Wie mein Kind ein Junge wurde – Teil 2

6. Januar 2015 von Melanie
Dieser Text ist Teil 44 von 45 der Serie Muttiblog

Minime ist inzwischen dreieinhalb. Vor gut einem Jahr beschrieb ich meine Beobachtungen, wie aus ihm ein Junge gemacht wird: Durch Interpretation seines Verhaltens, Auswahl seiner Geschenke und Anziehsachen und so weiter. Inzwischen ist Minime ein kleiner Mensch, der durchaus selber kommunizieren kann und ich sehe plötzlich, dass es nicht nur „Erwartungen“ sind, die an ihn heran getragen werden, ich sehe oft deutlich, wie seine Bedürfnisse und Wünsche ignoriert werden, wenn sie nicht den geschlechtsspezifischen Anforderungen entsprechen. Oft tut es mir richtig weh, wenn ich sehe, wie er versucht, einen Wunsch oder ein Bedürfnis zu formulieren und dieses ignoriert, übergangen oder lächerlich gemacht wird. Ein paar konkrete Beispiele:

Im Schuhladen. Winterschuhe stehen auf dem Einkaufszettel. Wir sind in einem kleinen Laden für Kinderschuhe. Minime hat wenig Interesse, die Schuhe anzuprobieren, ihm gefallen scheinbar die tristen (Jungs!)Farben nicht. Neben ihm sitzt ein ca. 8 Jahre altes Mädchen und probiert Turnschläppchen an, wie wir (Mädchen) sie früher im Turnunterricht trugen. Mit Glitzer! Minime war fasziniert. „Ich will auch Glitzerschuhe!“ Ich merke sofort: Ich komm aus diesem Laden nicht raus und kriege ihn auch nicht dazu, was anderes anzuprobieren, bevor er solche Schuhe hat. Ich wende mich also an die Verkäuferin. Ihr Gesichtsausdruck überrascht mich: Sie wirkt peinlich berührt und versucht Minime zu überreden: „Aber probier doch hier mal die Schuhe, die sind besonders cool!“ Wie vermutet interessiert sich Minime grade nur noch für diese Glitzerschuhe. Ich sage „Ist schon ok, haben sie welche in seiner Größe?“ Jetzt kann ich den Gesichtsausdruck der Verkäuferin nicht mehr deuten. Glaubt sie, ich mein das nicht ernst? Ist sie verwirrt, schockiert? Sie versucht noch ein schwaches, an Minime gerichtetes „Komm, ich zeig Dir noch kurz…“ aber Minime steht schon wie versteinert vor dem Mädchen, dass die Glitzerschuhe anhat. Mit wunderschönen Glitzerschuhen verlassen wir doch noch den Laden.

Beim Kinderschminken. Minime möchte ein Schmetterling werden. Das sagt er, laut und deutlich. Der junge Mann, bei dem er sich zum Schminken anstellt, schaut – ja wie. Verdutzt? „Hier guck mal, möchtest Du ein Pirat sein?“ (Er deutet auf seine Vorlage). „Nein, ein Schmetterling!“ „Oder hier, hier habe ich einen Bären!“ Jetzt ist Minime überfordert. Er schaut wirklich so, als wenn er sich fragte, warum sein Gegenüber ihn nicht versteht. Ich werfe also ein: „Er möchte ein Schmetterling sein“ – Vielleicht braucht der junge Mann diese Legitimation meinerseits, aber endlich fängt er an, aus Minime einen Schmetterling zu machen.

Weihnachtszeit ist Geschenkezeit. Nikolaus waren wir bei Freunden zu einer Nikolausfeier. Die Eltern brachten kleine Geschenke mit, die in einen großen Beutel gesteckt wurden, die der „Nikolaus“ später verteilen sollte. Für Minime hatte ich ein Buch. Die Mädchen in der Runde bekamen fast ausnahmslos Feen und Pferde aus der Playmobil-Serie. Minime war hin-und-weg. Sein Buch fand er zwar auch toll, aber erst mal wollte er mit Feen und Pferden spielen. Es war gar nicht leicht, jemanden zu finden, der bereit ist, ihm Weihnachten eine kleine Fee mit Pferd zu schenken (wir hatten unsere Geschenke schon zusammen, sonst hätte ich es einfach selber gemacht).

Im Kindergarten. Ich hole Minime ab. Die Erzieherin und die Kita-Leiterin stehen neben uns und unterhalten sich über die kaputte Telefonanlage und wie sie weiter verfahren werden. Die Erzieherin sagt, sie würde noch einmal probieren, den Stecker rauszuziehen und wieder rein zu tun, ansonsten würde sie den Techniker anrufen. Die Kita-Leiterin dreht sich lachend um und ruft: „Ja ja, Frauen und Technik!“ Minime starrt ihr hinterher.

Die Liste ließe sich endlos weiter führen. Minime hat inzwischen ein Gespür dafür entwickelt, was „Mädchen“ und „Jungen“ dürfen. Er scheint zu verstehen, dass bestimmte Sachen und Verhaltensweisen für Mädchen ODER Jungen sind. Dann sagt er zum Beispiel: „Mama, ich bin jetzt ein Mädchen“, wenn er Haarspangen möchte. Und ich weiß nicht, ob ich ihm sagen soll, dass er einfach ein Junge ist, der Haarspangen trägt, oder ihm die Option „ich bin ein Mädchen“ einfach lasse. Am liebsten wäre mir, dass das überhaupt kein Thema sein müsste.

 


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Muttiblog oder: wie weiter?

24. September 2014 von Melanie
Dieser Text ist Teil 43 von 45 der Serie Muttiblog

Es wurde ein wenig ruhig hier, beim Muttiblog. Zum einen lag das daran, dass ich mit Kind Nummer 2 schwanger war und nun in Elternzeit bin. Aber auch, weil der Muttiblog inzwischen längst nicht mehr die einzige Plattform ist, auf der Mutterschaft aus feministischer Perspektive abgehandelt wird. fuckermothers dürfte Euch ja inzwischen ein Begriff sein, das Onlinemagazin/Blogkollektiv „umstandslos“ inzwischen auch. Vor allem aber bin ich mir diese Serie (also den Muttiblog) mal durchgegangen um zu überlegen: Welche Themen wurden hier noch nicht abgearbeitet? Meistens ging es um Vereinbarkeit, die Umstellung von der Kinderlosigkeit hin zur Auseinandersetzung mit dem Muttersein und welche Einschränkungen das bedeutet oder der Arbeitsteilung mit dem Vater des Kindes.

Das sind und bleiben aktuelle und umkämpfte Felder, wenn wir Mutterschaft aus einer feministischen Perspektive betrachten. So bleibt der Fokus aber auch auf dem „Wie bekomme ich als Mutter noch das größtmögliche Stück vom Kuchen“ – ohne das „System“ selber zu hinterfragen:

Die Kleinfamilie zum Beispiel, auch Kernfamilie genannt. Minime, also mein 3jähriger Sohn kam neulich aus dem Kindergarten und sagte, er habe Mutter-Vater-Kind gespielt. DER Klassiker. Früh übt sich, und so. Dem etwas entgegenzusetzen, wenn man dieses Familienbild selber (vor)lebt ist schwer. Dennoch bin ich sicher: Die Kleinfamilie taugt nichts. Die Frage ist aber: was ist die Alternative? Zurück zur Großfamilie mit mehreren Generationen „Blutsverwandter“? Weder immer praktikabel, noch wünschenswert, ist doch für manche nahezu überhaupt die Rettung, sich selber aus der Herkunftsfamilie lösen zu können. Gleichgesinnte suchen? Wie kann man darauf ein tragendes Netz bauen? Und blendet das nicht wieder die Verantwortlichkeiten von Wirtschaft und Politik aus? Im/Nach dem 2. Weltkrieg gab es „Notgemeinschaften“ von Frauen, die gemeinsam die verschiedenen zu bewältigenden Aufgaben um Produktion und Reproduktion teilten, die waren aber, als die Männer aus dem Krieg wieder kamen, vorbei. In der zweiten Frauenbewegung entstanden Frauenwohnprojekte, auch hier kamen mehrere Frauen mit und ohne Kinder zusammen, um die Lasten von Lohn- und Reproduktionsarbeit zu teilen. Da fällt mir das nächste „Problem“ ein: Wo den passenden Wohnraum finden, wenn man schon mal andere Gleichgesinnte gefunden hat? Es war schon schwer genug, mit anderen WG-geeignete Wohnungen zu finden, mit gleichgroßen Zimmern und davon mehr als zwei.

Was ist mit der Lohnarbeit? Mein Unwohlsein mit den Vereinbarkeitsdebatten kommt vermutlich auch daher, dass Lohnarbeit immer noch Dreh- und Angelpunkt sozialer Absicherung ist und Abhängigkeiten schafft. Dass zweimal 40Stunden-Woche für Eltern irgendwo ein darauf-hinzuarbeitendes Ziel für manche ist. Burnout vorprogrammiert. Aber wer an der Lohnarbeit sägt, dem wird gleich „Kommunismus“ hinterhergerufen und schon ist die Debatte unsachlich. Oder sie kippt ans andere Ende und dann wird von der „Aufwertung“ von Reproduktionsarbeit gesprochen und doch nur versucht, ihren Wert in Zahlen umzurechnen.

Warum hat es keine durchschlagkräftige Mütterbewegung*? Oder hat es eine und sie wird nur nicht (politisch, medial) über die eigenen Netzwerke hinaus wahrgenommen? Wie können Mütter politisch werden, ohne sich auch noch in diesem Feld aufzureiben?

Das sind nur drei von vielenvielen Fragen, die mir grade im Kopf spuken. Welche Fragen habt ihr noch, liebe Muttiblogleser_innen? Wurde Eurer Meinung schon alles gesagt in dieser Serie? Wollt ihr über bestimmte Themen (noch) mehr hören oder habt ganz andere? Seid ihr der Meinung, die aktuellen Debatten gehen am Thema vorbei, sind obsolet oder zu kurz gedacht?

Traut Euch: Wünscht Euch was, ich schaue, ob ich Eure Fragen beantworten, Eure Themen aufnehmen kann. Das Baby schläft grad so friedlich an meinem Bauch gelehnt, ich hab ein wenig Zeit…


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Kleine Mengen von Alkohol in der Schwangerschaft führen zu besserer emotionaler Entwicklung des Kindes? Über Verbote

20. Januar 2014 von Lisa
Dieser Text ist Teil 42 von 45 der Serie Muttiblog
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Provokation (Foto: Fuckermothers)

Mütter und ganz besonders Schwangere müssen strengen Regeln folgen. Diese Regeln werden gern mit den Erkenntnissen wissenschaftlicher Untersuchungen ‚belegt‘, über die sich Mütter natürlich ebenfalls informieren müssen. Sie sollen lesen und Rat suchen, sie sollen Studien studieren, sie sollen wissen, welche Babynahrung und -kleidung am gesündesten ist, dass Stillen das Beste ist, welcher Kindersitz der sicherste und welcher Erziehungsstil am entwicklungsförderndsten. Dieser Glaube an die Wissenschaft und die Forderung nach der belesenen Mutter scheint aber eine Grenze zu haben: Wissen, das das Befolgen strenger Regeln in Frage stellt. Sobald es Anzeichen gibt, dass die Mutter sich etwas entspannen könnte, dass sie sich nicht komplett für das Wohl ihres Kindes zurücknehmen muss, gilt dieses Wissen als falsch und gefährlich. Denn: Verbote sind eben Verbote.

Besonders schön illustriert dies das totale Alkoholverbot in der Schwangerschaft. Denn das vollständige Verbot lässt sich nicht wirklich mit Studien begründen. Schon vor zwei Jahren gab es hier einen kritischen Beitrag zur Kampagne ‚Kein Glas in Ehren‘, in dem auf die schon lange vorliegenden Ergebnisse verwiesen wurde, dass moderater (!) Alkoholkonsum in der Schwangerschaft keine nachweisbaren Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes hat. Nun gab es erneut eine Studie zum Thema, die ein lustiges Ergebnis hatte. Die Psychologin Janni Niclasens fand heraus „dass Kinder von Frauen, die in der Schwangerschaft kleine Mengen von Alkohol konsumierten, im Alter von sieben Jahren emotional besser entwickelt waren und ein besseres Sozialverhalten zeigten als Kinder von Frauen, die als Schwangere gar nicht getrunken hatten.“

Dieses Ergebnis passt nicht zur strengen Reglementierung der Schwangerschaft. Niclasens musste ihr Ergebnis deswegen relativieren und trotzdem öffentlich dafür plädieren, dass Schwangere keinen Tropfen Alkohol trinken dürfen. Mit entsprechend seltsamen Windungen stellte auch die FAZ die Studie in ihrem Wissensteil vor (Christina Hucklenbroich: Rausch und Risiko). Denn weder der Wissenschaft noch der mündigen Mutter kann dort vertraut werden. Gemäß dem Artikel sind beide gefährlich und höchst fehleranfällig. Studien liefern nicht schlicht Daten, die dem gängigen totalen Verbot von Alkohol widersprechen, sondern sie liefern „so missverständliche Daten, dass die Autoren selbst anfangen, werdende Mütter eindringlich zu warnen“. Puh. Fragt sich natürlich, womit die Mütter gewarnt werden sollen.

Mit Informationen natürlich, aber welchen? Studienergebnisse scheinen die Warnungen ja nicht unbedingt zu bestätigen. Und komischer Weise sind es gerade „die am besten informierten und sozial integrierten Mütter“ beziehungsweise die „am besten ausgebildeten Teilnehmerinnen der Studie“, die zugeben, Alkohol in der Schwangerschaft zu trinken. Warum? Weil sie ihre Schlüsse aus den vorliegenden Informationen ziehen? Oder weil sie sich in einer priveligierteren Position befinden als weniger gut ausgebildete und marginalisierte Mütter, deren Erziehungskompetenzen schon beim kleinsten Fehltritt angezweifelt werden? Schließlich ist es für Frauen, deren Mutterschaft sozial erwünscht ist, sehr viel leichter gegen Normen zu verstoßen oder solche Verstöße zuzugeben. Aber nein, das sind nicht die Gründe, die der Artikel nennt. Die best informierten Mütter trinken gelegentlich Alkohol, denn sie sind nicht „unabhängig genug, um ihren Lebensstil in der Schwangerschaft zu ändern.“ Aha.

Was also als Maßnahme ergreifen, um Unabhängigkeit zu fördern, aber zugleich das Verbot dennoch nicht in Frage zu stellen? Vielleicht ja: Aufklärung (denn die hat ja nichts mit Informationen oder Wissenschaft oder Unabhängigkeit zu tun). Da auch die nicht zu wirken scheint, schließt der Artikel mit einer Argumentation, deren Bedeutung sich mir bislang nicht voll erschloss: „Aufklärung allein scheint nicht zu reichen. Es könnte eine neue Aufgabe für das Gesundheitssystem sein, Mütter darin zu bestärken, ihre eigenen Interessen wahrzunehmen – wenigstens neun Monate lang.“ Aber … vielleicht nehmen Schwangere ihre Interessen ja auch teilweise einfach schon wahr indem sie, selten und in Maßen, mitunter Alkohol trinken? Könnte das nicht gar ein Zeichen von Unabhängigkeit sein?

Wir sind nie modern gewesen, heißt es bei Latour. Und dass die Moderne zwar Fortschritt durch ‚reine‘ Wissenschaft predigt, zugleich aber ständig ‚unreine‘ Mischungen aus Wissenschaft und Politik, Natur und Gesellschaft, Wahrheit und sozialen Regeln hervorbringt. Die (nicht-geführte) Debatte um das totale Alkoholverbot in der Schwangerschaft hat mich wieder daran erinnert.


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Aus dem Wortschatz streichen: „Fremdbetreuung“

2. Oktober 2013 von Melanie
Dieser Text ist Teil 41 von 45 der Serie Muttiblog

wie sich unsere regierung zusammensetzt, steht noch nicht fest. was das für die frauen- und familienpolitik (ich denke, auch das wird weiterhin in einen topf geworfen) heißt – ich hab noch keine ideen. ich hoffe jedenfalls für die auf mütter gerichtete politik, dass es dazu führt, das auch ein paar diskurse sich ändern. ganz oben auf meiner liste: der begriff „fremdbetreuung“.

„ich möchte mein kind nicht so früh fremd betreuen lassen/abgeben…“ höre ich oft. wenn ich dann nachbohre, was „fremdbetreuung“ heißt, stehen dahinter konkrete formen von betreuung, die nicht erwünscht sind: betreuung, für die bezahlt wird. anders kann ich es mir oft nicht erklären, warum es ok ist, dass oma an vier vormittagen das kind bespaßt, aber die tagespflege oder die kita abgelehnt werden. und zwar auch von menschen, die sich solche betreuung grundsätzlich finanziell leisten können.

für meinen sohn war die tagesmutter nicht fremd, sind die erzieherinnen nicht fremd. er sieht sie häufiger als seine großeltern oder seine tante. sie gehören zu seinem alltag. und nur, weil sie dafür bezahlt werden, ihn durch den tag zu begleiten, sind sie nicht gefühltskalt ihm (und den anderen kindern) gegenüber. er hat sie gern, soweit ich das beurteilen kann. sie lächeln ihm zu, wenn er morgens kommt und sie trösten ihn, wenn er sich weh tut. für ihn sind sie ganz sicher nicht fremd.

dass es was anrüchiges hat, weil es nicht die „aufopfernde, selbstlose“ (=unbezahlte) form von betreuung ist, ist doch vielmehr ein teil des muttermythos, der sich eben auch auf andere betreuende personen ausweitet.

wir können gerne über die qualität von kinderbetreuung diskutieren. darüber, was es heißt, dass alle mehr und längere kinderbetreuungszeiten fordern, aber nur unter vorgehaltener hand andere formen der (elterlichen) arbeitsteilung gefordert werden. was das für das betreuungspersonal und deren eigene vereinbarkeitsproblematik heißt. was wir dafür tun können, dass erzieher_innen gerechter entlohnt werden. oder wann endlich darüber gestritten wird, wie viel wir überhaupt arbeiten müssten, was wohlstand für uns heißt, wenn die klassische arbeitsteilung bestehen bleibt, weil mit dem ersten kind das neue auto und ein kleines häuschen gekauft wird. oder im gegenteil – wenn die eltern mit ihren jobs grad mal am existenzminimum kratzen, ein elternteil alleine verantwortlich ist für betreuung und einkommen. aber zuerst: den begriff „fremdbetreuung“ bitte streichen!


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Mädchenväter

12. Juli 2013 von Melanie
Dieser Text ist Teil 40 von 45 der Serie Muttiblog

es gibt immer mal wieder situationen in diesem kleinfamilienkosmos, die mich – gelinde gesagt – überfordern. neulich wieder: ich war bei einem befreundeten heteropärchen zu besuch. bei kaffee und kuchen erzählte sie mir, im 5. monat schwanger, dass es vermutlich ein mädchen würde.

einige sätze später sagte der vater in spe so was wie: „und wenn die kleine mir mal mit nem jungen nach hause kommt, DER kann was erleben!“ irgendwas mit baselballschläger, der für diese fälle angeschafft würde und kreuzverhören folgte. und: er war nicht der erste mädchenvater, den ich so reden hörte.

was soll das? ich höre aus solchen sätzen folgendes:

– der vater glaubt, dass mädchen wird definitiv (sexuelles) interesse an jungs haben

– der vater glaubt auch, dass der junge irgendeine gefahr darstellt. für das mädchen? für ihn?

–  der vater glaubt auch, dass das mädchen nicht mit jungs umgehen kann, bzw. dass das mädchen sich zu sachen überreden ließe, die es nicht tun sollte

ich frage mich:

– glaubt der vater, dass jungs böswillig und rücksichtslos handeln und mädchen zu dingen überreden, die sie nicht tun wollen? wenn ja: warum?

– glaubt der vater, dass ’sein mädchen‘ rein und unschuldig bleiben müsste und keine eigenen körperlichen bedürfnisse habe, die es artikulieren darf?

bitte, erklärt es mir, liebe mädchenväter! und

ich wünschte mir:

– dass menschen mit erziehungsauftrag, seien es väter oder sonst wer, mädchen in ihrem selbstbewusstsein stärken.

– dass sie ihnen erklären, dass sie nichts tun müssen, um irgendwem zu gefallen oder geliebt zu werden.

– dass sie ihnen vermitteln, dass ihre sexuellen bedürfnisse ok sind (sofern sie welche haben), egal ob sie sich auf andere mädchen oder jungen richten.

– dass jungenväter ihren söhnen klar machen, dass sie nichts gegen den willen ihrer flirt-/knutsch-/sexpart_ner_innen tun sollen!


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Reproduktion und (partei-)politisches Engagement

22. Mai 2013 von Melanie
Dieser Text ist Teil 39 von 45 der Serie Muttiblog

neulich war ich beim „kennenlernabend“ einer partei. beginn: 19.30 uhr. ich kam so grade eben pünktlich, ca. 7 leute saßen schon da. ich dachte: nett, überschaubar. was ich nicht ahnte: dass alle paar minuten noch jemand eintraf. vielleicht bin ich ein bisschen spießig, aber mit der vorstellungsrunde selber begannen wir dann erst um acht.

gut, im normalfall ist das einfach nur ärgerlich. aber: ich war nachmittags bereits beim elterninfonachmittag der kita, in die minime ab sommer geht. minime selbst (der ist jetzt etwas über zwei jahre alt) ließ ich bei der babysitterin. abgelöst wurde die babysitterin nach zwei stunden von meiner schwester, damit ich anschließend auf besagten kennenlernabend gehen konnte.

zurück zum kennenlernabend: um acht begann die vorstellungsrunde, dann stellte eine die strukturen der partei auf kommunalpolitischer ebene vor. „und mittwochs trifft sich arbeitskreis xy, an jedem ersten dienstag dann die initiative zur weltrettung (setze hier beliebige initiative ein), der wahlkampf beginnt dann und dann und wir brauchen noch leute die dies und jenes machen. …“ wow, dachte ich, um also irgendwie aktiv mitzumachen müsste ich sehr sehr viele abende hier verbringen. dabei bin ich ja schon in ‚privilegierter‘ lage: der vater von minime ist generell genau so ein guter minime-aufpasser und ins-bett-bringer wie ich, hat aber auch schon mal jobs außerhalb der 9-17uhr. meine schwester ist regelmäßig da, um das kind abends oder am wochenende ein paar stündchen zu bespaßen (nicht nur mir zuliebe, sondern auch, weil sie ihn gerne sieht). eine babysitterin ginge zur not auch. aber alles eben nur ab und zu. zum beispiel, wenn ich mich mit anderen feministinnen der regionalliga treffe. oder mal mit einer freundin zum kaffee-kölsch-klönen, denn ja: zeit für mich selbst versuche ich auch irgendwo her zu nehmen.

um 22.20 uhr verließ ich die veranstaltung, bei der sich inzwischen scheinbar sehr grundlegende, wichtige politische debatten auftaten. was mir noch auffiel nach der vorstellungsrunde: die teilnehmenden waren in der regel sehr jung (abiturient_innen, studierende) oder schon weit über 50. fragen, anyone?

ich wollte mich parteipolitisch engagieren, weil mir bestimmte themen wichtig sind. aber wenn ich so sehe, wie parteipolitik – zumindest auf kommunaler ebene – aussieht, dann weiß ich auch, warum frauen- und familienpolitik grade so aussieht, wie sie ist: weil die, die es betrifft, mit anderen dingen beschäftigt sind. liebe angela mcrobbie, deine aufforderung, dass feministinnen sich in der POLITIK einmischen sollen, in allen ehren: wer passt dann auf mein kind auf?

(dass problem, keine zeit/kraft/energie für politisches engagement in parteien zu haben, tritt ja nicht nur im falle von kinderbetreuung auf. so wundert es zum beispiel auch nicht, dass die interessen von beschäftigten im prekären bereich wenig eingang in die arbeitsmarktpolitik finden. erst kommt das fressen, dann die moral (redewendung, nach b. brecht))


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Wie mein Kind ein Junge wurde

6. März 2013 von Melanie
Dieser Text ist Teil 38 von 45 der Serie Muttiblog

Ich hab mir lange und viele Gedanken darüber gemacht, wie ich das mit der ‘geschlechtsneutralen’ Erziehung meines Kindes halten will. Was das für mich überhaupt – bei einem Säugling, bzw. Kleinkind (er ist jetzt knapp 2 Jahre) – bedeutet.

Ich bin an einen Punkt gekommen, wo ich nicht mehr an die Möglichkeit ‚geschlechtsneutraler’ Erziehung glaube. Einfach, weil es in meinem Umfeld scheinbar nicht möglich ist. Auch wenn einige schwedische Kindergärten Konzepte für geschlechtsneutrale Erziehung haben – ich finde den Begriff schon problematisch. ‚Neutral’ ist nämlich in einer Welt, in der alle ziemlich kategorisch in zwei Geschlechter eingeteilt werden keine Option. Kinder werden immer als Mädchen oder Junge „angerufen“. Abgesehen davon sehe ich meinen Einfluss auf die Erziehung meines Kindes zwar keineswegs als unwichtig, aber doch bescheiden an, wenn man überlegt, mit wem Kinder täglich zu tun haben: Erzieher_innen, andere Kinder und deren Eltern/Bezugspersonen, weitere Verwandte und Bekannte…

Unabhängig von Klamotten, die immer wieder ein brennendes Thema sind (siehe fuckermothers, stilhaeschen, oder zum cross-dressing laufmoos) und Spielzeug (siehe dasnuf) drängen sich mir ein paar Beobachtungen auf, die ich an konkreten Beispielen schildern möchte: (mehr …)


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Qualifikation: kinderlos, wünschenswert: totale Verfügbarkeit

10. September 2012 von Melanie
Dieser Text ist Teil 37 von 45 der Serie Muttiblog

Dieser Text erschien kürzlich bereits auf Melanies Blog glücklich scheitern.

so, der erste monat arbeitslosigkeit ist rum. ich hab es mir nicht einfach vorgestellt, als mutter auf dem arbeitsmarkt, aber ein paar knüller, mit denen ich nicht gerechnet habe, gab’s trotzdem. nachdem ich mich von der vorstellung, was nettes an der uni zu finden (also nett im sinne von: nicht perfekt, nicht in der nähe, schon gar nicht unbefristet oder vollzeit, aber immerhin) innerlich schon getrennt habe, schaue ich inzwischen auch wieder in den bereich, den ich in meinem ersten leben verfolgt habe: sozialpädagogik. da, sollte man meinen, gibt es sie bestimmt: die teilzeitstellen im pendelbereich.

erste stellenanzeige, bei der ich dachte: super, klingt toll. aus der lokalzeitung, darum wenig informationen, nur dass es eine – theoretisch – feministische einrichtung ist, 25 std. pro woche arbeitszeit, aufgabe – betreuung von kindern und jugendlichen. ich ruf also an, um – so das vorhaben – mich über inhalte, vertragsdauer, tarif und so zu informieren.

ich: guten tag, ich rufe an wegen der ausgeschriebenen stelle. da steht 25 std., wie verteilen die sich denn so?

antwort: auf montags bis freitags von 9 bis 17 uhr.

ich: (rechne) – das sind aber 40 stunden?

antwort: ja, das sei nicht immer so vorhersehbar. manchmal müsste man auch bis in die abendstunden bleiben.

ich: und dann an allen fünf tagen? ich frage weil ich einen kleinen sohn habe. kinderbetreuung sei nicht das problem (hust), ich würd nur gern wissen, an wievielen tagen und wie lange ich welche bräuchte.

antwort: ja, hm, also meine kollegin hat grade gekündigt, weil sie einen zwei jahre alten sohn hat. also das glaub ich nicht, dass das geht. die einrichtung ist ja auch ein bisschen außerhalb…

ich: ???

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Das Katzentatzen-Lied – Nur ein Kinderlied?

16. April 2012 von Adele
Dieser Text ist Teil 36 von 45 der Serie Muttiblog

Im Kindergarten lernt das Kind so allerlei. Unter anderem auch das Katzen­tatzenlied.

Dieses Lied spiegelt sehr plakativ das Kindheits- und Jugendtrauma vieler post-gender Piraten wieder: Man fragt nett und freundlich, aber leider genügt schon ein einziger Makel (dick, hyperaktiv, laut, aber auch schlicht anders, nicht der eigenen Art entsprechend), der es scheinbar rechtfertigt, dass man zurückgewiesen wird. Und dann kommt dieser oberflächlich perfekte Typ vorbei, geht hin, nimmt sich einfach, was er will, ganz ohne zu fragen und schon macht die Frau bereitwillig mit – egal, ob er die totale Dumpfbacke ist oder nicht.

Wenn ich auf diese problematische Implikation des Liedtextes hinweise, bekomme ich, wie so häufig bei ähnlichen Themen (Werbung für Kinder, Rollenklischees in Kinderbüchern, Religionsunterricht in der Grundschule, etc.) zu hören: „Ist doch nur ein Kinderlied!“ Genau, es ist ein Kinderlied! Und Kinder lernen ihre Welt nun mal auch über solche Spiele kennen. Da schaue ich mit dem Kind ein Bilderbuch und es zeigt auf einen normalgewichtigen Hamster und sagt: „Hamster, pummelig.“ Das 2-jährige Kind hat also schon kapiert, dass ein Hamster pummelig ist, also wird es früher oder später auch kapieren, dass pummelig zu sein dazu führt, dass man nicht mitspielen darf und schlussendlich – am Beispiel des übergriffigen Katers – , dass es nicht auf das Einverständnis des Mädchens/der Frau ankommt, wenn man sie küssen möchte. (mehr …)


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Mütter sollten ihre Möpse bedecken – jedenfalls wenn sie rechnen können

2. Januar 2012 von Hannah
Dieser Text ist Teil 35 von 45 der Serie Muttiblog

Am Prenzlauer Berg verstopfen Rinder die Gehwege, verstellen mit ihren Kinderwagen die Cafés und holen ihre unbedeckten Euter heraus, um ihre Kinder zu stillen. So steht es in einem Vorabdruck in der Taz von „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“ – ein soeben erschienenes Buch der Journalistin Anja Maier. Im Untertitel behauptet die Autorin über Edel-Eltern und ihre Bestimmerkinder zu schreiben. Tatsächlich sind ihr Feindbild aber die P-Berger Mütter. Obwohl ihre Fakten nicht stimmen, ihre Beschreibungen von altbekannten Klischees strotzen, erfährt sie erstaunlich viel Zuspruch. Warum dieser Mütter-Hass?

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Anja Maier spricht nicht selbst in dem Kapitel, das die Taz druckte, sondern lässt eine Kaffeehausbetreiberin über die schwäbischen „Rinder“ herziehen, die alles bio und antiallergisch wollten, ihre Kleinkinder zum Chinesisch-Unterricht schickten und ihre Ehemänner für all das zahlen ließen, weil sie selbst mindestens drei Jahre Babypause machten.

Die Tirade der Wirtin hat einen heftige Diskussion in der Kommentarspalte der Taz hervorgerufen und Betrachtungen des Problems in zahlreichen Zeitungen. Interessant daran ist, dass die meisten den Ost-West-Konflikt sehen: Alt-Ostberliner gegen zugereiste Schwaben. Nur wenigen fällt auf, dass die Beschreibung von Müttern als Rinder, die ihre Euter herausholen, wohl so ziemlich die übelste sexistische Beschimpfung von Frauen ist, die einem in den letzten Jahren jenseits von Mario Barth untergekommen ist. (mehr …)


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