Sobald ich einen feuerspuckenden Drachen finde der perfekt zu meinem scharlachroten Rächerinnen Outfit passt, werde ich die Welt solange mit Schrecken überziehen bis sie mir freiwillig die gesamte Regierungsgewalt überträgt.
Letzte Woche Samstag erhielt ich eine Morddrohung per E-Mail. Darin beschrieb der Verfasser oder die Verfasserin, wie er/sie gedenkt, mich umzubringen – schlagen, aufhängen und verbrennen, zuzüglich Sexualisierungen.
Doch: Trotz der Drohung lebe ich noch. Warum eigentlich? Es wäre vermutlich nicht so schwer, mich umzubringen. Möglicherweise weil eben eine Morddrohung kein Mord ist, sondern eine Drohung und damit anderes bezweckt. Die drohende Person will mich vermutlich in Angst und Schrecken versetzen.
Das funktioniert. Durch die Morddrohung war öffentlicher Raum nicht mehr auch mein Raum, sondern vor allem der Raum des Täters oder der Täterin. Mein privater Raum gehörte nicht mehr mir, sondern war fremddominiert. Alle meine Handlungen drehten sich um die Frage: Wenn ich das jetzt mache oder jenes nicht beachte, ist dann die Funktionsfähigkeit meines Körpers in Gefahr?
Es hat einen guten Grund, dass ich Funktionsfähigkeit meines Körpers und nicht Leben schreibe. Mein Leben ist mehr als ein unversehrter Körper. Mein Leben besteht aus meinen Handlungen und Gedanken – schlicht aus dem, was ich draus mache.
Leider kreisten meine Gedanken nach der Morddrohung um meine körperliche Unversehrtheit. So war mein Leben tatsächlich gefährdet. Denn meine Handlungen und Gedanken wurden nicht mehr von dem was ich daraus mache bestimmt, sondern von dem, was der/die Täter_in daraus machen könnte, um meinen Körper zu schädigen.
Ich tappte selbst in die Falle, die ich so oft kritisiere, wenn ich Empfehlungen lese, wie „Frauen geht nicht mehr allein auf die Straße“ oder „Frauen meidet dunkle Gassen“, wenn z.B. mal wieder einen Serienvergewaltiger umher geht. Die Falle besteht darin, den Handlungsspielraum der potentiellen Opfer einzuschränken. Anders formuliert: Anstelle den/die Täter_in in den Knast zu schicken, schickt unsere Gesellschaft die potentiellen Opfer in den Hausarrest.
Eine ebenso gute Empfehlung wäre die gesamte Gesellschaft in die Pflicht zu nehmen: Allen Menschen zu empfehlen vehement in der Öffentlichkeit Präsenz zu zeigen und dunkle Gassen stärker zu begehen. Da schränkt die Möglichkeit eine Person alleine anzutreffen ein. Wenn ich dann also eine dunkle Gasse entlanggehe, ist die Person, die diese Entscheidung ebenso kurz vor mir getroffen hat, nicht mehr allein. Ich bin in der Nähe – und umgekehrt.
Deutschland hat ein Täter_innen-Strafrecht – Opfer gibt es nur als Zeug_inn_en. Das sollte uns jedoch nicht dazu verführen, eine Täter_inn_en-Gesellschaft zu leben. Weder verzichte ich auf’s Autofahren, weil Fehler Anderer zu einem Unfall führen können, noch verzichte ich auf mein Leben, weil ich durch Arschlöcher bedroht werde.
Eine Morddrohung hat eben nicht nur den Tod im Auge, sondern auch das Leben der bedrohten Person: Es geht darum, das Leben des Opfers einzuschränken, sie zum verstummen zu bringen, sie zu lähmen. Es geht nicht in erster Linie darum, sie tatsächlich auf den Friedhof zu befördern.
Es wird keinen feuerspuckenden Drachen geben der zu mir passt. Schreckensverbreitung ist kein Weg, den ich mir persönlich oder politisch wünsche. Stattdessen werde ich Drachentöterin sein, indem ich alles mir möglich tue, mich feuerspuckenden Drachen zu widersetzen. Ob dieser feuerspuckende Drache nun sinnbildlich für physische oder psychische Gewalt steht, für Sexismus, Rassismus usw.

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