Jenseits von „choosing my choice“ und „käuflichem Geschlecht“ – feministische Debatten über Sexarbeit

von Anna-Sarah

Es ist ein feministischer Dauerbrenner: das Thema Sexarbeit, sex work, Prostitution. Auch wenn wir hier im Blog etwas dazu schreiben oder auch nur verlinken, ist ein überdurchschnittlich hohes Kommentaraufkommen vorprogrammiert.  Die Kommentare sind oft sehr ausführlich, sehr meinungsstark, nicht selten auch emotional engagiert – das Thema bewegt. Und meistens prallen dabei relativ schnell zwei gegensätzliche Auffassungen aufeinander, unter denen in feministischen Kontexten über den emanzipatorischen Wert, die Schädlichkeit oder die Daseinsberechtigung von Sexarbeit diskutiert wird. Manchmal in Anwesenheit, häufiger in Abwesenheit von (ehemaligen) Sexarbeiter_innen, die – welch Überraschung! –  zu diesen Gelegenheiten nicht immer mit einer Stimme sprechen.

Auf der einen Seite findet sich eine Position wie die Alice Schwarzers.  Diese hat gerade, supportet von inzwischen an die 1700 teilweise prominenten Mitstreiter_innen, einen „Appell gegen Prostitution“ verfasst, wo unter anderem zu lesen ist:

Doch genau das tut Deutschland mit der Prostitution: Es toleriert, ja fördert diese moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt). […] Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht und überschattet die Gleichheit der Geschlechter. Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.

Allein dass Schwarzer sich dafür entschieden hat, Prostitution pauschal als „moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt)“ zu bezeichnen, spricht Bände: ahistorischer, verharmlosender und ignoranter kann wohl selbst die Axt im Walde nicht zu Werke gehen.  „White slavery“ – laut Wikipedia „A term for sexual slavery, used to distinguish it from the system of slavery that had been imposed on black people in the Americas“. Das ist in etwa zu übersetzen mit  „ein Ausdruck für sexuelle Sklaverei, der verwendet wird, um diese von dem System der Sklaverei zu unterscheiden, welchem Schwarze Menschen auf dem amerikanischen Kontinent unterworfen wurden“. Diese Definition sowie Schwarzers Bezug auf diesen Begriff sind bezeichnend und strotzen nur so vor white supremacy, denn sexualisierte Ausbeutung und Gewalt stellten einen Grundpfeiler des Systems der Sklaverei in den Staaten der heutigen USA (und sicher genauso anderswo) dar – nachzulesen z.B. aktuell in Akiba Solomons Filmbesprechung zu “12 Years A Slave”. Und als ob sowohl  heutige Sklaverei und Menschenhandel als auch Sexarbeit nur weiße Personen betreffen würden… Als ob eine Gleichsetzung von Sklaverei und bezahlter Arbeit überhaupt Sinn ergeben könnte. Abgesehen davon, wie geflissentlich ignoriert wird, dass Sexarbeiter_innen weltweit sich immer wieder gegen eine solch undifferenzierte Darstellung aussprechen.

Auch der positive Bezug auf Deutschland als einen „aufgeklärten, demokratischen Staat“,  für den es  „doch undenkbar [sei], die Sklaverei zu tolerieren oder gar zu propagieren“, verwundert – zumal Alice Schwarzer doch sicher weiß, dass es sich bei einer solchen „Undenkbarkeit“ eher um einen Fall von globalem Outsourcing denn um konsequente Ächtung bestimmter Arbeits- und Produktionspraktiken handelt.

„Käufliches Geschlecht“ – weil das „Geschlecht“, und zwar genau eines, durch die sexuelle Handlung definiert wird? Wo beginnt in einem gesellschaftlichen System der kommerzialisierten Sexualität und des sexualisierten Kommerzes diese „Käuflichkeit“ und wo endet sie, welche Tätigkeiten sind da mitgedacht, welche nicht? „Überschattet die Gleichheit der Geschlechter“ – weil ohne Sexarbeit gäbe es diese Gleichheit? „Das System Prostitution brutalisiert das Begehren“ – weil ohne Sexarbeit gäbe es keine Gewaltförmigkeit in (heterosexuellen) Liebesbeziehungen, keine finanziellen Abhängigkeiten (Stichwort „Versorgerehe“), keine sexualisierte Gewalt, keine gegenderte sexuelle Doppelmoral und kein slut shaming, keine gegenderte Objektifizierung, Rassifizierung und Exotisierung, keine rape culture? Prostitution betrifft ausschließlich Männer und Frauen? Gesetzliche Reglementierung, Repressalien inklusive, soll es richten? Positiv bezogen wird sich dabei auf „die skandinavischen Länder“, Kritik am schwedischen Modell fällt komplett unter den Tisch. Und die Anführungszeichen um „freiwillig“ reichen nicht aus, da muss auch noch ein „sogenannt“ davor, damit deutlich wird, wie absurd es ist, ein Konzept wie Selbstbestimmtheit hier auch nur ansatzweise gelten zu lassen?

Nadia schrieb dazu kürzlich in einer Diskussion auf der Facebookseite ihres Blogs Shehadistan:

An dem Schwarzer-Brief ist sooo vieles falsch und problematisch […] dass man darüber fast eine ganze Doktorarbeit schreiben [könnte].  […] Der Schwarzer-Brief ist in der Tat sowas wie der (wiederholte) Anfang vom langen Ende des EMMA-Feminismus, weil er mal wieder Frauen gegeneinander auspielt und sich als Advokaten wieder mal so prominente Nullchecker_innen gesucht wurden.“

So weit, so schlecht. Das ist jedenfalls schonmal nicht der Rahmen, in dem ich Diskussionen um Sexarbeit führen möchte.

Die andere Seite der eingangs erwähnten Medaille ist es jedoch ebenso wenig: Nämlich unterkomplexer „I choose my choice“-Feminismus, welcher bestehende Machtverhältnisse ausblendet und jede Kontroverse auf eine Frage der  „Freiwilligkeit“ eindampft. Die Idee, dass alles was Frauen tun, dufte, empowernd und immun gegen Kritik ist, solange sie es „sich so ausgesucht“ haben, ist für feministische Analysen nämlich auch nicht unbedingt weiterführend. Und allzu anschlussfähig für neoliberale Individualisierungs- und Kommerzialisierungsdiskurse, die in der Konsequenz keinen Raum für Systemkritik und Solidarität mit weniger privilegierten Akteur_innen lassen.

Zum Beispiel bringen rassistische Strukturen wie in Deutschland es mit sich, dass Personen ohne deutschen Pass in Sachen berufliche Wahlfreiheit und Selbstbestimmung oftmals andere Bedingungen vorfinden als z.B. Menschen, die sich prinzipiell um einen gesicherten Aufenthaltsstatus,  Zugang zum Bildungssystem, die Anerkennung ihrer Berufsqualifikation oder eine Arbeitserlaubnis keine Sorgen machen müssen. Soviel dann übrigens auch nochmal zum Thema „white slavery“.

Ein differenzierter Umgang mit dem Freiwilligkeitsbegriff bedeutet keinesfalls automatisch das Absprechen von Agency.  Bloggerin Sina, nach eigenen Angaben seit mehreren Jahren als Sexarbeiterin tätig, fordert im weiter oben verlinkten Artikel:

Missstände in der Sexarbeit müssen angesprochen und bekämpft werden. Dafür ist es jedoch nicht notwendig, Sexarbeiterinnen in prekären Situationen als durchwegs hilflose, naive Opfer, die „innerlich tot“ sind und deshalb keine Entscheidungen treffen können, darzustellen. Eine solche Darstellung reproduziert nur die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen, und übt Druck auf sie aus, Missstände zu verschweigen, um in der Öffentlichkeit nicht als Opfer bevormundet zu werden.

Die Bedingungen, unter denen Sexarbeit ausgeübt wird, sind divers, sie rangieren offenbar zwischen deluxe und mies. So unterscheiden sich beispielsweise der jeweilige Verdienst, öffentliches Image (mediale Glamourisierung vs. Stigmatisierung), das Ausmaß zu dem ein_e Sexarbeiter_in ihre_seine Arbeitsbedingungen den eigenen Vorlieben und Bedürfnissen entsprechend (mit)gestalten kann, das Ausmaß in dem ein_e Sexarbeiter_in sich an öffentlichen/politischen Diskursen beteiligen kann oder das Ausmaß in dem den Akteur_innen Alternativen zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes zur Verfügung stehen. Alles übrigens Faktoren, die – zumal unter globalisierten (post)kolonialen kapitalistischen hetero_cis_sexistischen rassistischen klassistischen ableistischen Bedingungen – auch bei der Bewertung jeder anderen Form der Erwerbstätigkeit eine Rolle spielen.

Sexarbeit ist kein machtfreier Raum, denn weder Sex noch Arbeit stehen außerhalb von Machtstrukturen. Weswegen es aus feministischer Perspektive nicht allzu weit führt, die eigene Position zum Thema ausschließlich am Narrativ der Freiwilligkeit auszurichten.  Was natürlich im Umkehrschluss nicht dazu führen darf, über die Köpfe von Betroffenen hinweg unmittelbaren Zwang, Gewalt und Abhängigkeit zu bagatellisieren.

Ein besonders heikler Punkt bei Versuchen der Solidarisierung mit Sexworker_innen: Manchmal macht es stutzig, wie an Orten, wo normalerweise  Kritiken an patriarchalen Verhältnissen und hegemonialen Männlichkeiten auf einem relativ fortgeschrittenen Level betrieben werden, in Debatten um Sexarbeit auf einmal von „natürlichen Bedürfnissen“, „ihnen geben was sie brauchen“, „total normalen und netten Menschen, die Frauen überhaupt nicht unterdrücken wollen“ die Rede ist, wenn es um Kunden sexueller Dienstleistungen geht.  Und wenn die Frage beleuchtet wird, warum der Markt erotischer Services sich ganz überwiegend an heteromännlichen Bedürfnissen ausrichtet, wird vielfach biologistisch argumentiert.

Die Bauchschmerzen, die sich in solchen Momenten einstellen, werden umso stärker, wenn man sich in dem Bestreben nach Solidarität mit Sexarbeiter_innen plötzlich Seite an Seite sieht mit mehr oder weniger offenen Ich-bin-Freier-und-das-ist-auch-gut-so-Dudes, die sich in erster Linie für ihr bedarfsorientiertes  Entitlement stark machen. Besonders gruselig in dem Zusammenhang: das Argument,  Prostitution verhindere/reduziere Vergewaltigungen.

Warum sollten ausgerechnet die Kunden sexueller Dienstleistungen und deren Handlungen nicht im Kontext Patriarchat – Kapitalismus – Kolonialismus –  Hegemonie/Kyriarchie betrachtet werden? Ich kann durchaus eine kritische Perspektive auf die Inanspruchnahme konkreter Dienstleistungen richten (und das gilt für alle möglichen Dienstleistungen und Produkte), ohne die Erbringer_innen dieser Dienstleistung zu kritisieren, abzuwerten oder zu entmündigen.

„Mein“ Feminismus bedeutet,  gegen die Stigmatisierung und Kriminalisierung von Sexarbeiter_innen einzutreten und für die Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen, für ein Höchstmaß an sozialer, gesundheitlicher, medizinischer und jeglicher gewollt seiender Absicherung. Das bedeutet aber nicht, dass ich hetero_cis_sexistisch Privilegierten einen uneingeschränkten Anspruch auf Konsum jeglicher gewünschter Dienstleistung per default zubilligen muss. Die „Bedürfnisse“ von Freiern sind aus meiner Sicht kein relevanter Bezugspunkt für feministische Debatten um Sexarbeit – jedenfalls nicht in affirmativer Weise und schon gar nicht herausgelöst aus Diskursen über soziale und kulturelle Herstellung und Verhandlung von Bedürfnissen, Rollenerwartungen, Ressourcen oder Moralvorstellungen.  (Ebenso wenig ist ein solcher Bezugspunkt für mich „die heilige weibliche Sexualität“ an und für sich, die  – notfalls gegen ihren Willen – vor Kompromittierung geschützt werden muss weil wegen ist so.)

Die genannten Punkte machen es nicht immer ganz einfach, sich z.B. Gegenbewegungen wie dem auf Schwarzer et al. gefolgten „Appell FÜR Prostitution“ vorbehaltos anzuschließen, auch wenn deren Forderungen wie z.B. Beteiligung von Sexarbeiter_innen an politischen Prozessen, die sich mit dem Thema Prostitution befassen; Aufklärung statt Zwang und Verbot, staatlich geförderte   Weiterbildungsangebote für Sexarbeiter_innen oder Bleiberechte, Entschädigungen und umfassende Unterstützung für Betroffene von Menschenhandel ohne wenn und aber mitgetragen werden. Zumal diese offenbar vorgebracht werden von Leuten, um deren Lebensrealitäten es hier geht.

Wie Nadia auf Facebook weiter schrieb:

Ich hoffe, dass Gegenbewegungen die Kraft haben, ohne evolutionäre Phrasen à la „ältestes Gewerbe der Welt“ (seit Urknall) und fragwürdige Allies sich gegen den EMMA-Appell zu stellen, ohne unsichtbar zu machen, dass sämtliche Arbeitsverhältnisse (die auch in diesem Rahmen sehr divers sein werden) eben keine „natürlichen“ Voraussetzungen unserer Gesellschaft sind, sondern eben immer auch in diverse Machtstrukturen eingebunden sind.

Dass die  Lebensrealität vieler Sexarbeiter_innen und ihr Verhältnis zu ihrem Job komplexer ist als es ein schlichtes Täter-Opfer-Narrativ hergibt, sollte jedenfalls inzwischen auch bei Alice Schwarzer und ihren Anhänger_innen angekommen sein. Ich fände es daher sinnvoll, in feministischen Kontexten, zumal unter nichtsexarbeitenden Personen, weniger darüber zu debattieren, ob/unter welchen Bedingungen sexuelle Dienstleistungen an sich abwertend oder schädlich oder unmoralisch sind oder nicht.  Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass sonderlich viele Leute, die praktische Erfahrung mit Sexarbeit (und der damit einhergehenden Stigmatisierung) und dementsprechendes Expert_innenwissen haben, Interesse haben, sich an eher theoretischen Diskussionen unter solchen Vorzeichen zu beteiligen – und zum Beispiel Einblick gewähren, was für sie wirklich eine Unterstützung wäre, welche Art der Solidarität sie selbst als nützlich und hilfreich beurteilen, ob und wo sie Hilfebedarf sehen.

Wodurch kann ich als Feministin Sexarbeiter_innen unterstützen/Solidarität zeigen – und zwar gleichermaßen jene die sagen, dass sie ihren Job gern machen und keinen anderen wollen; jene die sagen, dass sie ihren Job zwar nicht sonderlich toll finden, es für sie aber aus Gründen ihr Weg zum Geldverdienen ist; jene die sich um eine Alternative zur Prostitution bemühen; und besonders auch jene die von unmittelbarem Zwang und Gewalt betroffen sind? Und das erstmal ganz  unabhängig von der Frage, ob und aus welchen Gründen ich eine Gesellschaft ohne Prostitution grundsätzlich für wünschenswert halte oder nicht? Ich würde mir wünschen, dass ein solcher Ansatz immer als Prämisse über Debatten stünde, wie wir sie hier führen.

Edit: Zum Weiterlesen hier noch ein paar Links, wiederum mit Verweisen auf andere Quellen – Danke an Sonja für die Hinweise!

How To Be A Feminist Ally To Sex Workers

10 Ways To Be A Great Ally To Sex Workers

How to be An Ally To Sex Workers




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Eintrag geschrieben: Freitag, 1. November 2013 um 9:00 Uhr unter Ökonomie, Sex_ualität. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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34 Kommentare

  1. M sagt:

    Der Artikel ist so großartig, weil er unfassbar viele Faktoren mit einbezieht!

    Ganz einfach: Danke! Danke fürs Schreiben, fürs Gedanken sortieren und erklären-wirklich schön!

  2. Jane sagt:

    Finde den Text auch sehr gelungen, er hat mich wirklich dazu gebracht über die vielen Faktoren, die oft untergehen, nachzudenken. Ich wünsche mir schon lange auch eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Sexarbeit. Kennt sich da jemand aus?

  3. B sagt:

    Der Artikel behandelt Prostituierte und am Rande „Freier“, aber bei Formen von nicht-selbstbestimmter Prostitution gibt es ja meistens noch eine dritte Partei.

    Was ist mit denjenigen, die andere durch Zwang, Gewalt, Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen, durch permant wiederholte, die wirtschaftliche Existenz bedrohende Enteignung zur Prostitution zwingen? Sollte das Strafrecht hier nicht verbessert werden, sollten diejenigen, die Opfer solcher Verbrechen werden, nicht weitestgehende Ansprüche auf Schmerzensgeld gegen die Täter_innen haben?

    Die aktuelle Situation scheint zu sein, dass das vorgesehene Strafmaß so gering ist, dass es bei Ersttäter_innen höchstens zu Bewährungsstrafen kommt, und diese keine empfindliche Beschädigung ihrer wirtschaftlichen Existenz befürchten müssen.

    Ich behaupte nicht, dass jede_r Prostituierte Opfer solcher Taten ist.
    Aber über die Rolle derjenigen, die als „Zuhälter_innen“ bezeichnet werden, wird mir zu wenig gesprochen in dieser Debatte, und ehrlich gesagt habe ich Schwierigkeiten, mir einen „Zuhälter“ vorzustellen, der „seinen“ Prostituierten nicht mindestens insofern Unrecht antut, als dass er sich in kriminellem Ausmaß an ihnen finanziell bereichert.

  4. Anna-Sarah sagt:

    @B: Die Fragen, die du stellst, finde ich berechtigt. Ich habe ja auch versucht deutlich zu machen, dass Zwang, Ausbeutung und Gewalt im Kontext Sexarbeit nicht ignoriert werden dürfen.

    Meine Antwort wäre deshalb: Das alles, auch die Rolle des „Zuhälters“, sollte nicht vorrangig in Blogs oder Zeitschriften von „interessierten Lai_innen“ ausdiskutiert, sondern unter Einbeziehung von sachkundiger Expertise (meint: Perspektiven von Menschen die auf/mit dem weiten Gebiet der Sexarbeit Erfahrungen haben und ein möglichst breites Spektrum an Akteur_innen und deren unterschiedliche Lebensrealitäten einbeziehen/abbilden) angegangen werden – und zwar immer unter der Prämisse, die ich als Fazit versucht habe herauszustellen. Ich habe es auch nicht so verstanden, als würden Sexwork-Vertreter_innen sich für eine komplette rechtliche Deregulierung ihres Arbeitsfeldes aussprechen und sich ihre Arbeit als quasi rechtsfreien Raum wünschen.

  5. Sonja D. sagt:

    Danke für diesen Artikel. Die Frage, die Du am Ende stellst ist wahrscheinlich die wichtigste, die man in diesem Kontext überhaupt stellen kann. Die Frage wird im englischsprachigen Raum gerne unter dem Heading „How to be an ally“ besprochen. Dazu gibt es auch ganz viele Texte, oft von Sexarbeiter_innen selbst geschrieben. Letztendlich dürfte bei all den Personengruppen, die Du hier aufmachst, ein „Zuhören“ gut passen. Zumindest für den Anfang. Ich schreibe aber lieber keinen langen Text sondern lasse ein paar Links hier:

    http://www.chezstella.org/docs/StellaInfoSheetAllies2013.pdf
    http://sarahelspeth.com/2012/01/11/how-to-be-an-ally-to-sex-workers/
    http://oliveseraphim.wordpress.com/articles/how-to-be-a-feminist-ally-to-sex-workers/

    Zum hier zitierten Kommentar von Nadia möchte ich sagen, dass ein Appell eben ein Appell ist und kein wissenschaftlicher Text. Die Autor_innen dieses Textes, zu denen ich auch gehöre, haben sich Mühe gegeben in erster Linie ein Kontrapunkt zum Emma-Appell zu liefern. Viele Fragen, gerade im Kontext von Migration, bleiben ungeklärt. Aber die Forderungen lassen sich hier ohne weiteres übertragen – auf Personen in der Sexarbeit, egal mit welchen Erfahrungen.

    Die evolutionäre Phrase „älteste Gewerbe der Welt“ ist übrigens im Kontext des ganzen Satzes bzw. Paragraphen zu sehen. „Obwohl Prostitution im Volksmund als das älteste Gewerbe der Welt gilt“. Man kann es sicherlich als evolutionär kritisieren, dass Sexarbeiter_innen ihre Tätigkeit als Arbeit anerkannt sehen wollen, aber spätestens wenn wir die demokratische Beteiligung fordern, ihnen zuhören und wir das zu hören bekommen, müssen wir doch irgendwie damit umgehen.

  6. Susi sagt:

    Schon lange nicht mehr so einen guten Kommentar zum Thema gelesen! Danke!

  7. Sonja D. sagt:

    Zuletzt möchte ich noch ein paar Lesetipps zum Thema „White Slavery“ und den Problemen, die damit einhergehen (wie z.B. Rassismus), hierlassen.

    Loose Women or Lost Women?
    The re-emergence of the myth of ‚white slavery‘ in contemporary discourses of ‚trafficking in women‘ http://www.walnet.org/csis/papers/doezema-loose.html

    Metaphor, White Slavery, Trafficking http://eis.bris.ac.uk/~potfc/Granada/Papers/Doezma.pdf

    “Praise Be, Prostitutes as the Women We Are not.”
    White Slavery and Human Trafficking – an Intersectional Analysis
    http://download.springer.com/static/pdf/876/chp%253A10.1007%252F978-3-531-93168-5_6.pdf?auth66=1383490187_cc881f4446f8afcd53bd5209e15fd497&ext=.pdf

  8. Golde Carlsson sagt:

    „Ich kann durchaus eine kritische Perspektive auf die Inanspruchnahme konkreter Dienstleistungen richten (und das gilt für alle möglichen Dienstleistungen und Produkte), ohne die Erbringer_innen dieser Dienstleistung zu kritisieren, abzuwerten oder zu entmündigen.“

    Das ist edel, funktioniert in der von dir beabsichtigten Art und Weise jedoch nur, wenn die Diskussion GENAUSO (sic!!!) in Bezug auf andere Branchen geführt wird. Das findet de facto aber nicht statt. Sexismus gibt es in allen Bevölkerungsgruppen, ob es nun Kund_innen von Sexworkern sind oder die von anderen Dienstleister_innen.

    Das Sexismusproblem muss gesamtgesellschaftlich behandelt werden, und nicht auf dem Rücken von Sexarbeiter_innen, weil die sich so gut dafür eignen. Denn Sexismus hat nichts mit Sex zu tun, darum auch nicht mit Pay-Sex. Die Sexismusdebatte genau hier zu führen in der Annahme, dass die Brisanz des Themas endlich mal alle hellhörig macht, ist BILDlike.

  9. Anna-Sarah sagt:

    @Golde Carlssson: Ich wundere mich ein bisschen über deinen Kommentar, oder vielleicht verstehe ich ihn auch nicht ganz richtig. Wenn du ab und zu mal hier ins Blog reinschaust, weißt du doch wahrscheinlich, dass genau das unser Thema ist: der omnipräsente Sexismus „in allen Bevölkerungsgruppen, ob es nun Kund_innen von Sexworkern sind oder die von anderen Dienstleister_innen“ – genau das steht im Artikel, und in vielen anderen die wir hier veröffentlichen.

    Dieses Problem muss gesamtgesellschaftlich behandelt werden, genau. Sexarbeit steht nicht außerhalb der Gesellschaft. Und natürlich hat Sexismus auch – wenn auch nicht nur – was mit Sex zu tun. So zu tun als fände Sexarbeit losgelöst von gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen statt, erscheint mir weder logisch noch nützlich noch richtig. Wie hier vorzugehen sein könnte, um Kämpfe eben *nicht* auf dem Rücken von Sexarbeiterinnen auszutragen, um diese Frage dreht sich der Artikel.

  10. Anna-Sarah sagt:

    @Sonja D.: Danke für die Links! Der Ally-Begriff ist ja auch nicht unumstritten/unproblematisch, aber ja, von der Sache her geht es mir genau darum, dass sowas wie praktische Bündnisarbeit das Ziel jeglicher feministischen Deabtte um Sexarbeit sein sollte.

    Ich habe an dem Gegenappell übrigens in keinster Weise auzusetzen, dass er kein wissenschaftlicher Text ist. Es gibt eine Menge wissenschaftlicher Texte, die ich hochproblematisch finde. Und die Funktion des Gegengewichtes versstehe ich und erkenne die Wichtigkeit an, ebenso wie (siehe Text) die Forderungen. Und es muss auch nicht immer eine Kompaktzauberlösung für alles(tm) geben. Ich finde es trotzdem sinnvoll, perspektivische Leerstellen oder Punkte wo eine Anschlussfähigkeitsproblematik besteht, zu benennen.

    Man kann es sicherlich als evolutionär kritisieren, dass Sexarbeiter_innen ihre Tätigkeit als Arbeit anerkannt sehen wollen

    – ich glaube das ist ein Missverständnis. Abgesehen davon dass die Diskussion bei Shehadistan (und auch das o.g. Zitat) sich nicht ausschließlich auf den Gegenappell bezog: Die Kritik richtet sich nicht gegen die Forderung, die Arbeit von Sexarbeiter_innen anzuerkennen. Ich verstehe die Kritik an dem immer wieder vorgebrachten Verweis auf das „älteste Gewerbe der Welt“ in dem Sinne, dass aus der Feststellung, dass es etwas schon sehr lange und weit verbreitet gibt, nicht zwangsläufig folgt, dass es eine naturgegebene alternativlose Legitimation besitzt (so wie oftmals biologistische Argumente heran gezogen werden, um gesellschaftliche Phänomene zu begründen). In diesem Sinne verstehe ich „evolutionär“ hier.

  11. Lady Hekate sagt:

    Liebe Anna-Sarah! Erstmal lieben Dank für diesen nüchtern geschriebenen und differenzierten Artikel. Bravo! Und vielleicht noch eine kleine Ergänzung aus Insider-Sicht. Was MICH aufbringt – neben Schwarzers Arroganz mit der sie sich die Deutungshoheit über MEINE persönliche Befindlichkeit anmaßt -ist die Tatsache, dass nirgends im öffentlichen Diskurs der Zusammenhang zwischen Sexarbeit und HartzIV hergestellt wird. Dabei GIBT es diesen Zusammenhang und er ist in Fachkreisen längst Allgemeingut. Das habe ich im vergangenen Jahr erfahren während einer Fachtagung der Evangelischen Akademie Loccum. Thema: „Hartz IV-was hats gebracht?“ In der Arbeitsgruppe in der ich war, saß unter anderem auch ein Vertreter der Caritas. Und der sagte irgendwann ganz knochentrocken, es sei „allgemein bekannte Tatsache, dass viele HartzIV-Empfänger ihr kärgliches Salär aufbessern mit Schwarzarbeit und PROSTITUTION.“ Was MICH betrifft: ich bin erst vor acht Jahren – mit 51 – zur Sexarbeit gekommen. Vorher waren mein Mann und ich auf HartzIV, wurden dann aber mit einer fadenscheinigen Begründung aus dem Bezug herausgeworfen – wahrscheinlich als Quittung für unser politisches Engagement (wir sind beide in der LINKEN aktiv.) Kurz danach bekam ich einen Arbeitsvertrag bei einem Callcenter in der benachbarten Großstadt – aber die Monatskarte von A nach B kostete damals bereits 70€ – und DIE hatte ich nicht. Eine Anfrage bei der Agentur nach Mobilitätsbeihilfe wurde abschlägig beschieden – denn „ich bezöge ja keine Leistungen mehr.“ Und die Fallmanagerin „meiner“HartzIV Behörde gab mir den goldenen Ratschlag, ich möge doch „meinen Arbeitgeber anpumpen.“ (eine sehr konstruktive Art mit dem Anliegen eines Antragstellers umzugehen- mir wird jetzt noch übel, wenn ich daran denke…) Am gleichen Tag bekam ich ein „unmoralisches Angebot“ (muss allerdings hinzufügen, dass schon lose Kontakte ins Milieur existierten…) – und das Problem mit den Fahrtkosten war erledigt.
    Seitdem fahre ich zweigleisig – und meine Gäste haben mir das Selbstbewusstsein wiedergegeben , das mir im Kontakt mit der HartzIV-Behörde schon halbwegs verloren gegangen war. Denn – ganz im Ernst: zwischen der Kommunikation zwischen meinen Gästen und mir und der Kommunikation die ich auf der HartzIV-Behörde erlebt habe liegen, was Respekt und Wertschätzung angeht, nicht Welten – sondern LICHTJAHERE! Ich für mein Teil bin dem Lieben Gott von Herzen dankbar, dass er mir die Fähigkeit verliehen hat, Männer zum Träumen bringen zu können – ich mache diesen Job gerne und er ermöglicht mir in einem – wenn auch bescheidenen Rahmen – da, was man als „gesellschaftliche Teilhabe“ bezeichnet. Und damit ist nicht die Rolex am Handgelenk meines Mannes oder das Appartement in Florida oder der Wagen der gehobenen Mittelklasse gemeint – sondern einfach nur: zum Friseur gehen können, auf dem Wochenmarkt einkaufen zu können statt zur „Tafel“ zu gehen, die Schuhe zum Schuster und die Klamotten in die Reinigung bringen ohne dass es gleich ein Riesen-Loch ins Budget reisst, mal in die Pizzeria oder ins Café gehen ohne anschließend jeden Cent umdrehen zu müssen undsoweiter….Also mit einem Wort: Lebensqualität. OHNE die Sexarbeit müsste ich zum Amt gehen und aufstocken – wie viele meiner Kolleginnen im Callcenter, denn die Bezahlung dort ist mit dem Wort „mies“ noch großzügig charakterisiert…
    Die Verschärfung des Prostittutionsgesetzes wäre für mich eine Katastrophe – fast so schlimm wie das Zwangsourting vor einigen Jahren. (Seitdem wechseln manche Leute die mich „eigentlich“ kennen die Straßenseite, wenn sie mir begegnen…) Um es mal auf den Punkt zu bringen: was MICH bekümmert und auch irgendwie traurig macht, ist die soziale Stigmatisierung und die Verbohrtheit des bürgerlichen Lagers – immer noch ein trauriges Resultat der Verklemmtheit und Sexualfeindlichkeit in unserer Gesellschaft. Ganz liebe Grüße aus der finsteren Provinz – und lasst euch nicht ein X für ein U vormachen!

  12. christina sagt:

    Hallo!Erstmal danke für den Artikel. Etwas offtopic, aber Anna-Sarah, kannst du mir sagen wo ich was zur Kritik am ally-Konzept nachlesen kann?

  13. Anna-Sarah sagt:

    @Christina: Mir ist in letzter Zeit mehrfach Kritik begegnet, die sich gegen ein Konzept des Ally-Seins als Identität, die sich jemand auf die Fahnen schreibt, wendet. Betont wird, dass „Ally“ kein Zustand/keine selbst gewählte Identität sei, sondern eine Praxis, die immer wieder durch Handeln hergestellt werden muss. Zum Beispiel hat Mia McKenzie kürzlich bei Black Girl Dangerous beschrieben, warum sie den Begriff Ally nicht mehr verwenden wird.

  14. Golde Carlsson sagt:

    @Anna-Sarah: Ich folge der MM seit zweieinhalb Jahren. Und eben weil ich das zentrale Anliegen dieses Blogs kenne, wundert es mich, wenn du dich „in dem Bestreben nach Solidarität mit Sexarbeiter_innen plötzlich Seite an Seite […] mit mehr oder weniger offenen Ich-bin-Freier-und-das-ist-auch-gut-so-Dudes“ siehst,“ die sich in erster Linie für ihr bedarfsorientiertes Entitlement stark machen“. Damit unterstellst du, dass „Freier“ bzw. besser: Kunden von Sexdienstleister_innen tatsächlich alle nur ihren eigenen Hedonismus im Sinn haben und es Kunden, die auch anders denken, gar nicht gibt. Das ist nichts anderes als zu sagen, dass es „keine freiwillige Prostitution“ gebe. Denn über die Aussage, dass Freier nur ihre eigene Befriedigung im Blick haben, werden die Sexarbeiter_innen zu Opfern degradiert, an denen sich diese Freier befriedigen. Diese Stereotypen hängen miteinander zusammen wie die Seiten einer Medaille. Damit will ich nicht sagen, dass es diese Typen nicht gibt (siehe die in vielerlei Hinsicht geschmacklose Aktion der 343 Vollpfosten in Frankreich), aber sie sind ebensowenig die Regel wie die „Zwangsprostituierte“.

  15. Anna-Sarah sagt:

    @Golde Carlsson: Ob sie die Regel sind oder nicht, finde ich hier nicht so wichtig. Ich finde generell die Intention und Motivation von Männern (oder richtiger: cis_hetero_sexistisch privilegierte Personen), die sich sexuelle Dienstleistungen kaufen, für meine feministische Perspektve als Bezugsrahmen nicht relevant. Was die Kunden „im Sinn haben“, ändert wenig bis nichts an der Tatsache, dass die Gesellschaft, in der Sexarbeit statt findet, u.a. patriarchal strukturiert und dominiert ist – Intention, Motivation individueller Personen hin oder her. Für meinen eigenen Job, der mit Sexarbeit nichts zu tun hat, gilt das ganz genauso (und für meine privaten Freundschaften und meine Liebesbeziehung auch – ansonsten hieße das Problem „einzelne doofe Typen“ und nicht patriarchale Dominanzstruktur). Und das ändert auch nichts an dem Fazit, dass ich in meinem Text versucht habe zu ziehen.

  16. a sagt:

    Sehr schöner und treffender Kommentar.
    Das Thema Freier ist übrigens genauso differenziert zu betrachten wie die Position der Prostituierten. Das sieht z.B. ganz brauchbar aus:
    Udo Gerheim: Die Produktion des Freiers. Macht im Feld der Prostitution. Eine soziologische Studie
    http://www.transcript-verlag.de/ts1758/ts1758.php
    Hier ein Artikel vom Autor: http://www.das-parlament.de/2013/09/Beilage/007.html
    Daraus: „Wissenschaftlich gesichert gilt die Jedermann-Hypothese, die besagt, dass zur Kategorie der Prostitutionskunden „Männer aller Altersklassen (15–74), jedes Familienstandes, jedes Bildungsniveaus, verschiedenster Tätigkeits-, Berufs- und Einkommensgruppen“ zu zählen sind, die sich auch hinsichtlich psychischer und gewaltbezogener Parameter nicht wesentlich von der durchschnittlichen männlichen Gesamtbevölkerung unterscheiden.“
    Die meisten Studien stellen außerdem im Wesentlichen die folgenden drei Typen fest: Der romantische Freier, der hedonistische und der chauvinistische.

    Interessant wird es auch wenn man Prostitution in Alten- und Behindertenheimen betrachtet. Stichwort: Sexualbegleitung. Hier hat man es sozusagen mit einem doppelten Tabu zu tun: Einerseits Prostitution und andererseits die Sexualität von Menschen mit Behinderungen und alten Menschen.

    Beim „Aufruf für Prostitution“ weiß ich nicht so recht, was ich von folgendem Punkt halten soll:
    „Keine Ausweitung der Polizeibefugnisse und keine staatliche Überwachung oder Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten.“
    Das klingt mir zu sehr nach „Der freie Markt“ wirds schon richten. Sexarbeiter*innen, die unter unmittelbarem Zwang arbeiten müssen, können vielleicht überhaupt nur mittels vernünftiger Polizeiarbeit zu bürgerlichen Freiheiten gelangen.

  17. Anna-Sarah sagt:

    …und noch ein Nachtrag:

    Damit unterstellst du, dass “Freier” bzw. besser: Kunden von Sexdienstleister_innen tatsächlich alle nur ihren eigenen Hedonismus im Sinn haben und es Kunden, die auch anders denken, gar nicht gibt.

    Hedonismus weiß ich nicht, ich würde eher von Bedürfnis- oder Wunscherfüllung reden, aber ja, es ist meine Überzeugung, dass Konsum motiviert wird von der Tatsache dass ich etwas (für mich getan) haben will und die Möglichkeiten habe es mir zu beschaffen. Wenn ich mich entschieden habe, mir ein neues Handy anzuschaffen, informiere ich mich ggf. über Produktionsbedingungen, technische Features, 2nd hand-Angebote usw. und treffe danach meine Auswahl, aber ich kaufe das Handy weil ich ein Handy haben will – warum sonst? Wenn ich zur Friseurin gehe, möchte ich einen Haarschnitt – schlicht und ergreifend deshalb gehe ich zu ihr. Ich gucke dann vielleicht darauf, welche Frisörin ich als besonders kompetent kennen gelernt habe, welche Ladenkette am wenigsten berühmt für miese Arbeitsbedingungen ist, wo ethisch vertretbar hergestellte Produkte verwendet werden, welches Preis-Leistungs-Verhältnis mich unter verschiedenen Parametern überzeugt… Aber der Konsum an sich ist immer von meinem eigenen (Getan-)Haben-Wollen oder Erleben-Wollen initiiert. Wovon sonst?

  18. furly sagt:

    Ebenfalls ein aktueller Artikel zum Thema, in der ND:
    http://www.neues-deutschland.de/artikel/837751.halt-die-klappe-hure.html

  19. Pabboc sagt:

    Welch ein Zufall: ich bin gerade hier in den Blog gekommen, weil ich einen wie ich finde gelungenen Kommentar zur in Frankreich geführten Debatte um den Gesetzesentwurf zu einem Prostitutionsverbot und der misslungenen Männerkampagne dagegen hier hereintragen wollte, und prompt werde ich mit einem langen und wertvollen Beitrag zum Thema willkommen geheißen – merci, Mädchenmannschaft!

    Hier aber dennoch http://www.theguardian.com/commentisfree/2013/nov/01/sex-workers-hands-off-my-whore-france-prostitutes

  20. SomeOne sagt:

    a.

    „Beim “Aufruf für Prostitution” weiß ich nicht so recht, was ich von folgendem Punkt halten soll:
    “Keine Ausweitung der Polizeibefugnisse und keine staatliche Überwachung oder Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten.”
    Das klingt mir zu sehr nach “Der freie Markt” wirds schon richten. Sexarbeiter*innen, die unter unmittelbarem Zwang arbeiten müssen, können vielleicht überhaupt nur mittels vernünftiger Polizeiarbeit zu bürgerlichen Freiheiten gelangen.“

    ich verstehe den Punkt, aber ich glaube, auch hier ist es die Perspektive auf Polizeiarbeit, die eine Rolle spielt. Ich bin zwar kein Experte für das spezifische Umfeld, aber wenn man Dinge hört, wie aus New York, wo nach dem Erlauben von Profiling und spontanen Kontrollen 80% der Kontrollierten schwarz sind, dann kann ich mir sehr gut vorstellen, daß Prostituierte die Ordnungsbehörden nicht an ihrer Seite sehen, sondern als oppressiv verstehen. Da die lange gesellschaftliche Diskriminierung von Sexarbeit auch dazu geführt hat, daß das Geschäft im Schatten abgewickelt werden muß, was dann wiederum dazu führt, daß sich so ein Umfeld bietet, in dem andere Krininalität nicht selten sein wird, ist das wohl auch historisch verständlich.

    Auch daher eine Sache noch zum Thema „Freier“.

    Anna-Sarah-
    wo ist das Problem bei der Sache mit dem Bedürfnis so grundsätzlich? Wenn der ganze Bereich nicht so schamerfüllt wäre, wenn mehr Menschen dazu stehen könnten, würden, daß sie sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen haben, wenn auch Frauen das tun würden – und nicht nur in Paradise:love – dann wäre es sicher einfacher, bessere und für alle faire Regeln durchzusetzen.

    Ich finde, Du hast einen tollen Artikel geschrieben, aber ich denke auch, daß die Existenz von Prostitution ein Problem für den modernen Feminismus ist, der die Agency der Beteiligten anerkennt und trotzdem irgendwie noch der Versuchung erliegen möchte, die fundamentale Ursache nicht in menschlichen Begehrensstrukturen zu sehen, sondern in zumindest abstrakter patriarchaler Gewalt Und das passt halt am Ende alles nicht so ganz zusammen, so wie das schwedische Modell halt irgendwie nicht ganz stimmig ist, bei aller guten Absicht.

  21. Miria sagt:

    Wow, ein ziemlich guter und differenzierter Artikel, der viele wichtige Punkte anspricht. Du schreibst, dass die Freiwilligkeit nicht ausreicht und man auch hier die Machtverhältnisse betrachten muss (frei aus dem Kopf, falls ich das falsch verstanden habe, korrigier mich :) ). Was ich in diesem Zusammenhang interessant finde ist, welcher Maßstab genommen werden muss, um die Sexarbeit zu beurteilen?
    Für mich war bisher die Freiwilligkeit immer das wichtigste in der Debatte. Natürlich ist Zwangsprostituiton und Menschenhandel eine ganz schreckliche und zu verurteilende Sache. Aber die freiwillige Prostitution auf der anderen Seite doch eine freie Wahl, eine selbstbestimmte Handlung jeder einzelnen Frau, die der Sexarbeit nachgeht. Warum diese also verurteilen? Und nach welchem Maßstab?

    Zuden anderen Dingen vielleicht später noch mehr, da ich über einiges erstmal nachdenken muss.

    Liebe Grüße,
    Miria

  22. […] Sexarbeit ist kein machtfreier Raum, denn weder Sex noch Arbeit stehen außerhalb von Machtstrukturen. Weswegen es aus feministischer Perspektive nicht allzu weit führt, die eigene Position zum Thema ausschließlich am Narrativ der Freiwilligkeit auszurichten.  Was natürlich im Umkehrschluss nicht dazu führen darf, über die Köpfe von Betroffenen hinweg unmittelbaren Zwang, Gewalt und Abhängigkeit zu bagatellisieren. (Jenseits von “choosing my choice” und “käuflichem Geschlecht” – feministische Debatten ü…) […]

  23. Sina sagt:

    @ a:

    “Keine Ausweitung der Polizeibefugnisse und keine staatliche Überwachung oder Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten.”
    Das klingt mir zu sehr nach “Der freie Markt” wirds schon richten. Sexarbeiter*innen, die unter unmittelbarem Zwang arbeiten müssen, können vielleicht überhaupt nur mittels vernünftiger Polizeiarbeit zu bürgerlichen Freiheiten gelangen.

    Diese Forderung kommt daher, dass Razzien in der Realität nicht so ablaufen wie sich Aussenstehende das vielleicht vorstellen. Ich kopiere dafür einen Post hier hinein, den ich schonmal bei EMMA geschrieben hatte (bringt ja nichts, denselben Inhalt x-mal zu formulieren:

    Die Polizei kommt nicht als weisser Ritter daher galoppiert, auf welchen vermeintlichen Sklavinnen nur für ihre Befreiung gewartet haben. Bei Razzien werden die Sexarbeiterinnen bei ihrer Arbeit gestört, manchmal wird sogar mitten im Akt ins Zimmer hereingeplatzt. Sie müssen erniedrigenden „Leibesvisitationen“ über sich ergehen lassen, ihre Handys werden beschlagnahmt, sie werden für Stunden ohne Wasser und Kommunikationsmöglichkeit festgehalten. Manchmal wird die Befragung und Leibesvisitation auch auf der Strasse vor dem Etablissement ausgeführt, um den Shaming- Effekt zu verstärken und allfälligen Widerstand zu brechen. Es wird ihnen das Gefühl gegeben, sie hätten Sanktionen für etwas zu befürchten (und manchmal haben sie das wohl auch). Sie werden nicht über das weitere Vorgehen informiert. Zum Teil wird das Ganze durch abschätzige, hurenfeindliche Kommentare begleitet. Ich selbst habe glücklicherweise noch nie eine Razzia erlebt, aber ich weiss aus zuverlässigen Berichten anderer Sexarbeiterinnen wie es ablaufen kann. Was empfindet man dabei? Sicher nicht Erleichterung oder gar Dankbarkeit. Vielmehr Angst, Erniedrigung, und Wut, auch wenn man sich in einer ausbeuterischen Lage befinden mag.

    All dies hilft Opfern von Menschenhandel nicht, im Gegenteil- jegliches Vertrauen, das Sexarbeiterinnen und Opfer von kommerzieller sexueller Gewalt in die Polizei haben, wird zerstört. Menschenhandelsopfer wollen nicht aussagen, wenn sie (zurecht) eine schlechte Behandlung durch die Behörden erwarten. Und dann wundert man sich ab angeblicher „milieubedingten Kooperationsverweigerung“. Sexarbeits-Migrantinnen und Opfer von Menschenhandel, welche im Heimatland schlechte Erfahrungen mit korrupten und vergewaltigenden Polizisten gemacht haben, werden durch solche Vorkommnisse in ihrem Misstrauen bestärkt. Die Polizei ist nicht nur für die Rettung von Opfern zuständig ist- sie ist auch dafür zuständig, illegal anwesende Migrantinnen aufzuspüren und abzuschieben, Sperrbezirks- Sperrzeit- und Kondomverordnungen durchzusetzen und Sexarbeiterinnen dadurch Strafregistereinträge zu beschaffen.

    Dazu kommt noch die Steuerfahndung, welche manchmal völlig unrealistische Beträge schätzt und juristisch unerfahrene Sexarbeiterinnen, die keine Möglichkeit für Rechtsbeistand haben, ruiniert und in Schulden stürzt. Diese Punkte sind es, durch welche Sexarbeiterinnen am meisten in Kontakt mit Polizisten kommen. Nicht als Gerettete, sondern als Täterinnen. Und wenn es sich tatsächlich um Opfer handeln sollte, ignoriert man ihre Bedürfnisse nach Opferschutz und psychischer Betreuung und quetscht sie nur aus, um die Täter zu verfolgen. Danach werden sie abgeschoben. Dies alles passiert in Deutschland- in Grossbritannien ist das Ganze noch schlimmer, da die Polizei Einkünfte der Sexarbeiterinnen als „Evidence“ für potenzielle Straftaten behalten darf (staatlich erlaubter Raub) und bereits das gemeinsame Arbeiten zweier Sexarbeiterinnen strafbar ist. Ausserdem wird hier völlig vergessen, dass Polizisten Sexarbeiterinnen gegenüber nicht immer freundlich eingestellt sind. Ich glaube, die meisten wollen tatsächlich helfen und einfach ihren Job machen- aber unter Polizisten gibt es genauso wie im Rest der Bevölkerung vereinzelt Hurenhasser/innen, welche die Rechtslage ausnützen um Macht gegenüber Sexarbeiterinnen auszuüben. Sei dies subtile psychische Gewalt, oder gar sexuelle Übergriffe.

    Begleiten nun Sozialarbeiterinnen die Polizei bei einer Razzia, verlieren Opfer von Ausbeutung ihren „Safe Haven“ der Hilfseinrichtungen. Sie wissen dann, dass sie nicht auf Vertraulichkeit zählen können, und berichten nicht mehr über ihre Situation. Ich habe an sich nichts gegen Polizeikontrollen. Aber dann müssen sinnlose Regelungen, welche der Begrenzung von Sexarbeit dienen, verschwinden. So lange Repression und Stigmatisierung gegen Sexarbeiter/innen herrscht, so lange werden Razzien nur den Zweck der strukturellen Gewalt gegen Sexarbeiterinnen dienen, und nicht der tatsächlichen Hilfe für Menschenhandelsopfer und Bekämpfung ausbeuterischer Situationen. Kontrollen müssen respektvoll, ohne grosse Störung und ohne Repression gegen Sexarbeiterinnen durchgeführt werden. Sozialarbeiterinnen müssen Bordelle getrennt von Polizisten aufsuchen, damit sich Sexarbeiterinnen mit negativen Polizeierfahrungen ihnen anvertrauen können. Ausserdem müssen Polizisten im respektvollen Umgang mit Sexarbeiterinnen und Feingefühl bei potenziellen Opfern geschult werden.

  24. Anna-Sarah sagt:

    @Miria: Du fragst,

    welcher Maßstab genommen werden muss, um die Sexarbeit zu beurteilen?

    Das Anliegen meines Artikels war ja gerade, eben mal von diesem Beurteilenwollen weg zu kommen. Ich plädiere für ein Ad-acta- bzw. Beiseitelegen dieser Frage in feministischen Zusammenhängen zugunsten einer Betrachtung, die sich an der Lebensrealität und den Bedürfnissen derjeniger, um die es hier geht, ausrichtet – siehe mein letzter Absatz.

  25. Anna-Sarah sagt:

    @SomeOne: Das grundsätzliche Problem bei „der Sache mit dem Bedürfnis“ sehe ich wie gesagt in einer vereinfachenden, biologistischen, normativen Betrachtung, die ein pauschales Recht auf Bedürfnisbefriedigung postuliert (für wen, durch wen, unter welchen Bedingungen?) und dabei real existierende Machtverhältnisse und Privilegienstrukturen, die sowohl auf kultureller als auch sozialer als auch körperlicher Ebene wirken, unberücksichtigt lässt.

    Du formulierst einige Konjunktive (wäre, könnten, würden), aber mir erscheint es nicht so weiterführend, hypothetische Überlegungen zu diskutieren, so lange es im Hier & Jetzt genug Probleme zu lösen gibt.

    Ich bin mir unsicher, ob ich den letzten Absatz deines Kommentars richtig verstehe, vielleicht kannst du deinen Einwand/deine Frage(?) nochmal anders formulieren?

  26. Lozen sagt:

    Alice Schwarzer und „white supremacy“??

    Interessanterweise wehren sich Feminist_innen und Abolitionist_innen in Asien, Südamerika, Pazifik, Nordamerika und Afrika auf heftigste gegen den auf der westlichen Nordhalbkugel geführten „Sexarbeitsdiskurs“. Insbesondere Frauen of Color, Indigenas und Aboriginal Frauen beschreiben Prostitution als „volonteer slavery“ oder als „choice made by those who have no choice“. Melissa Fairley kritisiert: „When prostitution is defined as labor, the predatory, pedophiliac purchase of a human being by a john becomes a banal business transaction.
    Prostitution is sometimes embraced in the media, in public health, and in the academy as “sex work,” and in that one word—work—the sexism, racism, and violent degradation of prostitution fade from sight.“

    http://www.prostitutionresearch.com/pdfs/FarleyYaleLaw2006.pdf

    Und Aktivist_innen vom „Asia Pacific Meeting of Sex Trafficking and Prostitution Survivors“ fordern:

    – We unite with our sisters in the feminist movement and the labor movement who call fo real jobs, not prostitution; for economic programs that create local, sustainable employment, and not push women out of the country

    – we collectively pledge to continue our journey to healing, recovery,
    empowerment and activism, as we educate, organize and mobilize ourselves to change society and uproot patriarchy, racism, casteism, militarism and capitalism which generated and sustain prostitution and sex trafficking.

    http://www.prostitutionresearch.com/pdfs/SurvivorStatementNewDelhi4-11.pdf

    Da frage ich mich schon, wer hier „white supremacy“ betreibt.

  27. Anna-Sarah sagt:

    @Lozen:

    Hast du auch die weiteren Teile des Textes – inkl. Links – gelesen oder hast du nach der EMMA-Kritik aufgehört? ;)

    Alice Schwarzer und “white supremacy”??

    Ja genau. Ideen der White supremacy ziehen sich durch Alice Schwarzers Werk. Und das wird nicht erst seit gestern kritisiert. Ich verstehe nicht, in wiefern die von dir geteilten Links und Zitate die Verwendung des Begriffs „white slavery“ in diesem Zusaamenhang stützen würden.

    Und dass es auch unter Frauen of Color, unter den Gruppen die du nennst, zitierst und verlinkst (danke dafür) unterschiedliche Situationen, Sichtweisen, Politiken, Schwerpunktzsetzungen gibt, ist immer wieder wichtig zu sagen, wurde hier aber keinesfalls bestritten. Im Gegenteil. Es gibt aber nicht DEN „auf der westlichen Nordhalbkugel geführten “Sexarbeitsdiskurs”“ auf der einen und „Frauen of Color, Indigenas und Aboriginal Frauen“ auf der anderen Seite, die einander unvereinbar gegenüber stehen.

  28. Anna-Sarah sagt:

    Sonja Dolinsek hat nochmal ausführlicher auseinander klamüsert, warum „white slavery“ gar nicht geht und was an dem „Appell gegen Prostitution“ sonst noch problematisch ist.

  29. Sonja D. sagt:

    Ich möchte auf den Punkt von Lozen eingehen, dass der Sexarbeits-Diskurs (der sicherlich auch ein Diskurs ist) nur im Globalen Norden geführt wird. Im Gegenteil, er wird in allen Ländern der Welt geführt und überall gehen Sexarbeiter_innen auf die Straße und fordern Rechte ein, weil sie keine Lust mehr auf polizeiliche Gewalt, Diskriminierung und Exklusion haben. Der abolitionistische Diskurs ist hingegen vorwiegend, aber natürlich nicht nur, weiß (auch Prostitutionresearch, das oben zitiert wird, kommt aus den USA; mit dem Ziel diese Vorstellungen zu explortieren. Dass sie sagen „we unite with our sisters“, heißt ja noch nicht, dass die „sisters“ das auch wollen. Soweit ich es überblicken kann, tun sie es nicht.

    Hier ein paar Beispiele ….

    GAATW (GLobal Alliace Against Traffic in Women); basiert in Bangkok; http://www.gaatw.org/index.php?option=com_content&view=article&id=94&Itemid=47

    SWEAT (Südafrika): http://www.sweat.org.za/

    Kenya: http://www.news24.co.ke/National/News/Commercial-sex-workers-demand-recognition-20130419

    Südkorea: http://www.ctvnews.ca/s-korean-sex-workers-protest-anti-prostitution-laws-1.701267

    Argentinien: http://dangerousminds.net/comments/argentinian_sex_workers_fight_for_their_rights_with_powerful_street_art

    Ich könnte noch ewig weitermachen…

  30. Isabel A sagt:

    Danke für diesen wirklich gut durchdachten, klugen Beitrag! Großes Kompliment!

  31. Sina sagt:

    @ Lozen: In Ergänzung zu Sonjas bereits geposteten Links möchte ich auf die Anti-Diskriminierungs-Forderungen von Sexarbeiterinnen in Indien hinweisen, welche in ihrem Organisationsgrad besonders bemerkenswert erscheinen:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Durbar_Mahila_Samanwaya_Committee

    http://www.dnaindia.com/mumbai/report-voluntary-sex-work-is-legal-1814995

    http://jpubhealth.oxfordjournals.org/content/early/2013/10/30/pubmed.fdt095.abstract

    Dieses Jahr fand in Indien als Gegenbewegung zur diskriminierenden Einreisepolitik der USA bei der AIDS-Konferenz das Sex Workers Freedom Festival statt:

    http://articles.chicagotribune.com/2012-07-26/features/sns-rt-us-india-sexworkersbre86p0fh-20120726_1_durbar-mahila-samanwaya-committee-travel-ban-workers-face

  32. Maria sagt:

    Hallo, ich bin neu hier und kenne mich daher nicht so mit den Gepflogenheiten aus. Ich weiß nicht, ob der (wirklich ausgezeichnete) Artikel überhaupt noch weiter diskutiert wird,trotzdem möchte ich gerne noch etwas anmerken:
    @ SomeOne : Ich habe das Gefühl als gäbe es da ein Missverständnis (oder ist es taktisches Kalkül?), das sich darin äußert KritikerInnen der Prostitution Prüderie und Schamhaftigkeit vorzuwerfen. Dies erweckt den Eindruck, als wären einige BefürworterInnen der Prostitution stolz darauf, durch ihren Standpunkt, reaktionäre und schamerfüllte Vorstellungen über Sexualität zu überwinden. Das Gewerbe der Prostitution nicht als Höhepunkt freier Sexualität und Geschlechtergleichheit zu feiern kann jedoch, meiner Meinung nach, nicht als Beleg einer verklemmten Sexualmoral herangezogen werden. Ich bin vehement gegen die Stigmatisierung oder Diskriminierung von Prostituierten, sehe sie nicht pauschal als Opfer an und denke auch nicht, dass alle Frauen die gegen Geld sexuelle Dienstleistungen anbieten hierbei zwangsläufig ihre Seele preisgeben (wie Alice Schwarzer dies teilweise suggeriert). Und trotzdem erkenne ich im Phänomen der Prostitution (wie auch in anderen Bereichen) die Wirkungsweise gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die ich nicht gut heiße. Ich sehe genderspezifische Ungleichheit und ich sehe hiermit verknüpft Formen der Kommerzialisierung und gesellschaftlichen Ökonomisierung, die Menschen zur Ware machen. Ich glaube einfach nicht, dass der Wunsch nach ´Sex gegen Geld´ in den menschlichen Begehrensstrukturen festgeschrieben ist.
    @Golde Carlsson: Wie gesagt bin ich neu hier und kenne das „zentrale Anliegen dieses Blogs “ nicht. Mir fehlen wahrscheinlich Grundlagen , die hier bereits erörtert wurden. Daher folgende Fragen: Was bitte soll ein Kunde sexueller Dienstleistungen außer lustvoller Bedürfnisbefriedigung sonst bei einer Prostituierten suchen? Warum spricht dies gegen die Freiwilligkeit von Prostitution? Und warum scheint Hedonismus hier als Schimpfwort verstanden zu werden ?

  33. ?? sagt:

    Wenn ich zum Hedonismus spekulieren darf: verstärkt er nicht ungleichheit?