Morgen ist es wieder so weit: Der 14. Februar. One Billion Rising. Bereits im letzten Jahr hatten wir im Vorfeld einige Kritiken zusammengetragen, dieses Jahr aber möchte ich den Anlass nehmen, um noch einmal auf Eve Enslers Aktivismus zu schauen. Ensler ist die Initiatorin der Kampagne und untrennbar mit dieser verbunden – genau da fangen auch bereits die Probleme an. Hier fokussiere ich mich auf fünf (natürlich auch irgendwie miteinander verknüpfte) Aspekte. Die Liste ist nicht vollständig.
- Der Fokus auf die Vagina. Eve Ensler ist vor allem bekannt geworden als Autorin der „Vagina Monologe“ und auch wenn diese für einige durchaus empowerndes Potential haben, wurden die Ausschlüsse, die in diese eingeschrieben sind, schon vielfach diskutiert. Ensler verbreitet immer wieder cissexistische, biologistische und esoterische Vorstellungen zu Geschlecht, „Geschlechtsorganen“ und „Weiblichkeit“ – verbunden mit der Vereinnahmung und_oder Exotisierung von Geschichten von Frauen of Color. So insistiert sie dann auch schon einmal bei Vorbereitungsveranstaltungen zu One Billion Rising, dass alle Anwesenden durch den Raum gehen und laut „Vagina“ in „ihrer eigenen Sprache“ rufen, da dies der Weg zur Befreiung sei.
- Das (Nicht-)Thema Gewalt durch den Staat: Im letzten Jahr war ein großer Punkt der One Billion Rising Kampagne, dass Frauen dazu „empowert“ werden sollten sexualisierte Gewalt anzuzeigen – und das, obwohl Aktivist_innen seit vielen Jahren aufzeigen, wie gerade auch durch Staatsapparate wie die Polizei Gewalt ausgeführt wird und wie die Erfahrungen mit Institutionen eng zusammenhängen mit Kategeorien wie Geschlecht, Sexualität, race usw. Dieses Jahr hat die Kampagne „gelernt“, hat für die USA die Initiative „One Billion Rising For Justice U.S. Prison Poject“ ins Leben gerufen und fokussiert sich auf „Justice“, die auch unterschiedlich aussehen darf und nicht nur auf Gerichtsverfahren und Anzeigen bezogen wird. Woher die Einsicht kam, dass institutionelle Gewalt thematisiert werden sollte, macht Ensler in allen Interviews wie immer unsichtbar. Und auch die Forderungen an sich kratzen weiterhin an der Oberfläche, so heißt es bei Prison Culture: „Es wird nicht anerkannt, dass Gefängnisse an und für sich Gewalt darstellen. Es wird nicht die Kampagne erwähnt, die vor kurzem darauf aufmerksam machte, dass Frauen, die Gewalt gegen ihre Täter anwenden, sich häufig eingeschlossen in den gleichen Gefängnissen wiederfinden. Es ist als wären sie unsichtbar für die Kampagne. Sie sie nicht auch Gefangene? Sie sie nicht auch Überlebende von Gewalt? Das ganze macht deutlich, dass One Billion Rising’s Analyse der Quellen von Gewalt in den Leben von Menschen zu unkompliziert ist.“
- Congo-Stigmata?! In einem Artikel beim Guardian im Dezember letzten Jahres verweist Ensler darauf, wie sehr sie ja durch „die Frauen im Kongo“ inspiriert worden wäre zu OBR, vor allem auch durch deren Tanzen. Im oben verlinkten Text von Prison Culture wurde auch bereits festgestellt, dass es doch sehr bezeichnend ist, dass Ensler durch das Tanzen inspiriert wurde – nicht etwa durch die jahrelangen Kämpfe und den Aktivismus der Frauen. Aber es bettet sich ein in die Art und Weise, wie Ensler Frauen of Color und insbesondere Betroffene von Gewalt im Kongo instrumentalisiert. Einen vorläufigen Höhepunkt fand dieses Gebaren in Enslers aktuellem Buch. In diesem vergleicht sie unter anderem ihre Erfahrungen mit Krebs mit den physischen Wunden und Traumata von kongolesischen Frauen, die diesen durch sexualisierter Gewalt zugefügt wurden. Ensler macht kongolesische Frauen zu Objekten ihrer Beobachtungen (bis hinein zu entmenschlichenden Szenen im OP-Saal, wo Ensler einer Operation an einer kongolesischen Frau beiwohnt, weil sie unbedingt eine Fistula sehen möchte) und lässt deren Leid zu einer großen Metapher werden, die nur eine im Mittelpunkt hat: Eve Ensler. Dabei schafft sie es auch noch die Gewaltfolgen zu glorifizieren, als ständen sie im Zentrum der Möglichkeiten einer „gemeinsamen weiblichen Erfahrung“. Zum Weiterlesen zu diesem Aspekt empfehle ich zum einen die bei Storify durch Mikki Kendall gesammelten Tweets.
- Verunsichtbarung von Aktivismus: Der 14. Februar ist nicht nur in vielen Ländern als Valentinstag bekannt – sondern war durchaus auch schon bevor Eve Ensler des Weges kam ein Tag, der für aktivistische Aktionen genutzt wurde. Doch das ist Eve Ensler egal. Besonders eindrücklich wird dies am Beispiel Kanada. Wie Lauren Chief Elk in ihrem offenen Brief an Ensler ausführte, ist der der 14. Februar in Kanada bereits seit Jahrzehnten ein wichtiger Tag für Aktionen indigener Frauen. Angesprochen darauf, wie die One Billion Rising Kampagne (die dann auch noch mit paternalistischen Bildern arbeitete) den Aktivismus dieser Menschen vollkommen in den Hintergrund drängt, antwortete eine der Managerinnen, dass ihnen nicht bewusst gewesen wäre, dass das Datum Bedeutung hat und weiter: „Jedes Datum in Kanada ist irgendwie wichtig.“ Chief Elk schreibt weiter an Ensler: „Als ich dir gesagt habe, dass dein weißer, kolonialer Feminismus und schadet/ weh tut, hast du angefangen zu weinen. Eve, du bist hier nicht das Opfer. Das ist auch Teil eines Musters, welches ein Problem ist: Indigene Frauen versuchen ständig all diese Themen zu erklären und bekommen dafür ständig „Warum greifst du mich an?“ zu hören. Das ist kein gutes Verbündeten-Sein.“ – Mittlerweile ruft die offizielle OBR-Seite ihre Aktivist_innen in Kanada für dieses Jahr dazu auf sich doch bitte dem „Annual Women’s Memorial March for The Missing and Murdered Indigenous Women“ anzuschließen und die OBR-Aktionen am 08. März stattfinden zu lassen.
- Paternalistisches Drohnen über OBR. One Billion Rising würde natürlich auch nicht ohne die vielen, vielen Gruppen funktionieren, die lokal Veranstaltungen und Proteste organisieren. Und selbstverständlich sind diese Gruppen divers und nicht alle gleichzusetzen mit dem Programm von Eve Ensler. Um Teil der Kampagne zu werden, müssen sich die Organisator_innen auf einer Webseite registrieren. Dieses Jahr heißt es zu mindestens offiziell, dass darüber hinaus die Optionen offen sind, doch ist die Kampagne an sich doch sehr darauf ausgelegt bestimmte Elemente (Tanz, Logos) aufzunehmen. Und weiterhin reist Eve Ensler durch die ganz Welt, lässt sich von Frauen „inspirieren“ und verbreitet ihre Linie des Aktivismus. Im letzten Jahr berichteten einige lokale Organisator_innen von inhaltlichen Konflikten, denen kaum Platz gegeben wurde, andere traten frustriert zurück.
Auch wenn – durch die unermüdliche, natürlich unbezahlte Kritik-Arbeit von Graswurzel-Aktivist_innen – nach und nach versucht wird bei One Billion Rising nachzubessern, wird doch ersichtlich das die Probleme viel zu tief liegen. Ein paar veränderte Rhetoriken helfen da dann auch nur bedingt, wenn doch das grundsätzliche Verständnis fehlt und Eve Ensler so oft den Mittelpunkt bildet. Wie Andrea Smith so passend fragte: „Wir wissen nun vielleicht, dass wir nicht den Eve Ensler Ansatz wollen, aber was wollen wir stattdessen?“ In dem Blogeintrag Beyond Eve Ensler: What Should Organizing Against Gender Violence Look Like? gibt es dazu dann auch gleich eine Reihe von Gedanken, eine Ausgangsbasis zum Weiterdenken, angefangen von der Frage wie bereits die Kategorie „Frau“ gewaltvoll hergestellt wird, über die weiteren Verknüpfungen mit Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus und dem Wunsch einer Bewegung, die sich nicht um wenige (sehr privilegierte) Sprecher_innen dreht.
Erfahrungsberichte vom letzten One Billion Rising hatten wir in unserer Blogschau versammelt.

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