Keine feministische Ikone. Zum Tod von Doris Lessing.

von Charlott

 Doris Lessing, British writer, at lit.cologne, Cologne literature festival 2006, GermanyGestern verstarb die britische Schrifstellerin Doris Lessing im Alter von 94 Jahren. Vor sechs Jahren hatte sie den Literatur- Nobelpreis gewonnen – als 11. Frau und älteste Person, die diesen Preis jemals zugesprochen bekam. Das Nobel-Kommitee sah in ihr die:

[…] Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat.

Lessing wurde am 22. Oktober 1919 im heutigen Iran geboren. Sechs Jahre später zog ihre Familie nach Süd-Rhodesien (dem heutigen Zimbabwe), wo sie auf einer Maisfarm aufwuchs. Mit 14 Jahren verließ Lessing die Schule und arbeitete in unterschiedlichsten Jobs. Sie begann erste Geschichten an Magazine zu verkaufen, arbeitete an Manuskripten und engagierte sich in der kommunistischen Partei.  Nach zwei geschiedenen Ehen zog Lessing 1949 mit ihrem jüngsten Sohn nach Großbritannien, um weiter an ihrer Schrifstellerinnen-Karriere zu arbeiten. Ihr Debüt-Roman The Grass is Singing erschien 1950, im Jahr 1962 wurde mit The Golden Notebook ein feministischer Klassiker veröffentlicht.  Nach Zimbabwe und Südafrika durfte sie aufgrund ihrer Literatur, die sich anti-kolonial positionierte, und ihre Anti-Apartheid-Rethoriken lange nicht mehr einreisen. Bis zu ihrem Tod hat sie einen beeindruckenden Korpus erschaffen. Sie schrieb Romane, Kurzgeschichten, Opern-Libretti, Kinderbücher, eine Graphic Novel, Gedichte, Memoiren und Essays. Auch vor unterschiedlichsten Genres machte sie nicht halt und so wandte sie sich unter anderem auch science fiction zu.

Doch war Doris Lessing eine feministische Schrifstellerin? Sie wandte sich mehrfach vehement gegen dieses Label. So schrieb sie selbst, dass sie The Golden Notebook nicht als „Fanfare der Frauenbefreiung“ verstünde. Diese Zitate werden geradezu religiös in fast allen Artikel zu Lessing herunter gebetet. Kaum ein Artikel erschien, in dem nicht darauf hingewiesen wurde, dass sie ihre Arbeiten nicht vordergründig als feministisch sieht. Weggenannt wurden dabei fast immer Zitate von ihr, wo sie nach solchen Aussagen auch zu bemerken gab, dass sie auf der anderen Seite nie eine Frau getroffen hätte, die keine Feministin sei.  Die Fragen, die ich hier aber für viel wesentlicher halte: Was steckt in den Texten? Welche Räume öffne_te_n diese für Leser_innen? Wie sind ihre (Frauen)Figuren gezeichnet? Welche Aushandlungen sind möglich? Was bedeutet eine Schrifstellerin, die sich unterschiedlichsten Themen widmete, Genregrenzen sprengte, Label eben gerade abwies und dabei ein beeindruckendes Werk erschaffte, welches Generationen von Leser_innen begleitet, inspiriert, sicher auch verägert hat, aber immer wieder zum Nachdenken anregt? Literarische Texte sind mehr als nur die Intention der Autor_in, sie existieren länger, entstehen neu bei jeder Leseerfahrung, anders für unterschiedliche Leser_innen, die auf verschiedene Erfahrungen, Bilder und Bezüge zurückgreifen. Und hier bietet das Werk von Doris Lessing vieles und hat auch Potential feministisch gelesen zu werden.

Viel mehr verbunden ist die Frage nach der „feministischen Schrifstellerin“ auch mit dem Versuch eine feministische Ikone zu schaffen. Die Idee ist tief verwurzelt in (eurozentrischen) patriachalen Vorstellungen des Heldens, der als Einzelperson perfekt bestimmte Kämpfe und Ideale verkörpern kann und dem es nachzueifern gilt. Doch kann es doch nicht die perfekte Person geben, ohne Brüche, ohne Widersprüche. Und so ist auch Doris Lessing für mich nicht das perfekte feministische Vorbild, wie sich nur beispielhaft an ihrem wiederholten Fokus auf dem Leid der Männer zeigt. Diese Festellung ist kein Aufruf dazu, alle Problematiken an potentiellen Vorbildsfiguren zu übersehen, rein nach dem Motto „Kein Mensch ist perfekt.“. Ganz im Gegenteil, viel eher plädiere ich dafür genau hinzusehen, Brüche zu akzeptieren, aber sie eben auch zu analysieren und immer wieder kritisch in den Blick zu rücken.

Bei Doris Lessing müsste dieser Blick beispielsweise auf ihre Werke gerichtet werden, in denen sie die kolonialen Verhältnisse in Zimbabwe bearbeitet, welche oftmals unkritisch als Klassiker anti-kolonialer Literatur gefeiert werden und häufig über die Werke von von kolonialer Gewalt betroffener Autor_innen gestellt werden. Erst vor einigen Wochen verfasste Lovemore Ranga Mataire im zimbabwischen Herald eine erneute Besprechung des Klassikers The Grass is Singing aus der Sicht Schwarzer Zimbabwer_innen, die auch bis heute dieses Werk immer wieder in Schulen und Universitäten lesen, unter dem Titel „The Genesis of Racism in Zimbabwe“ (Orginal Englisch, Übersetzungen von mir):

Lessing lädt uns dazu ein ihrer Version der weiß-Schwarzen Beziehungen der frühen 1950igern zu glauben, da sie nicht nur ein Teil des [kolonialen] Systems sei sondern viel eher eine Art Maulwurf innerhalb des weißen Establishments.

Anders gesagt, Lessings Liberalismus macht es einfacher uns mit ihrer Version zu identifizieren und mit ihr zu sympathisieren, nachdem sie aus Rhodesien aufgrund der Publikation ihres Buches, welches in kolonialen Zeiten als subversiv eingeschätzt wurde, ausgeschlossen wurde.

Mataire zeigt inhärente und re_produzierte Rassismen in dem 1950 erschienen Werk auf und schließt mit Blick auf die weite Rezeption:

Darin besteht die Vergeblichkeit des Schreibens gegen ein System, von welchem man Teil ist. Während The Grass is Singing hilfreich dabei ist weiße Vorurteile gegenüber Schwarzen aufzudecken, so ist Lessing doch keine ultimative Repräsentatin Schwarzer Menschen.

Dazu passen dann auch wieder Lessings eigene Erkenntnisse: In der Einleitung zur Auflage von 1971 von The Golden Notebook schreibt sie hinsichtlich von (Schul)Bildung, dass diese immer ein Produkt der aktuellen Gesellschaft ist, auch wenn sich bemüht wird darüber hinauszugehen. Sie bemerkt:

What you are being taught here is an amalgam of current prejudice and the choices of this particular culture. The slightest look at history will show how impermanent these must be. You are being taught by people who have been able to accommodate themselves to a regime of thought laid down by their predecessors. It is a self-perpetuating system.

[Was du hier gelehrt wirst, ist eine Mischung aus aktuellen Vorurteilen und die Entscheidungen dieser besonderen Kultur. Der geringste Blick in die Geschichte wird zeigen, wie vergänglich diese sind. Du wirst von Menschen gelehrt, die in der Lage gewesen sind, sich einem Regime des Denkens zu unterwerfen, welches ihre Vorgänger_innen entworfen haben. Es ist ein sich selbst erhaltendes System.]

Doch hat sie Hoffnungen, dass es Menschen gibt, die sich aus diesem System befreien können, die sich selbst weiterbilden und vor allem: die ihr eigenes Urteilsvermögen schulen. Lessing selbst hat sich nach ihrem Schulabbruch mit Literaturen weitergebildet. Vielleicht sah sie sich deswegen als eine solche Person. Doch ihre Aussage passt auch wiederum auf Literatur, ist diese doch ebenfalls in bestimmten Kontexten entstanden, von konkreten Autor_innen mit konkreten Positioniertheiten verfasst. Ein Blick auf diese Kontexte sollte kein Hinnehmen von *ismen nach sich ziehen, sondern den Blick schärfen für Leerstellen, Uneindeutigkeiten und gewaltvollen Einschreibungen. Dies als Ausgangspunkt für Leseerfahrungen, für das Öffnen neuer Räume, für die eigene Vorstellungskraft. Denn wie viel nur eine einzige Person imaginieren und an Möglichkeiten – fiktional – eröffnen kann, das hat Doris Lessing in ihrem Werk eindrucksvoll deutlich gemacht.

Zum Weiterlesen und -gucken:

Besprechung von „Das Goldene Notizbuch“ bei der Mädchenmannschaft

Biographie zu Doris Lessing auf fembio

Nachruf zu Doris Lessing von Margaret Atwood




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Eintrag geschrieben: Montag, 18. November 2013 um 14:28 Uhr unter Inspiration, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Manu sagt:

    Danke für das Portrait und die Denkanstöße! [Kleiner Hinweis – muss natürlich nicht freigeschaltet werden: small typos in diesem Satz: „Es ist eine sich selbst erhaltende System.“]

  2. Charlott sagt:

    @Manu: Danke für den Kommentar (und den Hinweis).