Ein Weckruf aus Schweden: „Bitterfotze“

Heute ist es endlich so weit: Der Roman „Bitterfotze“ von Maria Sveland erscheint im Buchhandel (und ihr könnt fünf Exemplare gewinnen – siehe unten).

Der Titel macht neugierig: Was hat es damit auf sich? „Bitterfotzig“, so nennt sich Svelands Ich-Erzählerin Sara, wenn sie strukturelle Ungerechtigkeiten, die sie aufgrund ihres Geschlechts oder aufgrund ihrer Mutterrolle erfahren muss, nicht einfach mit einem zuckersüßen Lächeln hinnimmt und so tut, als sei alles in bester Ordnung, wie das von den meisten Frauen erwartet wird. Indem sich Sveland selbst so betitelt, nimmt sie herablassenden Männer-Urteilen in kluger Voraussicht ihre Munition, wie sie im Interview mit dem Verlag Kiepenheuer & Witsch erzählt, wo das Buch erscheint:

„Sowohl »verbittert« als auch »Fotze« sind beides Wörter, die von Männern genutzt werden, um Frauen und Mädchen zu diffamieren. Ich habe erwartet, dass man mich und mein Buch genauso abstempeln würde, da das ja immer passiert, wenn Frauen sich nicht der Norm entsprechend verhalten. Ich habe mein Buch also so genannt, damit es niemand anderes tut.“

Sveland greift die Wut und Verzweiflung im Bauch vieler junger Frauen selbstbewusst auf. Sie seziert akribisch den scheinbar normalen und wenig aufregenden Alltag einer Mutter, geht zurück in die Vergangenheit, in die Kindheit der Tochter eines abwesenden und tyrannischen Vaters, der auf seine ewig kochende und putzende Frau wenn er einmal da war nichts als Psychoterror ausübte. Sveland lässt die Leserschaft mit den Augen eines kleinen Mädchens zuschauen, wie die Mutter alles erträgt und sich in einen Putzzwang völlig zurückzieht, auch für die Tochter unerreichbar. Wenig später lässt die Autorin ihre LeserInnen in die Haut einer erwartungs- und hoffnungsvollen Jugendlichen schlüpfen, die es für selbstverständlich hält, ebenso wie ihre männlichen Altersgenossen wild herum zu probieren. Den Stempel der „Hure“ trug sie alsbald auf ihrer Stirn.

Im weiteren Verlauf schlüpfen wir mit ihr in die Rolle einer jungen Frau, die sich verliebt und eine Beziehung versucht – mit mäßigem Erfolg: Der Kerl treibt uns schon beim Lesen völlig in den Wahnsinn, weil er seinen Kontrollwahn nicht im Griff hat und über-anhänglich ist. Und als Sara mit ihrer Arbeit als Journalistin immer wieder gegen die verhärtete Wand aus mittelmäßig arbeitenden Männern rennt, die sie ignorieren oder herabwürdigen, platzt uns irgendwann komplett der Kragen.  Deswegen applaudieren wir begeistert, wenn Sara ihren bescheuerten Kollegen am Ende bloßstellt, indem sie für alle laut hörbar erklärt: „Dennis hat mir gerade erzählt, dass er früher zu thailändischen Prostituierten gegangen ist, und das hat mir nicht gefallen“.

Ja, das Buch nimmt seine LeserInnen gefangen. Man beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, wofür man Sveland nur sehr dankbar sein kann. Scheinbar unauffällige Alltags-Situationen werden entlarvt: Es ist nicht das persönliche Problem einer Frau, wenn sie mit der Kinderbetreuung überfordert ist. Nein, es ist ein strukturelles Problem, ein gesellschaftlicher Irrglaube an Gleichberechtigung, der sich darin manifestiert, dass Frauen weiterhin von riesigen Schuldgefühlen geplagt werden, wenn sie sich die gleiche Freiheit herausnehmen, wie Männer es ohne mit der Wimper zu zucken machen. Die Schuld, die Last, die Verantwortung – zum Großteil geschultert von Frauen und immer noch zu wenig von Männern – zeigen sich an den Stellen, an denen Sveland vermeintlich kühle Statistiken zitiert. Männer sind innerhalb einer Ehe psychisch gesunder, als als Single, bei Frauen ist es genau umgekehrt. Zufall? Daran glaubt Sveland nicht, sie sieht eine Menge gesellschaftliche Strukturen und Normen, die zu solchen Double Standards führen, sie ist Feministin:

„Feminismus heißt, dass man sich der ungerechten Strukturen zwischen Frau und Mann bewusst ist. Davon gibt es auch heute noch viele. Und natürlich sollte es nicht nur bei dem Bewusstsein bleiben, sondern man muss auch dagegen kämpfen. Für mich ist Feminismus keine private Meinung, sondern eine politische Haltung. Ich persönlich habe viele Jahre lesen, diskutieren, analysieren und nachdenken müssen, bis ich diese Haltung auch wirklich begründen konnte und nun weiß, wie uns Machtverhältnisse beeinflussen. Am meisten kämpfe ich gegen die Ignoranz und Leugnung von Diskriminierung – denn sie sind die ärgsten Feinde des Feminismus.“ (aus einem Brigitte.de-Interview von Susanne)

Am Ende ist das Buch dennoch vorsichtig optimistisch. Geschlechtergerechtigkeit in Beziehungen ist eben keine Selbstverständlichkeit, sie auszuhandeln eine anstrengende Aufgabe für jeden gemeinsamen Tag.

Erschienen bei KiWi Paperback, 272 Seiten, 8 Euro 95.
Eine Leseprobe aus „Bitterfotze“ gibt’s hier.

Interviews und Rezensionen

– Interview mit Sveland auf kiwi-verlag.de

– Susanne interviewte Sveland für Brigitte.de

– Rezension von Dirk Knipphals auf taz.de

– Rezension von Heide Oestreich auf taz.de

Gewinnen!
Mit freundlicher Unterstützung des Verlages Kiepenheuer & Witsch haben wir etwas zu verlosen: Schreibt uns bis Montag, 12 Uhr eine Mail an gewinnen(at)maedchenmannschaft.net und ergattert eines von fünf Exemplaren von Maria Svelands „Bitterfotze“!

Nachtrag:
Hier kannst du nachsehen, wer gewonnen hat.

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31 Kommentare zu „Ein Weckruf aus Schweden: „Bitterfotze“

  1. was? keine kommentare? na so was!
    ist ja auch schwierig, etwas zu einem noch nicht selbst gelesenen buch zu schreiben. außer diesem: es kommt mir sehr bekannt vor…. der wunsch und das versprechen, auch das gegenseitige, es anders zu machen, die alten rollenmuster aufzusprengen, bis hin dazu, dabei kräftig „auf die schnauze“ zu fallen. und sich wieder aufzurappeln, um vielleicht irgendwann auch „süß-mösig“ zu werden. vielleicht nicht selbst, vielleicht die töchter&söhne… außerdem denke ich mir: besser bitter- als hinterfotzig, wa?!
    wie auch immer, ich werde das buch meinen töchtern schenken!

  2. Jetzt habe ich mir nach eurer Ankündigung vor ein paar Tagen das Buch schon beim Internetmonopolisten meines Vertrauens bestellt… naja, mehr Gewinnchancen für andere! Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf das Buch, gerade auch weil es aus Schweden kommt – da denkt man ja immer blauäugig-idealisierend, alles wäre super in Sachen Gleichberechtigung (siehe dazu auch Susannes Interview in der Brigitte!).

  3. Na dann, auf in die nächste Schlacht.

    Mal ernsthaft, wenn ein Mann ein Buch über seine 37,2% autobiographischen schlechten Erfahrungen mit Frauen, Beziehungen und der Arbeitswelt schreiben würde und es „Schlappschwanz“ nennen würde, dann würde seine Abrechnung mit dem Leben nicht als emanzipierendes Epos rezipiert, sondern als die Geschichte einer wirklichen Bitterfotze, wenn sich denn ein Verlag finden würde, um es zu drucken. Wenn es gedruckt würde, würde hier vermutlich eine Rezension von Meredith mit dem Titel „Heul doch!“ erscheinen.

    Jeder Psychologiestudent im zweiten Semester wird bestätigen, wie gut es für uns alle ist, wenn wir unser individuell erfahrenes Leid in einen Kontext stellen und ihm einen Namen geben können, das exculpiert uns ein Stück weit und macht es so erträglicher. Herzlichen Glückwunsch! Ist doch schön, wenn man schon im Vorhinein weiß, daß immer jemand anders für das Scheitern an den eigenen Ansprüchen verantwortlich ist.

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Buch lesen will, denn ich glaube auf Basis dessen, was ich in den Rezensionen gelesen habe, daß der Titel den Inhalt ziemlich genau trifft. Nur weil man sich ironisch die Kritik zu eigen macht, heißt das nicht *deswegen*, daß sie nicht zutrifft.

    Das einzige emanzipierende, was ich aus den Renzensionen mitnehme, steht bei Heide Östreich: „Sara sieht ihre eigene Verstrickung, es sind *ihre* Schuldgefühle, die sie selbst überwinden muss.“ Immerhin.

  4. @jj: Ich glaube schon, dass du das Buch lesen solltest, denn Maria Sveland zeichnet ihre Protagonistin Sara keinesfalls platt-unangreifbar. Im Gegenteil, an vielen Stellen des Buches mag man sie schütteln und will man sie zwingen, mit ihrem Mann über ihre Beziehung zu sprechen. Genau das vermeiden ja viele Frauen (und auch Männer) schlicht aus Harmoniegründen immer noch.

    Im Gegensatz zu Katrin hat mich Saras Mann zum Beispiel auch nicht zur Verzweiflung getrieben, ich fand viele seiner Entscheidungen nachvollziehbar. Im Grunde beschreibt Sveland extrem gut, wie Frauen und Männer durch Schweigen und Konfliktvermeidung erst so richtig in die Sch… geraten. Da sind beide Geschlechter gefragt.

  5. PS – Susanne,

    „BRIGITTE.de: Sara fühlt sich in dieser Hinsicht regelrecht von der Liebe betrogen. Passen denn Liebe und Emanzipation überhaupt zusammen?“

    Das ist mal eine wirklich interessante Frage, wenn sich das nicht nur aufs Geschirrspülen bezogen hat.

    Svelands Antwort ist leider so vorhersehbar und belanglos, wie es nur irgend geht. „Andrea Dworkin 2.0″… diesmal zumindest ohne Penetrationskritik an sich. Irgendwas ist halt doch hängengeblieben ;)

  6. @ jj, dein PS: Sehe ich überhaupt nicht so. Fand ihre Antwort sehr gut und würde ich genau so unterschreiben. Was wäre denn die Alternative? Zu sagen: Nee, passt nicht zusammen, und wenn ausschließlich eine emanzipierte Beziehung will, dann kann man halt keine haben?

    Denke ich nicht. Und sehe auch genug Beziehungen, bei denen es irgendwie geht. Weil eben beide sagen, dass es gehen MUSS.

  7. Susanne,

    „Im Grunde beschreibt Sveland extrem gut, wie Frauen und Männer durch Schweigen und Konfliktvermeidung erst so richtig in die Sch… geraten. Da sind beide Geschlechter gefragt.“

    Und was hat das dann mit Feminismus zu tun? Dann ist die neo-second-wave-Rhethorik nur Marketing und die Rezensenten haben das Buch nicht verstanden?

  8. @jj: Also, jetzt tust du aber ahnungsloser als du bist. Die Aussage „Frauen und Männer müssen in Zukunft gemeinsam verhandeln, wie ein emanzipiertes Miteinander funktionieren kann“ kann man ja wohl als sowas wie die feministische Kernaussage z.B. dieses Weblogs nehmen.

    Und dass die zweite Welle nicht einfach zum 31.12.2000 beendet wurde und wir jetzt wieder bei Null anfangen, weißt du doch auch. Um Gesellschaften analysieren zu können, muss man sich auch ihre Geschichte anschauen. Sonst weiß man doch überhaupt nicht, warum die Dinge so sind wie sie sind. Und natürlich sind die Probleme in Geschlechterfragen auch immer ein Produkt der vergangenen Geschlechterverhältnisse.

  9. Susanne,

    vorsicht, die Frage dreht sich um „LIEBE“, nicht um „Beziehung“. Ich habe hier jedoch die Frage nach dem Maßstab für Kompatibilität weiblicher Liebe und weiblichen theoretischen Bestrebens nach vollständiger Autarkie gesehen, was ich sehr spannend fand. Muß jetzt leider weg… (männliches Ritual – Fußball im Fernsehen ;)), aber das würde ich gerne noch mal im Detail auseinander nehmen.

  10. Susanne,

    „kann man ja wohl als sowas wie die feministische Kernaussage z.B. dieses Weblogs nehmen.“

    naja, es wurde ja auch schon ein paar mal darüber diskutiert, ob man „das Ding“ noch Feminismus nennen sollte. Ich will die Diskussion gar nicht wieder aufnehmen, nur hatte ich beim Lesen der Rezensionen eher den Eindruck, daß eine gewisse Dankbarkeit besteht, daß da endlich mal wieder jemand kommt, der die Frontverläufe vereinfacht.

  11. Gute Frage. Ist Liebe immer auch Hingabe, und Hingabe nicht emanzipatorisch (bzw. feministisch)? Oder kann – wie ein Professor von mir einst behauptete – Liebe überhaupt nur auf Gleichheit beruhen und ist dort, wo ein Machtgefälle herrscht, automatisch keine Liebe mehr, sondern Abhängigkeit?

    Ich mach dann mal bei dem Gewinnspiel mit.

  12. Hingabe feministisch??? Warum?

    Habe auf Brigitte.de den Buchauszug gelesen und es gleich mal bestellt. Zumindest meine Mutter hat unter dem Zwang, beim Kind bleiben auch gelitten und sich später darüber geärgert, nicht mehr für sich eingefordert zu haben. Leider habe ich im Moment keinerlei Hoffnung, dass sich das gesellschaftliche Klima ändert, bis ich mich entschließen sollte, Kinder zu bekommen :/

  13. ich freue mich sehr auf dieses Buch und vor Allem auf die Lesung bei Lit.Cologne im März mit ihr.

    Also ein Tipp (falls es noch karten gibt) :
    am 14.03 in Köln
    Bitterfotzig – oder das Glück der Mutterschaft – Maria Sveland trifft Kirsty Gunn

  14. Und kann es mir auch nicht verkneifen, meine Lieblingsstelle zu zitieren:
    „Warum werden egoistische Frauen als so furchtbar provozierend empfunden, während es bei Männern mehr als Normalzustand gesehen wird? Irgendetwas muss es wohl damit zu tun haben, dass die Religion unseres Kulturkreises mit einer vergewaltigten Frau ihren Anfang nimmt“

  15. Kreske,

    interessant. Aber auch widersprüchlich hinsichtlich des „Vergewaltigungsbegriffs“ – bei einem engen Begriff der V. hat bei Maria ja der Bibel zufolge gerade keine V. stattgefunden. Aber bei einem weiten Vergewaltigungsbegriff stellt sich zum einen die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, Vergewaltigung und „Auserwähltsein“ konzeptionell auseinander zu halten, auch wenn letztlich beides mit einer Beugung des individuellen Willen zu tun hat, weil „Auserwähltsein“ doch irgendwie die (rationalisiert individuelle) Annahme des Schicksals um des Gemeinwohls willen einbezieht (Kants Pflicht, quasi) und zum anderen wurden in der Bibel auf diese Weise deutlich mehr Männer als Frauen „vergewaltigt“ wurden, oder?

    Daß das Christentum (wie auch anderen Religionen) ein zumindest partiell problematisches Frauenbild hat, so wie es (und andere Religionen auch) ein problematisches Verhältnis zur Sexualität an sich, und dabei insbesondere der männlichen (Zölibat!) hat (wegen der ihr zugeschriebenen tendenziellen Soziopathie), das sich in der Instrumenatlisierung von Frauen/weiblicher Sexualität zur Kontrolle der männlichen äußert, ist aus meiner Sicht vollkommen korrekt. Andererseits unterscheidet sich das Christentum darin nur marginal von so manchen radikalfeministischen Ansätzen aus der zweiten Welle…

  16. Sveland bei Brigitte: „Aber wieso sollten wir denn bitte still sein, wenn wir immer noch keine totale Gleichheit in allen Bereichen haben?“

    Das feministische Engagement von Frau Sveland in Ehren, aber die „totale Gleichheit in allen Bereichen“ stelle ich mir sehr langweilig vor. Und sehr ungemütlich, da es wohl eine Diktatur braucht, um das umzusetzen.

  17. @jj: Ich finde den Begriff „Vergewaltigung“ an dieser Stelle auch sehr drastisch, aber fuer mich macht gerade das den Reiz des gesamten Buches aus: eine provozierende Ehrlichkeit, eine „Pissigkeit“ die aber auch berechtigt ist.
    Es gerade im konsensorientierten Schweden zu wagen, von einer Vergewaltigung durch den heiligen Geist und (an anderen Stellen) einer patriarchalen Aparheit zu schimpfen, finde ich bewundernswert.

  18. Ich habe mal bei KiWi die Leseprobe angeschaut. Das hört sich nach mindestens leichter Depression an, was Sara da widerfährt. Irgendwo hab ich mal gelesen, dass es die Depression ist, die aus einem spricht, wenn man depressiv ist, und nicht „man selber“, oder so ähnlich. Was anatomisch gesehen natürlich komisch klingt. Trotzdem habe ich mich schon mal an diesem Satz hochziehen können. Und zum Glück nicht alles in die Tat umgesetzt, was mir in depressiven Momenten durch den Kopf ging.

    Wahrscheinlich hätte es Sara mehr geholfen, sich vom Schlafmangel und all dem in einer Mutter-ohne-Kind-Kur zu erholen, aber wer weiß, ob ihre Erfinderin dann mit dem Buch so reich geworden wäre? ;-) (Und ob es Mütterkuren im gleichberechtigten Schweden überhaupt gibt? Ich habe mal so eine Kur gemacht und kann das nur empfehlen. Allerdings unbedingt die Ohne-Kinder-Variante, sonst hilft es nichts oder nur wenig).

    Es gibt so Textstellen, an denen ich dachte, wenn das jetzt im richtigen Leben stattfände (und es klingt sehr danach), sind es ganz praktische, kleine Dinge, mit denen man die eigene Haltung und die Wahrnehmung derselben durch andere in eine andere Richtung lenken kann. Ein Beispiel aus dem Flugzeug:

    „Ich habe mit einem Mal das Bedürfnis, zu erklären, dass ich normal bin, Familie habe und alles. Aber das hat eher die entgegengesetzte Wirkung auf das Flugangstmädchen [Saras Sitznachbarin im Flugzeug]. Jetzt bin ich auf einmal nicht mehr die Mutige, die sich traut, allein zu verreisen, sondern eine Verdächtige.
    ‚Aber wird dein Sohn dich nicht vermissen?‘
    ‚Doch, und ich werde ihn auch vermissen, aber ich glaube, ich bin eine bessere Mutter, wenn ich mich eine Woche ausruhen darf.‘
    Das Flugangstmädchen schaut mich aus schmalen Augen an.
    ‚Es ist ja nur eine Woche‘, sage ich flehend, aber sie ist gnadenlos.
    ‚Aber für einen Zweijährigen ist eine Woche doch irgendwie total lang?'“ Usw.

    Beim nächsten Mal unbedingt nach dem Satz ‚Doch, und ich werde ihn auch vermissen“ aufhören zu sprechen! Und denken: ‚Ich glaube, ich bin eine bessere Mutter, wenn ich die Unterhaltung an dieser Stelle beende.‘

    Wenn gestresste Mütter mal aufhören würden, sich in solche blödsinnigen Gespräche mit Wildfremden reinziehen zu lassen… Dann wäre schon einiges gewonnen: zum Beispiel ein Stückchen mehr „Raum zum Denken“, den Sara sich in ihren Tagträumen herbeiphantasiert.

  19. Nun hab ich das Buch auch durch und ich finde es großartig. Als Nicht-Mutter habe ich vor allem bei ihren Rückblenden häufig zugestimmt. Leider war ich nicht unbedingt so mutig wie sie. Auch habe ich nicht genau die gleichen Erfahrungen gemacht und Sveland ist ein paar Jahre älter als ich, insgesamt trifft sie aber die Gefühle, die man während des Heranswachsens hat, sehr gut. Ihre Beobachtungen des zwischenmenschlichen Umgangs und der unzureichenden Kommunikation, sind einfach große Klasse.

    Ich habe schon überlegt, einen Stapel zu kaufen und jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, ein Mann könne mich aufgrund seiner Sozialisierung nicht verstehen oder mir die Worte fehlen, drücke ich der anderen Person das Buch in die Hand ;)

    @ Schnatterinchen: Haben wir das nicht alle mal? Situationen in denen wir nicht so schlagfertig sind, wie wir sein wollen, oder in denen unsere Argumente irgendwie nicht ausreichen? Oder dass wir in dumme Teufelskreise geraten (Schlafmangel, Frustration…) und einfach lange brauchen, den Absprung zu finden? Beim Lesen hab ich mir daher ein paar mentale Notizen gemacht, damit ich in einer ähnlichen Situation besser damit umgehen kann.

  20. Klar, SoE, nobody is perfect. Aber dran arbeiten ist meine Devise. Der „Raum zum Denken“ wird in der Tat knapper mit Kindern, egal, wie der individuelle Alltag nun jeweils organisiert ist. Wahrscheinlich ist es Teil der Lebenskunst, mit seinen Ressourcen so zu haushalten, dass man nicht des Wahnsinns bzw. wildfremder Sitznachbarn fette Beute wird. „Den Absprung finden“ ist für mich ein Schlüsselbegriff.

  21. ich habe das buch auch gelesen und finde es wirklich durch und durch gelungen, sie schafft es auf eine sehr authentische art und weise ihre alltäglichen probleme zu schildern, mit der hin- und her gerissenheit einer jeden normalen frau, die sich missverstanden und ausgenutzt fühlt…
    ich konnte mich in sehr vielen gefühlen und situationen ihrerseits wiederfinden und muss sagen das ist seit langen eines der besten bücher die ich je gelesen habe. ich denke das buch hat sehr wohl viel mit feminismus zu tun, sie beschreibt die angst vor der mutterrolle sehr gut, ich denke sehr viele mütter bräuchten mehr unterstützung ihrer männer bei der schwangerschaft und kindererziehung.
    letztendlich will sie sich ja auch von ihren eigenen festgefahrenen strukturen emanzipierten und lernen sich im leben mehr zu behaupten, insbesondere gegenüber männern, daher wüsste ich nicht wie man anzweifeln könnte, das es nicht feministisch sei. man muss das buch einfach lesen. mit leuten über bücher zu diskutieren ohne das sie den inhalt kennen hat eh keinen zweck, man kann ja doch nicht bei einer kurzen themen zusammenfassung das wiedergeben was der genaue wortlaut an stimmung erzeugt…

  22. ein buch für heteromänner eigentlich. ein heteromännerbuch sozusagen :]
    heterofrauen würd ich es (für alle die das christliche weihnachten feiern) nur bedingt schenken, vor allem wenn sie in ähnlicher situation sind. das verlagert das problem doch wieder nur zu ihr, die es dann liest und sich ev wiedererkennt und frustiert wird, dass die verhältnisse sind, wie sie grad sind. und das buch zeigt keinen weg daraus.
    heteromänner jedoch, die vielleicht gar nicht checken, was sie da so tagtäglich tun, kriegen mit dem buch davon einen guten eindruck. ich habe da sehr tolle gespräche geführt mit heteromännern, die von dem buch total begeistert waren, aber auch aufgerüttelt.
    ein bisschen entwicklungshilfe für heteromänner, die sich emanzipieren wollen.

  23. zur totalen Gleichheit in allen Bereichen:
    Das ist natürlich nicht die totale Gleichheit aller Menschen, das ist
    doch klar! (oder mir zumindest.) Es geht darum, dass die Statistik
    über die Gruppe ‚Frauen‘ irgendwann die gleichen Aussagen macht
    wie über die Gruppe ‚Männer‘. Natürlich nicht über sowas wie
    ‚Anzal der Penisse‘ oder ähnliche irrelevanten Dinge, sondern über,
    nur mal z.B., Macht, Aggression (gerne weniger, aber bitte gleich wenig),
    Geld, Selbstbewusstsein, Anzahl geleisteter Stunden in Haushalt und
    ‚bei der Arbeit‘, … ok, ich könnte jetzt noch lange so weitermachen.
    Der Punkt ist, dass es um STATISTIK geht. Also darum, dass Männer
    wie Frauen die GANZE Bandbreite der Verhaltensweisen (etc.) zur
    Verfügung haben. Das heißt nicht, dass es keine im heutigen Sinne
    ‚weiblichen‘ Frauen gibt, oder im heutigen Sinne ‚männlichen‘ Männer.
    Sondern dass es halt auch in gleichem Ausmaß die andere Sorte gibt.
    Das wäre ganz sicher auch für viele Männer eine Befreiung. Ich freu
    mich schon drauf.

  24. ich beziehe mich nur auf den titel des obigen buches und finde es schade, dass wir frauen uns ein vokabular bzw. eine vulgärsprache kritiklos zulegen, das/die an die zuhälter-bordellsprache erinnert. das hat nichts mit einer befreiung oder mit feminismus zu tun. einerseits kämpfen wir feministinnen gegen (kinder-)pornographie, sexismus, frauenfeindliches verhalten, andererseits lassen wir frauenabwertende sprache zu. denn der begriff fotze wird gerade von jugendlichen gegenüber (jungen) frauen in negativer absicht geäussert. warum lassen wir das in unserer pornografisierten/sexualisierten umwelt zu?
    in „Living Dolls“ z.b. warnt eine englische feministin und autorin vor der rückkehr des sexismus – junge frauen lassen sich in uralte muster drängen ( pornochic, glamour-shows, casting-träume, genital-operationen, jugend-schönheitswahn etc. ) und natürlich der klassische püppchentraum. der unterschied zu früher ist, dass viele junge frauen hier mitmachen, sich anpassen. und die vulgärsprache ist meiner meinung nach ausdruck von sexismus und anpassung …
    auch unsere sprache wird sexistischer, radikaler, frauenabwertender,

  25. einerseits kämpfen wir feministinnen gegen (kinder-)pornographie,

    Amy, ich bezeichne mich durchaus als Feministin, aber ich habe ein Problem damit, wenn mir vorgeschrieben wird, wogegen ich als diese zu kämpfen hab. ICH kämpfe nämlich nicht per se gegen Pornographie, ganz im Gegenteil, ich schaue mir gerne mal einen guten Porno an.
    Was deine Kritik am Buchtitel betrifft: Steht das nicht schon im Artikel, dass bewusst das Wort Fotze gewählt wurde, eben weil es von Männern benutzt wird, um Frauen abzuwerten und die Autorin diese Abwertung verhindern will, indem sie dieses Wort selbst benutzt und damit umdeutet.

  26. Die argumentation mit der umdeutung einer vulgaersprache wie fotze ueberzeugt mich eigentlich nicht – ‚emanze‘, ebenfalls ein von abwertung betroffener begriff , waere angebrachter fuer einen buchtitel, wenn es der autorin um feministische inhalte geht. steht dieser begriff fuer starke feministische frauen, nur hier erlebe ich im wellness des feminismus naseruempfende junge fem., fotze scheint eher trendy zu sein . ich schreibe niemanden vor, sich weichgespuelte pornos zu betrachten, finde es aber antifeministisch, die sex-pornoindustrie in irgend einer form zu unterstuetzen – ein industriezweig, der einhergeht mit kindersex, paedophilie, frauenverachtung, prostitution, kriminelle machenschaften, ausbeutung etc.
    Weit haben wir es gebracht, dass dieser wirtschaftszweig inzwischen den bereich der militaer-kriegsausgaben und der einhergehenden menschenverachtung ueberfluegelt hat…

  27. @Amy Begriffe wieder neu zu besetzen und sich die Deutungshoheit zurückzuholen, bedeutet auch, anderen keine Macht über sich selbst zu geben. Das finde ich besser, als sich vorschreiben zu lassen, was man nun sagen kann. Wie Du nun von der Verwendung eines Wortes auf die Unterstützung der Pornoindustrie kommst, ist mir schleierhaft. Da wird es dann auch kompliziert – feministische Kritik heute richtet sich gegen die Ausbeutung und unterstützt gleichzeitig die Sexarbeiter_innen, statt ihnen die Selbstbestimmung abzuerkennen. Pädophilie ist eine Veranlagung, die nicht durch Pornos hervorgerufen wird. Kindersex ist dann was?

  28. Die argumentation mit der umdeutung einer vulgaersprache wie fotze ueberzeugt mich eigentlich nicht …

    dem kann ich mich nur anschließen. der begriff wird lediglich benutzt. aber keineswegs pauschal allein durch die wahl zu einem buchtitel umgedeutet. die umdeutung findet – wenn überhaupt – nur bei denen, sicher nicht allen, statt, die das buch tatsächlich lesen. diejenigen aber, die es nicht lesen, düften mehrheitlich zu denen gehören, die „fotze“ als schimpfwort benutzen. und wenn ich hier unter frauen, die das buch möglicherweise gelesen haben, eine teilnehmerin „fotze“ nennen würde, wäre es ganz schnell vorbei mit der vermeintlichen umdeutung.

    meiner ansicht nach wurde der titel rein aus gründen der provokation und aufmerksamkeitserregung gewählt.

  29. @ Helga – mein hinweis zur porno-industrie galt @ miriams (pardon, ich hatte sie versehentlich nicht direkt angesprochen) zeilen. die kindersex-mafia bedient eindeutig mit kinderpornografischen material pädophile und pädokriminelle.

    feministische kritik richtet sich nicht nur gegen die ausbeutung von frauen als sexmaschinen sondern richtet sich auch gegen die entwürdigung weiblicher menschen
    zur ware. feministische kritik sollte sich ferner gegen die frauenbenutzer richten und das bewusstsein schärfen, dass frauenkauf gegen die menschenwürde verstösst und eine menschenrechtsverletzung bedeutet. die schriften , wie die industrielle vermarktung der weiblichen vagina , und andere von Sheila Jeffreys oder von Andrea Dworkin überzeugen mich weitaus mehr als die argumentationen vertreterinnen der poryes-bewegung …

  30. @ amy: Schön, wenn dich sowas mehr überzeugt, mich aber nicht… Warum DU deshalb aber bestimmen darfst, wer Feministin ist und wer nicht, erschließt sich mir allerdings nicht…

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