Glücklich kauend stehe ich am Buffet und greife nach dem zweiten Schnittchen.
„Na, Ihnen schmeckt es aber!“
„Nach dem zweiten Stück Torte passt der Badeanzug aber nicht mehr!“
„Keine Angst, das Essen läuft nicht weg!“
„Hast du schon wieder Hunger?!“
Dies sei nur ein kleiner Ausschnitt der Sprüche, die ich schon so oder so ähnlich von (mir teilweise unbekannten!) Menschen zu unterschiedlichen Zeiten meines Lebens gehört habe. Als eine, die die meisten wohl als dick oder zumindest pummelig bezeichnen würden, habe ich mein Leben lang ein ganzes Reservoir an Kommentaren sammeln dürfen. Nicht gerade eine Sammlung, die mein Sammlerinnen-Herz höher schlagen lässt.
Klar könnte ich darüber hinwegschauen und einen Witz machen, um die lustige Dicke zu mimen. Ich könnte es auch wiederholt als individuelles Erlebnis abtun und die Angelegenheit bis zum nächsten Eisessen vergessen. Ich könnte meine eigenen Problemchen hinten anstellen und denken: Andere leiden auch, aus unterschiedlichsten Gründen. Doch zurück bleibt der fade Nachgeschmack, wieder bewertet, verglichen und abgeurteilt zu werden.
Und ich weiß: Es hat System das Essverhalten und die Körper von Menschen zu bewerten. Mit Blicken, Gedanken, Worten. Und wenn es nicht die anderen machen, kommen Praxen von Selbstregierung ins Spiel. Vielleicht, um uns beschäftigt zu halten. Als dicke Frau komme ich mir manchmal vor wie öffentliches Gut, deren Essverhalten von allen besprochen werden darf. Manchmal initiiere ich dumme Witze sogar selbst. Ich hasse die Norm, aber ich lebe sie auch selbst.
Klar, über Essen reden sowieso alle. Eigentlich immer. Der Mittagstisch ist eine einzige Sündenhölle. Ein Nachschlag Nudeln, obwohl sich das Bäuchlein schon wölbt? Ein weiteres Löffelchen Bratensauce? Wirklich? OBWOHL ES NOCH KUCHEN GIBT!? Manch eine_r setzt sich an den liebevoll gedeckten Tisch und redet – kauend! – über nichts anderes als Kalorien, Gewicht und Fettanteil. Und über das nächste von Kohlehydraten befreite Essen, das man doch mal zubereiten könnte.
Fast alle werden irgendwann einmal sanktioniert, unabhängig von Kleidergröße. Bei Frauen wird immer noch eins mehr hingeschaut, denn ein Speckbauch gehört nicht zu den must-haves des nächsten Sommers. Doch mit den Pfunden steigt auch die Wahrscheinlichkeit, sanktioniert zu werden. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe jahrelang gebraucht, um ohne schlechtes Gewissen in der Öffentlichkeit zu essen. Damit ich dummen Sprüchen aus dem Weg gehe – als wäre ich daran Schuld. Körpernormen bewirken nicht nur, dass wir uns (häufig unbemerkt) an ihnen orientieren. Sie eröffnen auch den Raum, diejenigen mit Blicken und Worten zu bestrafen, die ziemlich weit von dieser Norm entfernt sind.
Vermeintlich unbedarfte Sprüche wie die eingangs genannten sind daher keine Zufälle. So lange ich jeden Tag mit normierenden Mein-schlechtes-Gewissen-wächst-Bildern bombardiert werde, Tipps zum „Endlich-Schlankwerden“ lesen muss und mit schiefen Blicken wegen meines kurzen Kleidchens gestraft werde, weil ich das Einmaleins des Kurven-Kaschierens von Glamour & Co geflissentlich ignoriere, weigere ich mich, Sprüche über meinen Körper und mein Essverhalten als Zufall oder harmlosen Witz abzutun.
Ich sehe überhaupt nicht mehr ein, immer alles wegzulächeln und schlagfertig zu antworten: „Ja, es schmeckt. Auch ein Schnittchen?“ Das ist zwar cool und empfehlenswert, um dein Gegenüber gekonnt zu entwaffnen, heißt allerdings auch, dass die Coolness mitunter auch meine eigene Wut überdeckt. Ich will mich für normierende Situationen nicht mehr verantwortlich fühlen.
Und deshalb habe ich eine Bitte: Alle, die unaufgefordert das Essverhalten ihres Gegenübers kommentieren, sollten mal kurz innehalten und darüber nachdenken, wie die eigenen Worte destruktive Körper- und Schönheitsnormen stützen und was für (Scham-)Gefühle dadurch hervorgerufen werden können. Ein dahergesagter Satz kann nämlich ganz schön verletzend sein.
Für mich jedenfalls gilt: Ich esse das zweite Schnittchen gerne unkommentiert. Danke.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.