Frauen unerwünscht? Der Wirbel um die deutsche Wired als Netzpolitik-Analogie

Erst klang es so super: Endlich eine deutsche Ausgabe von Wired, dem amerikanischen Magazin, das Netzkultur, Design und Politik verbindet. Dann kam die Ernüchterung, denn die Testausgabe wird den Herrenmagazin GQ beiliegen. Nach Beschwerden von Frauen und selten blöder Rechtfertigungen vom Chefredakteur Thomas Knüwer[1] war ich schließlich nur noch genervt. Anerkennen und Umgang mit der Kritik? Fehlanzeige.

Dabei illustriert diese Debatte wie keine andere die Probleme um die Teilnahme von Frauen an netzpolitischen und technischen Themen. So herrscht laut (zugegebenermaßen anekdotischer) Evidenz kein Desinteresse bei Frauen vor. Stattdessen geben viele aber an, sich „potentiell zu blöd“ oder einfach uninformiert zu fühlen, um an den Debatten teilzunehmen. Auch die sexistischen Scheißeregen, inklusive Vergewaltigungs- und Mordandrohungen, die regelmäßig auf Frauen niederregnen, die den Mund aufmachen, schrecken ab.

Und wie auch sollte frau sich informieren? Frauenmedien haben schon Politik ignoriert, um Netzpolitik wird es noch weniger gehen. Den „allgemeinen“ Offlinemedien werfen netzpolitisch Interessierte dauernd vor, das Netz nicht zu verstehen und falsch darzustellen. Es bleiben also die „männlichen“ Netzmedien – die tatsächlich auch von Frauen gelesen werden, ohne sich dann aktiv zu beteiligen. Warum auch? Netzpolitik gilt als Männerdomäne, Fehltritte als Frau drohen auf alle Frauen zurückzufallen, statt Engagement gegen sexistische Angriffe glänzt die Netzszene vor allem durch Abwehrhaltung. So schließt sich wieder einmal der Kreis.

Wie ließe sich dieser Kreis durchbrechen? Zum einen müssen die netzpolitischen Debatten an Orten geführt werden, an denen auch Frauen sich willkommen fühlen, statt nur als Zaungäste geduldet zu scheinen. Das heißt klar zu machen und durchzusetzen, dass diskriminierendes Verhalten nicht erwünscht ist und Beschwerden über solches ernst zu nehmen! Es heißt nicht, einfach eine rosa Seite aufzusetzen und verständliche Erklärungen mit herablassender Babysprache zu verwechseln.

Zum anderen sollten Frauen, genauso wie alle anderen nicht-männlich-weiß-mittelalten Interessierten, Flagge zeigen, zu Veranstaltungen gehen und dort mitreden! Alle ihr, die ihr Angst vor blöden Fragen (oder Antworten) habt: tatsächlich stellt ihr die spannendsten Fragen und habt die besten Ideen.

Einen guten Anfang bietet dieses Wochenende. Am Freitag gibt es in der Heinrich-Böll-Stiftung die Konferenz netz:regeln, auf der z.B. auch die Frage „Wer spricht für das Netz?“ diskutiert wird. Im Anschluß gibt es noch eine netzpolitische Soirée zum Konflikt Sicherheit und Freiheit im Internet (beide Termine sind kostenlos, erfordern aber eine Anmeldung). Am Samstag heißt es in Berlin schließlich zum fünften Mal „Freiheit statt Angst“ – um 13 Uhr geht es am Pariser Platz los, auf dem Alexanderplatz gibt es ab 14 Uhr dann Kundgebungen, bunte Aktionen und Informationsstände zu aktuellen netz- und sicherheitspolitischen Themen.

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[1] Auf „Titten- oder Männermagazin“-Vorwürfe entgegnete er regelmäßig mit dem Hinweis, auf der aktuellen Ausgabe sei Daniel Craig auf dem Titel. Und ignoriert gekonnt die 15 vorherigen Ausgaben. Weitere Argumente: Männer kauften heute auch Tampons, da sollten Frauen auch die GQ kaufen können und Vogue-Leserinnen würden sich nicht für Themen der Wired interessieren.

29 Kommentare zu „Frauen unerwünscht? Der Wirbel um die deutsche Wired als Netzpolitik-Analogie

  1. Ich find diese Diskussion um GQ peinlich für uns Frauen. Ehrlich. Irgendwer fragte heute bei Twitter, was Männer sagen würden, wenn die Wired mit der Cosmopolitan erschiene. Wisst ihr was? Die würden drüber lachen udn trotzdem kaufen. Weil man auch mal büer den Dingen stehen kann.

    Wenn wir wirklich voran kommen wollen, sollte es uns fickegal sein, womit ein Blatt gebündelt wird, das wir kaufen wollen. Wäre es dadurch teurer – andere Sache. Aber so: Ganz ehrlich es ist mir scheißegal und ich klopp die gq halt in die tonne.

  2. Dass zumindest in der Werbeindustrie niemand glaubt, dass Männer Produkte selbst mit Frauenimage kaufen, einfach weil gut sind, sieht man aber leider täglich. Ob Duschgele oder Eintopf: „Frauengedöns“ geht für Männer anscheinend gar nicht.

  3. @Claudia Meerschieve

    interessante einstellung! eine frage, ich kenn das nämlich nicht,
    sind auf dem cover der cosmopolitan auch männliche fickfetzen in bereitschaftshaltung vorne drauf?

  4. @Claudia Meerschieve
    Der Vergleich hinkt doch. Im Endeffekt wird von beiden Zeitschriften doch das gleiche Frauenbild verbreitet. Die Cosmopolitan ist nur pinker.
    Und würde es in „Bild der Frau“ erscheinen, würden die Männer ganz sicher nicht darüber lachen und es trotzdem kaufen. (Von dem Frauenbild dieser Zeitschrift mal ganz abgesehen.)

  5. @Alex: Sexistischer Kackscheiß (oder wie das heißt). Nur weil eine Frau da drauf ist, die wenig anhat ist sie ein „fickfetzen“ (so verstehe ich deine Analogie). Wie war das mit den Slut Walks? Ab wie wenig Kleidung/welcher Körperhaltung darf ich Frauen oder Männer denn als Fickfetzen bezeichnen?

    Generell: Na ja, aus Verlagssicht gibt es nun mal eine hohe Überschneidung der Zielgruppen (hat zumindest der Verlagsmensch glaubwürdig darlegen können), das macht schon Sinn unter „Realitätsgesichtspunkten“. Das Daniel Craig Argument ist Schwachsinn. Wenn das mit Cosmopolitan oder Bild der Frau gebündelt wäre? Würd ich kaufen, das andere Heft durchblättern und wegschmeißen.

  6. Vielleicht etwas off topic, aber mal so aus der „Außenperspektive“ (da ich mich weder als potenzielle Leserin von Wired, noch von GQ oder Cosmopolitan, geschweigedenn der BILD der Frau sehe): Irgendwie fände ich es schon allein aus ressourcen- und energiepolitischen Gründen ziemlich fragwürdig, ein aufwändiges Print-Produkt kaufen zu müssen, nur um es dann ungelesen wegschmeißen zu wollen, um das zu bekommen, was ich lesen und durch meinen Kauf unterstützen möchte – unabhängig davon, aus welcher Perspektive betrachtet und aus welchen Gründen ich das wegzuschmeißende Print-Produkt doof finde.

  7. @ Claudia:

    Wisst ihr was? Die würden drüber lachen udn trotzdem kaufen. Weil man auch mal büer den Dingen stehen kann.

    Ja, wenn „man“ von „den Dingen“ unterm Strich eher profitiert als dass „man“ von ihnen benachteiligt wird, fällt es sicherlich wesentlich leichter, darüber zu stehen. Und im Einzelfall bzw. für den individuellen Menschen ist das sicherlich auch eine praktikable und zuweilen lebensrettende Strategie, einfach über sowas zu lachen und seiner/ihrer Wege zu gehen. Ändern wird sich dadurch aber niemals etwas. Und die Mädchenmannschaft will, dass sich was ändert, und zwar allerhand.

    @alle:
    Nebenbei bemerkt: Diese ganze Ressourcenvergeudung durch überflüssig produzierte und dann direkt weggeworfene Magazine find ich auch nicht gerade berauschend. Dass „wegschmeißen“ hier in einigen Kommentaren als wirkungsvolle Problemlösungsstrategie vertreten wird, finde ich ein bisschen bedenklich. Wenn wir den Kram eh nicht wollen, wäre es doch viel erstrebenswerter, wenn er gar nicht erst hergestellt würde?

  8. Gutes Posting, Helga! Ich freue mich trotzdem, dass es eine deutsche WIRED gibt. Bei den Vermarktungszwängen — nichts anderes nehme ich als Grund für das Bündel mit der GQ an — kommt eine ganze Menge an Vorurteilen zutage. Nicht schön. Aber sollte es nicht auf die Inhalte ankommen, also wie viele netzbegeisterte Frauen in der WIRED gute Artikel schreiben? Das Umfeld zur Seite: im Zweifelsfall gibt’s ja eine App ganz ohne Männermagazin (hoffentlich, werd ich noch ausprobieren).

    Just my 2 cents,
    Sebastian

  9. Auch ich mag die GQ nicht. Sie bedient Klischees, zementiert den Status Quo und gibt sich bisweilen in Sexismen ab, die ich nicht tolerieren mag. Aber: Der Condé-Nast-Verlag ist kein Weltverbesserungsverein, der sich das Aufbrechen des Patriarchiats auf die Fahnen geschrieben hat, sondern ein Laden, der Geld machen will. Wenn er das mit Magazinen wie der GQ tut, dann darf man das durchaus kritisieren.
    Aber sehen wir es doch einmal von anderer Warte. Da ist dieser Verlag, der hat die Namens- und Urheberrechte an einer Publikation namens „Wired“.
    Was macht der sonst so? Schauen wir in die Wikipedia:

    Die Condé Nast Verlags GmbH ist eine 100%-Tochtergesellschaft der britischen Verlagsgruppe Condé Nast Publications, die zur US-amerikanischen Mediengruppe Advance Publications gehört. Der deutsche Tochterverlag wurde 1978 in München gegründet. Er gibt derzeit die Frauenmagazine Vogue, Glamour, myself, den Lifestyle-Männertitel GQ, das Männer-Modemagazin GQ Style sowie die Wohn- und Designzeitschrift AD (Architectural Digest) heraus.

    Vogue, Glamour, myself, GQ, GQ style und AD, das ist deren bisheriges Portfolio. Nun möchte man die Wired in .de rausbringen und weiß, aufgrund von langjähriger Verlegererfahrung, dass das nicht so einfach ist. Ein der Masse unbekannter Titel (und jetzt geht mal nicht von den gefühlt 750 Early Adoptern aus, die sich das Ding eh kaufen würden), müsste beworben werden. Plakatwerbung, Werbung in eigenen Publikationen gibt es immerhin kostenlos, aber man will evtl TV-Spots schalten und darüberhinaus muss man durchaus etwas Geld fließen lassen, um Kioskbesitzer dazu zu überreden, für das Magazin Fläche im Laden bereit zu stellen. Sprich: das ist ganz schön teuer für ein Magazin, bei dem man sich nicht sicher ist, ob es in Deutschland Publikum fände. Und: die Wired ist aufwändig produziert, sicherlich viel aufwändiger als die GQ mit ihren zum Teil platten Texten. Die Herren Knüwer und Sixtus, aber auch Fräulein Tessa und die anderen Damen sind keine praktikanten, die einer schönen Fotostrecken mittelmäßige Texte unterjubeln. Artikel wollen bezahlt werden. etcetc.

    Sind wir also immer noch bei den Überlegungen: Verlag will Wired in Deutschland testen und eine erste Ausgabe auf dem Markt zu platzieren kostet Geld. Also was tun? Da gibt’s ja noch die Bündelungsmöglichkeit. Vogue und GQ haben je ca. 140.000 Druckauflage, die Glamour ist 4x so groß.

    Dann macht man mal eine kurze Marktanalyse, so aus dem Kopf heraus, und kommt zu folgendem Schluss: Vogue und Glamour eignen sich qua Zielgruppe nicht zwingend, um zusätzliche Leser für ein Technik-Magazin zu finden. Klar, wer sich die Wired kaufen will, dem ist vielleicht auch egal, was da sonst noch so beiliegt und im Mülleimer wandert, aber das ist ja nicht das Ziel von Condé Nast. Das Ziel ist, und das muss man sich klar werden: Möglichst große Zielgruppe, die nicht twittert, knüwers blog liest oder sich sonst im Netz informiert, kriegt mit, dass es da ein neues Magazin gibt, das sie interessant finden könnte.

    Das ist ein Marketinginstrument, um an die Käufer von 140.000 gedruckten GQs ranzukommen. Plus ein paar wenige, die sich denken „Geil, Wired, den Rest schmeiß ich halt weg“.

  10. wiese immer nur „frauen“ unerwünscht? ich als mann will die GQ vielleicht auch nicht lesen und werde sie mir auch nicht wegen wired kaufen. schonmal daran gedacht? :S

  11. @Sebastian: Vermarktungszwänge? Hallo, noch einer zu Hause?

    Nagut, wenn Dein Verlag viel Geld für nen Namen aus gibt, steht er unter Zwang das wieder rein zu holen.

    Die Frage ist doch: Wie kann man eine deutschsprachige Wired sonst aus der Traufe holen? Ich denke da gäbs doch grad wegen dieses ganzen Internets viele Möglichkeiten, als über einen klassischen Zeitschriftenverlag.

    Alles in Allem beeindruckt mich dieser wired.de-Stunt auch technisch/netzphilosophisch/-politisch so gar nicht – und zum Kauf eine GQ wegschmeissen zu müssen, seh ich echt nicht ein.

    Da verdient ja der Verlag doppelt; die Anzeige-Einnahmen der GQ sind natürlich mit jedem Exemplar, was nur wgn wired gekauft wird, eins höher.

    Lasst uns lieber eine eigene Zeitung machen. Anders.

  12. Seltsame Einstellung die Wired so zu vertreiben.
    Das hat was verdrehtes und ist damit Weird.
    Aber die Zielgruppe sind ja auch keine wirklichen Geeks sondern picklige Jünglinge, die schlecht riechen und im Halbdunkel Pizza futtern. ;)

    Geek = Macker ist schon etwas altbacken. Aber irgendein Vertriebsfuzzi ist wohl der Ansicht.

  13. Ich würde als Mann hier der „Claudia Meerschieve“ zustimmen.

    Wer mal in der Twitter-Suche nach „gq verschenken“ sucht, kann sich ungefähr vorstellen, wieviele der Nerds (egal, ob m/w), die ihre Wired gekauft haben, nun auch interessiert die GQ lesen wollen. Nämlich nicht sehr viele.

    https://twitter.com/#!/search/gq%20verschenken

    Einige werden mit Sicherheit mal durchblättern, aber ich denke nicht, dass sich da viele zu GQ-Leser bekehren lassen werden.

    Hätte man sich für ein Bundle mit dem Playboy entschieden, könnte ich die Diskussion noch nachvollziehen, so aber nicht.

    Ich persönlich hätte mich über eine Publikation zusammen mit dem Yps-Heft gefreut, wurde aber auch nix!

  14. Ich finde das Bundling mit der GQ (kaufe ich sonst nie, weiß daher auch nicht, wie das Titelbild sonst aussieht, heute ist ein Herr im Anzug (Justin Timberlake?) drauf) auch ungeschickt. Ich kann aber verstehen, dass es (also irgendein Bundling) notwendig ist, damit die Zeitschrift überhaupt in den Kiosken landet.

    Die Auswahl der möglichen „Bundles“ beschränkt sich schließlich auf die Titel des Condé-Nast-Verlags.

    Wikipedia sagt:

    Er gibt derzeit die Frauenmagazine Vogue, Glamour, myself, den Lifestyle-Männertitel GQ, das Männer-Modemagazin GQ Style sowie die Wohn- und Designzeitschrift AD (Architectural Digest) heraus.

    Da erscheint mir ein Magazin so ungeeignet wie das andere.

  15. Abgesehen von der Frage, ob man als Frau an dem Anzeigenkonglomerat mit Textbeilage namens WIRED überhaupt beteiligt sein möchte (was ich als Mann gerne für jederlei Geschlecht mit Nein beantworte) – die amerikanische WIRED hat dasselbe Problem. Sexistische Titelblätter und im Autorenbereich eine marginale Prozentzahl an Frauen. Nach Beschwerden gab es zum Ausgleich mal eine Extra-Frauen-Ausgabe, wenn ich mich nicht irre.

  16. @Helga

    Die Leute, die interessiert sind kaufen aus ihrer Intention heraus ja keine GQ, sondern eben eine WIRED.

    Dass die GQ Schund ist, ist mir auch klar.

  17. Gutes Thema finde ich (Frauen & Internet) – aber etwas seltsamer Aufhänger. Der Verleger von Condé Nast hat es auf wired.de ja auch so gesehen, dass eine Bündelung mit Vogue oder Glamour doch völlig lächerlich wäre. Was er wohl nicht bedacht hat: wie wenig Menschen ausserhalb der Branche realisieren, wie teuer es ist eine Zeitschrift an den Kiosk zu bringen (Papier, Druck, Vertrieb) und was für ein finanzielles Risiko dahinter steckt. Durch die Bündelung mit einem anderen Heft wird einfach eine gewisse Abnahme der Auflage garantiert. (wer übrigens glaubt, mit dem Verkaufspreis des Heftes würde die ganze Sache finanziert, liegt auch falsch).
    Bleibt die Frage, warum gerade der Glamour-Verlag Condé Nast (USA) die Wired damals gekauft hatte? Wie sehr das nerdige Internet mal zum coolen Lifestyle wird, hatten nur wenige für möglich gehalten.

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