Meine Freundin Rieke war mit ihrer Schwester auf fast jedem Konzert, das es in ihrer Nähe gab. Hunderte Menschen wurden von ihm in ihrem Alltag begleitet und kannten seine Lieder in- und auswendig. Bis heute reist er durch die Lande, um etwas zu bewegen – im wahrsten Sinne des Wortes: um zum Tanzen, zum Lachen und Singen anzuregen. Wie viele Fantasien hat er wohl schon angeregt? Wie viele Menschen für ein Leben lang beeinflusst?
Die Rede ist von keinem gewöhnlichen Pop-Star, nicht von Robbie Williams, sondern vom Liedermacher Fredrik Vahle. Vor 35 Jahren, im Jahre 1973, kam seine erste Platte auf den Markt, „Die Rübe“. Der heute 66-Jährige hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Kindern Spaß zu machen. Aber nicht die Sorte inhaltsleerer, oberflächlicher Spaß wie die Teletubbies, sondern Spaß mit Tiefgang und Gefühl. Seine Lieder waren von Anfang an auch immer politisch, er griff Themen wie Arbeit und Arbeitslosigkeit, Migration, Sexismus und – ja – auch Feminismus und Demokratie auf. Im Lied“Das Trampeltier“ wird zum Beispiel der zivile Ungehorsam propagiert, „Die Rübe“ zeigt, dass alle Kinder – auch die von Gastarbeitern – zusammen viel erreichen können und „Anne Kaffeekanne“ steht für selbstsichere, freche Mädchen, die sich weder nach Konventionen richten, noch von irgendwem zur Hausfrau machen lassen.
Denn die kleine Anne ist ein bisschen verrückt: Sie bläst gerne Trompete auf einer Kaffeekanne und zwar so nervig und penetrant, bis alle Nachbarn „Aufhören!“ schreien. Statt sich aber davon einschüchtern zu lassen, schnappt sich das Mädel ihren Besen und kehrt dieser Nachbarschaft den Rücken zu, auf der Suche nach Gefährten in der ganzen Welt, mit denen sie auf Augenhöhe leben kann. Und wenn ihr jemand doof kommt, dann wird er eiskalt links liegen gelassen. Ein Eskimo am Nordpool zum Beispiel, der sich freut, dass Anne ihm jetzt jeden Tag Lebertran kochen könnte. Oder ein gefährlicher Löwe, der sie fressen will – Anne hat keine Angst.
Selbstbewusst zieht sie weiter und schneit bei Heidi in den Alpen vorbei. Diese würde sie gerne mitnehmen auf ihre abenteuerliche Reise, doch Heidi, das alte Heimchen, hat keinen Bock, bleibt lieber zu Hause. Anne schert sich nicht drum. Als im Schwarzwald der Oberförster mit seinen strohblonden Haaren mit den Worten „du bist genau die richt’ge Frau, du bringst mir die Pantoffeln für die Tagesschau“ versucht, Anne hinter den Herd zu verbannen, steht er ganz schnell wieder alleine da. Richtig so!
Erst der kleine Hansi Heinemann, aus Wanne-Eikel, der nicht versucht, das fliegende Fräullein in irgendeine Rolle zu quetschen, sondern einfach mitreisen möchte, wird aufgenommen. Auf Augenhöhe eben – Jungs und Mädchen.
Wer sich angesichts solcher Kinderlieder, durch die eine ganze Kinder-Generation fast schon „indoktriniert“ wurde, wundert, dass heute so viele Alphamädchen rumlaufen, wer sich noch fragt, wie es zu solchen Ergebnissen in der Brigitte-Studie kommen konnte, die zeigt was Frauen wollen – nämlich alles und das ganz selbstbewusst, der sollte einmal die alten CDs von Fredrik Vahle rauskramen. Dieser Herr, mit dem langen weißen Bart hat sicherlich sein Schärflein dazu beigetragen.
Danke!
Den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (der ihm im Jahr 2000 verliehen wurde) hat er ohne Frage mehr als verdient. Mein Sohn hört übrigens auch fast täglich „Die Rübe“, den „Spatz“ und natürlich Frau Kaffeekanne. Soll ja auch mal ein ordentlicher Feminist werden, der kleine Mann.

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