Dass in wenigen Tagen die Fußball-WM in Südafrika beginnt, ist auch für Menschen ohne jedes Fußballinteresse unübersehbar. Die schwarz-rot-goldenen Fähnchen an Autos und Balkonen und die Flut an sonstigen nationalfarbigen Produkten jeder Art sind jedoch ein relativ neues Phänomen. Erst seit der WM 2006 in Deutschland ist eine so inflationäre – und im Übrigen auch kommerzialisierte – Verwendung nationaler Symbolik zu beobachten. In den Debatten um das „Sommermärchen“ vor vier Jahren wurde dies häufig als Zeichen eines „unverkrampften Patriotismus“ gewertet, als Ausdruck eines nicht (mehr) aggressiven deutschen Nationalismus, sondern eines gewissermaßen natürlichen Nationalstolzes, der so auch in anderen Ländern vorkomme.
Die Verknüpfung von Frauen, Nation und Fußball trug einen wesentlichen Teil zu dieser Wahrnehmung und Darstellung bei: Ein vermeintlich „plötzlich“ erwachtes weibliches Interesse für Fußball und eine große zahlenmäßige Präsenz von Frauen bei Public Viewings und im Stadion wurden zu beliebten Themen der Berichterstattung und blieben es auch bei der EM 2008. Die Tatsache, dass auch und gerade Frauen sich mit schwarz-rot-goldenen Fanutensilien ausstaffieren und mit „typisch weiblicher“ Geschicklichkeit aus Deutschland-Flaggen Röcke, Kopftücher, Bikinis usw. zaubern, gilt als weiterer Beleg dafür, dass die nationale Fußballparty eine friedliche Angelegenheit ist.
Um nicht missverstanden zu werden: Auch wenn sie mir persönlich auf die Nerven gehen, sind die schwarz-rot-gold gemusterten feiernden Partymassen einem aggressiven Mob, der womöglich noch schwarz-weiß-rote Fahnen präsentiert, natürlich vorzuziehen. Die Naturalisierung von Nationalismus, die mit dieser Entwicklung einhergeht („Endlich sind auch wir stolz auf unser Land, so wie alle anderen.“) und die sich auch an die spezifische sichtbare Verbindung von Nationalsymbolen und Weiblichkeit knüpft (Wer kann schon einen schwarz-rot-goldenen Bikini als beängstigend empfinden?), gilt es meiner Meinung nach aber kritisch zu hinterfragen. Nicht zuletzt aus dem simplen Grund, weil sich die Geschichte vom weichgespülten Patriotismus weltmeisterlicher Prägung als falsch erwiesen hat. Die Langzeitstudien Deutsche Zustände des Bielefelder Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung unter Leitung von Wilhelm Heitmeyer belegen eine weiter vorhandene Korrelation zwischen Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit. Auch eine um Frauenhüften geschlungene Fahne ist kein Zeichen von Völkerverständigung. Wenige Monate nach der WM bezeichnete Heitmeyer bei der Präsentation der 5. Folge der Deutschen Zustände die These vom guten Patriotismus als „ein Stück Volksverdummung“.

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