Vorweg, ich rede hier nicht über alle Familien, sondern über eine bestimmte Konstellation: cis Hetero-Paare, bei denen beide Partner_innen relativ ähnliche (und verhältnismäßig gute) Möglichkeiten haben, durch Erwerbsarbeit oder andere Einkünfte ihren Lebensunterhalt zu bestreiten; über Menschen, die ihr Leben relativ selbstbestimmt gestalten können; über Menschen, für die sich Elternschaft oft relativ selbstverständlich und unhinterfragt herstellen lässt, ohne dass vorher große Aushandlungsprozesse (mit Dritten, Institutionen usw.) nötig gewesen wären. Im Folgenden der Handlichkeit halber und ganz wertfrei als Mann, Frau, Vater, Mutter, Typ usw. bezeichnet. Mag ein bisschen umständlich klingen, aber mir ist es schon wichtig deutlich zu machen, auf welche Perspektive ich mich hier beziehe. Diese Perspektive ist es nämlich, aus der meiner Wahrnehmung nach das Thema am häufigsten öffentlich bearbeitet wird.

Wie funktioniert gleichberechtigte Elternschaft? Wie schaffen wir es, die anfallenden Arbeiten in Haushalt und Familie fair zwischen uns aufzuteilen? Das sind Fragen, die viele Paare, oder sollten wir hier nicht schon einfach direkt sagen: Frauen?, beschäftigen. Ohne Zweifel alltagsrelevante Fragen. Es wird dazu auch häufiger mal was ins Internet oder in Feuilletons geschrieben, auch aus feministischer Sicht. Ich spüre dann leider immer öfter den nicht so netten Impuls, einen unkonstruktiv sarkastischen Kommentar abzulassen. Nicht nur weil ich die Lebensgestaltung privilegierter deutscher Hetenelternpaare meistens – sorry – nicht mehr so spannend finde, zumindest nicht politisch. Sondern weil ich überzeugt bin: Gleichberechtigte Elternschaft wird es in dieser Gesellschaft nicht geben. Man kann sich ja selbstverständlich trotzdem dafür entscheiden, mit dem Beziehungspartner Kinder zu bekommen und in dieser Konstellation zu leben, wenn man es kann und möchte, und natürlich muss man miteinander aushandeln wie man das gestaltet und das kann ganz schön anstrengend sein und besser oder schlechter klappen. Aber der Versuch, die Arbeitsteilung zwischen Mutter und Vater komplett „gerecht“ zu gestalten, muss scheitern und der Weg ins Emo-Burnout ist vorprogrammiert. Ihr Lieben, es ist bitter, aber: Eure Männer werden sich die Elternschaft und die damit einher gehende Sorge- und Hausarbeit nicht gerecht mit euch teilen, egal wie nice gelayoutete Putzplan-Apps ihr auftreibt.
Bezeichnend allein schon, wer sich ernstzunehmend aber eher unbezahlt zu diesen Fragen äußert – es sind fast immer Frauen, also hier die (künftigen) Mütter. Und es scheint sehr ähnlich zu sein wie bei Texten à la „Wie Männer gute feministische Verbündete sein können“, „10 Tipps für Typen um Sexismus zu bekämpfen“ oder „Wie du als Mann die Frauen in deinem Umfeld unterstützen kannst“: Wie viele teilweise wirklich gute Blogposts, Listicles und Thinkpieces hab ich in den letzten Jahren gelesen slash irgendwann nur noch resigniert aus dem Augenwinkel zur Kenntnis genommen – an Facebook-Pinnwänden und in Tweets von Nicht-Typen, geliked und kommentiert von Nicht-Typen, gelesen und geteilt von Nicht-Typen. Typen interessieren sich für sowas nicht (plz don’t #notallmen me), sorry aber ist so. War für mich auch nicht ganz schmerzfrei zu haben, diese Erkenntnis, bestätigt sich aber einfach immer wieder.
Ich hab mich früher schon immer gefragt, wie das wohl läuft mit diesen Beziehungsratgeber-Stücken für Hetenpaare, mit denen die sogenannten Frauenzeitschriften voll bis zum Anschlag sind: Liest Hans-Werner auf dem Klo dann auch den Brigitte-Artikel über Paarkommunikation und nimmt sich vor, jetzt echt mal mehr mit Ursel über Gefühle zu reden? Nimmt Björn die Amica mit zum Netflix-Abend und macht zuammen mit Ingo und Sven den „Welcher Konflikttyp bin ich in einer Beziehung?“-Psychotest? Diskutiert Volker in der Mittagspause mit seinen Kumpels den Freundin-Artikel über Strategien zu Streitvermeidung bei der Urlaubsplanung? Weil ansonsten würde das ja irgendwie nicht so viel bringen, wenn nur die Frau permanent an ihren Pärchenskills arbeitet und sämtliche Beziehungsarbeit auf ihrer Initiative beruht… oh wait…
Aber zurück zum Thema: Väter beschäftigen sich insgesamt mehr mit ihren Kindern, als es vor ein paar Jahrzehnten üblich war. Dennoch wissen wir feministischen Mütter seit Ewigkeiten bestens über Second Shift, Emotional Labor und Mental Load Bescheid. Im Haushalt machen auch die Neuen Väter kaum was, seit Jahren immer weniger. Weil ihre Frauen einfach zu schlecht verhandeln, die richtigen Bücher noch nicht gelesen oder die beste Orga-App noch nicht runtergeladen haben?
Aber ok: Mal angenommen, du kriegst es irgendwie hin* dass der Vater deines Kindes exakt die Hälfte (oder sogar mehr!) der Haus- und Betreuungsarbeit erledigt – nehmen wir mal an das ist bei euch tatsächlich so und fühlt sich nicht nur so an. Das war vermutlich ein harter Kampf und ist selbstverständlich nicht bedeutungslos, aber macht die Elternschaft noch nicht gerecht. Selbst wenn man Umverteilungsargumente** mal außer Acht lässt: Wie steht es um Gerechtigkeit bei der grundsätzlichen Wahlfreiheit, wie man die eigene Elternschaft leben möchte? Wie steht es um einen Ausgleich für das viel zitierte biografische Risiko, das Kinderhaben für dich bedeutet und viel höher ist als für deinen Partner – körperlich und mental, Jobchancen, soziale Teilhabe, Gender Gap? Das finanzielle Risiko setzt ja noch nicht mal erst dann ein, wenn man tatsächlich ein Kind bekommt – es geht eigentlich schon in dem Moment los, wo eine Person als potentielle Mutter wahrgenommen wird, und zwar ganz egal ob sie jemals ein Kind haben wird oder überhaupt haben will. Bei potentiellen Vätern: not so much. Nicht so gerecht.
Wie steht es um einen Ausgleich der zu erwartenden Rentenlücke zwischen dir und deinem Partner? Wie steht es um einen Ausgleich des Einkommensverlusts, den du hast, weil du wegen Sorgearbeit in der Erwerbsarbeit eingeschränkt bist, z.B. während du Elterngeld beziehst? Und besonders spannend: Wie steht es um all das in dem (statistisch sehr wahrscheinlichen) Fall, dass eure Zweierbeziehung endet? Das Privileg der Ehe covert ein bisschen was davon, aber längst nicht automatisch und alles. Um das, was in der individuellen Konstellation an Gerechtigkeit hergestellt werden kann, zu erreichen, müsste dein Partner dir im Gegenzug für die Möglichkeit, mit dir/durch dich das Modell „Kinder haben“ zu leben, richtig viel von „seinem“ Geld abgeben. Bis an dein Lebensende, egal wie viel er hat und egal wie gut ihr euch versteht. Wie viele Typen sind dazu ohne wenn und aber freiwillig bereit? Wie viel Optimismus will man sich hier gönnen angesichts der Tatsache, dass drei Viertel (!) der getrennten Väter – ja, auch solche echt netten und voll unsexistischen Typen wie die, mit denen wir und unsere Freundinnen ihre Kinder haben – noch nicht mal ihren Kindern den pflichtmäßigen Unterhalt zahlen?
Dazu kommt, Hand auf’s Herz: Wie viele von uns wissen genau wie das mit Rente und anderen sozialen Absicherungsinstrumenten wirklich funktioniert, und Rente werden wir doch eh alle keine mehr kriegen [nervöses Lachen], also was soll’s, und wer hat schon die Energie und Zeit sich da reinzufuchsen und das alles lang und breit auszurechnen, gegen einander aufzuwiegen und festzuklopfen. Um am Ende dem Kindsvater ein Vertragswerk vorzulegen, das dieser einen Teufel tun wird zu unterzeichnen, kann er sich statistisch gesehen doch drauf freuen, nach der Trennung mehr Geld über zu haben als vorher. Beratung für Väter zum sich „Armrechnen“ zwecks Unterhaltsflucht gibt es übrigens en masse – Beratungsangebote zum Ausklamüsern von Ausgleichsmodellen zwischen Eltern gibt es sicher auch irgendwo, sind zumindest mir aber nicht bekannt.
Also solche Themen lieber außen vor lassen, sich auf sichereres Verhandlungsterrain begeben und sich bis zur Erschöpfung an 50:50-Diskussionen abarbeiten.
Wie steht es eigentlich um einen Ausgleich für die Bildungs- und Beziehungsarbeit, die du neben „deinem“ Anteil an Haushalt und Kinderbetreuung investieren musst(est), um deinem Partner das mit der Gerechtigkeit beizupulen, selbstverständlich ohne ihm den Spaß am Ganzen zu verderben…?
Ich vermute übrigens, dass der Fokus auf Aufgabenteilung im Haushalt weniger Appeal hat, desto weiter die ökonomischen Ressourcen beider Partner_innen aus einander klaffen. „Ja ich mach wahrscheinlich schon mehr im Haushalt und mit den Kindern als er, aber dafür bringt er halt auch die Kohle nach Hause.“ – fair enough, das muss kein per se schlechter Deal sein, vor allem für Frauen, denen der neoliberal-kapitalistische Arbeitsmarkt eher wenig Raum für Selbstverwirklichung und relative wirtschaftliche Unabhängigkeit bietet, sondern vor allem Ausbeutung unter miesen Bedingungen. Wichtig wäre, dass diese relative soziale Absicherung nicht nur gilt, so lange der Typ Lust drauf hat bzw. die fühlbaren Vorteile dieser Konstellation für ihn überwiegen. Wenn der materielle Ausgleich endet, sobald du ihn nicht mehr beflauschst, ist das keine gerechte Arbeitsteilung. (Der „Frauen sind ja auch bescheuert wenn sie sich heutzutage finanziell von ihrem Partner abhängig machen“-Diskurs wird btw auch gerne mal etwas unterkomplex und unsolidarisch geführt.)
Spätestens an sozioökonomischen Kriterien (vereinfach gesagt: beim Geld) wird dein legitimer Gerechtigkeitsanspruch in den allermeisten Fällen scheitern. Mit ums Kind kümmern und gelegentlich mal putzen und einkaufen, ok, bis hierhin werden noch viele Väter mitgehen. Alles weitere muss fast immer diskutiert, umkämpft und verhandelt werden. Wieviel Energie und Hoffnung jede in diesen Aushandlungsprozess investiert, liegt in der eigenen Verantwortung. So wie die Entscheidung, welche Handgriffe du letztlich doch „eben“ selbst macht, weil deine Energiebilanz so am Ende des Tages günstiger ausfällt als beim hundertsten behutsam gemanagten Konfliktgespräch. Düstere Prognose: Wenn es sich nicht durch einen überaus glücklichen Zufall so fügt, dass du und dein Partner in Sachen Repro- und Care-Arbeit von vorn herein kompatible Herangehensweisen habt, wirst du dich bis zum Sanktnimmerleinstag daran abarbeiten. Gerecht wird es trotzdem niemals zugehen. Welche Konsequenzen du daraus ziehst, ist eine andere Frage.
* Ich höre schon empörtes „Meinem Partner war das von Anfang an selber total wichtig“-Gemurmel. Ja sicher gibt es das, dass Typen auf eigene Initiative wirklich konstant und vollumfänglich Verantwortung übernehmen, brauchen wir hier aber aufgrund des Seltenheitswertes nicht groß drüber zu reden. Wenn das weit verbreitet wäre, müsste man viel weniger Gerechtigkeitsdebatten führen. Und ich bin überzeugt, dass in den allermeisten Heterobeziehungen die Frau für das Gerechtigkeits-Management zuständig ist.
** Pauschal gesagt wäre es unterm Strich gerechter wenn Frauen, vor allem nicht weiß positionierte Frauen, sich jetzt mal ein paar Jahrhunderte komplett aus der Reproduktionsarbeit und -verantwortung raushalten dürften. Man könnte auch über einen von white cishet dudes zu befüllenden Ausgleichsfonds für von Sexismus, Pink Tax und all dem Kram betroffene Menschen nachdenken, da hätten dann auch die Mütter was von, die ihre Haus- und Betreuungsarbeit ganz alleine klar kriegen müssen und von 50:50 nicht mal träumen können. An sich ganz gute Idee, diese Umverteilung, aber utopisch? Dann gebt doch das, was euch durch das Ehegattensplitting netto mehr bleibt, jemandem mit weniger sozialer Absicherung ab.

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