Thilo Sarrazin hatte gestern ganz gemütliche Sonntags-Pläne. Einfach mal seine rassistischen, sexistischen, klassistischen, ableistischen (und ja, diese Aufzählung ließe sich lange fortsetzen) Thesen verbreiten, in schöner Kulisse des Berliner Ensemble. Nach „Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ hat Sarrazin jetzt mit „Der neue Tugendterror: Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ ein zweites Buch nachgelegt. Vor diesem ist kaum ein Entkommen, denn viele Medien wollen gern etwas ab vom Aufmerksamkeits-Kuchen und sei es nur um „kontrovers zu diskutieren“. Auf wessen Kosten auch immer.
Doch nicht alle wollten Sarrazin zu bereitwillig eine Bühne bieten. Das Aktionsbündnis „TUGENDTERROR GEGEN #TERRORTHILO“ hatte für den gestrigen Auftritt zum Protest aufgerufen. Da hieß es unter anderem:
Mit der Wahl des Veranstaltungsortes setzen Sarrazin und das ausrichtende Cicero-Magazin auf volle Konfrontation: Sarrazins Rassismus und Sozialchauvinismus, längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sollen endlich auch die letzten Bastionen linker Kultur schleifen. Dass das Berliner Ensemble dieses Spiel mitspielt zeigt überdeutlich, wie ausgebrannt und wie staatstragend diese Kultur längst ist. Während sie den Kommunisten Brecht zum Stichwortgeber sozialromantischer Abendunterhaltung degradiert, wird draußen neoliberal „durchregiert“ (Merkel).
Mehr als hundert Menschen machten sich am Sonntagvormittag auf den Weg an den Schiffbauerdamm. Dabei hatten sie Schilder wie „Wir sind die Gebärmaschinen“, „Wir schaffen Deutschland ab“, „Wir sind die Kopftuchmädchen“ oder Brechtzitate a la „Wir haben Besucher aus der Vergangenheit nicht gern“. Mit lautstarkem Protest vor dem Gebäude und im Saal schafften sie es tatsächlich, dass Sarrazin nach einer Stunde unverrichteter Dinge abreisen musste.
Wie es um das politische Verortung des Berliner Ensembles steht, bewies dann auch gleich die Direktorin Jutta Ferbers, die auf die Rhetorik von Sarrazin zurückgreifend den Medien mitteilte: „Wir beugen uns dem Meinungsterror der Demonstranten“. Von mir Applaus an alle „Meinungsterrorist_innen“, die Rassismus, Sexismus und Klassismus nicht noch mehr Raum geben wollen.
(Dass natürlich auch Brecht keine emanzipatorische Heilsfigur war, soll hier an dieser Stelle heute nicht im Vordergrund stehen.)

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