Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Hartnäckigkeit sich bestimmte Mythen darüber, was Slutwalk sei und worum es da gehe, in der medialen Darstellung halten. Dabei ist natürlich oftmals sehr durchsichtig, warum sich dort auf bestimmte Aspekte eingeschossen wird. Seitdem sich herumspricht, dass demnächst auch in Deutschland Slutwalks stattfinden werden, begegnet mir allerdings häufig Kritik an dieser Protestform, die in folgende Stoßrichtung geht: Das Anliegen, für welches da demonstriert werde, sei natürlich total legitim und wichtig und nachvollziehbar, aber die Form wäre ja doch sehr eigenartig – wahlweise auch zweifelhaft, sinnlos, kontraproduktiv oder gar komplett antifeministisch.
Inzwischen ist allerhand gedacht und geschrieben worden zum erklärten Ziel einiger Slutwalks, den Begriff Slut bzw. Schlampe zu „reclaimen“, also zurück zu fordern – einige halten viel von der Idee, andere gar nichts, für manche ist das gar nicht wichtig, und für alle diese Positionen gibt es oft gute Gründe. Ich bin allerdings der Auffassung, dass es gar nicht der springende Punkt ist, ob und unter welchen Umständen ein Begriffsreclaiming sinnvoll oder möglich ist – und (jedenfalls für viele von uns: Ich beziehe mich hier ausdrücklich nicht auf von Women of Color für den amerikanischen Raum dargelegte Positionen, an denen sich jegliche Anzweifelei aus einer weißen Perspektive heraus verbietet) auch kein Ausschlusskriterium bei der Entscheidung „Gehe ich zum Slutwalk oder nicht?“ sein sollte.
Zunächst einmal: Das allgemeine Werben für das Verwenden des Wortes „Schlampe“ steht gar nicht so weit oben auf der gemeinen Slutwalk-Agenda, wie manche Mediendarstellung glauben machen mag. Schon gar nicht geht es um ein obskures „Recht, Schlampe genannt werden zu dürfen“ – wenn überhaupt, dann darum, sich selbst so bezeichnen zu können, ohne dass daraus irgendeine Legitimation für respektloses, gewalttätiges oder herabwürdigendes Verhalten durch andere erwüchse. (Übrigens gibt es durchaus Zusammenhänge, in denen eine Aneignung des Wortes bereits praktiziert wird, z.B. polyamoröse Szenen in den USA oder die Riot Grrrl-Bewegung).
Zu selten wird beachtet, dass es einen massiven Unterschied macht, ob ich mich selbst mit einem bestimmten Wort bezeichne oder ob andere das tun – Sprecher_innenposition und Kontext sind absolut entscheidend, wenn es zu entscheiden gilt, ob eine Benennung angebracht ist oder nicht. Vielleicht mag ich es, wenn mein_e Freund_in mich „Süße“ nennt, aber das bedeutet noch lange nicht, dass jeder beliebige Mensch mich grundsätzlich so ansprechen darf. Ob ich mich Schlampe nennen möchte und was das für mich bedeutet, soll meiner Deutungshoheit unterstehen.
Außerdem lässt „Slutwalk“ sich nicht ausschließlich mit „Marsch der Schlampen“ übersetzen. Es kann genauso bedeuten „Aktion, die sich um das Konzept „Schlampe“ dreht, es nutzt, damit spielt“ – und kann damit genauso Plattform für Widerstand gegen diese Bezeichnung überhaupt sein wie für Reclaiming oder, wie Ur-Slutwalk Toronto betont, „Reapropriation„, also Wiederaneignung des Begriffs und Neudefinition – oder aber auch, um „Schlampe“ als die leere Worthülse zu entlarven, die übrig bleibt, wenn der Begriff von seinen misogynen Inhalten befreit wird, indem die darin manifeste verzerrte Wahrnehmung von (vorwiegend) weiblicher Sexualität mit dem Ziel, diese zu kontrollieren und zu maßregeln, bloßgelegt und zurückgewiesen wird.
Entsprechend dieser Vielfalt an Möglichkeiten, das Konzept Slut/Schlampe im Rahmen des Walks zu verhandeln, enthalten auch die Slogans auf den Berliner Infoflyern den Begriff in ganz verschiedener Weise: Slut sisters of the world united take over, Being a slut is not a crime, Ich bin ’ne Schlampe, I am not a slut, Slut? So what?, Not your slut … – darüber hinaus gibt es eine Menge Slogans, die komplett ohne den Begriff auskommen und, stärker als das medienwirksame Label, die Inhalte des Protests betonen. Eine Organisatorin formuliert auf Facebook die Annäherung an „Slut“ folgendermaßen:
Letztlich sind wir uns bewusst, dass wir uns da auf einer Gratwanderung bewegen, zumindest empfinde ich das so, aber wenn wir diesen Begriff aus der männlichen Deutungshoheit rauslösen wollen, müssen wir ihn uns schon nehmen. Und die Debatte darum, ob das eine gute Bezeichnung ist oder nicht und falls nein warum nicht, ist für mich Teil des Prozesses, dessen Teil die Slutwalks sind. Work in Progress sozusagen.
Die Legende, nein, Propaganda von der angeblichen Abwehrfunktion „angemessener“ Kleidung gegen sexualisierte Gewalt ist kriminalstatistisch schon so oft ad absurdum geführt worden, dass mensch sich durchaus mal fragen sollte, warum sie eigentlich so persistent bleiben kann. Denn: Nach dieser Logik sind wir alle Schlampen.
As organizers of the march and other feminists point out regularly, women get raped in sweatpants and t-shirts, in burkas, in wedding dresses, and in every garment imaginable. Women get raped drunk and sober. Women get raped at a few days old and at over 90 years old. Women get raped in their homes, in their workplaces, and in every other location. There is no ’safe‘ place to be, garment to wear, or state to be in for a woman who encounters a rapist. The only common denominator of all rapes and sexual assaults is that there is a rapist present.
[zu deutsch: Wie die Organisator_innen des Marsches und andere Feminist_innen regelmäßig betonen, werden Frauen vergewaltigt in Jogginghosen und T-Shirts, in Burkas, in Hochzeitskleidern und in jedem vorstellbaren Kleidungsstück. Frauen werden betrunken und nüchtern vergewaltigt. Frauen werden vergewaltigt, ob sie ein paar Tage oder 90 Jahre alt sind. Frauen werden in ihrem Zuhause vergewaltigt, an ihrem Arbeitsplatz und an jedem anderen Ort. Es gibt keinen „sicheren“ Ort, keine „sichere Kleidung“ oder keinen „sicheren“ Zustand für eine Frau, die einem Vergwaltiger begegnet. Der einzige gemeinsame Nenner aller Vergwaltigungen und sexuellen Übegriffe ist, dass ein Vergewaltiger anwesend ist.]
Wenn es das Äußere ist, das Übergriffe „provoziert“, dann gilt für alle von uns, die jemals dumm und dreist angemacht, sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden oder dies berechtigterweise fürchten: Wir gehören dazu. Deshalb geht es bei Slutwalk auch mindestens so sehr um Solidarität wie um individuelle optische Geschmacks- und Stylingfragen. Wenn diese dort eine Schlampe ist, weil sie in diesem Outfit belästigt wurde, dann bin ich, die sich vielleicht manchmal ähnlich kleidet, genauso gefährdet, dieses Label gegen meinen Willen aufgeklebt zu bekommen. Dagegen gilt es sich solidarisch zu wehren: gegen eine kollektive Stigmatisierung aufgrund fiktiver Ursachenzuschreibungen. Gegen das Ausspielen, ja geradezu Aufhetzen von Frauen gegeneinander, indem sie sich einteilen lassen in unterschiedlich „ehrenvolle“ Kategorien; in dem ihnen nahegelegt wird, sich doch bitte zugunsten ihrer vermeintlichen eigenen Integrität beharrlich abzugrenzen von „billigen Flittchen“, Sexarbeiterinnen, ja, von den Schlampen eben – ohne dass sie diese Abgrenzung tatsächlich aus dem Objektstatus befreien würde.
Am ärgerlichsten sind die selbsgerechten, bevormundenden Stimmen à la „Also, natürlich stehe ich hinter dem Anliegen, ganz klar – aber lasst euch von mir sagen: So geht es nicht, ihr müsst das anders machen.“ Wenn all diesen Leuten das Ende der Vergewaltigungskultur angeblich so am Herzen liegt: Warum gehen sie dann eigentlich jetzt nicht los und starten eine Bewegung, die ihnen zielführender erscheint? Wenn sie es so wichtig finden, dass gegen opferbeschuldigendes Verhalten angegangen wird, warum solidarisieren sie sich nicht zunächst einmal mit all denen, die dieses Anliegen teilen – und damit auch den vielen, die eben im Slutwalk eine Plattform für ihren Widerstand sehen?
Der Eindruck, der sich aufdrängt: Hier geht es viel mehr darum, allzu vorwitzige Frauen in ihre Schranken zu weisen (ich sehe darin auch eine Form von „slut-shaming„), als konstruktiv-solidarisch daran mitzuwirken, eine Protestform zu erfinden, mit der sich möglichst viele identifizieren können. Viele Menschen weltweit fühlen sich von der Slutwalk-Bewegung angesprochen, und zwar nicht von der Option, mit wenig an auf der Straße herumzuhopsen, sondern weil sie finden, dort ihr Unbehagen, ihre Wut artikulieren zu können – welche_r hat das Recht, all diesen Menschen vorzuhalten, dass sie angeblich „falsch“ protestieren und das noch nichtmal kapieren? Wie Kathleen Hanna sagte:
You don’t want to start setting up another rule book, like: „This is how you’re a feminist. And this is the way you dress. And this is the way you act. And this is the way you protest.“ It’s like, some people protest carrying signs. Some people protest by making activist radical music. Sometimes people try to just make it through a day and not kill themselves, and that’s their activism for right then, because that’s all they have… “
[Du willst doch nicht noch ein Regelwerk aufstellen, nach dem Motto: „So und so bist du Feminist_in. Und so und so hast du dich anzuziehen. Und so und so hast dich zu verhalten. Und so und so musst du protestieren.“ Einige protestieren eben mit Schildern in der Hand. Andere protestieren, indem sie aktivistische radikale Musik machen. Manche Leute versuchen einfach, den Tag zu überstehen, ohne sich umzubringen, und das ist dann ihr Aktivismus, weil das alles ist, was sie haben…]
Jetzt ist Gelegenheit, dass wir mal aufhören, aneinander und unseren jeweiligen Formen der Widerständigkeit herumzumäkeln – warum nutzen wir diese Gelegenheit nicht einfach mal, um die Solidarität zu üben, die wir so dringend benötigen, um weiterzukommen auf dem Weg Richtung Selbstbestimmung?


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