Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele wird es dieses Jahr keine Sportart geben, in der Frauen nicht teilnehmen. Und zum ersten Mal wird jedes Land Athletinnen entsenden, selbst Saudi-Arabien. Dennoch werden Frauen noch lange nicht gleichberechtigt behandelt.
So deutete es sich vor zwei Jahren bereits an: Bei diesen Olympischen Spielen dürfen nicht alle Frauen teilnehmen. Ausgeschlossen werden Frauen mit hohem Testosteronlevel – und das nicht bei nachgewiesenem Doping sondern bei natürlich erhöhtem Testosteronspiegel. An dieser Entscheidung ist soviel falsch, dass es schwer ist, mit einer Kritik anzufangen.
Wann genau der Testosteronspiegel bei einer Frau „zu hoch“ ist, ist umstritten. Bei allen Menschen schwankt er abhängig von Tageszeit, Alter, sozialem Status und körperlicher Fitness. Darüber hinaus ist auch der oft angeprangerte Vorteil für Frauen nicht zwingend der Fall. So ist lange bekannt, dass es auch Frauen gibt, deren Körper Testosteron nicht verarbeiten kann. Unter Athletinnen sind sie sogar überrepräsentiert.
Trotzdem wird immer wieder angeführt, mehr Testosteron gäbe einen unfairen Vorteil. Dieser geschlechtlich-konnotierte Vorteil ist allerdings der einzige, der jetzt zu Konsequenzen führt. Alle anderen Mutationen und Variationen der Natur werden hingenommen oder sogar gefeiert. Die englische Ausgabe der Wikipedia widmet den körperlichen Besonderheiten von Michael Phelps einen extra Absatz. Männer mit biologischem Vorteil: hui. Frauen mit biologischem Vorteil: Freaks, verkleidete Männer, pfui.
Auch dass Männer ansonsten massenweise bei den „leichteren“ Frauenwettbewerben teilnehmen, ist zu bezweifeln. Seit der Einführung von Geschlechtstests wurden zwar einige Athletinnen als Intersexuelle bzw. „Männer enttarnt“, sie lebten aber weiter als selbst-identifizierte Frauen. Santhi Soundarajan versuchte ob der Kontroversen um ihr Geschlecht, sich das Leben zu nehmen. Caster Semenya hat inzwischen dem Druck nachgegeben und eine Therapie begonnen, um ein weiblicheres Erscheinungsbild zu erreichen. Wie erniedrigend diese Tests sind, ist den Verantwortlichen dabei klar. 1976 wurde die Prinzessin Anne als einzige Frau des britischen Teams nicht getestet.
So reiht sich die Maßnahme in einen ekligen Trend der letzten Jahre ein, ein enges Frauenbild zu etablieren, das von allem „Männlichen“ klar abgegrenzt wird. Weltrekorde von Frauen gelten in der Leichtathletik nur noch, wenn sie in der Abwesenheit von Männern erzielt wurden. Im Badminton, Boxen und Tischtennis müssen Frauen im Röckchen antreten oder wird dies zumindest debattiert. Um Leistung, so wird deutlich gemacht, geht es im Frauensport nicht. Statt sich auf den Sport konzentrieren zu können, müssen Frauen wieder um ihr Recht kämpfen, wenigstens unter dem Rock eine Hose tragen zu dürfen.
Auf Geschlechtstests zu verzichten wäre da ein deutliches Zeichen, die Selbstidentifikation von Frauen zu respektieren und nicht durch unnötige Tests ihre Privatsphäre und körperliche Integrität zu gefährden. So bleibt es bei Erfolgen an der Oberfläche, während darunter weiter Sexismus waltet.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.