Frederik bloggt auf Techno Candy und twittert auch.
Die Lokführer_innen streiken, die Fahrgäste drängeln und seufzen, die Medien hetzen und die Bahn-Verantwortlichen lassen eine Schmierenkampagne auf die Leute im Arbeitskampf niederregnen.
Der Streik tut weh, weil die Leute das Gefühl haben, dass sie sich nicht mehr frei bewegen können und in ihrer Mobilität eingeschränkt werden. Ich habe gestern einen Tweet verfasst, der bis jetzt 43 mal retweetet wurde (fame!) (üblicherweise werde ich von meinen großzügigen Follower_innen 0-2 mal retweetet), den ich jetzt noch ein bisschen ausführen will.
Was ist denn eingeschränkte Mobilität?
Eingeschränkte Mobilität, das ist das alltägliche Versagen der Deutschen Bahn. Das sind unendlich steigende Ticketpreise im Nah- und Fernverkehr (bei 19,20 Euro ALG II für den ÖPNV pro Monat), Ausfälle und Verspätungen wegen beschädigter Bahnen und Strecken, ein lückenhaftes Streckennetz, immer mehr geschlossene Bahnhöfe, kaum funktionierender Ersatzverkehr bei Störungen, und das Winterprinzip (Pro Schneeflocke eine gecancelte Fahrt). Das ist die Konsequenz von Privatisierung öffentlicher Güter.
Eingeschränkte Mobilität, das sind die Barrieren, die Leute mit Rollstuhl, Rollator, Krücken vom Reisen abhalten, das sind Zugfahrer_innen, die keine Zeit haben, die Rampe auszufahren, das sind fehlerhafte oder undeutliche Durchsagen, das sind überfüllte, stickige, zu heiße oder zu kalte Wagen. Das ist Ableismus.
Eingeschränkte Mobilität, das sind die inneren EU-Grenzen, die nur für weiße Menschen easy zu überqueren sind, das ist Racial Profiling bei Ticket- und Ausweiskontrollen, das ist Polizeigewalt und rassistische Schikane durch Behörden und Beamte, das sind die äußeren EU-Grenzen, an denen Leute ertrinken, verhungern, verdursten und ermordet werden. Das ist Rassismus.
Eingeschränkte Mobilität, das ist Catcalling auf der Straße, Sexismus am Arbeitsplatz, Rapeculture, Angst haben müssen, wenn mensch alleine nach Hause gehen will, das ist Gewalt und Kontrolle in Beziehungen, das sind Morde und Gewalt an trans Frauen, Queers und Sexarbeiter_innen, das ist die Potenzierung dieser Gewalt für all jene, in deren Lebensrealität Rassismus, Cissexismus und Armut eine Rolle spielen. Das ist Patriarchat.
Eingeschränkte Mobilität, das ist, wenn Feminismus plötzlich heißt, dass einige weiße cis Frauen die Möglichkeit haben, auf Kosten migratisierter, armer Personen unterschiedlichen Genders ähnliche giftige Privilegien abzuräumen wie einige weiße cis Männer sie genießen. Wenn Haushaltsarbeit, Pflegearbeit und Kinderbetreuung als klassische weibliche Arbeiten unterbezahlt und isoliert stattfinden, sodass eine Organisierung der Arbeiter_innen schwierig und ein Streik kaum denkbar wird. Wenn Deutschland das Land ist, in dem die Klassenreise nach „oben“ in ganz Europa am schwersten ist (mal abgesehen von der Reise nach Europa). Wenn ganze Stadtviertel entvölkert und neu besiedelt werden, sodass jene, die in den schicken Lofts irgendwas am Computer (Mac!) rumklicken, zur Arbeit mit dem Fahrrad fahren können (green!), und jene, die die Lofts putzen, eineinhalb Stunden in der nun streikenden S-Bahn verbringen müssen, um überhaupt ihren outgesourcten Job antreten zu können (5 Euro!).
Das sind Gründe, die Wut nicht auf die Gewerkschaft der Lokführer_innen oder gar auf die Streikenden selbst abzuladen. Das sind Gründe, die Bahn und alle anderen Unternehmen zu beklauen und zu betrügen. Das sind Gründe, unsere eigene Arbeit zu analysieren und zu verstehen, um dann in den Streik zu treten, welche Arbeit auch immer wir ausführen.

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