In diesem Essay schreibt Dr. Kirsten Armbruster der Schwedin Maria Sveland zu ihrem Bestseller „Bitterfotze“, der 2009 in Deutschland erschien. Dr. Kirsten Armbruster, geb. 1956 in Dortmund, aufgewachsen in Ägypten und in Fürstenfeldbruck hat Agrarwissenschaften studiert und promovert. Mit ihrem Verlag edition.courage veröffentlicht die vierfache Mutter ihre Denkansätze in Büchern, Artikel und Vorträgen. Ihr aktuelles Buch „Das Muttertabu oder der Beginn von Religion“ ist 2010 erschienen.
Liebe Bitterfotze,
wie gut verstehe ich deine Bitterfotzigkeit. Dieses diffuse Gefühl, als Mutter im Patriarchat, die Arschkarte gezogen zu haben. Und wie genial die Wahl des Begriffs Bitterfotzigkeit, um eben dieses Gefühl auszudrücken! Hier im katholisch-konservativen Bayern, wo die Bedingungen für Mütter besonders zum Himmel schreien, hat Bitterfotze noch dazu eine wunderbare Mehrdeutigkeit, denn Fotze ist nicht nur ein anderes vulgäres Wort für Möse. „Halt´dei Fotzen“! heißt auch „Halt den Mund“, im Sinne von „Halt dein Maul!“ Und das Wort Fotze, existiert im Bayerischen noch in einer weiteren Wortkombination: „Du kriegst glei´ a Fotz´n“ bedeutet „Du kriegst gleich eine Ohrfeige“. So bedeutet Bitterfotzigkeit also: Wenn du als Mutter, dein Maul aufmachst, um bittere Wahrheiten auszusprechen, die aber im Patriarchat niemand hören will, kriegst du eine auf´s Maul.
Mütter, die unsichtbare Macht hinter allem Leben! Denn kommt durch unsere Fotze nicht das neue Leben in die Welt und nähren wir mit unseren Titten nicht eben dieses neue Leben? Diese Diskrepanz zwischen der wahren Lebensmacht von Müttern und ihrer gleichzeitigen Machtlosigkeit im Patriarchat, das ist das, was uns zu Recht bitter macht! Müssen wir also zu vulgären Ausdrücken greifen, um auf unseren Zorn, unsere Wut aufmerksam zu machen? Sei´s drum, benutzen wir ruhig die vulgäre Sprache unserer Zeit, denn letztendlich ist alles Muttersprache!
Mütter und Macht, scheint das nicht ein Widerspruch an sich? Ach wie gut, dass keine weiß, dass Macht ursprünglich ein altes Wort für Scheide, also Fotze ist. Wir kennen diese alte Bedeutung kaum mehr, und nur noch indirekt begegnen wir sprachlich dieser uralten Müttermacht, nämlich in dem Wort Gemächte für das männliche Glied. Das Gemächte ist grammatikalisch, das, was gemacht worden ist. Es hat als Partizip Perfekt eine passive Bedeutung. Das Gemächte ist folglich das, was von der Macht, der Fotze, gemacht worden ist, und hier können wir die alte Lebensmacht der Mütter aus vorpatriarchalen Zeiten noch deutlich spüren.
Macht in unserer Gesellschaft ist allgemein verbunden mit Ansehen, Position und Geld, und all dies haben Männer. Macht im Patriarchat ist männlich! Und die Mütter haben tatsächlich nichts von alle dem, kein Ansehen, keine Position und vor allem kein Geld. Mütter arbeiten rund um die Uhr, ohne Feierabend, ohne Wochenende, ohne Urlaub, aber ihre Arbeit ist unsichtbar. Das Patriarchat behauptet, dass die Caring-Arbeit von Müttern gar keine richtige Arbeit ist, und deshalb wird diese Arbeit in der patriarchalen Logik auch nicht bezahlt. Jede Hausfrau hat diese patriarchale Kröte geschluckt und antwortet brav, wenn man sie nach ihrer Arbeit fragt: „Ich arbeite nicht“!
Mütter haben im Patriarchat kein Geld, und die stark gestiegene Kinderarmut der letzten Jahre ist weniger eine Kinderarmut, sondern vor allem eine Mütterarmut. Kein Geld zu bekommen für die Mütterarbeit, bedeutet im Alter, in der Folge, kaum eine Rente zu bekommen, obwohl es ja gerade die Mütter sind, die durch ihre Mütterarbeit die Generationenrente der Jungen für die Alten ermöglichen. Und was ist mit dem Ansehen von Müttern im Patriarchat? Sie gelten als nicht arbeitende und damit im heutigen geldwerten Kapitalismus – der Caringkomponenten als unwert erachtet – nichts nutze, überflüssige Wesen. Denn ansehen wollen wir die Arbeit von Müttern keinesfalls! Würden wir diese Arbeit ansehen und in geldwerte Leistung umrechnen, kämen nämlich schwindelerregende Zahlen heraus. Im BIP, in der die Summe der Wertschöpfung einer Volkswirtschaft zusammengefasst wird, taucht diese Caring-Arbeit deshalb auch vorsichtshalber nicht auf.
Nun, auf dem Weg zum Postpatriarchat entwickeln wir gerade ein neues Bild von Familie, weg von der Hausfrauenmutter über die Supermutter der letzten Jahre, die die Doppel- und Dreifachbelastung einer Vollzeit-berufstätigen Mutter, mit erfrorenem Burn-out-Lächeln schultert, hin zu einer emanzipierten Partnerschaftsgesellschaft: Vater und Mutter sind beide gleichberechtigt berufstätig und im Caringbereich tätig. Die Kinder werden partnerschaftlich von Frauen und Männern betreut und dabei durch eine qualifizierte Betreuung außerhalb der Kleinfamilie kollektiv bestmöglich entlastet. Wäre da nicht dieser fatale Denkfehler, dass Mütterarbeit doch so praktisch kostenlos war und immer noch ist. Nun plötzlich, wenn die Familienarbeit außerhalb der Familie geleistet werden soll, werden die Kosten sichtbar. Und was kommt da plötzlich nicht alles als Kostenfaktoren zum Vorschein!

Die Kosten für den Kitaplatz, der viele Hundert Euro pro Kind und Monat kostet, wenn er denn überhaupt zu bekommen ist. Die Kosten für gut qualifiziertes, heißt natürlich auch, gut bezahltes Erziehungspersonal, noch dazu in ausreichender Anzahl. Die Kosten für die Ganztagsschule mit zahlreichen Zusatzangeboten, die die unendlichen Fahrten von Müttern ersetzen muss. Dann haben wir noch die Kosten für eine gesunde Schulverpflegung, und nicht zuletzt die Kosten für das Erziehungsgeld, das vorsichtshalber nur ein Jahr gezahlt wird, als entspräche es der menschlichen Realität, dass eine einjährige intensive Betreuung ausreicht für die Reifung eines Menschen. Und schließlich kommen ja zu den Erziehungskosten noch all die Kosten der Altenpflege auf die Gesellschaft zu, denn auch diese „Nichtarbeit“ haben Mütter über Jahrhunderte kostenlos erledigt. Der neue Weg ins Postpatriarchat, mit gut ausgebildeten wirtschaftsrelevanten Frauen, macht also erst einmal deutlich, welche Kostenlawine auf eine Gesellschaft zukommt, weil das Patriarchat die Mütter, die ganze Zeit gezwungen hat, all diese Caring-Arbeit ohne geldwerte Leistung zu erbringen. Aber Frauen verfügen nun mal über das Monopol der Geburt, und gut ausgebildete Frauen mit ihrer Möglichkeit der Wahl, können in Zukunft die Regeln diktieren für das Postpatriarchat. DINKS, die Double Income No Kids Menschen von heute werden sich nämlich gut überlegen, ob sie in die jetzige Armutsfalle der Kleinfamilie tappen werden.
Neben den nun plötzlich sichtbaren Kosten der einst kostenlosen Mütterarbeit, kommen eine ganze Reihe weiterer patriarchaler Probleme auf uns zu, die auf dem Weg ins Postpatriarchat erst einmal gelöst werden wollen: Eines davon mit bisher hohem Stressfaktor für Familien: Wohin mit dem Kind, wenn es krank wird? Denn Kinder sind nun mal keine hochfunktionalen Maschinen! Gibt es da nicht noch eine liebevolle O-Ma im Hintergrund? Zeit müsste sie allerdings haben diese O-Ma! Die O-Mas dieser Generation haben vielleicht noch Zeit, da sie noch der kostenlosen Mütterarbeitgeneration angehören, aber was ist mit den O-Mas der nächsten Generationen? Werden wir in Zukunft ein postpatriarchales Hohelied auf die O-Mas anstimmen, ein Hohelied auf die Großmütter, die Großen Mütter, und mit diesem das patriarchale Hohelied der Kirchen „O, Herr“, ersetzen?
Und der Weg zum Postpatriarchat, dieser Weg birgt noch so manche Stolperfalle. Müssen wir doch dazu erst einmal ein Grundgesetz des Patriarchats abschaffen: das patriarchale Grundgesetz, dass Putz- und Hausarbeit Frauensache ist! Aber hier liebe GestalterInnen des Postpatriarchats eine Sensation: Die Wissenschaft hat bestätigt, dass Frauen auf ihrem X-Chromosom nicht über ein explizites Putzgen verfügen. Es steht also aus wissenschaftlicher Sicht nichts im Weg, dass auch Männer putzen, waschen, bügeln, kochen, einkaufen, Kinderpopos und Altenpopos säubern und zwar schön gerecht: halbe/halbe. So nun hätten wir dies also auch geklärt!
Bleibt noch ein gleichberechtigter Erziehungsurlaub für Väter, aber nicht nur eben mal zwei Monate reinschnuppern, und sich dafür in den neuen Papahimmel loben lassen, sondern auch hier ehrlich: halbe/ halbe. Und natürlich brauchen wir, damit dies überhaupt möglich ist, auch einen arbeitsrechtlichen Väterkündigungsschutz zwecks Diskriminierungsschutz von Vätern gegenüber Nichtvätern.
Und was ist das letztendliche Ende von alle dem? Solange die Qualität einer Arbeit vor allem an der ineffektiven quantitativen Präsenz gemessen wird und solange wir der Caring-Seite einer Gesellschaft so wenig Bedeutung beimessen, solange sind wir noch weit entfernt vom Postpatriarchat.
So, liebe Bitterfotze, vielleicht weißt du jetzt ein bisschen mehr, warum du so bitter bist. Es ist nicht dein persönliches Versagen und es ist erst recht nicht deine Schuld, wie uns patriarchale Vatergotttheologien weis machen wollen Es sind die Bedingungen des Patriarchats, die das Leben von Müttern so bitter werden lässt. Deine Gefühle des Zorns sind berechtigt, deine Gefühle der Wut sind richtig und wichtig. Und der Weg, diese Gefühle nicht aus Harmoniesucht einfach immer nur wegzuschieben, sondern ihnen auf den Grund zu gehen, dies ist der einzige Weg, der uns ins Postpatriarchat führen wird. Bis dahin dürfen wir Mütter ruhig bitterfotzig sein!

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