Wer war… Lieselott Herforth? Kernphysikerin und erste Rektorin einer deutschen Universität

19. Dezember 2016 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 51 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Nach erfolgreichem (= abgeschlossenem) Lehramtsstudium in Musik und Physik arbeitet Julia-Josefine in der Physikdidaktik einer Berliner Uni. Und wenn sie gerade nicht die Studierenden mit Physik quält, liest sie gerne Bücher oder spielt Gitarre in der Band Totally Stressed. Für die Mädchenmannschaft hat sie die Biographie von Lieselott Herforth: Die erste Rektorin einer deutschen Universität von Waltraud Voss gelesen, erschienen im Transcript-Verlag (2016).

Dieses Jahr wäre Lieselott Herforth, Kernphysikerin und erste Rektorin an einer deutschen Universität, 100 Jahre alt geworden. Ein sehr guter Grund, sich mit dieser bemerkenswerten Frau zu beschäftigen. Das dachte sich auch Waltraud Voss und schrieb diese umfangreiche Biographie.

Buchcover: Lieselott Herforth. Die erste Rektorin einer deutschen Universität. Waltraud VossPhysik studieren und eine Frau sein, das ist auch heute noch mit einigen Vorurteilen verbunden. Ich musste leider hin und wieder die Erfahrung machen, nicht als kompetent genug betrachtet zu werden und wenn doch, dann wurde mir abgesprochen eine „richtige“ Frau zu sein. Wie muss es wohl zu Zeiten von Lieselott Herforth gewesen sein? Daher war ich sehr begierig darauf zu lesen, welche Erfahrungen sie gemacht hatte und wie ihr Umgang damit war. Immerhin hatte sie es bis zur Rektorin der Technischen Universität Dresden geschafft und war damit die erste Frau in Deutschland, die solch eine Stellung annahm.

Aber schon in der einleitenden Bemerkung wurde mir klar, dass diese Erwartungen wohl nicht erfüllt werden. Waltraud Voss stellt klar: Das Buch ist eine „Bestandsaufnahme“ ist. Was meinem Leseinteresse keinen Abbruch tat.

Das Buch ist eine umfangreiche und übersichtliche Darstellung von Lieselott Herforths Leben. Viele Originalquellen und Bilder sind zu sehen und Waltraud Voss nimmt sich ausreichend Zeit für alle Aspekte in Lieselotts Leben. So findet sich auch eine kleine und liebevoll ausgesuchte Zusammenstellung von Originalbriefen des Vaters an Lieselott.

Zu Beginn von jedem Kapitel findet sich ein gesellschaftlicher Abriss. Dies ist wichtig, denn Lieselott Herforth war Kernphysikerin. Der zweite Weltkrieg, der Bau der Atombombe, der Energiewechsel von Kohle zu Kernenergie, die Gründung der DDR bis hin zum Mauerbau, der Kalte Krieg: Das waren die Zeiten, in denen Lieselott in diesem Bereich tätig war, sich immer für eine friedliche Nutzung einsetzte und in entsprechenden Gremien vertreten war.

Wer sich nicht von diversen unerklärten physikalischen Begriffen wie „Strömungsionisationskammer“, „Szintillationszähler“ oder „Sekundärelektronenvervielfacher“ abhalten lässt und eine gut recherchierte und zusammengestellte Biografie lesen möchte, wird hier nicht enttäuscht. Denn auch ohne das physikalische Verständnis wird klar, dass diese Frau in Ihrem Gebiet viel geleistet hat. Als Wissenschaftlerin, aber auch als hervorragende Lehrerin und Reformatorin zur praxisnaheren Ausbildung. Das Buch ist eine angemessene Würdigung für das umfangreiche und beeindruckende Leben der Lieselott Herforth.


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Wer war… Daisy Bates?

4. November 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 50 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Daisy Lee Gatson Bates war eine US-amerikanische, Schwarze Journalistin und Bürger_innenrechtsaktivistin, die durch die „Central High School“-Krise in Little Rock, Arkansas, in den Jahren 1957 bis 1959 weltweit bekannt wurde. Als Präsidentin der Arkansas Conference of Branches der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), zu der sie 1952 gewählt wurde, war Bates eine der Initiator_innen des gerichtlichen Verfahrens Aaron v. Cooper, das die Desegregierung aller öffentlichen Bildungseinrichtungen in Arkansas sicherstellen sollte und letztlich 1959 vom obersten Verfassungsgericht der USA (Supreme Court of the United States) zugunsten der Schwarzen Kläger_innen entschieden wurde.

Im Zuge der Auseinandersetzung um die Desegregierung öffentlicher Schulen wurde der gewaltvolle Konflikt um die Zulassung von neun Schwarzen Schüler_innen zur Central High School in Arkansas‘ Haupstadt, Little Rock, zum berüchtigten Höhepunkt. Nachdem Arkansas‘ Gouverneur Orval Faubus die Schule mithilfe der Nationalgarde umstellte und später ein rassistischer Mob die Schwarzen Schüler_innen am Zutritt hinderte, stationierte US-Präsident Dwight D. Eisenhower schließlich Armee-Truppen in Little Rock, um den Schwarzen Schüler_innen – die „Little Rock Nine“: Ernest Green, Elizabeth Eckford, Jefferson Thomas, Terrence Roberts, Charlotta Walls, Minnijean Brown, Gloria Ray, Thelma Mothershed und Melba Patillo – den Zugang zur Schule zu ermöglichen.

Quelle: Wikipedia.

Daisy Bates kam ca. 1913 in  der kleinen Gemeinde Huttig zur Welt und wuchs bei Adoptiveltern auf. Im Alter von 15 Jahren lernte Bates ihren Ehemann L.C. (Lucius Christopher) Bates kennen und die beiden zogen nach Memphis, Tennessee, bevor sie neun Jahre später nach Arkansas zurückkehrten. In Little Rock gründeten die beiden die Wochenzeitung Arkansas State Press, die sich an eine Schwarze Leser_innenschaft wandte und für Schwarze Bürger_innenrechte einsetzte. Daisy Bates wurde Redaktionsmitglied.

Als Präsidentin der NAACP in Arkansas wurde Daisy Bates auch dadurch bekannt, dass sie in einer Anhörung von Aaron v. Cooper den weißen Anwalt Leon Cartlett, der die Segregationspolitik der Schulbehörde verteidigte, darauf hinwies, dass er sie höflich und nicht nur mit ihrem Vornamen anzusprechen habe. Daisy Bates koordinierte die Kampagne für die Little Rock Nine und fungierte sowohl als Ansprechpartnerin der Schüler_innen und ihrer Angehörigen als auch für Politiker_innen. Ihr Engagement für die Schüler_innen und deren Recht auf den Besuch nicht-segregierter Schulen wurde 1957 mit dem „Woman of the Year in Education“-Preis der Associated Press (AP) anerkannt. Daisy und L.C. Bates selbst mussten zwei Jahre später nach jahrelangen Drohungen, Angriffen und Boykotts ihre Zeitung Arkansas State Press aufgeben.

Bates war weiterhin die zentrale Figure in der Schwarzen Bürger_innenrechtsbewegung in Arkansas bis in die späten 1960er Jahre und eine der wenigen (der vielen) Schwarzen Aktivistinnen, die öffentlich Gehör und Anerkennung fanden. Daisy Bates war die einzige Frau, die beim „March on Washington“ im August 1963 auf dem Podium am Lincoln Memorial (als kurzfristige Vertretung für Myrlie Evers) eine Rede halten durfte, die den Aktivismus Schwarzer Frauen – unter anderem von Rosa Parks und Diane Nash – würdigte.

In den späten 1960ern und frühen 1970ern widemete sich Bates zunehmend der Armutsbekämpfung innerhalb von Schwarzen communities, unter anderem als Direktorin der Economic Opportunity Agency, und versuchte später erfolglos, die Arkansas State Press wiederzubeleben. Am vierten November 1999 verstarb Daisy Bates in Little Rock.

Zum Weiterlesen/-schauen:

Daisy Bates‘ Buch: The Long Shadow of Little Rock (Fayetteville: University of Arkansas Press, 2000).

PBS-Dokumentation: Daisy Bates: First Lady of Little Rock (2010).


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Wer war … Yvonne Vera

7. April 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 49 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Heute vor zehn Jahren verstarb die simbabwische Schriftstellerin (und Galeristin) Yvonne Vera mit gerade einmal vierzig Jahren. In ihrem kurzen Leben hatte sie es geschafft gleich eine Reihe von Werken zu veröffentlichen, die bis heute nachhallen und dies auch noch in weiteren zehn Jahren tun werden, denn sie erzählt Geschichten, die so schnell nicht vergessen werden können, in einer Sprache, die unter die Haut geht.

2015-04-07

Vera wurde am 19. September 1964 in Bulawayo geboren. Ihre Eltern waren beide LehrerInnen und auch sie ergriff zunächst diesen Beruf. Im Jahr 1986 ging sie dann nach Kanada, wo sie ein Bachelor- und Masterstudium absolvierte und ihre Doktorarbeit verfasste. Zur gleichen Zeit begann sie auch fiktive Texte zu veröffentlichen. In seinem Nachruf zitiert der Schriftsteller Helon Habila sie mit folgender Anekdote:

She was a student in Canada, then in her late 20s, and sent a story to a magazine in Toronto: „I was asked by the publisher if I had more stories. I said ‚yes‘ haphazardly, though I had none. He asked for them. Therefore I set out to write them.“

Sie war Studentin in Kanada, in ihren spätern 20ern, und sie sandte eine Geschichte an ein Magazin in Toronto: „Der Verleger fragte mich, ob ich mehr Geschichten hätte. Ich sagte etwas wahllos ‚Ja‘, obwohl ich keine hatte. Drum machte ich mich auf sie zu schreiben.

Ihr Kurzgeschichtenband Why Don’t You Carve Other Animals? erschien 1992. In den darauffolgenden Jahren veröffentlichte Vera fünf preisgekrönte Romane (Nehanda, Without a Name, Under the Tongue, Butterfly Burning, The Stone Virgins) und gab einen Band mit Kurzgeschichten anderer afrikanischer Schriftstellerinnen heraus (Opening Spaces: An Anthology of Contemporary African Women’s Writing). Veras Bücher alle sind frauenfokussiert, es sind die Geschichten simbabwischer Frauen zu unterschiedlichen historischen Momenten, an verschiedenen Orten, die sie erzählen wollte. Dabei erleben Veras Protagonistinnen immer wieder Gewalt im unterschiedlichen Formen, sie greift Tabus auf, und beschreibt selbst initierte Abtreibungen. Dies alles kleidet sie in Worte, die die Grenze zwischen Prosa und Poesie nur noch verschwommen wahrnehmen lassen und die auch immer noch Momente von Hoffnung zulassen. Ranka Primorac schrreibt im Journal of Commonwealth Literature:

This latest novel [The Stone Virgins], however, also continues a key thematic thread that runs through all of Vera’s fiction: women’s resistance to the patriarchal and violent male society, and their longing for new and untried futures, often articulated through female friendship and solidarity.

Dieser letzte Roman [The Stone Virgins] fährt auch mit einem Schlüsselthema in Veras fiktiven Schreiben fort: Widerstand von Frauen gegen die patriarchale und gewaltvolle männliche Gesellschaft und ihr Verlangen nach neuen und unerprobten Zukunftsentwürfen, oftmals ausgedrückt durch Freundinnenschaften und weiblicher Solidarität.

In deutscher Übersetzung erschienen Nehanda, Eine Frau ohne Namen, Seelen im Exil. Erzählungen und Schmetterling in Flammen.


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Samstagabendbeat mit Billie Holiday

4. April 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 48 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Billie Holiday (geboren in Philadelphia als Eleanora Fagan Gough) hätte in diesem Jahr am siebten April ihren 100. Geburstag gefeiert. Die Jazz- und Blues-Ikone Holiday wuchs in Baltimore, Maryland, auf, bevor sie mit ihrer Mutter nach New York zog und dort ihr Debüt als Sängerin in diversen Clubs in Harlem machte. Holiday wurde schließlich von Musikproduzent John Hammond entdeckt und sie begann, mit Benny Goodman erste Stücke aufzunehmen. „Lady Day“ arbeitete zwischen den Mitt-1930ern bis Anfang der 1940er Jahre insbesondere mit dem Musiker Lester Young zusammen; in dieser Kollaboration entstand ein ganzer Jazz-Kanon.

Sowohl Holidays ungewöhnliche Stimme und Gesangstechnik als auch emotionale, mutige Lieder machten sie berühmt. Ihre Version des von Lewis Allen (Abel Meeropol) gedichteten und komponierten Anti-Lynching-Lieds „Strange Fruit“,  die sie 1939 im Café Society in Manhattan uraufführte, ist legendär.

Dieses und zwei weitere tolle Lieder („Travelin‘ All Alone“ mit Saxophonist und Klarinettist Lester Young und „Farwell to Storyville“ aus dem Film „New Orleans“, in dem Billie Holiday 1947 gemeinsam mit Louis Armstrong auftrat) stellen wir in diesem Samstagabendbeat zu ihrem 100. Geburtstag vor. Weitere Informationen, Liedtexte, Hörproben und vieles mehr könnt ihr auf Billie Holidays Homepage finden. Eine kurze Biographie gibt es ausserdem bei PBS.

Happy Birthday, Billie!


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Mit E-Gitarrensolo zum 100. Geburtstag: Wer war… Sister Rosetta Tharpe

20. März 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 47 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Am 20. März 1915 wurde Rosetta Nubin, später bekannt unter ihrem Künstlerinnennamen Sister Rosetta Tharpe, in Arkansas geboren. Ihre Eltern waren beide BaumwollpflückerInnen. Katie Bell Nubin, ihre Mutter, war außerdem involviert in der Church Of God In Christ – als Predigerin und Musikerin. Mit bereits vier Jahren begann sie mit Gitarre und Gesang ebenfalls aufzutreten. Als sie zwei Jahre später mit ihrer Mutter nach Chicago zog, kam sie erstmals neben Gospelmusik mit Blues und Jazz in Berührung. Die nächsten Jahre zogen die beiden weiter durch die USA und sie trat in verschiedenen Kirchen auf.

Mit 23 Jahren, im Jahr 1938, betrat sie erstmal ein Aufnahmestudie, bekam einen Plattenvertrag und avancierte zum Gospelstar, die erste kommerziell erfolgreiche Gospelsängerin in den USA. Im Dezember des gleichen Jahres trat sie im Spirituals to Swing Concert von John Hammond in der Carnegie Hall auf. Das besondere dabei war, dass Gospelmusik – neben Blues und Jazz – einem sekulären Publikum präsentiert wurde, was nicht alle bisherigen Fans Sister Rosetta Tharpe guthießen. Sie nahm 1944 den Song „Strange Things Happening Every Day“ auf, welcher im darauffolgenden Jahr zum Hit wurde und als ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Rock’n’Roll gilt. In 1946 sah sie ein Konzert der Sängerin und Musikerin Marie Knight und war sofort absolut begeistert. Sie überzeugte Knight sie auf ihrer Tour zu begleiten und in den kommenden Jahren nahmen beide gemeinsam Songs auf und tourten gemeinsam durch die USA – zwei Musikerinnen allein (meint natürlich ohne Männer) unterwegs, ein durch aus radikaler Schritt. Der Song „Up Above My Head“ erreichte Platz 6 der us-amerikanischen R’n’B-Charts. Nachdem Marie Knights Mutter und zwei Kinder in einem Brand starben, zog sie sich zurück um dann Solo – auch auf anderen musikalischen Wegen – weiterzumachen.

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It’s my party and I cry if I want to – Zum Tod von Lesley Gore

17. Februar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 46 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Gestern verstarb die Sängerin, Songwriterin, Schauspielerin und Aktivistin Lesley Gore im Alter von 68 Jahren an Krebs. Dies teilte ihre Partnerin Lois Gatton mit: „Sie war ein wunderbarer Mensch – fürsorglich, großherzig, eine großartige Feministin, eine großartige Frau, ein großartiger Mensch, eine großartige Philanthropin.“

Mit 16 Jahren nahm Gore Gesangsunterricht in New York. Tapes, die sie aufnahm, gelangten zum Produzenten Quincy Jones und er wollte mit ihr arbeiten. Gleich ihre erste Single „It’s my Party (And I’ll Cry If I Want To)“ (1963) wurde zum Nummer-1-Hit in den USA. Trotz des großen Erfolgs besuchte Gore weiter die Highschool – und vor ihrem Wohnhaus campten Fans. Einen weiteren Hit (und ihre letzte Top-10-Single) landete sie mit „You Don’t Own Me“, der 1996 als Abschlussong im Film The First Wives Club (Der Club der Teufelinnen) gesungen von Diane Keaton, Bette Midler and Goldie Hawn, noch einmal groß an Beliebtheit gewann. Über den Song, der ihr persönlicher Liebling war, sagte Gore selbst:

When I first heard that song at the age of 16 or 17, feminism wasn’t quite a going proposition yet. Some people talked about it, but it wasn’t in any kind of state at the time. My take on that song was: I’m 17, what a wonderful thing, to be able to stand up on a stage and shake your finger at people and sing you don’t own me.

Gore nahm 12 Alben auf und es erschienen eine Reihe von Compilations. Ihr letztes Album mit neuem Material brachte sie 2005 heraus, „Ever Since“, woraus Songs für Soundtracks für Serien wie CSI und The L Word übernommen wurden. Für den Film Fame (1980) schrieb sie gemeinsam mit ihrem Bruder Michael Gore den Song „Out Here on My Own„, welcher für einen Oscar nominiert wurde.

Neben ihrer Musikkarriere (und einigen Schauspielabstechern) beendete sie außerdem ein Studium am Sarah Lawrence College und engagierte sich politisch. Im Jahr 1968 war sie als Freiwillige aktiv in der Präsidentschaftskampagne von Robert Kennedy. Es verband sie außerdem eine Freundschaft mit der feministischen Aktivistin und Politikern Bella Abzug. Auch für diese setzte sie sich ein. Darüberhinaus war sie immer wieder in verschiedenen Projekten und Aktionen aktiv. In den 2000ern trat sie im Fernsehen als Gastgeberin des LGBT-Newsmagazins In The Life auf.

I’m young and I love to be young
I’m free and I love to be free
To live my life the way I want
To say and do whatever I please


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Black History Month: Samstagabendbeat mit Miriam Makeba

14. Februar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 45 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Wie accalmie letzte Woche ankündigte, wollen wir diesen Februar anlässlich des Black History Months im Samstagabendbeat Schwarze Künstler_innenen und ihren Aktivismus vorstellen. Ein würdiger Anlass um endlich mal etwas zur südafrikanischen Musikerin und Aktivistin Miriam Makeba zu veröffentlichen.

Makeba wurde 1932 in Johannesburg geboren und erlebte ihre ersten sechs Monate im Gefängnis, wo ihre Mutter, eine Hausangestellte, wegen dem Verkauf illegal gebrauten Biers (ein Nebenerwerb in den ökonomisch sowieso sehr schwierigen Zeiten) einsaß. Makeba fing als Teenager an wie ihre Mutter Geld durch putzen zu verdienen. Mit 17 Jahren gebar sie ihre Tochter Bongi, die später eine ganze Reihe von Songs für Makeba schrieb und deren früher Tod mit nur 35 Jahren ein einschneidener Schicksalsschlag war.

Makeba tauchte bereits ab den 1950ern in die Musikszene des vibriernden Sophiatowns ein. Mit der Band Manhatten Brothers tourte sie durch Südafrika, Simbabwe und Congo. Im Jahr 1956 veröffentlichte sie den Song „Pata Pata„, der – als er zehn Jahre später nochmals in den USA erschien – zu einem ihrer größten Hits wurde. Makeba selbst bedauerte in Interviews, dass gerade dieser Song und nicht eines ihrer ernsteren Werke so symbolhaft für sie stand. Im Jahr 1959 flog Makeba nach Venedig zum Filmfestival für ihre Rolle in dem Film „Come Back Africa“. Das Erscheinen des Films, welcher einen kritischen Blick aufs Apartheid-Südafrika warf, verunmöglichte ihre Rückkehr nach Südafrika. Ihr Pass wurde für ungültig erklärt. Mit der Hilfe von Harry Belafonte migrierte Makeba in die USA.

Makeba verband zeitlebens immer ihre Musik mit politischem Aktivismus, auch wenn sie betonte, dass sie ‚einfach‘ von ihren Erfahrungen singe. Die Sängerin, die viele Songs in afrikanischen Sprachen, vor allem Xhosa und Zulu, sang, kündigte einen weiteren Hit häufig mit folgendem Satz bei Konzerten an: „Die Kolonisatoren nennen den Song Click Song, weil sie nicht Qongqothwane sagen können.“ Im Jahr 1963 sprach sie erstmals vor den Vereinten Nationen über das südafrikanische Apartheidssystem. Als Konsequenz wurde ihr die südafrikanische Staatsbürgerinnenschaft aberkannt und ihre Alben wurden in Südafrika verboten. Makeba heiratete den Black-Panther-Aktivisten Stokely Carmichael und sie zogen aufgrund politischer Verfolgung nach Guinea. In Interviews betonte sie immer wieder, dass Rassismus kein rein südafrikanisches Problem ist – nur dort in spezifischer Art und Weise institutionalisiert.

Miriam Makeba kehrte im Juni 1990, nach der Freilassung Nelson Mandelas, nach Südafrika zurück und konnte erstmals zum Grab ihrer Mutter reisen, an deren Beerdigung sie hatte nicht teilnehmen können. Sie starb 2008 nach einem Herzinfarkt, den sie bei einem Konzert in Italien zur Unterstützung der Anti-Camorra Kampagne von Roberto Saviano erlitt.

Zum Weiterlesen: Portait zu Miriam Makeba auf South African History Online.

Zum Weitergucken: 2011 erschien der Dokumentarfilm Mama Africa von Mika Kaurismäki.


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Wer war… Hannah Arendt?

18. Dezember 2014 von Viruletta
Dieser Text ist Teil 44 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

„Wenn man als Jude angegriffen ist, muß man sich als Jude verteidigen.“

Hannah Arendt, 1963. Dieses Bild wurde zur Verfügung gestellt von Ryohei Noda.

Hannah Arendt, 1906-1975. Hier im Jahre 1963.
Dieses Bild wurde zur Verfügung gestellt von Ryohei Noda.

Hannah Arendt war eine jüdische, deutsch-amerikanische Theoretikerin und Publizistin, die heute vor allem mit ihren Aufzeichnungen zum Eichmann-Prozess und dem daraus entstandenen Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen.“ in Verbindung gebracht wird.

Kindheit und Jugend in Deutschland

Johanna Arendt ist am 14. Oktober 1906 als erstes und einziges Kind der säkular jüdischen Eltern Martha und Paul Arendt in dem deutschen Dorf Linden geboren worden und in Königsberg aufgewachsen. Durch den frühen Tod ihres Vaters wurde sie mit nur sieben Jahren zum Kind einer alleinerziehenden Mutter. Martha Arendt, die selbst in Paris studiert hatte, legte viel Wert darauf, Hannah eine gute Schulbildung zu ermöglichen, was zur damaligen Zeit für Mädchen noch keineswegs üblich war. Außerdem war es Martha wichtig, dass Hannah in der Schule aufgrund ihrer jüdischen Herkunft keine Benachteiligung erfuhr. Hannah erhielt die Anweisung, unverzüglich nach Hause zu kommen, wenn von Seiten des Lehrpersonals antisemitische Äußerungen getätigt wurden, egal gegen wen. In diesen Fällen schrieb Martha Arendt sofort einen Beschwerdebrief an die Schulleitung. Hannah lernte dadurch schon früh, sich nichts gefallen zu lassen.

Darüber hinaus begleitete sie ihre Mutter bereits mit 12 Jahren zu politischen Diskussionen. Sie wurde zu einer sehr rebellischen Schülerin und aufgrund dessen auch mit 15 Jahren von der Schule verwiesen, nachdem sie ihre Mitschüler*innen dazu aufgefordert hatte, den Unterricht zu boykottieren. Ihre Mutter, die nach wie vor absolut hinter ihr stand, schaffte es jedoch durch ihre guten Beziehungen, Hannah zu ermöglichen, auch ohne Abitur ein paar Jahre an der Berliner Universität zu studieren. Im Frühjahr 1924 durfte Hannah dann doch noch unter verschärften Bedingungen als Externe ihr Abitur ablegen – sie bestand mit glänzendem Erfolg und war ihrer alten Klasse damit sogar noch um ein Jahr voraus.

Studium bei Heidegger, Husserl und Jaspers

Nach dem Abitur ging Hannah nach Marburg, um dort bei dem jungen Privatdozenten Martin Heidegger zu studieren, mit dem sie kurz darauf eine Affäre einging. Hannah verließ Marburg jedoch schnell wieder, um bei Edmund Husserl in Freiburg zu studieren und anschließend in Heidelberg bei Heideggers Freund Karl Jaspers zu promovieren. Nachdem sie Ende 1928 mit nur 22 Jahren den Titel »Dr. phil.« erworben hatte, beschloss sie nach Berlin zu gehen und ein Buch über die Jüdin Rahel Varnhagen zu schreiben, was für sie zugleich eine Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte bedeutete. (mehr …)


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„Ich bin nicht deine Inspiration“ – Zum Tod von Stella Young

9. Dezember 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 43 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Am Wochenende verstarb überraschend die australische Komikerin, Autorin, Journalistin und Aktivistin Stella Young im Alter von 32 Jahren. Jahrelang setzte sie sich für die Rechte behinderter Menschen ein und stieß überhaupt Diskussionen zum neu Denken und Sprechen über Behinderungen an. In öffentlichen Diskussionen machte sie sich stark für offensive Selbstbezeichnungen, das Hinterfragen von Barrieren und woher diese Barrieren kommen sowie der Art und Weise, wie behinderte Menschen gesellschaftlich betrachtet werden. „Mitleid steht unseren Rechten im Weg“, stellte sie fest.

Einer ihrer bekanntesten Vorträge wurde erst in diesem Jahr im April aufgenommen, da sprach sie bei der Veranstaltung TedxSydney und machte deutlich: „Ich bin nicht deine Inspiration.“ Millionfach wurde das Video bisher aufgerufen und ihre Analyse zu den allgegenwärtigen „inspirierenden Bildern“ behinderter Menschen geteilt:

For lots of us, disabled people are not our teachers or our doctors or our manicurists. We’re not real people. We are there to inspire. And in fact, I am sitting on this stage looking like I do in this wheelchair, and you are probably kind of expecting me to inspire you. Right?

[…]

And these [inspirational] images [shared via social media], there are lots of them out there, they are what we call inspiration porn. And I use the term porn deliberately, because they objectify one group of people for the benefit of another group of people. So in this case, we’re objectifying disabled people for the benefit of nondisabled people. The purpose of these images is to inspire you, to motivate you, so that we can look at them and think, „Well, however bad my life is, it could be worse. I could be that person.“*

Eine eindrückliche Zusammenstellung der Gedanken von Stella Young ist ihr Brief an ihr zukünftiges 80-jähriges Ich, welcher erst vor ein paar Wochen online publiziert wurde. In diesem beschreibt sie die gesellschaftlichen Hürden und die Veränderungen ihres eigenen Denkprozesses, wie sie selbst lernte sich neu als behinderten Menschen zu verstehen. Young hebt hervor, wie sie beispielsweise aktiv ver_lernte, gerade als behinderte Frau sich immer wieder für ihre öffentliche Raumeinnahme, ja für ihre Existenz, irgendwie zu entschuldigen. Weiter wendet sie sich an sich und fragt:

Remember those days back before you came out as a disabled woman? You used to spend a lot of energy on ‚passing‘. Pretending you were just like everyone else, that you didn’t need any ’special treatment‘, that your life experience didn’t mean anything in particular. It certainly didn’t make you different from other people. Difference, as you knew it then, was a terrible thing. I used to think of myself in terms of who I’d be if I didn’t have this pesky old disability.

Then, at seventeen, something shifted. To borrow from Janis Ian, I learned the truth at seventeen.

That I was not wrong for the world I live in. The world I live in was not yet right for me.

Stella Young hat aktiv auf so vielen Ebenen daran gearbeitet, die Welt ein kleines wenig „richtiger“ zu gestalten und hat viele Aktivist_innen angeregt (und nicht inspiriert im Sinne von Inspirationsporno!) sich kritisch mit Behinderungen, Rhetoriken und den eigenen Positionen auseinaderzusetzen.

Weitere Artikel:

* Übersetzung Zitat 1: Für viele von uns sind behinderte Menschen nicht unsere Lehrer_innen, nicht unsere Ärzt_innen, nicht unsere Nagelpfleger_innen. Wir sind keine wirklichen Menschen. Wir sind da um zu inspirieren. Und tatsächlich  sitze ich hier auf dieser Bühne in meinem Rollstuhl, so wie ich eben ausseh, und Sie erwarten wahrscheinlich, dass ich Sie jetzt inspiriere. Richtig? […] Und all diese [inspierenden] Bilder [, die über soziale Medien geteilt werden] , von denen es so viele gibt, nennen wir Inspirationsporno. Ich benutze den Begriff Porno mit Absicht, da diese Bilder eine Gruppe von Menschen objektifizieren zugunsten einer anderen Gruppe von Menschen. In diesem Fall werden behinderte Menschen objektifiziert zugunsten nicht behinderter Menschen. Der Sinn solcher Bilder ist es Sie zu inspirieren, Sie zu motivieren, so dass wir sie angucken können und denken: „Okay, egal wie schlimm mein Leben ist, es könnte schlimmer sein. Ich könnte diese Person sein.“

Übersetzung Zitat 2: Erinnerst du dich an die Zeit vor deinem „Coming out“ als behinderte Frau? Du verwandtst eine ganze Menge Energie aufs „passen“. So zu tun als wärst du einfach wie alle anderen, als bräuchtest du keinerlei „Sonderbehandlungen“, als würde deine Lebenswirklichkeit nichts besonderes bedeuten. Auf jedenfall unterschied sie dich nicht von anderen Menschen. Differenz/ Unterschied, so wie du es kanntest, war etwas furchtbares. Ich dachte gewöhnlich an mich selbst, so wie ich sei, wenn ich nicht diese verteufelte Behinderung hätte.
Dann mit 17 veränderte sich etwas. Um es mit Janis Ian zu sagen: Ich lernte die Wahrheit mit 17.
Dass nicht ich falsch war für die Welt, in der ich lebe. Sondern dass die Welt, in der ich lebe, noch nicht richtig für mich ist.


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Zum Tod von „Transgender Warrior“ Leslie Feinberg

18. November 2014 von Nadine
Dieser Text ist Teil 42 von 51 der Serie Wer war eigentlich …
Cover von Stone Butch Blues

Quelle: en.wikipedia.org

Nach jahrelangem Kampf gegen verschiedene Krankheiten ist Aktivist_in und Autor_in Leslie Feinberg am Samstag im Alter von 65 Jahren verstorben. Aktivist_in, Partner_in in crime und Wegbegleiterin Minnie Bruce Pratt hat auf Advocate.com einen liebevollen und faktenreichen Nachruf auf Feinbergs Leben und Wirken verfasst.

Leslie Feinberg zählt neben Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson zu einer der tragenden Figuren der us-amerikanischen Trans Liberation und LGBT-Bewegung. Ihr_sein Leben hatte und hat enormen Einfluss auf politische Bewegungen, Theoriebildung, literarisches Schreiben von und über Lesben und Trans* und Aktivist_innen weit über die USA hinaus. Pratt zitiert Feinberg im Nachruf:

In a statement at the end of her life, she said she had “never been in search of a common umbrella identity, or even an umbrella term, that brings together people of oppressed sexes, gender expressions, and sexualities” and added that she believed in the right of self-determination of oppressed individuals, communities, groups, and nations.

Am Ende ihres Lebens sagte sie, sie sei niemals auf der Suche nach einem weit verbreiteten Sammelbegriff für Identitäten gewesen, geschweige denn einem Begriff, der Menschen unterdrückten Genders, Gender Ausdrucksformen oder Sexualitäten zusammenbringt und fügte hinzu, dass sie an das Recht auf Selbstbestimmung von Individuen, Communitys, Gruppen und Nationen glaubt

In diesem Zitat von Feinberg spiegelt sich die Mehrdimensionalität ihrer_seiner politischen Perspektive wieder: Trans*diskriminierung und Hetero_Sexismus kann nicht von Rassismus und Klassenunterdrückung/Klassismus getrennt werden. So sprach sich Feinberg beständig in Reden und Texten gegen Kriege, Militarisierung, Gefängnisse, rassistische Gewalt durch Staat und staatliche Behörden, Diskriminierung im Gesundheitssystem, Ausbeutung von Arbeiter_innen (of Color) und Kapitalismus aus, organisierte mehrere Demonstrationen und Märsche mit, unterstützte aktivistische Gruppen. Zuletzt setzte sich Leslie Feinberg für die Freilassung von CeCe McDonald ein.

Zu Feinbergs bekanntesten Veröffentlichungen zählen die Romane Stone Butch Blues (1984) und Drag King Dreams (2006) sowie die Sachbücher Transgender Liberation: A Movement Whose Time Has Come (1992), Transgender Warriors: Making History (1996) und Trans Liberation: Beyond Pink or Blue (1999).

In der Woche des Trans*(gender) Day of Remembrance hinterlässt Leslie Feinberg viele trauernde Menschen weltweit, deren Leben durch ihr_sein Schaffen und Schreiben inspiriert und geprägt wurde.

weitere Informationen

Die Webseite von Leslie Feinberg wird gerade überarbeitet. Auf dieser wird demnächst Stone Butch Blues anlässlich des 20. Geburtstags des Romans frei zugänglich sein. Komplettiert wird die Veröffentlichung mit einer Slideshow zur Kampagne für die Freilassung von Cece McDonald. Auf Feinbergs anderer Webseite transgenderwarrior.org findet ihr ein ganzes Archiv über Leslies Schaffen, unter anderem eine deutschsprachige Übersetzung von Transgender Liberation von 1992.

Lavender & Red: Feinbergs Artikel im Workers World Magazine zu den Verknüpfungen von sozialistischen und LGBT-Bewegungen

Vortrag von Leslie Feinberg zu Trans(gender) Bewegungen

Sunny Drake hat anlässlich des Todes von Feinberg einen Text geschrieben, der sich um (Zugehörigkeit) von älteren Menschen in politischen Bewegungen dreht (auf englisch).

Termine:

19.11., Berlin: Queer Edge Tresen der trans*genialen f_antifa zum Trans*(gender) Day of Remembrance mit einem Film von Susan Stryker zum Widerstand von Trans* gegen Polizeigewalt vor dem Stonewall Riot.

20.11., Berlin: Veranstaltung von GLADT e.V. und LesMigraS zum TDoR im Südblock mit Performances von Lia La Novia, Julz und Jayrôme C. Robinet.

Beide Veranstaltungen sind kostenfrei und mit einem Rollstuhl zugänglich. Die Veranstaltung im Südblock findet in deutscher und englischer Lautsprache statt. Die Performances werden schriftlich auf eine Wand projiziert. Der Queer Edge Tresen am Mittwoch ist zusätzlich rauch- und drogenfrei.


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