Überflüssige Orgasmen und Hysterie – über die Erforschung der Frau

Dieser Text ist Teil 50 von 137 der Serie Die Feministische Bibliothek

Weißes Buchumschlagbild mit goldener Schrift: Woman - Darunter klein und schwarz: An Intimate Geography – Ein aus 3 Strichen stilisierter weiblicher Intimbereich – NATALIE ANGIER Winner of the Pulitzer PrizeAls „eine wissenschaftliche Fantasie des Frauseins“ versteht Autorin Natalie Angier ihr Werk “Woman: An Intimate Geography”. Tatsächlich dreht sich alles um den Teil der Menschheit, der von der Wissenschaft bis heute noch zu oft vernachlässigt wird: Die Frau und alles, was sie ausmacht.

Warum gibt es einen weiblichen Orgasmus und warum wird die Durchschnittsbrust seit Jahrzehnten immer umfang­reicher? Nur einige von zahlreichen Fragen, deren Antwort noch immer ausstehen. Hier fasst Angier die verschiedenen Theorien und Beweise zusammen, gibt Ein­blicke in die (männlich geprägte) Wissen­schafts­geschichte und zeigt die komplexen Ver­wicklungen mit Alltags­kultur und Politik auf. Auch die Geschichte der weiblichen Hysterie, ausgehend von der Gebär­mutter (griech. ὑστέρα/hystera) darf da nicht fehlen. Dabei geht es nicht nur um die harten Fakten von Gebärmutter und Genetik, sondern auch die ge­sell­schaft­liche Ein­ordnung. Die Frau als schwaches, passives und weiches Wesen – naturgegeben sei das nicht.

Als Mutter, die sich für ihre eigene Tochter ein noch besseres und gerechteres Leben wünscht, zeigt sich Angier auch als aus­ge­sprochene Feministin, die unter den tau­sen­den Jahren patriachaler Tra­di­tionen die Mög­lich­keit zu mehr globaler, weib­licher Solidarität sieht. Ausgehend von Natur­völkern oder unseren nächsten Ver­wandten, die Affen, lehnt sie sich hier etwas aus dem Fenster. Aber schließ­lich soll das Buch auch mehr sein, als nur das Vor­stellen wissen­schaft­licher Er­kennt­nisse, eben eine „Fantasie“. Und: viele populäre Annahmen stehen auf wissen­schaftlich wackligeren Füßen. Die Verbindung von Aggression und Testosteron ist so wenig bewiesen, wie evolutionäre Psychologie sich auf historische Fakten be­rufen kann.

Derzeit neu leider nur auf englisch erhältlich, ist “Woman” für Nicht-Mutter­sprachler_innen eine Herausforderung – aber eine, die sich lohnt. Mit einem Wör­ter­buch zur Hand erschließt sich die liebe­volle und bild­reiche Sprache des Buches, auf hoch­komplexe wissen­schaft­liche Aus­drücke verzichtet die Pulitzer­preis­trägerin bewußt. Wer es dennoch genauer wissen will, findet im 16 Seiten langen Quellen­ver­zeichnis For­schungs­artikel und weiter­führende Bücher. Darüber hinaus hat Angier mit vielen Forscher_innen selbst ge­sprochen, auch erläutert sie medizinische Phänomene und Krankheiten mit den Worten von Betroffenen.

So geht es etwa um Intersexualität, genauer gesagt das Androgen-Insensivitäts-Syndrom (AIS) und die Frage, wann genau eine Frau eine Frau ist. Ansonsten konzentriert sich das Buch leider sehr auf heterosexuelle cis-Frauen – Homo­sexualität, Trans­gender oder Asexualität kommen nicht vor. Themen, die hoffent­lich eines Tages in einem weiteren Buch auf­ge­griffen werden. Denn in­zwischen hat “Woman” bereits über 10 Jahre auf dem Buckel. Trotz des Alters bleibt es ein spannender Einstieg in Welt der weib­lichen Biologie.

Auf Deutsch als „Frau. Eine intime Geographie des weiblichen Körpers.“ erschienen bei Goldmann (Taschenbuch, 2000) und Bertelsmann (gebunden, 1999) – derzeit nur gebraucht erhältlich.
Auf Englisch als “Woman: An Intimate Geography” bei Anchor Books (Taschenbuch, 2000), ab ca. 14 €.

2 Kommentare zu „Überflüssige Orgasmen und Hysterie – über die Erforschung der Frau

  1. Wow, das ging aber schnell! Danke. Mein Exemplar wohnt jetzt erst mal unten im Stapel auf dem Nachttisch, bis es mit der Zeit nach oben ‚wandert‘.

Kommentare sind geschlossen.

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