Überflüssige Orgasmen und Hysterie – über die Erforschung der Frau

von Helga
Dieser Text ist Teil 50 von 130 der Serie Die Feministische Bibliothek

Weißes Buchumschlagbild mit goldener Schrift: Woman - Darunter klein und schwarz: An Intimate Geography – Ein aus 3 Strichen stilisierter weiblicher Intimbereich – NATALIE ANGIER Winner of the Pulitzer PrizeAls „eine wissenschaftliche Fantasie des Frauseins“ versteht Autorin Natalie Angier ihr Werk “Woman: An Intimate Geography”. Tatsächlich dreht sich alles um den Teil der Menschheit, der von der Wissenschaft bis heute noch zu oft vernachlässigt wird: Die Frau und alles, was sie ausmacht.

Warum gibt es einen weiblichen Orgasmus und warum wird die Durchschnittsbrust seit Jahrzehnten immer umfang­reicher? Nur einige von zahlreichen Fragen, deren Antwort noch immer ausstehen. Hier fasst Angier die verschiedenen Theorien und Beweise zusammen, gibt Ein­blicke in die (männlich geprägte) Wissen­schafts­geschichte und zeigt die komplexen Ver­wicklungen mit Alltags­kultur und Politik auf. Auch die Geschichte der weiblichen Hysterie, ausgehend von der Gebär­mutter (griech. ὑστέρα/hystera) darf da nicht fehlen. Dabei geht es nicht nur um die harten Fakten von Gebärmutter und Genetik, sondern auch die ge­sell­schaft­liche Ein­ordnung. Die Frau als schwaches, passives und weiches Wesen – naturgegeben sei das nicht.

Als Mutter, die sich für ihre eigene Tochter ein noch besseres und gerechteres Leben wünscht, zeigt sich Angier auch als aus­ge­sprochene Feministin, die unter den tau­sen­den Jahren patriachaler Tra­di­tionen die Mög­lich­keit zu mehr globaler, weib­licher Solidarität sieht. Ausgehend von Natur­völkern oder unseren nächsten Ver­wandten, die Affen, lehnt sie sich hier etwas aus dem Fenster. Aber schließ­lich soll das Buch auch mehr sein, als nur das Vor­stellen wissen­schaft­licher Er­kennt­nisse, eben eine „Fantasie“. Und: viele populäre Annahmen stehen auf wissen­schaftlich wackligeren Füßen. Die Verbindung von Aggression und Testosteron ist so wenig bewiesen, wie evolutionäre Psychologie sich auf historische Fakten be­rufen kann.

Derzeit neu leider nur auf englisch erhältlich, ist “Woman” für Nicht-Mutter­sprachler_innen eine Herausforderung – aber eine, die sich lohnt. Mit einem Wör­ter­buch zur Hand erschließt sich die liebe­volle und bild­reiche Sprache des Buches, auf hoch­komplexe wissen­schaft­liche Aus­drücke verzichtet die Pulitzer­preis­trägerin bewußt. Wer es dennoch genauer wissen will, findet im 16 Seiten langen Quellen­ver­zeichnis For­schungs­artikel und weiter­führende Bücher. Darüber hinaus hat Angier mit vielen Forscher_innen selbst ge­sprochen, auch erläutert sie medizinische Phänomene und Krankheiten mit den Worten von Betroffenen.

So geht es etwa um Intersexualität, genauer gesagt das Androgen-Insensivitäts-Syndrom (AIS) und die Frage, wann genau eine Frau eine Frau ist. Ansonsten konzentriert sich das Buch leider sehr auf heterosexuelle cis-Frauen – Homo­sexualität, Trans­gender oder Asexualität kommen nicht vor. Themen, die hoffent­lich eines Tages in einem weiteren Buch auf­ge­griffen werden. Denn in­zwischen hat “Woman” bereits über 10 Jahre auf dem Buckel. Trotz des Alters bleibt es ein spannender Einstieg in Welt der weib­lichen Biologie.

Auf Deutsch als „Frau. Eine intime Geographie des weiblichen Körpers.“ erschienen bei Goldmann (Taschenbuch, 2000) und Bertelsmann (gebunden, 1999) – derzeit nur gebraucht erhältlich.
Auf Englisch als “Woman: An Intimate Geography” bei Anchor Books (Taschenbuch, 2000), ab ca. 14 €.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 30. Dezember 2010 um 9:30 Uhr unter Sex_ualität. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. vera sagt:

    Wow, das ging aber schnell! Danke. Mein Exemplar wohnt jetzt erst mal unten im Stapel auf dem Nachttisch, bis es mit der Zeit nach oben ‚wandert‘.

  2. Marie sagt:

    Eigentlich schon krass, wenn man denkt, dass wir Frauen gar nicht vorgesehen waren um einen Orgasmus zu haben *seufz*