haben. Die haben wir jetzt genausowenig wie in den 50ern. Heute wird man nicht dafür stigmatisiert und diskriminiert, dass man Hosen trägt und raucht und einen Männerjob macht, heute wird man stigmatisiert und diskriminiert, wenn man sich dafür entscheidet, sein Kind nicht mit 12 Monaten in die Krippe zu geben und wieder arbeiten zu gehen (nein, das ist keine Wertung), sondern sich herausnimmt, drei Jahre Elternzeit zu nehmen oder sein Kind zu stillen.
    Statt dass mir die Männer auf die Brüste glotzen und ich nichts tun darf, macht das jetzt Frau Maier. Den Mund verbietet sie mir gleich auch noch. Wahlfreiheit ist anders.

  22. @cinja: Angesichts (im Westen) viel zu weniger Krippenplätze sehe ich derzeit nicht, dass Mütter, die zu Haus bleiben, diskriminiert werden. Ich kenne leider noch viel mehr Menschen, die arbeitende Mütter kritisch betrachten als diejenigen, die zu Haus bleiben. Das Problem hier ist vieleher, dass Mütter „es immer falsch machen“ und schlechte Bedingungen haben. Wer arbeiten will, findet keinen Krippenplatz, wer zu Hause bleibt, kann danach Karriere und Altersversorgung abschreiben.

  23. @Jacopo: Danke!

    Auch wenn der Artikel in meinen Augen einige wichtige Punkte -den Sexismus, welcher stillende Frauen auf Kühe reduziert, die Projektionen auf die „Latte Macchiato-Mutter“ als natürliche Feindin des Szenekiezes- anspricht, so vergisst er, genauso wie der Großteil der Kommentare auch, dass Mütterlichkeit, grade in Deutschland, immer noch Teil einer deutschen, und somit antifeministischen Ideologie ist.

    Diese reduziert die Frau durchaus auf ihre scheinbare biologische Funktion des Gebärens (um so besser, dass die deutschen Akademikerinnen sich daran erinnert haben, so sehr haben sich von der Leyen, Schröder und rechtskonservative Blätter darüber beschwert!), und durch LOHA-Phänomene wie Stillen oder Biowindeln wird dies dann noch um so mehr reproduziert: das Kind soll so natürlich wie möglich aufwachsen, Mutterschaft stellt eine zentrale Erfahrung für Weiblichkeit dar, Mutterliebe ist gradezu essenziell für das Etablieren eines anständigen Ich.
    Erdreistet man sich, im Cafe, in welches man sich für Kaffee und Buch zurückgezogen hat, einem schreienden Kind einen bösen Blick zuzuwerfen, wird sich gleich echauffiert: man hat nicht etwas gegen dieses Kind im Speziellen, sondern gleich gegen das Kind an sich als Zukunft Deutschlands und ebenso die aufopferungsvolle Mutter.

    Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass es angenehm ist, all das zu erledigen, ich weiß nicht, wie es den beteiligten Müttern/Vätern geht, aber ich halte es für extrem problematisch, dass ideologisch vermittelt wird, es gäbe NICHTS GEILERES als anstatt sich mit einer heißen Schokolade, einem Päckchen Kippen und Benjamins Passagenwerk ins Bett zu flätzen und zu lesen, oder sich eine Nacht mit Tequila, MDMA und Techno um die Ohren zu schlagen. All das sind Freizeitbeschäftigungen, die sich nicht unbedingt mit Kindern verbinden lassen, genauso wenig wie Schwangerschaften und Bohème-Lifestyle zusammenpassen.

    Nach wie vor ist auch das Studieren oder Arbeiten mit Kind eine immense Doppelbelastung, es gibt viel zu wenige Kita-Plätze, und selbst wenn einer da ist, fällt der Vollzeit-Job mit mehr als 8 Stunden Arbeitszeit dann auch schwer, was übrig bleibt, ist dann meistens das Internat, das kostet eine Menge und ist mit diversen Stigmata (von „Da sind doch nur verzogene Rich Kids“ bis hin zu „Aber dann entfremdet das Kind sich doch vollkommen von seiner Familie“ – ergo böse Eltern) belegt.

    Es dauert, so ein Kind zu stillen, es dauert, Baumwollwindeln zu waschen und selbst Babybrei herzustellen, der in jeder hinsicht antiallergen, bio und am besten auch noch vegan ist.

    Ja, Kinder zu bekommen, ist eine individuelle Entscheidung, aber sie geht von einem mündigen Individuum aus, das sämtliche Verblendungszusammenhänge durchschaut hat.
    Und wenn man sich den momentanen antifeministischen Backlash in Deutschland ansieht, bezweifle ich stark, dass an dem Durchbruch dieser Verblendungszusammenhänge gearbeitet wird (wie Frauen in allen Branchen verdienen die Latte Macchiatto-Mütter wohl schlechter als ihre Ehemänner, wenn sie berufstätig sind, was es einfacher macht, den Job aufzugeben, die Heitmeyer-Studie zeigt eine seit 10 Jahren ansteigende Tendenz an, was sexistische Positionen im Bezug auf die Mutterrolle angeht, in Büchern wie „Warum Frauen Schuhe kaufen und Männer irgendwas anderes machen“ wird auf einen Naturalismus aufgebaut, welcher den scheinbar natürlichen Wunsch nach Kindern propagiert…).

    Und ja, wie bereits erwähnt wurde: um als Frau gesellschaftlich anerkannt zu sein, ist es zwingend notwendig, Job, Kinder, Familie, UND den eigenen Körper im Griff zu haben, was eine nicht zu bewältigende Aufgabe ist, welche in erster Linie auf Frauen abgeschoben wird. Und dass eine Kritik an den Besserverdienenden Müttern meistens komplett verkürzt ist und patriarchale Strukturen, resp. deren Repräsentanten, auslässt.

    Nun, aber non the less: in meinem schönen Frankfurt gab es den amüsanten Zwischenfall, dass sich ein Cafe in einem offenen Brief folgendermaßen zu Kindern, welche Mousse au Chocolat an die Scheiben schmierten oder auf den Esstischen (!) gewickelt (!) wurden, äußerte:

    „Nicht alles ist für jeden was – Unser Café ist für Erwachsene, die sich aus der Hektik des Alltags zurückziehen wollen. Es ist auch ein Ort für kleine Gäste, die ihre Eltern in dieser Pause begleiten. Leider wird unser Café allzu oft mit einem Kinderhort oder dem heimischen Wohnzimmer gleichgesetzt. Wir können nicht zulassen, dass sich diese Unterscheidung verliert. Aufgrund wiederholter, unangenehmer Vorfälle sehen wir uns zu diesem Hinweis genötigt. Bitte respektieren Sie die Privatsphäre anderer.“

    Dies führte zu einem Boykott, der Interpretation „Kinder sind hier nicht erwünscht“, und zu einer gigantischen Palette an Hasstiraden, und so weiter, welche sich unter anderem in der FR nachlesen lassen.

    Und wenn Mütterlichkeit wieder zu einem Wert wird, welcher sämtlichen anderen Individualität das Recht abspricht, sich frei entfalten zu können (in Ruhe Kaffee trinken, Nachts um die Häuser ziehen, an öffentlichen Plätzen Rauchen dürfen, ohne gleich an „Vorbildfunktion“ denken zu müssen), und solange Kinder immer noch eine Sache ist, welche in erster Linie an Frauen hängen bleibt, die Gesellschaft Frau- und Muttersein nicht voneinander abkoppeln und es schafft, Muttersein und Berufstätig sein so zu verbinden, dass keine abstriche gemacht werden müssen, finde ich grade das Zelebrieren von „natürlicher“ Weiblichkeit und Mutterschaft doch mehr regressiv als verteidigenswert.

  24. Sehr schöner Artikel. Nur die Lokalisierung von männlichen Kitaelternratsvertretern und Kinderwagenschiebern in (progressiven) Enklaven kann ich nicht ganz nachvollziehen. Solche Väter gibt es auch in Köln-Mülheim reihenweise. :)

  25. @ ContreLesCirconstance Es gibt im P-Berg sehr unterschiedliche Mütter und auch Väter. Und bestimmte Überzogenheiten können und sollten auch kritisiert werden. Mit dem Klischee der Latte-Macchiato-Mütter trifft man aber (fast) alle Mütter dort. Und davon gibt es auch sehr viele, die nicht auf Bio-Windeln stehen, sondern gerade versuchen ihren alten Lebensstil trotz Kind fortzuführen (das genau ist auch eine Definition von Latte-Macchiato-Mutter http://wiki.familieninsel.de/index.php/Latte-Macchiato-M%C3%BCtter). Um ein Beispiel zu nennen: Im Draußenbereich des Cafés „Kind im Kiez“ sitzen total viele rauchende Väter und Mütter.

    @ cinja Wie Helga schreibt, kommt das echt auf den Wohnort an. Nicht nur in Westdeutschland, sogar im alten West-Berlin finden Eltern/Lehrer/Erzieherinnen es erstaunlich, wenn Eltern ihr Kind mit einem Jahr in die Kita geben, sogar wenn die Mutter eines Schulkindes nicht permament springen kann und deutlich macht, dass sie berufstätig ist, stößt das nicht unbedingt auf Verständnis. Die Anforderung scheint mir zu sein: Berufstätig ja (sonst biste nichts), aber bitte nur drei, vier Stunden am Tag und flexibel. Im Osten hat man wenigstens die Wahl zwischen Teilzeit und Vollzeit. Im Westen wird sowohl die Mutter, die nicht arbeitet, als auch die, die Vollzeit arbeitet, kritisiert.

    @ Angelika „Möpse“, weil ich den Jargon der Wirtin treffen wollte, aber nichts abwertendes wie Euter oder Titten schreiben wollte. An die Dopplebedeutung hatte ich nicht gedacht.

  26. Mir fällt folgendes auf:

    1. Menschen zu diskriminieren ist grundsätzlich falsch und sollte jede Diskussion überflüssig machen.

    2. Bin gerade durch Zufall auf die Diskussion gestoßen, hängen geblieben da mich Berlin interessiert (mein Großvater war Berliner und ich jedes Jahr ein paar Tage in dieser Stadt verbringe) und ich im Zug sitzend ensprechend Muße habe. Mich überascht wie provinziel, spießig dies alles im Kern ist, wie wenig aufgeklärt, wie wenig einer Metropole würdig… Wie sehr scheint es mir von Neid geprägt… Ich würde mich als moderen Nomaden bezeichnen (lebe zur Zeit in der Schweiz, meine Frau ist Mexikanerin, beruflich bin ich viel in Amerika und Asien unterwegs). Kurz es erschließt sich mir nicht es scheint mir wie aus einem kleinen verbohrten Dorf in irgendeinem tiefem Alpental in dem im Winter nie die Sonne scheint…

  27. Der von der taz veröffentlichte Auszug, wie die dadurch ausgelöste Debatte insgesamt, ist v.a. deshalb scheisse, weil er ein reelles Problem durch Vorbehalte und Anschuldigungen gegen soziale Pseudo-Gruppen kaschiert. Vorneweg: Ich habe nichts gegen einen Klassenstandpunkt, der sich aber aufgrund sich ausdifferenzierender Klassenverhältnisse immer leichter dem Vorwurf des „Sozialneids“ aussetzen lässt. Den Vorwurf halte ich für unbegründet, es ist richtig und wichtig, die ungleiche Verteilung von Chancen zu thematisieren und zu kritisieren und fürwahr tun viele der Bessergestellten einiges, das als Anlass geeignet ist, diese Kritik auch zu personlaisieren. Das, wie gesagt, nur vorweg.
    Gentrifizierung ist ein Problem und ganz besonders in Berlin. Doch auch hier sollte zählen: Don’t fight the Player, fight the Game, wobei die Zuschreibung als „Player“, für die Masse von Leuten, die gerade in Berlin aus ganz unterschiedlichen und lauteren wie nachvollziebaren Gründen die Nachfrage erzeugen, welche die Gentrifizierungsprozesse dermaßen beschleunigt, schon deutlich überzogen ist. Gentrifizierung ist Teil eines größeren Problemes, das auch als Kapitalismus, Neoliberalismus oder Kommodifizierung bezeichnet werden kann. Das sind Trends, Strategien oder Spielregeln, die sich wirklich alles zu Nutze machen, besonders gerne aber „humanitäre“ Diskurse. Ich bin mal bei einem weder besonders sympathischen noch unsympathischen Architekten im Auto gelandet, der auf Altersheime spezialisiert war. Die bekamen überwiegend Aufträge in Problemvierteln. Einerseits hätten die Alten gerne was zu gucken, weshalb die Heime oft neben genauso neuen Spielplätzen gebaut würden. Zweitens seien sie geeignet, Viertel zu befrieden, die Nachtruhe vehement durchzusetzen, dem „besonderen Sicherheitsbedürfnis“ nachzukommen und somit die weniger kaufkräftigen Anwohner_innen zu verteiben, sodass das Viertel aufgewertet werden könnten.
    In der Summe oder Fläche führt das dazu, dass Lebensentwürfe zugunsten anderer Lebensentwürfe bevorzugt werden und einige gar ganz an den Rand gedrängt werden, „marginalisiert“ wie man dafür gemeinhin – in diesem Zusammenhang jedoch erstaunlich wenig – sagt. Es gibt ja eine erklärte Politik, die sich auch ganz praktisch monetär ausdrückt, die … [wie sagt man dazu] von „deutsch-stämmigen“ Elite-Kindern zu fördern [die „Fertilität des gehobenen Mittelstandes“?]. Neben der Knete, die da fließt, werden auch Diskurse produziert, die in den konkreten und unmittelbaren Konflikten, auf deren Grundlage hier Hass erzeugt wird (Kinderlärm, Kinderwägen im Weg) Menschen mit dem einen Lebensentwurf gegenüber den anderen bevorzugen. Eine staatlich geförderte Hegemonie sozusagen, wie sie auch im „Nichtraucherschutz“ oder im guten alten „geht lieber Arbeiten“ zum Ausdruck kommt und eben in individuellen konkreten Situationen wirkmächtig wird.
    Und das muss man eben auch anerkennen: Dass eine bestimmte Art von Lebensentwürfen, Ablehnung von allzuviel (Lohn-)Arbeit (und diese begünstigend) auch die Ablehnung von Nachkommenschaftt, klassischen patriarchalen Familienverhältnissen, Punkrock, Young till i die, Hedonismus oder auch solidarisches oder kommunardisches Leben wirklich immer weniger Platz finden und es Leuten, die sich für dieses Leben entschieden haben – wo es auch womöglich kein Zurück mehr gibt – ganz schön dreckig gehen kann. Die Schaffung „nicht-kinderfeindlicher Orte“ (eine bemerkenswerte Formulierung, die sich bei uns in der Szene im wahren Sinne des Wortes „eingebürgert“ hat) ist leider ein Instrument, mit dem diese Verdrängung vorangetrieben wird. In diese Kommodifizierung werden wie gesagt auch Migrant_innen, Alte, „Behinderte“ usw. eingebunden. Warum der Widerstand der so bedrängten und eher männlich konotierten „glücklichen Arbeitslosen“ durch einen Hass gerade auf die angeblich priviligierten Mütter kanalisiert wird oder werden soll, das ist eigentlich die spannende Frage…

Kommentare sind geschlossen.

Betrieben von WordPress | Theme: Baskerville 2 von Anders Noren.

Nach oben ↑